Eine irdische Mannschaft

1. Bundesliga, 26. Spieltag / TSG Hoffenheim 1 BVB 0

Borussia Dortmund erleidet in Sinsheim die dritte Saisonniederlage und zeigt dabei, dass nichts Überirdisches an unserer Mannschaft ist. Auch der BVB 2011 ist ein empfindliches menschliches Netzwerk.

Roman Weidenfeller sprach davon, dass man teilweise zu “verspielt” gewesen sei, aber das trifft es eigentlich nicht. Sicher, in einigen Szenen hätte man direkter agieren können, vor allem im Abschluss, aber für das 0:1 bei einem angeschlagenen Gegner waren drei ganz allgemeine Gründe verantwortlich: Manche Dinge funktionierten gestern beim BVB nicht wie gewohnt. Die Hoffenheimer machten vieles richtig. Und das Pech war auf Dortmunder Seite.

Die ersten beiden Punkte sind naturgemäß verknüpft. Das Mittelfeld der Schwarz-Gelben konnte sich nicht wie gewohnt entfalten, weil die Gastgeber ihrerseits massiert standen und immer drei bis vier ihrer fünf Mittelfeldspieler in Ballnähe waren, Laufwege gut zustellten und Pässe verhinderten. Was die Hoffenheimer nicht spielerisch verhindern konnten, unterbanden sie gerade in der ersten Hälfte häufig durch Fouls. Da war trotz der für sie ungünstigen Statistiken (unfairstes Team der Liga) nichts Brutales dabei, aber Schiedsrichter Drees hätte früher über gelbe Karten nachdenken können.

Der BVB war das überlegene Team, spielte sich aber weniger Chancen heraus als gewöhnlich. Da durch die Mitte aus den genannten Gründen wenig passierte, hätte mehr über außen gehen müssen. Doch die Schwarz-Gelben scheiterten zu häufig mit ihren Flanken. Wenige kamen überhaupt in den Strafraum. Lukasz Piszczek war zunächst der aktivere der beiden Außenverteidiger, aber bei seinen Flankenversuchen stimmte das Timing nicht – zu häufig brachte ein Hoffenheimer noch das Bein dazwischen. Die einzige gefährliche Hereingabe kam von der anderen Seite: In der 35. Minuten flog Marcel Schmelzers Flanke von der Torauslinie mustergültig zu Robert Lewandowski im Strafraum, doch der schoss aus etwa sechs Metern über den Kasten.

Schmelzer hatte selbst eine von drei großen BVB-Chancen, als er in der zweiten Halbzeit am Rand des 16-Meter-Raums frei zum Schuss kam. Er traf den Ball perfekt, es war alles richtig, es hätte sein erstes Ligator werden sollen, aber Torwart Starke lenkte den Ball um den Pfosten. Und ansonsten war das in der zweiten Halbzeit – gemessen an den letzten Wochen – zu wenig von der Borussia. Es war eben keine Verspieltheit, die uns schadete, sondern eher Ratlosigkeit. Deutlich abzulesen war das am Anstieg der Zahl der langen, hohen Bälle, die wie fast immer ineffektiv blieben.

Und jetzt kommt der dritte Grund für die Niederlage ins Spiel: Pech. Eine Halbzeit lang musste der BVB auf Sven Bender verzichten. Der hatte sich kurz vor der Pause nach einem Zusammenprall mit Beck die Schulter ausgerenkt und musste durch da Silva ersetzt werden. Nichts gegen Toni, der uns bekanntlich im Hinspiel den A**** gerettet hatte. Aber Benders Aggressivität, Zweikampfstärke und Übersicht waren genau das, was uns im zweiten Durchgang sichtbar fehlte. Nun verloren die Schwarz-Gelben auch noch die Kontrolle über das Spiel, die Hoffenheimer blieben zwar vorsichtig, kamen aber über Konter zu mehr Chancen als die Borussia.

Ein ganz starkes Spiel machte der Star des ersten Hoffenheimer Bundesliga-Jahres, der zuletzt in die Kritik geraten war: Vedad Ibisevic. Man muss ihn nicht gleich mögen, denn er arbeitete auch mit vielen Offensivfouls. Aber er war es, der die Dortmunder Abwehr mehrmals vor größere Probleme stellte. Neuzugang Ryan Babel war zwar in den Spielaufbau integriert, blieb aber unauffällig und ohne echten Abschluss. Ibisevic dagegen war in der 63. Minute zur Stelle, als die TSG im Mittelfeld einen Freistoß schnell ausführte und unsere Viererkette noch etwas unsortiert war. Im ZDF-Sportstudio wurde die Szene noch einmal aufbereitet und der sympathische Studiogast Marcel Schmelzer gab zu, dass er sich vielleicht etwas zu spät von der Mitte nach außen zu seiner eigentlichen Position hin orientiert hatte. So kam er gegen Andreas Beck etwas zu spät und der konnte auf Ibisevic flanken, von dem wiederum Felipe Santana etwas zu weit weg war.

