Archiv | Dezember 2009

Hinrundenzeugnisse 09/10

Der nächste Jahreswechsel steht bevor und hinter Borussia Dortmund liegt wieder eine zweigeteilte Halbserie. Ein schwacher Start bei einem allerdings schweren Auftaktprogramm führte die Schwarz-Gelben in die Niederungen der Tabelle, eine Siegesserie trotz schweren Gegnern führte uns vor Weihnachten auf Platz 5. Dementsprechend fällt es nicht ganz einfach, die beteiligten Spieler adäquat zu bewerten. Bei meiner traditionellen Notenvergabe (maximale Punktzahl: 10) habe ich selbstverständlich versucht, die gesamte Hinrunde zu bedenken. Berücksichtigt wurden nur Spieler, die ausreichend Einsatzzeiten hatten.

Roman Weidenfeller: Eine unspektakuläre Hinrunde für unsere Nummer 1. Roman war weder schuld am schwachen Auftakt noch am starken Ausklang. Er zeigte in den ersten Spielen einige kleine Unsicherheiten, aber keine groben Fehler. Mit Paraden konnte er nur ein paar Mal glänzen – was vor allem an seinen zuletzt stabilen Vorderleuten lag. Es bleibt ein ordentlicher Gesamteindruck, die Defensive funktioniert und das hängt bekanntlich immer auch mit dem Torhüter zusammen. 7 P.

Neven Subotic: Er hat zur alten Stärke zurückgefunden, daran ändert auch die Gegentorflut aus den Partien gegen den HSV und die Bayern nichts. Natürlich war der Saisonstart auch bei Neven nicht perfekt, aber er wirkte fast immer stabiler als Nebenmann Santana. Später bildete er dann mit Mats Hummels das zurzeit vielleicht formstärkste IV-Duo der Liga. Mit sehr überzeugendem Stellungs- und Kopfballspiel und akkuraten Tacklings. 7 P.

Mats Hummels: Unser Multifunktionsspieler wurde von Jürgen Klopp anfangs im defensiven Mittelfeld, später dann auf seiner bevorzugten Position in der Innenverteidigung eingesetzt, wo er Felipe Santana zu Recht verdrängte. Im Mittelfeld belebte er manchmal sogar die Offensive, in Erinnerung bleiben jedoch auch gelegentliche Stellungs- und Abspielfehler. Besser lief es ganz hinten, wo Mats gegen Ende der Hinrunde erstaunliche Stabilität erreichte. 7 P.

Felipe Santana: Die Aufstellung lügt nicht. Zumindest nicht bei Jürgen Klopp. Santana war in den ersten Spielen der schwächere Innenverteidiger und wurde folgerichtig durch Hummels ersetzt, als dies dem Trainer durch die Konstellation im Mittelfeld möglich erschien. Felipe war nicht wirklich „schlecht“ – es bleiben aber einige Stellungsfehler im Kopf hängen, die zu Gegentoren führten. Durch die einwandfreien Leistungen von Hummels wurde Santana seit dem Hoffenheim-Spiel nur noch eingewechselt. Auch wenn er es nicht gerne hören wird: Als Back-Up ist er prima. 5 P.

Dede: Bis zu seiner Verletzung gab es nichts Neues vom dienstältesten Dortmunder. Das heißt, dass es Dede nach wie vor an der Spritzigkeit seiner früheren Tage mangelt und die Zahl der Torvorlagen (Flanken!) deutlich zurückgegangen ist. Mit Einsatz und ordentlichen Defensivleistungen kann er das bisher noch wettmachen, aber die Konkurrenz in Person von Marcel Schmelzer schläft nicht. Ich sehe allerdings weiterhin die Chance, dass Dede nach einer längeren verletzungsfreien Phase noch mal aufdreht. 6 P.

