Archiv | November 2011

Klarstellung

1. Bundesliga, 14. Spieltag / BVB 2 FC Schalke 0

Das ist geil! (Jürgen Klopp, 26.11.2011)

Derbysieger, Spitzenreiter. Am Mittwoch hatte Borussia Dortmund auf bittere Art und Weise auch das dritte Auswärtsspiel in der Champions League verloren. Am Samstag haben die schwarz-gelben Jungs erneut zurückgeschlagen und den ersten Derbysieg im Westfalenstadion seit 2007 geholt. Heute sprang als Bonus noch die Tabellenführung heraus.

Und was für ein Derbysieg war das denn bitte? Das 3:1 in Gelsenkirchen war trotz Fanboykott mindestens ebenso genial, aber die Überlegenheit, die der BVB gestern an den Tag legte, hat man in diesem Aufeinandertreffen seit Jahren nicht mehr gesehen. Das Tabellenbild und der von den Ergebnissen her ordentliche Start von Huub Stevens hatten im Vorfeld suggeriert, die Gäste befänden sich nahezu auf Augenhöhe mit dem Meister. Auf die Gefahr hin besserwisserisch zu wirken – ich hatte nicht daran geglaubt. Die Schalker Mannschaft ist noch lange nicht so homogen wie die Dortmunder und spätestens seit dem Ausfall des Schlüsselspielers Farfan war mir nicht mehr bange vor dem Derby.

Allergrößten Respekt nötigen zurzeit die Personalentscheidungen von Jürgen Klopp ab. Nach der Niederlage in London wurde erneut rotiert. Es geschah aus Leistungsgründen und zahlte sich aus. Kevin Großkreutz saß fast 90 Minuten auf der Bank, was das Fanherz nicht verstehen muss, der Verstand aber schon. So wie der ebenfalls nur eingewechselte Shinji Kagawa hatte Kevin am Mittwoch ein schwaches Spiel gemacht. Das dürfte eher der Grund für die Nichtberücksichtigung gewesen sein als durchwachsene Derby-Auftritte in der Vergangenheit. Robert Lewandowski stand erstmals in dieser Saison zusammen mit Lucas Barrios in der Startelf – eine klare Reaktion auf die erwartete defensive Ausrichtung der Gäste. Die größere Überraschung: Kuba durfte mal wieder die rechte Seite übernehmen.

Und alle Überlegungen des Trainers trugen Früchte. Robert Lewandowski hat den sprichwörtlichen Lauf – auch auf der ’10′ bzw. als hängende Spitze. Bei der verdienten Führung kam es gar nicht auf seine Position an. Einen Freistoß von rechts schlug Marcel Schmelzer lang in den Strafraum und Lewandowski war der Einzige, der richtig hochsprang und per Kopf traf. Als Blauer könnte man jetzt diskutieren, ob der Freistoß nach gestrecktem Bein von Fuchs gegen Kuba berechtigt war. Abgesehen davon, dass Schiedsrichter Meyer kaum sehen kann, was das Fernsehen nur mit der Lupe herausfand, hätte man in dieser Situation viel besser verteidigen können. Nicht ganz ausgeschlossen ist auch, dass der Schalker Stammkeeper der Vorsaison den Ball irgendwie hätte parieren können.

Lucas Barrios war zwar im Abschluss glücklos, beschäftigte und band jedoch Schalker Abwehrspieler. Kuba rechtfertigte seine Aufstellung erst recht. Er holte nicht nur den Freistoß heraus, sondern kam über rechts einige Male schön durch. Seine überlegte Flanke in den Rückraum führte zur größten Chance der ersten Halbzeit, bei der Unnerstall gegen Götze parierte und Barrios im Nachrutschen nur Matip und nicht den Ball traf. Eines hat sich jedoch nicht geändert: Der Torabschluss bleibt Kubas Schwäche Nummer eins.

Die Gäste waren 80 Minuten so unterlegen, dass sich der BVB gar nicht so viel Mühe geben musste wie in den letzten Spielen. In der ersten Halbzeit landeten lange Bälle aus der Schalker Hälfte reihenweise im Aus und bessere Mittel hatten die Blauen nicht. Natürlich verkauften sie sich auch unter Wert – diese Mannschaft kann immer noch kein Derby. Auf der anderen Seite standen ihnen aufmerksame Schwarz-Gelbe gegenüber, bei denen selbst die aus der Not geborene Paarung im defensiven Mittelfeld mit Kehl und Leitner sehr ordentlich funktionierte. Der 19-jährige Neuzugang von 1860 war sehr fleißig und hatte ein hohes Laufpensum (darf ja heute in keinem Bericht über den BVB fehlen), auch wenn von ihm noch lange nicht so viele Impulse ausgehen wie von Nuri Sahin. Das hat ja auch noch Zeit.

