Archiv | März 2010

1. Bundesliga, 28. Spieltag / Hertha BSC 0 BVB 0

Ein nicht trügerisches Bauchgefühl.

Unter 15.000 Dortmundern

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Santana, Subotic, Owomoyela – Sahin, Kehl (61. Bender) – Großkreutz, Zidan (46. Hajnal), Kuba – Barrios.

Ich war die ganze Woche recht optimistisch, aber als ich gestern aufwachte, hatte ich direkt ein ungutes Gefühl, was dieses Spiel angeht. Unbegründet, aber zu Recht, wie sich herausstellen sollte. Vor den Toren des Olympiastadions gab es bereits um viertel vor drei die übliche riesige Menschentraube und es dauerte über eine halbe Stunde, bis wir die Drehkreuze passiert hatten. Irgendwie war der Plan, rechtzeitig da zu sein, erneut fehlgeschlagen. Gerade jetzt mehr Eingänge zu fordern ist wohl der falsche Zeitpunkt.

Die Stimmung im Stadion war gut, die Hertha-Fans in der Ostkurve gaben noch mal alles und machten mehr Alarm als bei allen meinen Besuchen zuvor. Die Partie entsprach zunächst den Kräfteverhältnissen beim Support – in seinem Verlauf sollten sich nur die BVB-Fans wirklich steigern. Es war trotz aller hehren Worte und Mahnungen ein blutleerer Auftritt der Mannschaft, garniert mit viel zu vielen Aussetzern in der Defensive und Fehlpässen. Das Beste an dem Spiel war, dass wir es nicht verloren haben. Lies mehr …

Im Visier von Michael Zorc

Nach einem Bericht des „Kicker“ steht die Verpflichtung eines jungen, alten Bekannten ganz oben auf der Prioritätenliste von Michael Zorc und Jürgen Klopp. Es handelt sich um den 21-jährigen Robert Lewandowski, „das größte Talent des polnischen Fußballs“. Schon im vergangenen Sommer wollte der BVB den jungen Stürmer verpflichten, der Transfer scheiterte aber an den Ablöseforderungen seines Vereins Lech Posen. Lewandowski soll dieser Tage diverse Angebote aus dem Ausland vorliegen haben – auf die Frage nach dem Ziel der Reise antwortet sein Berater:

Ein Verein, der junge Spieler hat, einen guten Trainer und eine Philosophie, die zu Robert passt.

Check! Ein nicht unbedeutendes Detail ist außerdem die Freundschaft mit Jakub „Kuba“ Blaszczykowski. Die beiden verstehen sich privat ebenso gut wie spielerisch in der Nationalmannschaft – ein Wechsel könnte auch Kuba privat und spielerisch Auftrieb geben. Laut „Kicker“ naht in der Angelegenheit bereits die Entscheidung: Bis zum 10. April soll sich angeblich klären, ob der Transfer im zweiten Anlauf zustande kommt. Für den BVB wär das schon eine feine Sache: Was soll mit dem „größten Talent des polnischen Fußballs“ und dem „polnischen Figo“ in einer Mannschaft noch schief gehen? ;-)

Weniger hört man unterdessen von der eher noch dringlicheren Suche nach einem Rechtsverteidiger. Vom schon im Winter in der Gerüchteküche gehandelten Mouhamadou Dabo gibt es laut „Kicker“ und Michael Zorc nichts Neues zu berichten.

Kollektiv-Haftung nicht ausgeschlossen

Die DFB-Sportgerichtsbarkeit hat heute das Prinzip der kollektiven Haftung in der 1. Bundesliga eingeführt und geht damit einen Schritt hin zu italienischen Verhältnissen. Zum ersten Mal in der höchsten deutschen Fußball-Spielklasse werden alle Fans eines bestimmten Vereins von einem Spiel ausgesperrt. Betroffen sind die Anhänger des 1. FC Köln, denen für das Auswärtsspiel bei Hoffenheim am 10. April keine Karten verkauft werden dürfen. Das Sportgericht sanktioniert damit das Entzünden von Pyrotechnik bei fünf Kölner Auswärtsspielen in dieser Saison.