Es sollte das einzige Tor des Spiels bleiben. Jürgen Klopp sah, dass in der zweiten Hälfte und speziell nach dem Treffer nicht mehr viel funktionierte und probierte einiges aus. Die Hereinnahme von Kuba und Zidan blieb aber fast wirkungslos, vor allem Zidan fand keinerlei Bindung zum Spiel. Womöglich hätte der ausgewechselte Robert Lewandowski mehr ausrichten können. Die Maßnahme, Santana aufgrund von Größe und Kopfballstärke in den Sturm und da Silva ins Abwehrzentrum zu beordern, war ebensowenig gelungen. Die TSG kam noch zu zwei späten Chancen, darunter ein Weitschuss von Ibisevic an die Latte. Santana hätte bei Standards sowieso nach vorne gehen können, konnte ansonsten nichts ausrichten. Tief in der Nachspielzeit hätte es allerdings beinahe doch geklappt: Nach Vorbereitung von Schmelzer kam Barrios wenige Meter vor dem Tor zum Schuss, der jedoch von Starkes Bein ins Toraus abgelenkt wurde. ‘Tele’ wäre eventuell noch etwas besser postiert gewesen.

Nun ist es also passiert, die erste Rückrundenniederlage. Die Schwarz-Gelben sind nicht unfehlbar, Bayer Leverkusen konnte den Rückstand heute auf neun Punkte verkürzen und hoffentlich sehen auch alle Fans ein, dass noch nichts gewonnen ist. Nur eine weitere Niederlage und der Vorsprung betrüge eventuell nur noch sehr irdische sechs Punkte. Man muss vor der Werkself keine übermäßige Angst haben, sie haben auch noch einige schwere Spiele, aber das Team von Jupp Heynckes hat wiederholt gezeigt, dass es ebenfalls Rückschläge wegstecken kann – wie die extrem unglückliche Heimpleite gegen Villareal.

Das kongeniale Mittelfeld-Duo der Borussia ist erstmal gesprengt. Sven Bender hat zwar keinen Bruch in der Schulter erlitten, aber erst in den nächsten Tagen wird sich herausstellen, ob ein Bänderriss oder nur eine Dehnung vorliegt. Nur im letzteren Fall ist von einer Rückkehr in zwei bis drei Wochen auszugehen. Wir erinnern uns: Im Herbst 2009 erlitt Damien Le Tallec eine Schulterverletzung, musste operiert werden und fiel monatelang aus. Davon ist bei Bender derzeit nicht auszugehen, aber schneller als erhofft zeigt sich nun, dass die Abgesänge auf Sebastian Kehl, die manche angestimmt haben, verfrüht waren. Sollte der Kapitän fit sein, kann die Alternative zu Bender nur Kehl lauten.

Ich bin ein Fan des ‘bigger pictures’ und sehe bekanntlich das verbreitete Kurzzeitgedächtnis der Fußball-Szene kritisch. So wenig wir schon Meister sind, so wenig bedeutet der auf eine einstellige Punktezahl geschrumpfte Vorsprung etwas Signifikantes. Der BVB hat nun zwei Heimspiele hintereinander, am Samstag geht es zunächst gegen den FSV Mainz, dem wir ja freundschaftlich verbunden sind. Leverkusen trifft interessanterweise am Sonntag auf den FC Schalke – das dortige schwebende Verfahren gegen den Trainermanagervorstand werde ich nächste Woche zum richtigen Zeitpunkt natürlich aufgreifen.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Santana, Subotic, Piszczek – Sahin, Bender (44. da Silva) – Großkreutz (77. Zidan), Lewandowski (63. Kuba), Götze – Barrios. Gelbe Karte: da Silva.

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2 Gedanken zu “Eine irdische Mannschaft

  1. “Der BVB hat nun zwei Heimspiele hintereinander, am Samstag geht es zunächst gegen den FSV Mainz, dem wir ja freundschaftlich verbunden sind.”

    *hust* die beiden Vereine und Fangruppen haben nun auch wirklich nichts miteinander. Eventfans in M1 und tiefe Vereinsliebe im Pott. Das passt nicht. Naja, aber wo die Liebe hinfällt.

    PS: Die Niederlage beim Kunstverein wirft Euch nicht zurück. Meisterschaft im eigenen Stadion feiern is eh schöner :-)

    Gruß aus Lautern

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  2. Ich meinte mit der Verbundenheit mehr die Verantwortlichen der beiden Vereine. Wobei ich beim Thema Event-/Erfolgsfans auch noch eine große Differenz zwischen einem Verein wie Mainz und den Sinsheimern sehe. Jedenfalls stehe ich den FSV-Fans neutral gegenüber, finde aber, dass die freundliche Atmosphäre dort (nach allem was ich gehört habe, war selbst noch nicht im Stadion) mal eine nette Abwechslung ist, auch wenn man das nicht jede Woche braucht.

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