Nicht mehr Herrlich
Die Bundesliga hat erneut einen sehr späten Trainerwechsel zu vermelden. Heute wurde Heiko Herrlich, bekanntlich ehemaliger BVB-Stürmer und -Jugendtrainer, beim VFL Bochum entlassen; bis Saisonende wird Dariusz Wosz die Mannschaft betreuen. Als Grund nannte Sportdirektor Thomas Ernst die sportliche Durststrecke, zehn Spiele ohne Sieg, aus der das Abrutschen auf Platz 16 resultierte. Er räumte aber ein, dass es auch andere Faktoren gegeben habe.
Man kann sicher über die Wirkung des öffentlichen und internen Auftretens von Heiko Herrlich spekulieren. Manche werden die Pressekonferenz, auf der sich Herrlich mit meinen speziellen Freunden von der Springer-Presse anlegte, als unprofessionell bezeichnen – ich fand sie authentisch und ehrlich. Niemand muss sich von denen alles gefallen lassen. Über Mannschafts-Interna aus Bochum bin ich nicht informiert.
Trotzdem wird die sportliche Situation den Ausschlag für die Entlassung gegeben haben und deshalb kommen die Bochumer Verantwortlichen und Fans nicht umhin, die frühe Trennung von Marcel Koller im September neu zu bewerten. Weder der erfahrene Koller noch der Neuling Herrlich haben es geschafft, aus diesem Kader eine Mannschaft zu formen, die den Ansprüchen der ersten Liga voll und ganz genügt. Was darauf hindeutet, dass eher die Transferpolitik bzw. die finanziellen Möglichkeiten der Bochumer das Problem waren und nicht die Person Koller.
Es ist möglich, dass Trainer vom Kaliber Magath oder Hitzfeld den VFL ins gesicherte Mittelfeld geführt hätten, aber die waren für den Verein nicht zu haben. Es ist ebenso möglich, dass Marcel Koller, der den Verein und die Spieler kannte, noch die Wende geschafft und die Bochumer zumindest aus dem Gröbsten herausgehalten hätte. Mehr war mit diesem Kader nicht drin.
Erst Madrid, dann Gelsenkirchen
Felix Magath beweist schwarzen Humor und holt Christoph Metzelder zum FC Schalke – den Mann, der vor drei Jahren im BVB-Trikot mit zwei Torvorlagen im Derby maßgeblich daran beteiligt war, dass S04 im Jahr darauf erneut ein Jubiläum feiern durfte. Metzelder wird seinen jetzigen Verein Real Madrid nach der Saison ablösefrei verlassen. Er konnte sich beim spanischen Rekordmeister nie richtig durchsetzen und war seit geraumer Zeit nur noch höchstens zweite Wahl.
Seine Verletzungsanfälligkeit hat Metzelder bei seinem Spanien-Abenteuer natürlich nicht geholfen. Aber konnte man das Scheitern nicht vorherahnen? Schließlich hatte er schon in seinen letzten Jahren beim BVB nicht mehr an seine Glanzzeiten wie die WM 2002 anknüpfen können – außer im Derby eben. Die Lösung sah der ehrgeizige Metzelder damals in einem Wechsel – und überschätzte sich mit dem Ziel Madrid gewaltig.
Metzelders internationaler Ruf hat gelitten und so ist die Rückkehr in die Bundesliga nur folgerichtig. Angesichts seines Ehrgeizes ist auch sein neuer Verein keine wirkliche Überraschung. Um den Abstieg so gering wie möglich zu halten, musste es schon ein Champions League-Teilnehmer sein. Für die Bayern hat es nicht gereicht, auch wenn Metzelder vom selben Verein wie Arjen Robben kommt. Somit blieb der FC Schalke. Der Wechsel wird ihm in Dortmunder Fankreisen wenig Sympathien einbringen, aber es ist legitim, dass ein Spieler seine Karriere über seinen Ruf bei den Fans stellt. Vermutlich rechnet Metzelder auch damit, dass Messias Magath seine Nationalmannschafts-Karriere wiederauferstehen lässt.