Die fünf bis zehn Minuten kurz nach der Pause, in denen die Schalker in die Offensive gingen, änderten kaum etwas am Gesamteindruck. Die Bilanz  der Gäste am Ende: Ein ernstzunehmender Weitschuss, den Weidenfeller wegfausten musste. Zwei Schüsse, die knapp neben oder über das Tor gingen. Der BVB hatte in der zweiten Hälfte eine Reihe von Chancen und nutzte eine. Nach einer Ecke von Götze und Vorarbeit von Kuba und Hummels parierte Unnerstall gegen Barrios. Der Ball sprang zu Santana, der im Rückraum lauerte und souverän einschob. Ein Tor, das man ihm nach der langen Warterei auf der Bank von Herzen gönnt.

Das war bereits im wesentlichen die Geschichte dieses wundervollen Derbys. Konzentriert, souverän und willensstark durchgezogen vom BVB. Von den ‘Anderen’ kann man das nicht behaupten. Der Unterschied war gestern beinahe noch größer als in der Vorsaison. Es tut mir ja leid für den FC Schalke, aber wenn wir weiterhin so gute Spieler aus dem Osten dazubekommen, wird die Borussia auf Jahre hinaus unschlagbar sein.

Die Aufstellung: Weidenfeller (7) – Piszczek (7), Santana (8), Hummels (8), Schmelzer (7) – Leitner (6), Kehl (7) – Kuba (7) (88. Großkreutz), Lewandowski (8), Götze (8) (78. Owomoyela) – Barrios (6) (88. Kagawa). Gelbe Karte: Kehl. Tore: Lewandowski, Santana

 

Noch auf der Waage

Champions League, 5. Spieltag / FC Arsenal 2 BVB 1

Jeder, der sich intensiver mit Fußball im allgemeinen und Borussia Dortmund im speziellen beschäftigt, konnte es gestern in der 48. Spielminute ahnen. Ich war sicher nicht der Einzige, den eine dunkle Vorahnung beschlich, als die Schwarz-Gelben kurz nach der Pause zwei hochkarätige Chancen nicht nutzten. In der Champions League, bei diesem Gegner und dieser Personallage. Nur eine Minute später wurden sie von Alex Song und Robin van Persie bestraft.

Das Wunder von London blieb aus. Aufgrund des Auswärtssiegs von Olympiakos Piräus, der bei einem eigenen Sieg natürlich positiv gewesen wäre, hat die Borussia selbst für das Erreichen von Platz 3 keine guten Karten mehr. Wie es im Detail zum 1:2 kam, wird von vielen Medien und Fans anderer Vereine übergangen werden – hier natürlich nicht. Die Borussia spielte in den ersten 20 Minuten sehr ordentlich, ohne Respekt und bestimmte die Partie. Nicht ohne das Augenmerk auch auf die Defensive zu legen. Hochkarätige Gelegenheiten waren jedoch vor allem deshalb selten, weil sich die Arsenal-Defensive inzwischen eingespielt zu haben scheint. Über weite Strecken standen Mertesacker und Kollegen sicher. Lewandowskis Versuch aus 20 Metern war bezeichnenderweise die beste BVB-Chance in der ersten Hälfte und hätte fast gepasst.

Gegen ein wiedererstarktes Spitzenteam wie die Gunners kann man Verletzungen von zwei der wichtigsten Spieler nicht so gut gebrauchen. Es passt wiederum zu dieser Champions League-Kampagne, dass den BVB dieses Schicksal ausgerechnet im Alles-oder-nichts-Spiel früh ereilte. Sven Bender wurde von Vermaelen im Zweikampf unabsichtlich mit dem Fuß im Gesicht getroffen und erlitt einen doppelten Kieferbruch. Er wird mehrere Wochen ausfallen. Gute Besserung, Manni! Schon einige Minuten zuvor war Mario Götze auf einen Gegenspieler aufgelaufen und musste sich mehrmals am Oberschenkel behandeln lassen, ehe entschieden wurde, dass auch er raus müsse. Bei ihm besteht Hoffnung auf einen Einsatz im Derby.