Marcel Schmelzer: Was Marcel kann, hat man im „Jubiläumsspiel“ gegen Freiburg gesehen: Ein schneller Flügellauf und eine blitzsaubere Flanke waren entscheidend für das 1:0 durch Barrios. Jedoch muss unser Dede-Ersatz noch an der Konstanz arbeiten, sich offensiv mehr zutrauen und defensiv bei Stellungsspiel und Tacklings zulegen. Das funktioniert schon ganz ordentlich, sicher besser als letzte Saison, aber ein Stück fehlt noch zur Stabilität von Dede. Dass er ein Dribbelkönig wird, erwartet ohnehin niemand. Insgesamt aber eine erfreuliche Entwicklung. 6 P.

Patrick Owomoyela: Ich bin mir der Härte des Urteils bewusst, denn „Uwe“ zeigte in den letzten Partien vor der Winterpause einen beeindruckenden Aufwärtstrend. Aber da unser scheinbar einziger Rechtsverteidiger alle Ligapartien bis auf die letzte über die volle Distanz bestritt, müssen auch die vielen schwachen Auftritte am Anfang bedacht werden. Patrick schien wirklich die Konkurrenz zu fehlen, Ballverluste und Stellungsfehler wirkten oft allzu leichtfertig. Weder offensiv noch defensiv konnte er richtig überzeugen. Auf dem Papier stehen jedoch auch je zwei Vorlagen in den Spielen gegen Hertha und Nürnberg. Und als Krönung des Aufschwungs sein Tor beim Meister. Hoffen wir das Beste für die Rückrunde! 5 P. Lies mehr …

Was machen eigentlich die Baggies?

Vor gut sieben Monaten habe ich zuletzt über West Bromwich Albion geschrieben. Die „Baggies“ waren damals gerade sang- und klanglos nach einem Jahr aus der Premier League abgestiegen, jedoch nicht ohne hin und wieder ansehnlichen Fußball zu zeigen. Den – trotz Abstieg – beliebten Trainer Tony Mowbray zog es danach zu Celtic Glasgow, wo er mit seinem Team vor allem international hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist. Neuer Mann bei West Brom wurde der ehemalige italienische Nationalspieler und Chelsea-Star Roberto di Matteo, der seine Spieler-Karriere 2002 nach einer Verletzung hatte beenden müssen. Seine einzige, jedoch erfolgreiche, Trainerstation hatte di Matteo 2008 beim Drittligisten Milton Keynes Dons angetreten.

Neben den offensichtlichen Nachteilen der Championship gegenüber der Premier League gibt es für auswärtige Beobachter und Fans wie mich das Problem der fehlenden Fernsehübertragungen. Zwar werden in dieser Saison sowohl von Sky (UK) als auch der guten alten BBC Spiele aus der Championship live übertragen, jedoch nur ein bis zwei pro Spieltag. Deshalb konnte ich bisher nur das Heimspiel gegen die Queens Park Rangers verfolgen, in denen den Baggies in letzter Minute noch der 2:2-Ausgleich gelang. Somit bin ich meistens auf den BBC-Ticker und die Nachberichterstattung auf diversen Websites angewiesen; es fehlt der Stoff für Beiträge aus erster Hand.

West Brom ist gut in die Saison gestartet und hält trotz einiger schwächerer Spiele in den letzten Wochen hinter Newcastle den zweiten Tabellenplatz, der den direkten Wiederaufstieg bedeuten würde. Ein Problem der letzten Partien scheint zu sein, dass die Baggies vor allem zuhause gegen tiefstehende Mannschaften schwer in Fahrt kommen und Inspiration vermissen lassen. Besserung tritt häufig in der zweiten Spielhälfte ein, manchmal jedoch zu spät für drei Punkte. Allgemein gilt West Brom jedoch als eine der am besten besetzten Mannschaften der zweiten Liga – zumindest was die erste Elf angeht. Zuletzt hatte den Baggies der Ausfall des kreativen linken Mittelfeldspielers Jerome Thomas zu schaffen gemacht – seitdem er wieder dabei ist, läuft es besser. Anfang Januar soll nun der rumänische Innenverteidiger Gabriel Tamas leihweise verpflichtet werden.