Der FC hat den drastischen Sanktionen, die auch eine Geldstrafe und Entschädigungszahlungen an die TSG Hoffenheim beinhalten, bereits zugestimmt. Laut Manager Michael Meier wollte man damit einem Ausschluss von Fans bei Heimspielen entgehen. Der Gedankengang dahinter, dem die Richter ebenfalls gefolgt sein dürften: Mit der Kollektivstrafe soll der Druck auf ‘normale’ friedliche Fans erhöht werden, sich von den Pyromanen zu distanzieren und diese mit Worten oder Taten (sprich: Meldung an Ordner) von Zündeleien abzuhalten.

Ob diese Vorgehensweise notwendig, zielführend und gerechtfertigt ist, darf jedoch bezweifelt werden. Von italienischen Verhältnissen, was vorsätzliche körperliche Gewalt gegen Personen angeht, ist die Bundesliga ein großes Stück entfernt. Es gab und gibt immer wieder hässliche Szenen, gerne bei den verschiedenen Derbys oder anderweitigen Problemspielen wie Rostock v St. Pauli, aber Eskalationen wie in Rom konnte die Polizei bislang vermeiden.

Das vorherrschende Problem in den Erstliga-Stadien ist zurzeit die Pyrotechnik – darum ging es auch im jetzigen DFB-Urteil. Zu erwarten, dass andere Fans das Abbrennen verhindern könnten, scheint jedoch illusorisch. Die Gruppen, in deren Mitte die Pyros entzündet werden, treten meistens geschlossen auf und sind eher beratungsresistent. Insofern trügt die Hoffnung auf Selbstheilungskräfte innerhalb der Fanszene und kann nicht als Rechtfertigung für den Ausschluss aller Fans gelten.

Um an die Problemfans heranzukommen, wäre vielmehr nachhaltige Fanarbeit nötig, die irgendwie finanziert werden muss. Man darf sich selbstverständlich auch hier keine Illusionen machen: Fanprojekte und -abteilungen erreichen bei weitem nicht alle Gruppierungen, insbesondere nicht die, für die Gewalt ein wesentlicher Bestandteil des Erlebnisses Fußball ist. Soziale und gesellschaftliche Probleme lassen sich nicht völlig aus dem Fußball verbannen – unschuldige Fans dafür zu bestrafen, ist der falsche Weg. Die TSG wird ohnehin nicht ganz verhindern können, dass sich Kölner Fans Karten aus dem Heimkontingent besorgen.

Ich möchte die Gewalttäter und Pyrotechniker jedoch nicht ihrer persönlichen Verantwortung entheben. Wie es ohnehin bereits gemacht wird, müssen die Strafverfolgungsbehörden die umfangreichen Videoaufzeichnungen sichten und wenn möglich, die Täter feststellen. Bei zweifelsfrei feststehender Täterschaft können von mir aus lange Stadionverbote verhängt werden – natürlich abgestuft nach Art des Vergehens. Ja, Pyrotechnik sieht schön aus, aber selbst 15-jährige sollten schon begreifen, dass sie gefährlich sein kann und letztendlich allen Fans und dem Verein schadet. Beim Aufspüren der Zündler könnten zusätzliche Ordner im Block helfen – für den Fall, dass die Bengalos etc. ‘heimlich’ im Schutz der Masse entzündet werden.

Mit dem heutigen Urteil hat das DFB-Sportgericht einen Präzedenzfall geschaffen. Zu befürchten steht, dass wir in Zukunft häufiger ausgesperrte Fans erleben werden. Heute wurden ausgerechnet die im positiven Sinne leidenschaftlichsten Fans kollektiv bestraft: Die, die zu Auswärtsspielen fahren. Ob die wenigen Pyrotechniker und Randalierer unter ihnen dadurch domestiziert oder eher radikalisiert werden, darum kümmert sich das Urteil nicht.