Für die beiden Schlüsselspieler wurden Moritz Leitner und Ivan Perisic eingewechselt. Beide sind Spieler, von denen wir in dieser Saison schon richtig gute Leistungen gesehen haben. Beide müssen jedoch noch an Zweikampfstärke und Defensivverhalten allgemein arbeiten. Durch die Änderungen ging die Balance im Spiel der Borussia verloren. Arsenal gewann an Spielanteilen und stand im Mittelfeld besser, fing Angriffe der Schwarz-Gelben schon früh ab. Allerdings verteidigte der BVB vorerst weiter sehr gut, so dass bis zur Pause eine Pattsituation entstand, die der ersten Hälfte in München ähnelte. Robin van Persie meldete sich allerdings in der 44. Minute erstmals zum Dienst, als er Santana versetzte und allein auf Weidenfeller zulief. Dieser kam aber im richtigen Moment aus dem Kasten und klärte hervorragend, ohne Foul zu spielen. Lies mehr …

BVB setzt Siegesserie gegen Lieblingsgegner fort

1. Bundesliga, 13. Spieltag / Bayern München 0 BVB 1

6:1 Tore, neun Punkte aus den letzten drei Partien gegen den FC Bayern. Das ist das, was zählt. Das kann man mitnehmen aus einem Spitzenspiel, das vor allem aufgrund der Spannung und der Tabellenkonstellation ‘spitze’ war. Spielerisch war es über weite Strecken kein Leckerbissen. Das war jedoch auch nicht zu erwarten. Es war klar, dass Jürgen Klopps BVB in München nicht naiv agieren und den Gastgebern Räume geben würde. Es war richtig, nach der Verletzung von Subotic und dem Fragezeichen hinter Schmelzer den Schwerpunkt auf defensive Stabilität zu legen. Es kam so, wie der Trainer es unter der Woche angedacht hatte: Die Schwarz-Gelben konnten die Roten auf ihr Niveau herunterziehen, die individuelle Klasse der Bayern zeigte sich nur selten.

Die Statistik-Datenbanken sind heutzutage nach einem Fußballspiel prall gefüllt. Es verwundert daher nicht, dass Sportportale und Fernseh-Redaktionen eine wichtige Tatsache erkannt haben: Der BVB hat eine beeindruckende Laufleistung gezeigt und eine deutlich längere ‘Strecke’ zurückgelegt als die Bayern. Nur so war es möglich, die Außen Ribery und Robben weitgehend aus dem Spiel zu nehmen. Nicht nur Piszczek und Schmelzer kümmerten sich um die Topstars – sie wurden entweder von ihren Vorderleuten oder aus der Innenverteidigung prima unterstützt. Da zudem das defensive Mittelfeld sehr aufmerksam, vorausschauend und zweikampfstark agierte, gab es für die Gastgeber kaum ein Durchkommen durch die Zentrale. Gerade Müller stand dort auf verlorenem Posten, so wie in der Konsequenz Gomez. Es war ein riesiger Unterschied zwischen dem spritzigen Müller auf der rechten Seite, wie im Holland-Spiel, und dem hilflosen Müller von gestern auf der ’10′ zu erkennen.

Der BVB fand schnell ins Spiel, auch Subotic-Ersatz Felipe Santana. Ins Spiel finden hieß gestern, die Bayern mit Offensivpressing früh zu stören, um sie nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Es hieß nicht, ein spielerisches Feuerwerk abzubrennen. Die Schwarz-Gelben wirkten über 65-70 Minuten sehr souverän im Mittelfeld und nicht wie eine verängstigte Auswärtsmannschaft. Dass die Bayern mehr Ballbesitz hatten, ist bei ihren Heimspielen nichts Neues. Echte Chancen gab es in der ersten Hälfte zwei. Ribery schoss aus guter zentraler Position deutlich über das Tor. Auf der anderen Seite tunnelte Lewandowski in einer sehenswerten Szene Badstuber und lupfte den Ball Richtung Tor, wo ihn Neuer verfehlte und Rafinha vor Großkreutz zur Ecke klärte. Lewandowski überzeugte gestern, obwohl ihm kein Tor gelang, mit technisch feinem Fußball und großem Einsatz auch im Mittelfeld. Er war an der Entstehung des Treffers durch Götze beteiligt. Lies mehr …

Die Borussia schießt sich warm

7:0 wäre ein gutes Gesamtergebnis aus den nächsten drei BVB-Spielen. 7:0 lautete das gute Resultat des Testspiels beim KFC Uerdingen, das Borussia Dortmund am Dienstag absolvierte. Es lief deutlich besser als beim letzten ‘Zwischenspiel’ in einer Länderspiel-Pause, als es nur einen knappen Sieg in Siegen gab. Welche Erkenntnisse kann man aus einer Partie bei einem NRW-Ligisten für die Begegnung mit dem letztjährigen Bundesliga-Dritten gewinnen? Zumindest die, dass Sebastian Kehl und Patrick Owomoyela topfit sind und bereit, wenn sie gebraucht werden. Vor allem aber, dass Kevin Großkreutz heiß ist auf die Topspiele der nächsten Tage. Vor allem in der ersten Halbzeit drehte er ordentlich auf, erzielte zwei Tore und bereitete ein weiteres von Nachwuchstalent Duksch vor, wie die Vereins-Homepage zu berichten weiß.