Bekanntlich beschert gerade die Zeit nach Weihnachten den englischen Vereinen und Fußballspielern einen vollen Terminkalender, so auch in diesem Jahr. An „Boxing Day“, hierzulande der zweite Weihnachtstag, gelang West Brom ein 2:0-Arbeitssieg über Tabellen-Schlusslicht Peterborough United. Schon heute, zwei Tage später, stand die nächste Partie im Glanford Park bei Scunthorpe an. Das Spiel hätte ich gerne gesehen: Nach zwei Platzverweisen gegen die Gastgeber, einem getroffenen und einem verschossenen Elfmeter des jungen Mittelfeldspielers Graham Dorrans (der auch noch ein Tor aus dem Spiel erzielt) gewinnt West Brom mit 3:1 und kann den Vorsprung vor Nottingham Forest (Platz 3) halten. Auch nicht alltäglich: Der Gegner vom Samstag, Peterborough, holt gegen den Tabellenvierten Cardiff in der zweiten Halbzeit noch einen 0:4-Rückstand auf – in dieser Saison wird es weder in der Premier League noch in der Championship langweilig!

Besinnliche Worte

Abwechslung an den Feiertagen gesucht? Es gibt sicher weniger lohnenswerte Möglichkeiten als das ausführliche Interview von Freddie Röckenhaus mit Jürgen Klopp in der „SZ“ zu lesen. Da gibt es ein paar witzige Details, aber man erfährt auch viel Ernsthaftes über die interne Arbeit des BVB-Trainers und über die Gedanken, die sich Klopp zum Fußballgeschäft macht. Was mich nicht überrascht, sondern viel mehr bestätigt und gefreut hat, sind seine differenzierten Töne zum Verhältnis zu den Fans, insbesondere den Ultras. Klopp grenzt sich ab, wo es nötig ist und geht auf die Fans zu, wo es möglich ist:

Slogans wie ,Wenn ihr absteigt, bringen wir euch um!’ gehen überhaupt nicht. Totschlag-Drohungen sind völlig inakzeptabel. [...] Ich habe Ultras kennengelernt, die zum Beispiel an dieser Fan-Choreographie bei Borussia am letzten Hinrunden-Spieltag gearbeitet haben. Das sind alles nette junge Leute. [...] Wir nehmen Fans immer nur als Masse wahr, als Gruppe, weil sie sich natürlich auch als Gruppe inszenieren. Im Schutz so einer Menge gibt es immer welche, die das Umfeld nutzen, um sich zu verstecken und dann ihren Frust abzubauen.


100 Jahre Schwarz-Gelb

Politisch wird es nicht so lange halten, sportlich sind nun die ersten 100 Jahre der schwarz-gelben Borussia vorbei und die nächsten 100 können beginnen. Kurz vor Weihnachten 2009 könnte die Stimmung rund um den BVB kaum besser sein. Mit einer stimmungsvollen Jubiläumsfeier, die natürlich nicht vollständig ohne Kitsch auskommen konnte, wurde am Samstagabend der 100-jährige Geburtstag des Vereins in der Dortmunder Westfalenhalle gefeiert. Da die Geschichte von Borussia Dortmund in den letzten Wochen vielfach thematisiert und ausreichend durchleuchtet wurde, möchte ich ein paar persönliche Geschichten anfügen: Meine eindrücklichsten Momente mit dem BVB. Da ist nichts Spektakuläres dabei – es sind ganz normale Fangeschichten von einem besonderen Verein.

Eines der größten Highlights wird immer das Champions League-Finale 1997 in München bleiben. Ich sah die Partie wie viele andere vor dem Fernseher und meine Erinnerungen werden immer mit den legendären Worten von Marcel Reif verknüpft bleiben:

Ricken…lupfen jetzt…jaaaaaaa!

Das herrliche 3:1 von Lars Ricken war damals die Entscheidung zugunsten des BVB und ich kann Reif bis heute wegen nichts böse sein. Warum er so oft so hart kritisiert wird, ob aus Bremen oder München, kann ich unabhängig davon ohnehin nicht verstehen. Perfekt ist er nicht, aber… ich schweife ab.