Verrückter Fußball

Ich habe selbst letzten Freitag noch von der Schnelllebigkeit des Fußballs geschrieben, aber das Ergebnis des gestrigen Vorabendspiels hat auch mich überrascht. 5:1 gewinnt der abgeschlagene Abstiegskandidat Nummer 1 beim amtierenden deutschen Meister, der zuletzt unter Interimstrainer Köstner auf der Erfolgswelle surfte. Theofanis Gekas, dessen Verpflichtung bisher als ein Schnellschuss abgetan werden konnte, gelang ein Hattrick. Die Hertha liegt noch fünf Punkte hinter dem Relegationsplatz, allerdings auch fünf Punkte hinter dem Vorletzten, dem SC Freiburg.

Was bedeutet das für den nächsten Gegner der Berliner, Borussia Dortmund? Jürgen Klopp dürfte es nun nicht schwer fallen, seine Spieler auf die Partie einzustimmen und zu motivieren – dazu braucht er nur die DVD der gestrigen Begegnung einzulegen. Besseres Anschauungsmaterial wird er nicht bekommen. Es ist natürlich schwerer, gegen eine Mannschaft zu spielen, die noch mal Hoffnung geschöpft hat als gegen eine, die demoralisiert ist und akuten Abstiegsschmerz verspürt. Für den BVB wird es am Samstag darum gehen, von Beginn an engagiert und konzentriert zu sein, sicher zu stehen und die Fehler der Berliner auszunutzen. Hertha BSC wird das Spiel machen müssen, weil für sie ein erneuter Sieg Pflicht ist.

Bei allem Respekt vor der individuellen Klasse einzelner Berliner Spieler: Selbst nach einem Kantersieg in Wolfsburg ist nun nicht gleich alles wieder gut bei der Hertha. Ich denke, das wird sich zeigen, wenn der BVB am Samstag in Führung gehen sollte. In jedem Fall steht uns eine brisante, spannende Partie bevor: Hannover hat ein Heimspiel gegen Köln und so könnte der Klassenerhalt der Berliner bei einer Niederlage schnell wieder in beinahe unerreichbare Ferne rücken – vor allem, wenn man an deren Restprogramm denkt.

1. Bundesliga, 27. Spieltag / BVB 3 Leverkusen 0

Männer, die zwischen Pfosten treffen. Oder Treffer verhindern.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Santana, Subotic, Owomoyela – Kehl (90. Feulner), Hajnal – Großkreutz, Zidan, Kuba (90. Hünemeier) – Barrios (73. Rangelov). Tore: Barrios (2), Rangelov.

Da wären wir wieder beim Thema der letzten Woche: Halbzeitansprachen und was sie ausrichten können. Was haben Jürgen Klopp und Sebastian Kehl den Spielern gestern in der Kabine gesagt? Haben die Worte Wirkung gezeigt oder haben wir einfach Glück gehabt, dass wir nach der Pause schnell in Führung gegangen sind?

Es dürfte keine zwei Meinungen darüber geben, dass die Partie gegen den Tabellendritten ein Spiel der zwei Hälften war. Und, wenn man es denn zuspitzen will, ein Spiel der zwei Männer: In der ersten Hälfte retteten uns Roman Weidenfeller mit seiner besten Saisonleistung und ein bisschen Glück den A****. In der zweiten erlebten wir einen brillanten Auftritt von Lucas Barrios, mit zwei schönen Toren und einem Beinahe-Tor des Jahres.