Aus den Länderspielen, an denen Borussen-Spieler beteiligt waren, sind bisher keine neuen Verletzungsprobleme hervorgegangen. Marcel Schmelzer war bereits vor einem möglichen Einsatz für Deutschland wieder nach Dortmund zurückgekehrt. Er laboriert an einer Wadenzerrung, sollte heute Lauftraining absolvieren und gegebenenfalls morgen wieder ins Mannschaftstraining einsteigen. Es ist trotzdem möglich, dass am Samstag Chris Löwe seine Position übernimmt. Oder jemand ganz anderes, was jedoch weniger wahrscheinlich ist. Mit Löwe hätte der BVB jedenfalls einen weiteren Spieler, der gute Standards treten kann. Dass die Aufgabe gegen Müller oder Robben nicht leicht wird, träfe ohnehin auf beide zu.

Felipe Santana wird den übel zugerichteten Neven Subotic ersetzen. Beim brasilianischen Innenverteidiger wird es maßgeblich darauf ankommen, wie er in das Spiel hineinfindet. Ein schneller Rückstand gegen die Bayern dürfte in dieser Saison problematischer sein als in der letzten. ‘Tele’ hat jedoch alle Fähigkeiten, um auch gegen diesen Gegner ein gutes Spiel zu machen. In der Pressekonferenz deutete Jürgen Klopp außerdem an, dass erneut Robert Lewandowski im Sturm beginnen wird. Einen Riesenbluff vermute ich in diesem Fall nicht, daher wird Lucas Barrios wohl zunächst auf der Bank sitzen.

Was muss man groß zum FC Bayern sagen? Etwa, dass man auf Mario Gomez, Thomas Müller und Franck Ribery aufpassen sollte? Dass Schweinsteiger den Gastgebern leistungsmäßig fehlen könnte? Dass es ein erneutes Duell Dortmund gegen Neuer werden kann? Jeder kennt die Bayern, jeder weiß, dass sie der Meisterschaftsfavorit sind, jeder würde verstehen, wenn die Schwarz-Gelben mit leeren Händen aus München zurückkommen. Klopp sagte in der PK, man müsse die Bayern auf das eigene Niveau herunterziehen. Verhindern, dass sie ihre volle Leistungskraft entfalten. Wir werden es sehen.

Ich habe Lust auf dieses Spiel und möchte mich mit dem FCB gar nicht lange aufhalten. Der kommt sowieso schon auf allen Kanälen. In der Pressekonferenz hatte ein gut gelaunter Jürgen Klopp am Ende wieder mal die Lacher auf seiner Seite. Vielleicht wird das am Samstagabend genauso sein.

Brügge sehen und siegen

Christoph Daum hat in dieser Woche in deutschen Medien viel Spott für seine Entscheidung einstecken müssen, beim FC Brügge anzuheuern. Stellvertretend seien hier Kommentare aus zwei Berliner Zeitungen zitiert. Dominik Bardow vom „Tagesspiegel“ schreckt zwar davor zurück, in der Überschrift den vollständigen Titel des sehr guten Spielfilms „Brügge sehen und sterben“ zu verwenden. In der Folge referiert er jedoch schön zusammengefasst die Handlung – Colin Farrell spielt einen Auftragsmörder, für den die belgische Stadt zur Endstation seiner Karriere (und seines Lebens) wird. Die Pointe am Ende des Textes ist, dass das natürlich überhaupt nichts mit Daum zu tun habe. Soll witzig sein, aber vielleicht sollte der Autor lieber für die Filmseite schreiben.

Markus Lotter schließt am Donnerstag in der „Berliner Zeitung“ mit großem Gedöns, dass man in diesem Fall zwischen subjektiver und objektiver Realität unterscheiden müsse. Auch er bemüht einen großen Film, Akira Kurosawas „Rashomon“. Nur um sich dann ganz schnöde auf die Seite der Daum-Basher zu schlagen:

Dieser Trainertransfer gibt einerseits einen eindeutigen Hinweis darauf, wie verzweifelt Christoph Daum mittlerweile sein muss. Andererseits zeigt er, wie klein sich der belgische Fußball mittlerweile denkt. (BLZ 10.11.2011, S. 14)

Der Kommentar redet also sowohl Daum als auch den belgischen Fußball klein und beinhaltet kurz vor Schluss noch dies: „Verbrannt und verpönt ist er in seiner Heimat, in der man ihn vor elf Jahren noch um ein Haar zum Bundestrainer gemacht hätte.“