Fünf Jahre später, 2002, holte die Borussia zum bisher letzten Mal die Meisterschale. Ich war damals zum Auslandsstudium in England und hatte mir geschworen, dass ich, wenn wir vor dem letzten Spieltag vorne stünden, nach Dortmund fliegen würde. So kam es dann auch. Wir hatten keine Karten für das Spiel gegen Bremen und wollten auch keine Schwarzmarkt-Preise bezahlen. Es ging uns mehr um die Stimmung in der Stadt und so suchten wir nach einer geeigneten Kneipe, in der wir das Spiel sehen konnten. In der Kneipe stehend verfolgten wir die Anfangsphase, bis eine Bekannte meines Bruders einen Anruf ihres Vaters erhielt, dass das Spiel auch vor dem Stadion auf einer großen Leinwand gezeigt würde. Lies mehr …

1. Bundesliga, 17. Spieltag / BVB 1 SC Freiburg 0

Ein frostiger Sieg zum Jubiläum.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Hummels, Subotic, Owomoyela (74. Dede) – Sahin, Bender – Großkreutz, Zidan (90. Santana), Kuba (78. Valdez) – Barrios. Tor: Barrios.

Die Geschichte dieses Spiels ist schnell erzählt und das liegt nicht nur daran, dass ich wenig Zeit habe. Eingebettet zwischen eine beeindruckende Choreographie vor und eine Laser- und Videoshow nach dem Spiel mussten der BVB und der SCF im -12° kalten Westfalenstadion noch 90 Minuten Fußball spielen. Besonders schön anzusehen war das nicht, nicht mal in der vergleichsweise warmen Kneipe. Schnee und Eis machten den Platz schwer bespielbar und das merkte man dem Spiel der Borussia auch an. Mit dem flüssigen Kombinationsspiel der letzten drei Partien war das gestern nicht zu vergleichen.

Es gab für beide Teams wenig Chancen. Die Freiburger zeigten sich durchaus engagiert, aber blieben weitgehend harmlos. Der BVB nutzte eine seiner wenigen Möglichkeiten und das machte den Unterschied. Marcel Schmelzer nutzte seine vielleicht vorerst letzte Chance in der Startelf und zeigte vor allem in der ersten Hälfte eine starke Partie. Etwa in der 19. Minute, als er auf dem linken Flügel seinem Gegenspieler davonlief und eine präzise Flanke in den Strafraum schlug, wo Barrios das 1:0 köpfte. Auf der rechten Seite konnte Patrick Owomoyela erneut überzeugen – bis er verletzt raus musste. Die Notwendigkeit, sich nach Alternativen für seine Position umzusehen, bleibt also bestehen.

Ich denke, alle waren froh, als der frostige Sieg Gewissheit und das Spiel, letztlich ein Muster ohne Wert, vorbei war. Der BVB hätte in der zweiten Hälfte einen Elfmeter kriegen müssen, als Großkreutz vom Freiburger Torwart Pouplin zu Fall gebracht wurde, aber sonst passierte wirklich nichts Aufregendes mehr. Das war jedoch kein Grund, um nicht zu feiern: Die Schwarz-Gelben werden die Winterpause auf jeden Fall auf einem Europa League-Platz verbringen. Und auf 100 Jahre BVB werde ich in den nächsten Tagen endlich mal eingehen können.

1. Bundesliga, 16. Spieltag / VFL Wolfsburg 1 BVB 3

Fast schon Weihnachten.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Hummels, Subotic, Owomoyela – Sahin, Bender – Großkreutz (90.+2 Santana), Zidan (62. Valdez), Kuba – Barrios (86. Stiepermann). Tore: Barrios (2), Owomoyela.

Der BVB hat tatsächlich noch eins draufgesetzt und beim amtierenden deutschen Meister den nächsten Auswärtssieg geholt. Dank einer fantastischen ersten Hälfte, in der die Leistungen der letzten beiden Spiele nochmal übertroffen wurden. Und trotz der erneut angewachsenen Verletztenliste, zu der letzte Woche Markus Feulner hinzukam, der mit einem Teilriss des Syndesmosebands etwa sechs Wochen ausfällt. Die erfolgreiche Startformation der letzten Woche konnte gestern jedoch erneut beginnen.