Die Leistung der Leverkusener war dabei bis zur 60. Minute spiegelbildlich zu der des BVB in Bochum letzte Woche: Die erste Hälfte dominierten die Gäste weitestgehend. Und das noch deutlicher als wir beim kleinen Nachbarn. Mit Kießling und Derdiyok haben die Leverkusener gleich zwei Torjäger in ihren Reihen, die zu den besten der Liga gehören. Dazu zeigten sie ein international absolut konkurrenzfähiges Pass- und Kombinationsspiel, mit dem die Schwarz-Gelben nicht zurechtkamen.

Gerade im Mittelfeld kamen wir nicht in die Zweikämpfe. Ob das daran lag, dass Tamas Hajnal auf der ungewohnten 6er-Position als Sahin-Ersatz seine Startelf-Rückkehr feierte? Nicht in erster Linie, denn alle Dortmunder Mittelfeldspieler waren auf ihren Positionen zweiter Sieger im Vergleich mit ihren Gegenspielern. Ich glaube nicht, dass Nuri in der ersten Hälfte den Unterschied hätte ausmachen können. Genau das, was die Leverkusener in der ersten Hälfte auszeichnete, ließen bei Dortmund alle vermissen: Kreativität im Offensivspiel und schnelle, genaue Pässe. Stattdessen sahen wir das Stilmittel aller technisch unterlegenen Fußballmannschaften: Lange, hohe Bälle nach vorne, die fast immer von der Gäste-Abwehr abgefangen wurden.

Rene Adler hatte in der ersten Hälfte keinen ordentlichen Torschuss abzuwehren, während Roman Weidenfeller auf der anderen Seite mehrmals in höchster Not klären musste. Er löste das gestern hervorragend und sehr souverän. Zweimal kam er gegen Kießling genau rechtzeitig aus dem Tor, einmal lenkte er einen Kopfball von Derdiyok mit einem Reflex über die Latte. Kurz vor der Pause half dann bei einem Schuss des Schweizers der Pfosten aus. Lies mehr …

24 Punkte

Es ist keine neue Erkenntnis: Fußball ist furchtbar – oder wunderbar – schnelllebig. Vor zwei Wochen dachten viele noch, Hannover würde sicher absteigen, Hertha sich bestimmt noch retten und Bayer Leverkusen doch den Anschluss an die Spitze verlieren. Heute, kurz vor dem 27. Spieltag, sieht das alles anders aus. Und am Montag? Die Rechnung ist einfach: 8 Spiele, noch 24 Punkte zu vergeben = da kann noch sehr viel passieren.

Bei „Any Given Weekend“ versuche ich, voreilige Schlüsse zu vermeiden, was auch mir bestimmt nicht immer gelingt. Eines war mir aber seit Wochen klar: Die Partie Borussia Dortmund v Bayer Leverkusen an diesem Samstag ist ein verdientes Topspiel, im Gegensatz zu einigen anderen Partien der letzten Wochen. Spielstarke Rheinländer mit Torjäger Kießling zu Gast bei engagierten Westfalen mit Torjäger Barrios. Sicher ist auch das nicht, denn der Einsatz unserer angeschlagenen Nummer 18 ist fraglich und wird sich erst heute oder morgen entscheiden.

Sollte auch die Rückkehr von Sven Bender platzen, der für den fragwürdigerweise gesperrten Nuri Sahin ins Team rücken könnte, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Jürgen Klopp wirklich vorübergehend zum 4-4-2-System zurückkehrt, womöglich mit Großkreutz, Kuba oder Rangelov als zweitem Stürmer neben Zidan. Die Alternative, Markus Feulner direkt nach seiner Verletzung als zweiten defensiven Mittelfeldspieler einzusetzen, wird Klopp eher nicht wählen. Weit sympathischer als diese beiden Lösungen wäre jedoch ein Duo Bender – Kehl auf den 6er-Positionen. Mein Gefühl sagt mir ja, dass sowohl Bender als auch Lucas spielen werden. ;-)

Bei Leverkusen kann Papa Heynckes nahezu auf den vollen Kader zurückgreifen, nur der Langzeit-Verletzte Simon Rolfes steht nicht zur Verfügung. Jürgen Klopp stellt die BVB-Fans daher darauf ein, Geduld zu haben:

Wir brauchen keinen offenen Schlagabtausch, auch wenn es für uns ein Heimspiel ist. Ich bin mir sicher, dass unsere Zuschauer gegen solche Teams auch zuerst Ergebnisse sehen wollen.