Ist der Spott berechtigt? Ich halte das, wie man sich schon denken kann, für eine rhetorische Frage. Was der Autor der „Berliner Zeitung“ völlig ausblendet: Die belgische Nationalmannschaft hat sich in der EM-Qualifikation über weite Strecken nicht schlecht präsentiert und Platz 2 um zwei Punkte verpasst. Zwischendurch war schon die Rede von einer Renaissance der belgischen Auswahl. Wie sich das nach der verpassten Quali in den kommenden Jahren fortsetzt, ist zwar ungewiss, es gab jedoch positive Anzeichen.

Noch weniger ist zu verstehen, warum der FC Brügge so schlecht wegkommt. Ok, der Club hat es vor sechs Jahren zum letzten Mal in die Champions League geschafft. Aber wie viele deutsche Traditionsvereine wären stolz darauf, wenn sie das von sich behaupten könnten? In der Liga war Brügge nur einmal in den letzten zehn Jahren nicht unter den ersten fünf platziert. Und in der Europa League und ihrem Vorgängerwettbewerb haben sie es in diesem Zeitraum bis auf einmal immer mindestens in die Gruppenphase geschafft. Nicht nur als Borussia Dortmund-Fan sage ich: es gibt keinen Grund, den FC Brügge zu unterschätzen.

Die oben zitierten und andere negative Kommentare zu Daums Ernennung in Brügge beziehen sich wohl eher auf die Person Daum als auf seinen neuen Verein. Nur ersteren kennen die beiden Autoren wirklich und sie haben insofern recht, als dass er in Deutschland auf höchstem Niveau zurzeit nicht mehr vermittelbar ist. Aber was gibt es dann an der Entscheidung zu kritisieren, bei einem ambitionierten Verein, der im letzten Jahrzehnt im europäischen Fußball einen ordentlichen Namen hatte und noch dazu in der Nähe der Heimat liegt, einen neuen Anlauf zu nehmen? Der Name Daum ist nur in Deutschland verbrannt – international geht man vorurteilsloser mit der Person um und würdigt seine Leistungen im Ausland, in der Türkei.

Es kann schiefgehen. Es gibt jedoch keinen rationalen Grund, warum der FC Brügge für Christoph Daum eine Endstation und der finale Karriereknick sein muss. Einige belgische Zeitungen haben ihn so ähnlich empfangen wie ihn die deutschen Medien verabschiedet haben. Trotzdem dürfte man unvoreingenommener mit ihm umgehen und der Druck wird etwas geringer sein. Viel mehr als die Kritik an Daum finde ich jedoch die undifferenziert herablassende Haltung gegenüber dem belgischen Fußball insgesamt fehl am Platze.

(Quelle: Transfermarkt.de)

In Wembley war er besser

Vor vier Monaten trat Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann seinen ersten Trainerjob beim englischen Fünftligisten Stockport County an. Heute ist er zurückgetreten. Hamann erwartete damals im Juli den Einstieg einer Investorengruppe um Tony Evans, die finanzielle Mittel bereitstellen wollte, um den direkten Wiederaufstieg des Clubs in den Profifußball zu schaffen. Der Deal kam nicht zustande und damit erklärte der Trainernovize heute seinen Rücktritt. Hamann redet von gebrochenen Versprechen. Leider kann das nicht ganz aufrichtig wirken, wenn man erst nach 19 Spieltagen die entsprechenden Konsequenzen zieht. Der frühe Aufstiegsfavorit Stockport rangiert zurzeit auf Platz 17 (von 24) in der Conference National. Man sollte daher auch den aktuellen Vorsitzenden des Vereins, Lord Snape, zu Wort kommen lassen:

I found him a good guy to work with, very professional, but results haven’t gone where he, I or the club would have liked.

So oder so – Hamanns Trainerkarriere hat nicht gerade vielversprechend begonnen. Bleibt er im Mutterland des Sports, wird er erst mal klein anfangen müssen.

Der andere Deutsche, der in diesem Jahr einen Trainerposten in England übernommen hat, Uwe Rösler, ist übrigens noch im Amt und mit dem Drittligisten Brentford gut im Rennen. Nach 17 Spielen liegt der Londoner Club auf Platz 9, nur zwei Punkte hinter den Play-Off-Rängen. Vor seinem Engagement in der League One hatte Rösler allerdings schon Erfahrungen in Norwegen gesammelt.