Bei den Schwarz-Gelben stimmt es zurzeit im Team und das Selbstbewusstsein ist riesig. Anders ist es kaum zu erklären, dass der BVB bereits nach zehn Minuten mit 2:0 vorne lag. Bei der Mannschaft, die am Dienstag lange Zeit ein starkes Spiel gegen Manchester United zeigte. Um am Ende doch enttäuscht und mit leeren Händen dazustehen. Wie groß der psychologische Einfluss auf ein Spiel ist, lässt sich schlecht quantifizieren. Vor der gestrigen Partie dürfte der „Gemütszustand“ der beiden Mannschaften jedoch sehr gegensätzlich gewesen sein.

Auf dem Platz zu sehen waren jedenfalls zwei großartige Spielzüge mit Mohamed Zidan als Vorbereiter und Lucas Barrios als Vollstrecker. Zidan befindet sich gerade in absoluter Topform, ähnlich wie zu seinen besten Mainzer Zeiten. Er füllt die Rolle hinter der Spitze perfekt aus und es gelingen ihm sogar Kunststückchen wie die Hackentrick-Vorlage vor dem zweiten Tor. Die Gastgeber waren in der ersten Hälfte offensiv weitestgehend abgemeldet, bis auf eine Doppelchance kurz vor der Pause, als zunächst Zidan gegen Dzeko klärte und dann Weidenfeller einen Riether-Schuss gut parierte. Schwarz-Gelb hatte die Spielkontrolle und noch eine Reihe von weiteren Chancen durch Barrios und Zidan, die vergeben wurden.

Die Wolfsburger Defensive wirkte leicht verwundbar und Armin Vehs Doppelwechsel nach 20 Minuten sprach Bände: Grafite und Johnson kamen für Kahlenberg und Schäfer. So früh war das ein Eingeständnis personeller und taktischer Fehlkalkulation. Dortmund war dagegen genau richtig besetzt und eingestellt, extrem spritzig und engagiert. Und es macht gerade verdammt viel Spaß, den Jungs zuzusehen. Zum Beispiel Mats Hummels, der beim Zidan-Freistoß in der 36. Minute mit vorne war und dessen Schuss Wolfsburgs Benaglio nur zur Seite abwehren konnte – wo Patrick Owomoyela stand und den Ball reindonnerte. Überhaupt Owomoyela. Was ist denn mit dem los? Spätestens seit letzter Woche ist alles wieder da, was ihn auszeichnet. Das Phlegma und die Unkonzentriertheiten wie weggeblasen. So hilft er uns wirklich weiter – trotzdem spricht nichts dagegen, in der Transferphase einen Back-Up zu verpflichten.

Dass die zweite Hälfte nicht das Tempo und die Qualität der ersten haben würde, war klar. Mit dem Wolfsburger Anschlusstreffer kurz nach der Pause konnte man irgendwie auch rechnen – dafür haben die schon genügend Qualität. Eine Unachtsamkeit – ein Fehlpass von Kuba, eine überraschte Viererkette – reichte, um das 3:1 durch Grafite zu ermöglichen. Klar wuchs danach die Anspannung bei mir, aber zum Glück weniger bei der Mannschaft, die, ohne so zu glänzen wie in Hälfte 1, die Partie souverän zu Ende brachte. Die Verletzung von Zidan (nach einem Tritt von Josue) wirkte sich zwar auf den Spielfluss bei Schwarz-Gelb aus, aber von Wolfsburg kam außer einer vielleicht 15-minütigen Halbdrangphase ebenfalls nicht mehr viel. Der BVB verzeichnete noch zwei erwähnenswerte Torschüsse von Großkreutz und Valdez.