Muss man sich als BVB-Fan über diesen Transfer ärgern? Ich finde nicht. Christoph Metzelder hat für die Borussia Großes geleistet und wird es schwer haben, das in Gelsenkirchen zu wiederholen. Ganz ehrlich, wir haben Hummels, Subotic und Santana – wozu brauchen wir einen 29-jährigen, der jahrelang im Standby-Modus war?
Mehr gerissene Muskelfasern
Nach Sebastian Kehl hat sich der zweite defensive Mittelfeldspieler des BVB, Sven Bender, einen Muskelfaserriss zugezogen. Kurz vor seinem 21. Geburtstag ist für ihn damit die erste, durchaus erfolgreiche Saison in Dortmund beendet. Für die Schwarz-Gelben ist das natürlich eine Hypothek. Kapitän Kehl wird möglicherweise in Freiburg wieder spielen können, jedoch nicht schon kommenden Samstag. Gegen Wolfsburg sollte unbedingt ein echter Defensivmann im Mittelfeld stehen, aber wer?
Option 1 ist die schon häufiger in dieser Saison erprobte Variante mit Mats Hummels auf der ’6′ und Felipe Santana als sein Ersatzmann in der Innenverteidigung. Das hat streckenweise ordentlich, meist jedoch mäßig funktioniert. Hummels kann vorne mit Kopfbällen und Weitschüssen gefährlich werden, beim Spielaufbau ist er jedoch noch zu sehr Verteidiger. Trotzdem wird sich Jürgen Klopp diese Variante überlegen, denn den kopfballstarken und schnellen Santana kann man bedenkenlos in die Abwehr stellen.
Option 2 ist ein Einsatz von Beginn an für Markus Feulner. Wenn der noch mal eine Chance bekommen soll – wann, wenn nicht jetzt? Das defensive Mittelfeld ist seine erklärte Lieblingsposition, unter Jürgen Klopp in Mainz hat er allerdings meistens woanders gespielt. Ob ihm Klopp die Position zutraut? Letztendlich kann das nur er aufgrund der Trainingseindrücke entscheiden. Ich selber finde es immer schade, wenn ein Spieler bei uns so gar keine Chance bekommt. Jetzt ist Feulner gesund und die Lücke in der Mannschaft da.
Option 3 ist verschollen. Man hört ganz wenig von Tinga in diesen Tagen. Vor den Spielen wird er auf der BVB-Homepage als „im Aufbautraining“ befindlich bezeichnet. Aber ist er überhaupt noch in Dortmund oder schon in Brasilien? Habe ich da etwas verpasst? Sicher ist, dass Tinga den Verein am Ende der Saison verlassen wird. Gesund wäre er im Moment aber eine weitere Alternative auf der fraglichen Position.
Gegen Wolfsburg so zu spielen wie in der zweiten Halbzeit in Nürnberg halte ich für riskant. Sahin ist nicht nur aufgrund seiner gebrochenen Nase ebensowenig ein Zweikampf-Spezialist wie Tamas Hajnal. Die beste Lösung wäre, Hajnal endlich auf der ’10′ beginnen zu lassen und einen neuen Partner für Sahin im defensiven Mittelfeld zu finden. Noch hat Jürgen Klopp vier Tage Zeit zum Tüfteln.
Neuanfang vom Ende
Borussia Dortmund hat am Samstag die Chance, einen neuen Anlauf zu nehmen und seinen Fans doch noch ein schönes Saisonende zu bescheren. Nach der Enttäuschung in letzter Minute im Westfalenstadion dürften inzwischen viele wieder zuversichtlich auf die Partie in Nürnberg blicken. Die Gastgeber haben bisher eine ordentliche Rückrunde gespielt, stecken aber nach zwei Niederlagen wieder mitten im Abstiegskampf. Zum ungünstigsten Zeitpunkt – für sie – fällt nun Abwehrchef Andreas Wolf verletzt aus, denn auch Leihverteidiger Breno vom FC Bayern fehlt langfristig mit einem Kreuzbandriss.