Bezaubernde Borussia

1. Bundesliga, 12. Spieltag / BVB 5 VFL Wolfsburg 1

Es schien so, als wollten die Schwarz-Gelben allen zeigen, dass sie sich auch zukünftig nicht dem Diktat der gnadenlosen Rationalität und Ergebnisorientierung unterwerfen möchten. Nach dem erarbeiteten Pfichtsieg gegen Piräus hätte man im gestrigen Ligaspiel nach dem 3:1 das Ergebnis bequem verwalten können und niemand hätte die neue, effektive Borussia kritisiert. Die Wolfsburger wären nach der schnellen Antwort auf ihren Anschlusstreffer nicht mehr zurückgekommen. Aber einige der jungen Männer auf dem Rasen wussten, dass an diesem Tag noch mehr drin war und sie wollten es den erneut über 80.000 Zuschauern zeigen. Shinji Kagawa, Mario Götze, Robert Lewandowski und auch der 18-jährige Moritz Leitner zelebrierten Fußball wie in der Meistersaison – selbstverständlich mit tatkräftiger Unterstützung aller Mitspieler.

Niemand weiß, wie es zum Ende der Saison stehen wird, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist die Systemfrage eindeutig geklärt: Das ‘System Klopp’ hat über das ‘System Magath’ triumphiert. Der BVB präsentierte eine junge, homogene und willensstarke Mannschaft, Magaths Wolfsburger wirkten wie ein zusammengewürfelter Haufen, der auf Rezepte von gestern setzt. Nehmen wir nur den Abwehrkoloss Kyrgiakos. Stellvertretend für das Team zeigte er, wieviel langsamer die Gäste gedanklich und physisch waren. Wie viele andere Mitspieler kompensierte der Grieche diese Defizite mit Härte. Natürlich wollte er Neven Subotic nicht die Gesichtsknochen zertrümmern. Vielleicht kann er gar nicht anders zum Kopfball gehen als in der fraglichen Szene. Dann ist er aber auch nicht länger für Fußball auf höchstem Niveau geeignet. Es war jedoch die gesamte Wolfsburger Defensive, die ein ums andere Mal hilflos wirkte – obwohl Magath wie erwartet nicht auf Dreierkette umgestellt hatte.

Die Defizite von Wolfsburg und Magath kamen in dieser Gegenüberstellung besonders eklatant zum Vorschein. Höchstwahrscheinlich wird es dem Trainer und Sportvorstand noch gelingen, an der einen oder anderen Schraube zu drehen und wenn das nicht hilft, wird er sich eben im Winter erneut auf dem Transfermarkt umsehen. Was die Autokicker besonders gestern, aber auch in manchem Spiel zuvor anboten, ist jedenfalls von der Konzeptlosigkeit geprägt, die man Magath seit seinem Machtzuwachs in Gelsenkirchen ankreiden kann. Lies mehr …

Der Gebrauchtspielerhändler

Der Ansehensverlust, den der aktuelle Trainer des VFL Wolfsburg in den letzten zwei Jahren erlitten hat, ist beträchtlich. Felix Magath has lost the plot – der englische Satz drückt es besser aus als deutsche Alternativen. Gründe und Zeitpunkt liegen auf der Hand: Seit Magath in Gelsenkirchen der im Rahmen eines gewissen Budgets Alleinverantwortliche für Transfers geworden ist, hakt es in seinen Teams. Im ersten Schalker Jahr war wenig Geld zum Ausgeben da, in der zweiten Saison verhedderte sich der ehemalige Startrainer im internationalen Transfergestrüpp. Die Anlagen, viele Spieler auszuprobieren und dabei nicht immer genügend Geduld zu haben, waren schon vorher erkennbar.

Beim Quasi-Werksclub aus Wolfsburg sieht die Tendenz ähnlich aus. Als Manager britischen Schlags hat Magath in eigener Verantwortung erneut eine Mischung zusammengestellt, deren Tauglichkeit noch zu beweisen wäre: Ältere, ehemals profilierte Spieler, die der ‘Trainager’ noch von früher kennt. Internationale Spieler, denen Magath Potenzial zuspricht, die es aber unterschiedlich gut unter Beweis stellen und daher häufig wie aus der Wundertüte gegriffen wirken. Und jüngere Spieler, die neuerdings sogar gelegentlich aus dem Nachwuchs des Vereins kommen.

Über seinen Transferaktivitäten scheint Magath jedoch das Teambuilding zu vergessen. Bekanntlich war der 58-jährige noch nie ein ‘Spielerversteher’, sondern wurde in der Vergangenheit eher mit Begriffen wie ‘Schleifer’ und noch weniger Schmeichelhaftem bedacht. Seine Fähigkeiten als Trainer und der daraus resultierende Erfolg haben Magaths Mannschaften immer irgendwie zusammengehalten. In seinem letzten Jahr bei S 04 und nun bei Wolfsburg gilt das nur noch bedingt. Die Ergebnisse und Auftritte sind sehr unkonstant. Magath scheint weder bei der Auswahl der Spieler auf dem Transfermarkt noch bei der täglichen Trainingsarbeit sonderlich Wert auf die charakterliche Struktur der Mannschaft zu legen. Vielleicht ist er damit aber auch schlicht überfordert.