Bezeichnend für Wolfsburger Verhältnisse im ersten Jahr nach der Meisterschaft: Nach der Pause waren plötzlich riesige Lücken auf den Rängen im ausverkauften Stadion zu erkennen. Dachte man zuerst noch, die Sitzplatzinhaber könnten über den Halbzeit-Scampi die Zeit vergessen haben, wurde schließlich deutlich, dass die wohl verdorben gewesen sein müssen und große Teile der Zuschauerschar die zweite Halbzeit auf dem stillen Örtchen verbracht haben. Oder wo waren die sonst? Ein stilles Örtchen wäre jedenfalls auch das Wolfsburger Stadion gewesen, wenn da nicht 3000-4000 Dortmunder etwas dagegen gehabt hätten. Bekanntlich isst man im Ruhrpott lieber Bratwurst! ;-)

Angesichts des in der ersten Halbzeit brillanten, in der zweiten souveränen Spiels muss man der Mannschaft und natürlich dem Trainerstab ein uneingeschränktes Lob aussprechen. Es waren die besten 45 Minuten der Saison und wohl auch das beste Spiel. Nicht nur die bereits genannten Spieler überzeugten, sondern ausnahmslos alle. Nuri Sahin spielte einige hervorragende Pässe. Großkreutz und Schmelzer sind (noch) keine Dribbelkönige, aber sie lösten ihre Aufgabe einwandfrei mit viel Einsatz. Vor dem „Jubiläumsspiel“ gegen Freiburg ist der BVB nun Sechster und könnte, wenn es gut läuft, auf einem Europa League-Platz überwintern. Mal sehen, was der nächste Spieltag noch an Weihnachtsgeschenken bringt.

Entweder ihr seid für uns oder unsere Feinde

Der Journalist Freddie Röckenhaus, der für die „Süddeutsche Zeitung“ über Borussia Dortmund berichtet – gerne auch mal kritisch – hat für die aktuelle Wochenendausgabe einen exzellenten Artikel zum Verhältnis der TSG Hoffenheim zu ihren Kritikern geschrieben und diesen mit interessanten Zahlen angereichert. Die ausgesprochen dünnhäutigen Reaktionen auf Kritik am Modell Hoffenheim oder den handelnden Personen haben bekanntlich schon Tradition, ebenso das fehlende Verständnis für Mechanismen der Fankultur. Der Artikel führt einem die überzogenen Aussagen aus Reihen der TSG noch einmal vor Augen.

Als der Mainzer Manager Heidel das Modell Hoffenheim kritisierte und es bedauerte, dass so ein Verein einen der Plätze im Profifußball besetzt, reagierte Dietmar Hopp mit einem Protest-Rundschreiben, das nicht nur an den FSV-Präsidenten Strutz, sondern auch an diverse Funktionsträger des deutschen Fußballs gerichtet war. Hopps Erfüllungsgehilfen, Manager Schindelmeiser und Trainer Rangnick, liegen voll auf Linie. Schindelmeiser bezeichnete BVB-Geschäftsführer Watzke nach den Beleidigungen Hopps durch Dortmunder Fans als „Brandstifter“. Rangnick forderte sogar allen Ernstes lebenslange Stadionverbote (sic!) für solche Beleidiger und Punktabzüge für die jeweiligen Vereine. Kein Wort verloren die Hoffenheimer Verantwortlichen meines Wissens darüber, dass Roman Weidenfeller in Sinsheim wiederholt mit Feuerzeugen und Münzen beworfen wurde.

Schindelmeiser schwingt im Fernseh-Interview implizit die „Enke-Keule“, in dem er die Aussagen von Watzke in Kontrast zu dem allseits angemahnten besseren Umgang miteinander setzt. Kritik an Hoffenheim wird somit zur Hetze stilisiert, die die empfindlichen Hoffenheimer Gemüter schädigen könnte. Ich will die größten Entgleisungen der BVB-Fans nicht bagatellisieren, aber wer selber mit rabiatem Vorgehen und Äußerungen gegen Kritiker zu Felde zieht, macht sich unglaubwürdig. Kritik muss erlaubt bleiben, scharfe und zugespitzte Kritik gehört seit jeher zur Fankultur, reine Beleidigungen sollte man natürlich bleiben lassen.