Da hat Kloppo wie meistens Recht. Ich bin mir sicher, es wird trotzdem ein packendes Spiel.

1. Bundesliga, 26. Spieltag / VFL Bochum 1 BVB 4

Auswärtssieg beim alten Bekannten.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Santana, Subotic, Owomoyela – Sahin, Kehl – Großkreutz, Zidan (63. Hajnal), Kuba (65. Valdez (78. Koch)) – Barrios. Tore: Kehl, Zidan, Barrios (2).

Heiko Herrlich und seine Bochumer müssen sich die fehlenden Punkte für den Klassenerhalt ein anderes Mal erarbeiten. Der BVB kam gestern im Ruhrstadion zu einem verdienten Sieg und bewies endgültig, dass das Krisengerede nach der schwächeren Phase verfrüht war – wie in der Hinrunde.

Es war wie erwartet ein flottes, engagiert geführtes Spiel beider Mannschaften, in dem die Bochumer zur ersten Chance durch Sestak kamen, die Borussen aber bald die Oberhand gewannen und eigene Torgelegenheiten hatten. Die Mannschaft überzeugte mit druckvollem Spielaufbau, in den sowohl die Außenverteidiger Schmelzer und Owomoyela als auch die zentralen Mittelfeldspieler eingebunden waren. Dass das Tor zum 1:0 etwas unglücklich für die Gastgeber fiel, kann nicht die Tatsache verdecken, dass es schon nach 18 Minuten verdient war. Man wird sehen, wem die DFL das Tor zuspricht: Sebastian Kehl, von dessen Rücken der Freistoß von Sahin in Richtung Tor prallt, oder dem Bochumer Maltritz, dessen Schulterpartie den Ball ebenfalls deutlich berührte.

Nur neun Minuten später gab es dann sowieso ein ‘richtiges’ Tor, noch dazu ein richtig schönes. Endlich mal wieder kann sich Kuba im Dribbling auf sehenswerte Weise gegen zwei Bochumer durchsetzen und passt dann perfekt in den Rückraum zu Mohamed Zidan, dessen Schuss sich ins Tor zu drehen scheint.

Am meisten diskutiert werden wird natürlich der Platzverweis gegen den Bochumer Maric in der 33. Minute. Nach Foul von Kuba fasst Maric ihm ins Gesicht – es war mehr ein Wischer als ein Schlag, zusätzlich hakelt der Bochumer noch mit dem Fuß nach. So eine rote Karte sieht angesichts der Theatralik von Kuba hart aus, berechtigt war sie trotzdem, weil Maric ihn im Gesicht trifft und damit die gängige Definition von Tätlichkeit erfüllt. Bei einem kleinen Schubser hätte es vermutlich nur Gelb gegeben. Lies mehr …

Die große 80er-Show

Aus Berlin gab es gestern Bilder, die man in der Bundesliga lange nicht mehr gesehen hat. Die an England und die 1980er erinnern. Platzsturm nach Schlusspfiff und zwar nicht, um zu feiern. Trotzdem ähnelten die Bilder nur oberflächlich denen aus vergangenen Zeiten. Was die Randalierer im Innenraum veranstalteten, wirkte ziellos. Ein geplanter Angriff auf die Spieler oder die Kabinen war es jedenfalls nicht, ebenso wenig ein Versuch, zu den Nürnberger Fans vorzudringen – jedenfalls legen das die Fernsehbilder nicht nahe.