Felix Magath hat andererseits viel Erfahrung und ist taktisch mit allen Wassern gewaschen. Das Heimspiel von Borussia Dortmund am Samstag wird also eher kein Selbstläufer. Hier und da wird über ein 3-5-2-System der Gäste gemunkelt, also eine Dreier-Abwehr, die sich bei Bedarf mit Hilfe der Flügelspieler in eine Fünferkette verwandelt. Diese taktische Aufstellung verbindet zwar auf dem Papier die Vorteile einer sicheren Abwehr mit denen eines stark besetzten Mittelfelds, sie ist aber anfällig bei schnellen Gegenzügen und funktioniert nur, wenn vor allem die Flügelspieler blitzschnell mitdenken. Sonst finden sich selbst drei Innenverteidiger schnell mal auf verlorenem Posten wieder. Ich bezweifle daher, dass Magath ausgerechnet beim wiedererstarkten Meister dieses Risiko eingeht.

Personell gibt es bei den Gästen nur zwei feststehende, bedeutsame Ausfälle: Neuzugang Srdjan Lakic fehlt noch wegen einer Meniskusquetschung. Neuzugang Thomas Hitzlsperger muss sich einer Knie-OP unterziehen. Lakics Sturmkollege Mandzukic dürfte sich bis übermorgen von seiner Erkältung erholen. Dass Innenverteidiger Alexander Madlung nach einem Faserriss voraussichtlich nicht rechtzeitig fit werden wird, spricht ebenfalls gegen die oben diskutierte taktische Variante.

Bei der Borussia steht das größte Fragezeichen hinter Sven Bender. Nach seiner Fußverletzung soll das Mittelfeld-Kraftwerk (wie er vermutlich in England bezeichnet werden würde) morgen wieder ins Mannschaftstraining einsteigen. Soll. Wenn Bender bis Samstag fit würde, wäre er unverzichtbar. Sollten noch ein paar Prozent fehlen, dürfte es erneut auf die Kombination Kehl – Leitner im defensiven Mittelfeld hinauslaufen. Eine hier schon mal angedachte Variante für den Sturm hält auch Jürgen Klopp für möglich: Aufgrund der starken Leistungen von Robert Lewandowski und der wieder hergestellten Fitness von Lucas Barrios ist nicht ausgeschlossen, dass gegen Wolfsburg beide in der Startelf stehen. Wer dann außer Mario Götze dahinter bzw. daneben spielt, ist weitgehend offen. Kevin Großkreutz hat in der Champions League Boden gut gemacht und ist für Heimspiele immer eine Option.

Mit einem Heimsieg gegen die weiterhin wenig sympathischen Wolfsburger könnte die Borussia eine gute Ausgangssituation für die spannenden Tage nach der Länderspielpause schaffen. Wenn es zum Aufeinandertreffen mit den Bayern, Arsenal und Schalke kommt. Daran sollte jedoch vor der Partie am Samstag niemand einen Gedanken verschwenden. Denn bei allem, was man an Felix Magath kritisieren kann – ein Trainerfuchs ist er nach wie vor. Und seine Wölfe werden zuschlagen, wenn sie Schwäche wittern. Was wie eine billige Metapher klingt, scheint mir gar nicht weit hergeholt – denn am meisten fehlen den Wolfsburgern Selbstbewusstsein und ein richtiges Erfolgserlebnis. Das sollten wir ihnen nicht verschaffen.

Ergebnisorientiert und manchmal schön

Champions League, 4. Spieltag / BVB 1 Olympiakos Piräus 0

Es war, wie in meinem Beitrag vor dem Stuttgart-Spiel festgestellt: Jürgen Klopp und die Mannschaft zogen vor der vierten Partie der CL-Gruppenphase die richtigen Schlüsse. Gegen Olympiakos zeigte sich einmal mehr, dass der Trainer diese Fähigkeit besitzt. Zur Belohnung gab es den Pflichtsieg, der dem BVB alle Chancen auf Platz 3 lässt und die winzige Chance auf ein Weiterkommen am Leben erhält.

