Noch auf der Waage
Champions League, 5. Spieltag / FC Arsenal 2 BVB 1
Jeder, der sich intensiver mit Fußball im allgemeinen und Borussia Dortmund im speziellen beschäftigt, konnte es gestern in der 48. Spielminute ahnen. Ich war sicher nicht der Einzige, den eine dunkle Vorahnung beschlich, als die Schwarz-Gelben kurz nach der Pause zwei hochkarätige Chancen nicht nutzten. In der Champions League, bei diesem Gegner und dieser Personallage. Nur eine Minute später wurden sie von Alex Song und Robin van Persie bestraft.
Das Wunder von London blieb aus. Aufgrund des Auswärtssiegs von Olympiakos Piräus, der bei einem eigenen Sieg natürlich positiv gewesen wäre, hat die Borussia selbst für das Erreichen von Platz 3 keine guten Karten mehr. Wie es im Detail zum 1:2 kam, wird von vielen Medien und Fans anderer Vereine übergangen werden – hier natürlich nicht. Die Borussia spielte in den ersten 20 Minuten sehr ordentlich, ohne Respekt und bestimmte die Partie. Nicht ohne das Augenmerk auch auf die Defensive zu legen. Hochkarätige Gelegenheiten waren jedoch vor allem deshalb selten, weil sich die Arsenal-Defensive inzwischen eingespielt zu haben scheint. Über weite Strecken standen Mertesacker und Kollegen sicher. Lewandowskis Versuch aus 20 Metern war bezeichnenderweise die beste BVB-Chance in der ersten Hälfte und hätte fast gepasst.
Gegen ein wiedererstarktes Spitzenteam wie die Gunners kann man Verletzungen von zwei der wichtigsten Spieler nicht so gut gebrauchen. Es passt wiederum zu dieser Champions League-Kampagne, dass den BVB dieses Schicksal ausgerechnet im Alles-oder-nichts-Spiel früh ereilte. Sven Bender wurde von Vermaelen im Zweikampf unabsichtlich mit dem Fuß im Gesicht getroffen und erlitt einen doppelten Kieferbruch. Er wird mehrere Wochen ausfallen. Gute Besserung, Manni! Schon einige Minuten zuvor war Mario Götze auf einen Gegenspieler aufgelaufen und musste sich mehrmals am Oberschenkel behandeln lassen, ehe entschieden wurde, dass auch er raus müsse. Bei ihm besteht Hoffnung auf einen Einsatz im Derby.
Für die beiden Schlüsselspieler wurden Moritz Leitner und Ivan Perisic eingewechselt. Beide sind Spieler, von denen wir in dieser Saison schon richtig gute Leistungen gesehen haben. Beide müssen jedoch noch an Zweikampfstärke und Defensivverhalten allgemein arbeiten. Durch die Änderungen ging die Balance im Spiel der Borussia verloren. Arsenal gewann an Spielanteilen und stand im Mittelfeld besser, fing Angriffe der Schwarz-Gelben schon früh ab. Allerdings verteidigte der BVB vorerst weiter sehr gut, so dass bis zur Pause eine Pattsituation entstand, die der ersten Hälfte in München ähnelte. Robin van Persie meldete sich allerdings in der 44. Minute erstmals zum Dienst, als er Santana versetzte und allein auf Weidenfeller zulief. Dieser kam aber im richtigen Moment aus dem Kasten und klärte hervorragend, ohne Foul zu spielen. Lies mehr …
BVB setzt Siegesserie gegen Lieblingsgegner fort
1. Bundesliga, 13. Spieltag / Bayern München 0 BVB 1
6:1 Tore, neun Punkte aus den letzten drei Partien gegen den FC Bayern. Das ist das, was zählt. Das kann man mitnehmen aus einem Spitzenspiel, das vor allem aufgrund der Spannung und der Tabellenkonstellation ‘spitze’ war. Spielerisch war es über weite Strecken kein Leckerbissen. Das war jedoch auch nicht zu erwarten. Es war klar, dass Jürgen Klopps BVB in München nicht naiv agieren und den Gastgebern Räume geben würde. Es war richtig, nach der Verletzung von Subotic und dem Fragezeichen hinter Schmelzer den Schwerpunkt auf defensive Stabilität zu legen. Es kam so, wie der Trainer es unter der Woche angedacht hatte: Die Schwarz-Gelben konnten die Roten auf ihr Niveau herunterziehen, die individuelle Klasse der Bayern zeigte sich nur selten.