Ich fand die Äußerungen von Watzke auch überflüssig – sowohl die zu Hoffenheim als auch jene zur „Verursachergerechtigkeit“ bei den Fernsehgeldern. Röckenhaus liefert in seinem Artikel unter Berufung auf anonyme Quellen bei SKY die Zahlen zu Watzkes Argumentation. An einem normalen Bundesliga-Spieltag schauen demnach 60-80% der SKY-Zuschauer die Konferenz. Vom Rest sehen 40-50% die Bayern, die andere Hälfte verteilt sich größtenteils auf Schalke, den BVB und den HSV. Aufgrund dieser Faktenlage könnte man Watzke folgen, nur vernachlässigt diese Sichtweise die Belange der kleinen Vereine – nicht nur die von Hoffenheim oder Wolfsburg. Röckenhaus zitiert Mainz-Manager Heidel:

Watzkes Vorschlag ist der Einstieg zum Ausstieg aus der solidarischen, zentralen Vermarktung der Bundesliga-Rechte.

Und da hat Herr Heidel Recht. Eine neue Regelung der Verteilung nach dem Prinzip der „Verursachergerechtigkeit“ wäre eine mildere Form der dezentralen Vermarktung der Fernsehrechte. Die großen, beliebten und erfolgreichen Vereine könnten ihre Stellung weiter ausbauen; kleine Vereine, die weder beliebt noch reich sind, blieben auf der Strecke. Ein sportlich fairer Wettbewerb wäre noch weniger gegeben als heute.

Wer für eine solidarische, zentrale Vermarktung der Fernsehrechte ist, muss diesen Watzke-Vorschlag ablehnen. Das heißt hingegen nicht, dass man nicht über seine Ansätze diskutieren sollte, wie eine Aushöhlung der 50+1-Regelung durch Vereine wie Hoffenheim zu verhindern ist.

(Quelle: Sueddeutsche.de)

1. Bundesliga, 15. Spieltag / BVB 4 1.FC Nürnberg 0

Das Jubiläum kann kommen.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Hummels, Subotic, Owomoyela – Sahin, Bender (46. Santana) – Großkreutz, Zidan (80. Feulner), Kuba (70. Valdez) – Barrios. Tore: Großkreutz, Barrios, Zidan, Hummels.

Wirklich erstaunlich. Das soll die gleiche Mannschaft sein, die vor zwei Wochen im Westfalenstadion nur ein uninspiriertes 0:0 gegen Mainz zustande brachte? Das System ist das gleiche, das Personal beinahe. Würde man das peinliche Pokal-Aus ausklammern, könnte man auch von acht Spielen ohne Niederlage reden – aber das wäre doch etwas schöngefärbt. Beim klaren Sieg heute gegen Nürnberg jedenfalls zeigte der BVB eine beeindruckende Leistung und der FCN eine beeindruckend schwache.

Nur wenige Minuten gestalteten die Nürnberger das Spiel offen und kamen sogar zu ersten Halbchance. Dann passte Sven Bender nach einem schnellen Gegenzug schön auf den links freistehenden Großkreutz, der mit einem flachen, nicht allzu harten Schuss das 1:0 erzielte. Das frühe Führungstor, der erste Treffer des „echten“ Dortmunders Großkreutz – man ahnte schon, dass das ein schöner Samstagnachmittag werden könnte. Nur wenige Minuten später kam die Bestätigung durch das 2:0. Owomoyela, der heute zumindest offensiv ausgesprochen positiv auffiel, flankte von rechts. Lucas Barrios schießt den Nürnberger Ersatztorwart Stephan an, von dem der Ball wiederum an Lucas Bein prallt und von dort ins Tor springt. Mehr Instinkt als Können – aber wen kümmerts? Die Schwarz-Gelben hatten endlich mal früh eine deutliche Führung herausgespielt.

Dass der 1. FC Nürnberg heute so desolat auftrat, hatte sicherlich mit diesem frühen Schock zu tun. So ähnlich erging es dem BVB in Hamburg, wobei die Gäste heute noch schlechter spielten. Obwohl unsere Mannschaft sich nach der beruhigenden Führung erst mal ein wenig ausruhte, gelang den Nürnbergern fast nichts Zwingendes nach vorne. Gerade unsere Außenverteidiger sahen in dieser Phase defensiv schwächer aus als gegen Hoffenheim – dafür überzeugten innen erneut Subotic und Hummels, im Gegensatz zur Gäste-Offensive.