Zeitweise war das gestern spielerische Hausmannskost. Abwehr und Mittelfeld scheuten sich nicht, hinterum zu spielen, wenn ein Pass nach vorne zu riskant erschien. Immer wieder zogen sie den rustikalen Ball ins Aus einer spielerischen Klärung brenzliger Situationen vor. Das war gut so, denn Olympiakos deutete auch im Westfalenstadion an, dass sie kein Zählkandidat im Wettbewerb bleiben wollen. Und die schwarz-gelbe Defensive stand trotz einfacherer Spielweise nicht in jeder Situation sicher. Selbst Roman Weidenfeller nicht. Der Torwart hielt bei einigen Szenen gut – einmal unterlief er jedoch bei einer Ecke den Ball und kurz vor der Pause lief er im Fünfmeterraum gegen den griechischen Innenverteidiger Papadopoulos, um dann Foulspiel des Gegenspielers zu reklamieren. Mats Hummels klärte die Situation mit der Hand, es hätte daher Elfmeter für Piräus geben können.

Weitere Unsicherheiten leisteten sich Neven Subotic und vor allem in der ersten Halbzeit Marcel Schmelzer. Der Linksverteidiger stand zu oft falsch, zu weit weg vom Mann und verlor einige Laufduelle. In der Form von gestern ist er für europäischen Spitzenfußball nicht tauglich. Wollen wir hoffen, dass er sich wie in der Bundesliga wieder fängt.

Es gab jedoch auch das Schöne in diesem Spiel. Nicht jeder hätte es von Kevin Großkreutz erwartet. Schon in der 3. Minute leistete er mit Kopf und Fuß tolle Vorarbeit zu einer Chance von Perisic. Vier Minuten später schloss Mario Götze nicht selber ab, sondern registrierte den im Rückraum freien Großkreutz und legte ihm den Ball für einen feinen, prallen Schuss aus fast 25 Metern auf, bei dem der in der Anfangsphase unsichere Olympiakos-Keeper keine Chance hatte.

Im Mittelfeld, neben Sebastian Kehl, feierte Moritz Leitner ein gelungenes Startelf-Debüt. Sven Bender hatte verletzt passen müssen und Klopp zog den 18-jährigen dem etwas älteren, formschwachen Gündogan vor. Die ganz große Lobeshymne will ich jedoch noch nicht anstimmen. Leitner stieß öfter prima in Lücken vor und spielte eine Reihe von gelungenen Pässen. Geniestreiche waren jedoch nicht dabei, seine beiden Torschüsse in der zweiten Hälfte stellten auch kein echtes Problem für den Gästetorwart dar. Generell fehlten zündende Ideen aus dem Mittelfeld, weil auch Mario Götze nach schwungvollem Beginn nachließ. Nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass auch er nach dem Stuttgart-Spiel angeschlagen war.

Die beste Szene der zweiten Hälfte hatte Robert Lewandowski. Einfach toll, wie er den zu kurzen Rückpass von Holebas vorausahnt und sich blitzschnell den Ball erkämpft. Dass er dann aus sehr spitzem Winkel nur den Pfosten trifft, ist verzeihbar. Perfekt wäre es gewesen, wenn er den Ball auf den nachkommenden Mitspieler zurückgelegt hätte. Insgesamt war es wieder ein engagierter Auftritt unseres Torjägers, der sehr oft gefoult wurde. Kagawa, der für Götze kam, brachte noch mal etwas Schwung in die Partie, aber letztlich spielte der BVB eine ergebnisorientierte Schlussphase, in der man nur noch vereinzelt vielversprechende Angriffe der Gäste zuließ.

Es war gut zu sehen, dass die Schwarz-Gelben auch eine solche Spielweise beherrschen. Gestern ging es nicht mehr um Schönheit, sondern nur noch um drei Punkte. Klar ist, dass es einer deutlichen Leistungssteigerung auf allen Positionen bedarf, um aus London etwas Zählbares mitzunehmen. Für das Erreichen des Achtelfinals würde ohnehin nur ein Sieg zählen. Das Unentschieden zwischen Arsenal und Marseille führt dazu, dass die Borussia nicht nur die letzten beiden Spiele gewinnen muss, sondern auch noch den direkten Vergleich gegen die Franzosen, bei dem es momentan 0:3 steht. Oder Olympiakos leistet gegen einen der beiden Gegner noch unerwartet Schützenhilfe. Realistisch ist etwas anderes – Platz 3. Damit darf man in dieser Saison noch zufrieden sein.

Die Aufstellung: Weidenfeller (6) – Piszczek (7), Subotic (6), Hummels (7), Schmelzer (4) – Kehl (6), Leitner (7) – Perisic (6), Götze (6), Großkreutz (7) – Lewandowski (7). Gelbe Karte: Perisic. Tor: Großkreutz.

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