Die Statistik-Datenbanken sind heutzutage nach einem Fußballspiel prall gefüllt. Es verwundert daher nicht, dass Sportportale und Fernseh-Redaktionen eine wichtige Tatsache erkannt haben: Der BVB hat eine beeindruckende Laufleistung gezeigt und eine deutlich längere ‘Strecke’ zurückgelegt als die Bayern. Nur so war es möglich, die Außen Ribery und Robben weitgehend aus dem Spiel zu nehmen. Nicht nur Piszczek und Schmelzer kümmerten sich um die Topstars – sie wurden entweder von ihren Vorderleuten oder aus der Innenverteidigung prima unterstützt. Da zudem das defensive Mittelfeld sehr aufmerksam, vorausschauend und zweikampfstark agierte, gab es für die Gastgeber kaum ein Durchkommen durch die Zentrale. Gerade Müller stand dort auf verlorenem Posten, so wie in der Konsequenz Gomez. Es war ein riesiger Unterschied zwischen dem spritzigen Müller auf der rechten Seite, wie im Holland-Spiel, und dem hilflosen Müller von gestern auf der ’10′ zu erkennen.
Der BVB fand schnell ins Spiel, auch Subotic-Ersatz Felipe Santana. Ins Spiel finden hieß gestern, die Bayern mit Offensivpressing früh zu stören, um sie nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Es hieß nicht, ein spielerisches Feuerwerk abzubrennen. Die Schwarz-Gelben wirkten über 65-70 Minuten sehr souverän im Mittelfeld und nicht wie eine verängstigte Auswärtsmannschaft. Dass die Bayern mehr Ballbesitz hatten, ist bei ihren Heimspielen nichts Neues. Echte Chancen gab es in der ersten Hälfte zwei. Ribery schoss aus guter zentraler Position deutlich über das Tor. Auf der anderen Seite tunnelte Lewandowski in einer sehenswerten Szene Badstuber und lupfte den Ball Richtung Tor, wo ihn Neuer verfehlte und Rafinha vor Großkreutz zur Ecke klärte. Lewandowski überzeugte gestern, obwohl ihm kein Tor gelang, mit technisch feinem Fußball und großem Einsatz auch im Mittelfeld. Er war an der Entstehung des Treffers durch Götze beteiligt. Lies mehr …
Brügge sehen und siegen
Christoph Daum hat in dieser Woche in deutschen Medien viel Spott für seine Entscheidung einstecken müssen, beim FC Brügge anzuheuern. Stellvertretend seien hier Kommentare aus zwei Berliner Zeitungen zitiert. Dominik Bardow vom „Tagesspiegel“ schreckt zwar davor zurück, in der Überschrift den vollständigen Titel des sehr guten Spielfilms „Brügge sehen und sterben“ zu verwenden. In der Folge referiert er jedoch schön zusammengefasst die Handlung – Colin Farrell spielt einen Auftragsmörder, für den die belgische Stadt zur Endstation seiner Karriere (und seines Lebens) wird. Die Pointe am Ende des Textes ist, dass das natürlich überhaupt nichts mit Daum zu tun habe. Soll witzig sein, aber vielleicht sollte der Autor lieber für die Filmseite schreiben.
Markus Lotter schließt am Donnerstag in der „Berliner Zeitung“ mit großem Gedöns, dass man in diesem Fall zwischen subjektiver und objektiver Realität unterscheiden müsse. Auch er bemüht einen großen Film, Akira Kurosawas „Rashomon“. Nur um sich dann ganz schnöde auf die Seite der Daum-Basher zu schlagen:
Dieser Trainertransfer gibt einerseits einen eindeutigen Hinweis darauf, wie verzweifelt Christoph Daum mittlerweile sein muss. Andererseits zeigt er, wie klein sich der belgische Fußball mittlerweile denkt. (BLZ 10.11.2011, S. 14)
Der Kommentar redet also sowohl Daum als auch den belgischen Fußball klein und beinhaltet kurz vor Schluss noch dies: „Verbrannt und verpönt ist er in seiner Heimat, in der man ihn vor elf Jahren noch um ein Haar zum Bundestrainer gemacht hätte.“
Ist der Spott berechtigt? Ich halte das, wie man sich schon denken kann, für eine rhetorische Frage. Was der Autor der „Berliner Zeitung“ völlig ausblendet: Die belgische Nationalmannschaft hat sich in der EM-Qualifikation über weite Strecken nicht schlecht präsentiert und Platz 2 um zwei Punkte verpasst. Zwischendurch war schon die Rede von einer Renaissance der belgischen Auswahl. Wie sich das nach der verpassten Quali in den kommenden Jahren fortsetzt, ist zwar ungewiss, es gab jedoch positive Anzeichen.
Noch weniger ist zu verstehen, warum der FC Brügge so schlecht wegkommt. Ok, der Club hat es vor sechs Jahren zum letzten Mal in die Champions League geschafft. Aber wie viele deutsche Traditionsvereine wären stolz darauf, wenn sie das von sich behaupten könnten? In der Liga war Brügge nur einmal in den letzten zehn Jahren nicht unter den ersten fünf platziert. Und in der Europa League und ihrem Vorgängerwettbewerb haben sie es in diesem Zeitraum bis auf einmal immer mindestens in die Gruppenphase geschafft. Nicht nur als Borussia Dortmund-Fan sage ich: es gibt keinen Grund, den FC Brügge zu unterschätzen.