Für mich war es ein eher isoliertes Ereignis, der besonderen Situation der Hertha geschuldet. Allerdings ist es gerade wegen letzterem schwer zu begreifen, warum das Szenario bei den Verantwortlichen in Berlin nicht vorhergeahnt wurde. Die problematischen Elemente in der Berliner Fanszene sind bekannt, die ungeheure Bedeutung des Spiels, ob hochstilisiert oder nicht, war auch allen bewusst. Vermutlich rechneten die für die Sicherheit Zuständigen nicht damit, dass eine größere Anzahl von Personen den Graben vor der Kurve überwinden würde. Nach dem Nürnberger Ausgleich deutete sich jedoch schon an, dass die Stimmung kippen würde. Wenn dann kurz vor Schluss das 1:2 fällt, müssen Ordner UND Polizei vor dem Block stehen – die Situation gestern wäre verhältnismäßig einfach zu kontrollieren gewesen, zumindest im Stadion.

Nun wird also wieder diskutiert über die neue Gewaltspirale im Fußball und es werden viele Dinge in einen Topf geworfen – die Fanproteste in Stuttgart, die Nürnberger Pyromanen aus dem Bochum-Spiel und die Randalierer von Berlin. Am besten käme man voran, wenn man auf jede Herausforderung eine individuelle Antwort suchen und nicht in Hysterie verfallen würde. Ganz klar ist aber auch: Die Parole der Ultras, „gegen jedes Stadionverbot“, wird mit jeder neuen Aktion dieser Art absurder.

1. Bundesliga, 25. Spieltag / BVB 3 Mönchengladbach 0

Genießer-Tore.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Santana, Subotic, Owomoyela – Sahin, Kehl – Großkreutz (85. Koch), Zidan (77. Hajnal), Kuba (75. Dede) – Barrios. Tore: Großkreutz, Zidan (2).

So ist bekanntlich und zum Glück der Fußball: Eine Woche nach der überflüssigen Derbyniederlage versöhnt der BVB die Fans ein bisschen mit Toren aus dem Bilderbuch beim hochverdienten 3:0 gegen Gladbach.

Jürgen Klopp hatte sich aufgrund der Länderspiel-Abstellungen gegen eine Systemänderung entschieden, die erst mal hätte einstudiert werden müssen. Seine Hoffnung bestand darin, dass Sebastian Kehl auf der zweiten, defensiver ausgerichteten „6″ neben Sahin möglichst lange durchhalten und ein ordentliches Spiel machen und dass Mohamed Zidan nach dem Länderspiel-Einsatz in Wembley fit genug für die zentrale Rolle im offensiven Mittelfeld sein würde. Beide Hoffnungen wurden übererfüllt.

Sebastian Kehl kehrte nach ewig erscheinender Verletzungspause zurück in die Startelf und es war fast so, als sei er nie weg gewesen. Nur in der Anfangsphase verschätzte er sich ein paar Mal in Zweikämpfen, musste ein paar Minuten zu seinem Spiel finden. Später wirkte unser Kapitän sehr souverän, war die ordnende Hand im Mittelfeld und zeigte einige gelungene Aktionen. Auf der „10″ sahen wir den Länderspiel-Zidan. Wie nach dem Afrika-Cup wirkte er noch einen Tick präsenter und spritziger als nach einer ‘normalen’ Trainingswoche. Kurz gesagt, es war eine Klasseleistung.

Das 1:0 nach 13 Minuten bereitete Zidan über links vor und passte dann in den Strafraum, wo Großkreutz seinen Fuß hinhielt. Eine wahre Schönheit war das 2:0: Zidan dribbelt sich an mehreren Gegenspielern vorbei und zieht dann aus etwa 15 Metern ab, perfekt gezielt in den Winkel. Und beim 3:0 antizipiert er Barrios exzellenten Pass und verwandelt präzise von links. Wobei dieses dritte Ding zu 80% das Tor von Lucas war: Wie geil war denn diese Vorarbeit? Ein No-Look-Pass im richtigen Moment – wir haben einen Torjäger, der nicht nur abstauben, sondern technisch richtig fein mitspielen kann. Da muss er auch nicht in jeder Partie selber treffen, obwohl er gestern die Chancen dazu hatte.