Eine Umbesetzung der Innenverteidigung im Abstiegskampf nimmt kein Trainer mit leichtem Herzen vor. Für den BVB kann das nur bedeuten, die neu formierte Abwehr von der ersten Minute an unter Druck zu setzen und zu Fehlern zu zwingen – Abwarten wäre sicher das falsche Mittel. Die Aufstellung hat Jürgen Klopp schon weitgehend im Kopf: Dede muss trotz ordentlicher Leistung gegen Hoffenheim wieder auf die Bank. Für mich eine 50/50-Entscheidung – Dede hat nicht überragt, Schmelzer war in Mainz aber schwächer. Dede ist ein verdienter, verlässlicher Spieler, Schmelzer hat ohne Zweifel eine ordentliche Saison gespielt. Das Urteilsvermögen, hier eine vernünftige Entscheidung getroffen zu haben, traue ich Klopp selbstverständlich zu.
Nuri Sahin wird wie erwartet durch eine Maske geschützt in der Startelf stehen. Das einzige Fragezeichen steht über der 10er-Position. Tamas Hajnal wäre die natürliche Besetzung für die Spielmacher-Rolle, hat aber gegen Hoffenheim – auf anderer Position – einmal gepatzt. Nelson Valdez erzielte dagegen das 1:0, konnte aber ansonsten in der zweiten Hälfte kaum noch Akzente setzen. Ich würde angesichts der vielleicht anfälligen Nürnberger Innenverteidigung auf den Standard-Experten Hajnal setzen und Valdez im Laufe des Spiels, falls nötig, als zweiten Stürmer bringen.
Kann der BVB die jüngere Geschichte vergessen machen und im Endspurt die Europa League sichern? Mit einem Sieg wären wir fast am Ziel, dann müsste nur noch der HSV in Sinsheim Punkte lassen. Der Club wird uns jedoch trotz der Personalprobleme alles abverlangen. Es ist das vorletzte Heimspiel und es geht für sie vor ausverkauftem Haus um den Klassenerhalt – deshalb werden die Schwarz-Gelben nur drei Punkte mitnehmen, wenn es diesmal keine längere Schwächeperiode gibt. Und nur mit drei Punkten können wir noch mal neu anfangen, auf mehr zu hoffen.
Der letzte Schrei vom letzten Jahr
Wie oft war eigentlich Franziska van Almsick in dieser Saison im Stadion ihres Lieblingsvereins? Gottchen, Hoffe ist ja soo von gestern. Kein Erfolg, frustrierte Fans, die Spieler jung aber satt. Was sich beim nächsten BVB-Gegner zurzeit abspielt, ist ein Lehrstück über die Gefahren des schnellen Erfolgs. Und Dietmar Hopp hat spätestens in den TV-Interviews nach der Pleite gegen Köln gezeigt, dass er etwas mehr als 50+1 ist.
Die Schadenfreude bringt uns allerdings am Sonntag keine drei Punkte. Hoffenheim ist am tiefsten Punkt seit dem Aufstieg angekommen, den Klub zu unterschätzen wäre aber dämlich. Mit einem Punktgewinn im Westfalenstadion könnten die Gäste ein Zeichen setzen. Ralf Rangnick würde in der anschließenden Pressekonferenz Sätze sagen wie „wir haben gezeigt, dass es zu früh ist, uns abzuschreiben“ oder „die Mannschaft hat gezeigt, dass sie es kann und will“. Darauf hat kein Schwarz-Gelber Lust und deshalb muss unsere Mannschaft höchst konzentriert auftreten. Das Restprogramm mit zwei Abstiegskandidaten und dem um Europa kämpfenden Meister könnte schwieriger werden als gedacht – daher sind drei Punkte übermorgen Pflicht.
Bereits bekannt sind die Ausfälle von Sebastian Kehl und dem gesperrten Marcel Schmelzer. Das Fehlen von Kehl in der Endphase der Saison ist sehr schade, wohingegen die meisten BVB-Fans, mich eingeschlossen, Dede als eine exzellente Alternative zu Schmelzer ansehen dürften. Ich habe da so ein Gefühl, dass er am Sonntag eine wichtige Rolle spielen wird. Noch nicht ganz sicher sind die Einsätze von Patrick Owomoyela und Kuba. Als Ersatz für ‘Uwe’ böte sich nur Julian Koch an, während rechts vorne diverse Personal-Rochaden möglich sind. Es ist aber gut möglich, dass beide doch spielen können.