Wie man es besser macht, zeigten Barrios und Zidan, die beiden einen sehr guten Tag erwischten. Einen harten Schuss von Barrios in der 36. Minute konnte Stephan nur zur Seite abwehren, Zidan nahm den Ball volley im Fallen und erhöhte auf 3:0. Ja, Barrios hätte heute noch mehr aus seinen Chancen machen können, Zidan war in ein paar Szenen wieder etwas eigensinnig. Aber beide waren sehr gut im Spiel, schossen nicht nur, sondern legten auch Bälle auf.

In der zweiten Hälfte ging das so weiter. Außer der Einwechslung von Santana für Bender (aus noch nicht bekannten Gründen) änderte sich wenig am Dortmunder Spiel. Großes Engagement und teilweise sehr gelungene Kombinationen gegen eine Nürnberger Defensive, die trotz +5 Grad im Westfalenstadion wie eingefroren wirkte, viel zu statisch für die Bundesliga. Wie immer hätten die Schwarz-Gelben nur ihre Chancen besser nutzen müssen, dann wäre der verdiente höhere Sieg auch Realität geworden. Hummels köpfte knapp neben das Tor, Barrios und Zidan vergaben mehrfach. Mats Hummels, der für Bender ins defensive Mittelfeld gerückt war, machte es aber zwischendurch besser. Nach einem Schuss von Owomoyela, den Stephan wieder nur abprallen lassen konnte, köpfte unsere Nummer 15 über den Torwart zum Endstand ein.

Das 4:0 fiel bereits in der 62. Minute und es wäre noch mehr rauszuholen gewesen heute, aber man kann der Mannschaft trotzdem nur gratulieren zu der Leistung. Die einzigen mit durchschnittlichen Auftritten waren Schmelzer, Kuba und Weidenfeller, wobei das beim Torwart einzig und allein daran lag, dass er so wenig zu tun bekam. An seine nicht gerade berauschenden Abschläge haben wir uns ja schon gewöhnt. ;-)

Dank der anderen Ergebnisse ist der BVB nun Siebter mit einem Punkt Rückstand auf Platz 5. Das ist nur ein Zwischenstand, aber einer, den ich so vor Weihnachten nicht mehr erwartet hätte. Jetzt stehen noch die Reise nach Wolfsburg und das „Jubiläumsspiel“ gegen Freiburg an. Holt die Mannschaft aus diesen Spielen vier Punkte, wäre der BVB im neuen Jahr doch dabei im Rennen um die internationalen Plätze und könnte am 19. Dezember richtig schön feiern.

Jeder Verein hat die Fans, die er verdient

Der „Akademiker-Fanclub Hoffenheim“ hat zur Partie TSG v BVB ebenfalls einen Beitrag veröffentlicht, dessen Fazit ich euch nicht vorenthalten will:

Und auch unsere Mannschaft braucht mehr Ruhe und Erfahrung: Borussia gelang es, unserer Mannschaft ihre emotionale Art aufzuzwingen. Dabei bringt man doch schon seinen Kindern bei:

Streite dich nie mit einem Idioten. Er zieht dich runter auf sein Niveau und schlägt dich dort mit seiner Erfahrung.

Ich habe lange nach einem Augenzwinkern gesucht, da die Homepage ansonsten eher halb ernst daher kommt. Dann habe ich entschieden, dass es nicht existent ist oder zumindest zu gut versteckt. Liebe Akademiker: Der schlechteste Witz ist der, den keiner findet. Und zwischen Ironie und Arroganz verläuft oft nur ein verdammt schmaler Grat. Kommentieren kann man den Beitrag übrigens nicht, denn auf der bescheiden gestalteten Seite gibt es (wohlweislich?) keine Kommentarfunktion. Zitiert und treffend kommentiert wurden andere Teile der Abhandlung aber in der aktuellen 11 Freunde-Blogschau.

Man merkt dem Akademiker-Fanclub deutlich an, dass er in der ehemaligen Fußball-Diaspora Heidelberg aus der Retorte entstanden ist. Geben wir den Damen und Herren noch ein paar Jahre, um sich an die Bundesliga-Höhenluft zu gewöhnen!

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