Ich bemühe mich hier immer, sowohl Siege als auch Niederlagen realistisch einzuschätzen und dazu gehört es, zu erwähnen, dass die Gäste schwach waren. Sie hatten wenig Ideen und kreierten daher wenig Chancen. Bei den an einer halben Hand abzählbaren Schüssen aufs Tor war Weidenfeller zur Stelle ohne übermäßig gefordert zu sein. Und die erste Halbzeit der Schwarz-Gelben war auch nicht so berühmt, wie man bei der Ansicht der Spielzusammenfassungen vielleicht denken könnte. Ja, Gladbachs Torwart Bailly rettete zweimal glänzend bei guten Schüssen von Schmelzer und Zidan, aber gegen einen wie gesagt schwachen Gegner gab es trotzdem zu viele unnötige Fehlpässe und mäßig ausgespielte Angriffe. Einer der ‘Schuldigen’ hierfür: Nuri Sahin, der nicht seinen besten Tag erwischte. Muss man ihm natürlich mal zugestehen.

Angesichts der souveränen zweiten Hälfte mit begeisternden Toren überwiegen die positiven Aspekte aber bei weitem. Da ist der andere Torschütze Kevin „Das Pferd“ Großkreutz zu nennen. Der galoppiert 90 Minuten die Außenbahn hoch und runter und macht dabei immer mehr richtig und immer weniger Fehler. Es ist einfach toll, was Jürgen Klopp aus den Spielern rausholt – da ist der ehemalige Zweitliga-Spieler Großkreutz ein ebenso gutes Beispiel wie der ‘Problemfall’ Zidan.

Was uns auch für die nächsten Wochen optimistisch stimmen kann: Felipe Santana zeigte eine einwandfreie, absolut überzeugende Leistung als Hummels-Ersatz. Kopfballstärke sind wir von ihm gewohnt, aber auch sein Stellungsspiel war über jeden Zweifel erhaben. Er lief die wenigen gefährlichen Gladbacher Bälle ab oder grätschte im richtigen Moment dazwischen. Gestern war Felipe der bessere von zwei guten Innenverteidigern.

Die sehr erfreuliche Lehre aus dem gestrigen Spiel ist, dass der BVB auch Verletzungen wichtiger Spieler kompensieren kann, wenn die Spieler 90 Minuten konzentriert und aktiv bleiben. Angesichts des Restprogramms muss uns so nicht bange sein. Die Bremer haben gegen Stuttgart noch einen Punkt erkämpft, sind aber selten über 90 Minuten stabil. An Ostern müssen sie ins Westfalenstadion. Die Stuttgarter und Wolfsburger sind einige Punkte zurück, aber nicht unaufholbar. Frankfurt und Hoffenheim traue ich eine Aufholjagd eher nicht zu.

Natürlich wird höchstwahrscheinlich auch Platz 6 für den Europapokal reichen, wenn Bremen ins Pokalfinale einzieht und Fünfter wird, aber auf diesen Platz von anderer Vereine Gnaden habe ich nicht wirklich Lust und die Mannschaft offensichtlich auch nicht.

Die Geduldigen

Sir Alex Ferguson, Arsene Wenger oder Martin O’Neill sind auch in England Ausnahmen. Im Mutterland des Fußballs funktioniert das Trainerkarussell genauso wie anderswo: Eine Durststrecke von zwei Monaten reicht manchmal schon für eine Entlassung. Es trägt mutmaßlich nicht zur Jobsicherheit der Trainer bei, dass viele Clubs von reichen Förderern, Vorsitzenden oder Firmenkonsortien abhängig sind.