Bei der TSG fehlen unter anderem Timo Hildebrand, Demba Ba, Vorsah und Nilsson. Der ehemalige Nationaltorwart Hildebrand hat Rücken und kann ablösefrei gehen, wenn er in dieser Saison kein Spiel mehr für Hoffenheim bestreitet. Trotz des unbestreitbaren Verlusts, den der längerfristige Ausfall eines guten Stürmers wie Demba Ba darstellt, sollte die TSG mit ihren anderen offensiven Optionen eigentlich in der Lage sein, das aufzufangen. Eigentlich. Aber der Verein steckt in einer Abwärtsspirale wie zuvor schon Hannover. Was ihnen fehlt, ist – natürlich – ein Erfolgserlebnis. Zum Beispiel in Dortmund. Das gilt es zu verhindern und das ist möglich, denn so felsenfest wie die Mainzer Innenverteidigung wird ihr Hoffenheimer Pendant nicht stehen. Wenn der BVB seinerseits Aussetzer hinten verhindern kann, wird das schon klappen am Sonntag.
Vizekusen (TM)
Lach- und Sachgeschichten aus der Bundesliga, die den nervenzerfetzenden Endspurt etwas auflockern: Bayer 04 Leverkusen hat sich beim Deutschen Patent- und Markenamt den Begriff „Vizekusen“ schützen lassen. Erwartet uns jetzt eine neue selbstironische Werbekampagne à la „Pillendreher“ und „Werksclub“? Zunächst mal geht es um etwas anderes, wie Bayer-Kommunikationschef Meinolf Sprink erklärt: „Wir schützen einen Begriff, damit kein Schindluder damit getrieben wird.“ Und er stellt klar: „Unser Saisonziel ist es nicht, immer Zweiter zu werden.“
Als Marketing-Mensch bei Bayer 04 hat man es bestimmt nicht leicht und so ist dieses vorausschauende Vorgehen natürlich vollkommen nachvollziehbar. Für den Fall der Fälle hat man sich auch „Meisterkusen“ gesichert, vergessen wurde allerdings „Bronzekusen“.
Bei Hertha BSC Berlin übt man sich unterdessen in klassischen Formen des Widerstands und hat einen Protestbrief an den DFB geschickt. Thema: Die vermeintlich ungeheure Benachteiligung durch die Schiedsrichter. Manager Michael Preetz legte in den Medien nach und sprach von acht „weggepfiffenen“ Punkten gegen Nürnberg, Dortmund und Stuttgart. Diese Argumentation erinnert sehr an die unseligen „Wahren Tabellen“, die so gut wie keine Aussagekraft besitzen. Nur mal am Beispiel Dortmund erklärt: Woher weiß Preetz, dass das Spiel nicht trotzdem Unentschieden ausgegangen wäre, wenn Herthas nicht gegebenes Tor gezählt hätte? Vielleicht hätte dann Nuri Sahin kurz vor Schluss besser gezielt – wer weiß das schon?
Es kommt aber noch dicker: Preetz bezeichnete die Schieds- und Linienrichter-Ansetzungen vom Stuttgart-Spiel als „unglaublich“ – weil Michael Weiner aus dem niedersächsischen Giesen und ein Assistent aus Hannover kommt. Nicht überliefert ist, ob der Hertha-Manager im Protestbrief vorsorglich westfälische und bayerische Schiedsrichter ablehnt. Schließlich wäre es für Schalke und Bayern gut, wenn Hertha am Saisonende schon abgestiegen wäre.
Während man über die Bayer-Aktion lächeln kann, ist der Hertha-Brief eher lächerlich. Wenn die eigene Qualität nicht reicht, versucht man halt, die Unparteiischen zu beeinflussen. Und lenkt damit geschickt von den Fehlern der eigentlich Verantwortlichen ab. Sicher, es gab unglückliche Schiedsrichter-Entscheidungen gegen Hertha – aber wie wäre es denn einfach mal mit Tore schießen?


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