Manche dieser ‘Gönner’ sind jedoch anders. Sie haben Geduld und lassen einen Trainer arbeiten. Sie wissen, was machbar ist und was nicht. Im Idealfall bauen sie ein persönliches Verhältnis zum Trainer auf, das auf echtem gegenseitigem Vertrauen basiert. Vor gut zwei Jahren hätte kaum jemand in England geglaubt, dass ausgerechnet Ray Ranson ein Vorsitzender dieses Typus werden würde. Im Dezember 2007 übernahm Ranson den Zweitligisten Coventry City und rettete ihn so vor dem bevorstehenden Konkurs. In den Monaten zuvor hatte der ehemalige Profifußballer (u.a. Manchester City, Newcastle United) allerdings bereits versucht, Aston Villa, seinen ehemaligen Club Man City und Southampton zu übernehmen – jeweils ohne Erfolg.

Trotz der vorherigen Pläne, trotz der finanziellen Unterstützung durch einen Hedge Fonds scheint sich Ranson mit voller Hingabe seiner Aufgabe bei den „Sky Blues“ zu widmen. In der zweiten Saisonhälfte 2007/08 wurde Chris Coleman Trainer in Coventry. Coleman ist ein charismatischer Typ, der als guter Motivator gilt. Bei seiner vorherigen Trainerstation im spanischen San Sebastian verschlief er auch schon mal das Training, weil er zu lange gefeiert hatte, aber abgesehen von dieser kleinen menschlichen Schwäche war seine Arbeit immer über jeden Zweifel erhaben.

Am Ende dieser chaotischen ersten Saison unter Ranson/Coleman vermied City nur um Haaresbreite den Abstieg. Seither hat sich der Verein meistens zwischen gesichertem Mittelfeld und erweiterter Abstiegszone bewegt. Ende 2009 sah es mal wieder eher düster aus – eine lange Verletztenliste hatte zum Absturz in die Abstiegsgefahr beigetragen. Ranson stand zu Coleman und ließ ihn in der Winter-Transferphase einige sinnvolle, finanzierbare Verpflichtungen tätigen, die meisten auf Leihbasis. Inzwischen hat sich der Wind gedreht, nach vier Siegen aus fünf Spielen stehen die Sky Blues auf Platz 10 und haben Kontakt zu den Play-Off-Rängen. Andere Championship-Clubs waren weniger geduldig: Bereits zum Jahresende 2009 hatten acht Vereine ihren Trainer entlassen.

Die Geduld des Ray Ranson scheint sich auszuzahlen. Vielleicht wird sie mit einer Play-Off-Teilnahme belohnt, wahrscheinlicher ist jedoch ein Mittelfeldplatz. Mal wieder, für den Verein, dessen einziger großer Erfolg in seiner 127-jährigen Geschichte der Gewinn des FA-Cups 1987 war. Warum für Ranson auch ein Mittelfeldplatz achtbar ist und woher seine Geduld kommt, versteht man besser, wenn man sich das Interview anschaut, das BBC Midlands kürzlich mit ihm geführt hat.

Es geht um die Akzeptanz, ein Ausbildungs- und Fortentwicklungsverein zu sein, um Ransons Verhältnis zu Coleman und eben um die Geduld, einen Weg Schritt für Schritt zu gehen. Diese Haltung wird genährt von dem Bewusstsein, dass der Verein im Dezember 2007 buchstäblich 20 Minuten vor dem Konkurs stand. Leider gibt es nicht nur Investoren-Mäzene wie Ray Ranson. Der Premier League-Club FC Portsmouth hätte einen seines Schlags gebrauchen können.

Wer sich für das Vorankommen von Coventry City interessiert, dem sei übrigens die ausgezeichnete Fanseite „Gary Mabbutt’s Knee Online“ empfohlen, die endlich wieder online ist.

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