Die oben zitierten und andere negative Kommentare zu Daums Ernennung in Brügge beziehen sich wohl eher auf die Person Daum als auf seinen neuen Verein. Nur ersteren kennen die beiden Autoren wirklich und sie haben insofern recht, als dass er in Deutschland auf höchstem Niveau zurzeit nicht mehr vermittelbar ist. Aber was gibt es dann an der Entscheidung zu kritisieren, bei einem ambitionierten Verein, der im letzten Jahrzehnt im europäischen Fußball einen ordentlichen Namen hatte und noch dazu in der Nähe der Heimat liegt, einen neuen Anlauf zu nehmen? Der Name Daum ist nur in Deutschland verbrannt – international geht man vorurteilsloser mit der Person um und würdigt seine Leistungen im Ausland, in der Türkei.
Es kann schiefgehen. Es gibt jedoch keinen rationalen Grund, warum der FC Brügge für Christoph Daum eine Endstation und der finale Karriereknick sein muss. Einige belgische Zeitungen haben ihn so ähnlich empfangen wie ihn die deutschen Medien verabschiedet haben. Trotzdem dürfte man unvoreingenommener mit ihm umgehen und der Druck wird etwas geringer sein. Viel mehr als die Kritik an Daum finde ich jedoch die undifferenziert herablassende Haltung gegenüber dem belgischen Fußball insgesamt fehl am Platze.
(Quelle: Transfermarkt.de)
In Wembley war er besser
Vor vier Monaten trat Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann seinen ersten Trainerjob beim englischen Fünftligisten Stockport County an. Heute ist er zurückgetreten. Hamann erwartete damals im Juli den Einstieg einer Investorengruppe um Tony Evans, die finanzielle Mittel bereitstellen wollte, um den direkten Wiederaufstieg des Clubs in den Profifußball zu schaffen. Der Deal kam nicht zustande und damit erklärte der Trainernovize heute seinen Rücktritt. Hamann redet von gebrochenen Versprechen. Leider kann das nicht ganz aufrichtig wirken, wenn man erst nach 19 Spieltagen die entsprechenden Konsequenzen zieht. Der frühe Aufstiegsfavorit Stockport rangiert zurzeit auf Platz 17 (von 24) in der Conference National. Man sollte daher auch den aktuellen Vorsitzenden des Vereins, Lord Snape, zu Wort kommen lassen:
I found him a good guy to work with, very professional, but results haven’t gone where he, I or the club would have liked.
So oder so – Hamanns Trainerkarriere hat nicht gerade vielversprechend begonnen. Bleibt er im Mutterland des Sports, wird er erst mal klein anfangen müssen.
Der andere Deutsche, der in diesem Jahr einen Trainerposten in England übernommen hat, Uwe Rösler, ist übrigens noch im Amt und mit dem Drittligisten Brentford gut im Rennen. Nach 17 Spielen liegt der Londoner Club auf Platz 9, nur zwei Punkte hinter den Play-Off-Rängen. Vor seinem Engagement in der League One hatte Rösler allerdings schon Erfahrungen in Norwegen gesammelt.
Ergebnisorientiert und manchmal schön
Champions League, 4. Spieltag / BVB 1 Olympiakos Piräus 0
Es war, wie in meinem Beitrag vor dem Stuttgart-Spiel festgestellt: Jürgen Klopp und die Mannschaft zogen vor der vierten Partie der CL-Gruppenphase die richtigen Schlüsse. Gegen Olympiakos zeigte sich einmal mehr, dass der Trainer diese Fähigkeit besitzt. Zur Belohnung gab es den Pflichtsieg, der dem BVB alle Chancen auf Platz 3 lässt und die winzige Chance auf ein Weiterkommen am Leben erhält.
Zeitweise war das gestern spielerische Hausmannskost. Abwehr und Mittelfeld scheuten sich nicht, hinterum zu spielen, wenn ein Pass nach vorne zu riskant erschien. Immer wieder zogen sie den rustikalen Ball ins Aus einer spielerischen Klärung brenzliger Situationen vor. Das war gut so, denn Olympiakos deutete auch im Westfalenstadion an, dass sie kein Zählkandidat im Wettbewerb bleiben wollen. Und die schwarz-gelbe Defensive stand trotz einfacherer Spielweise nicht in jeder Situation sicher. Selbst Roman Weidenfeller nicht. Der Torwart hielt bei einigen Szenen gut – einmal unterlief er jedoch bei einer Ecke den Ball und kurz vor der Pause lief er im Fünfmeterraum gegen den griechischen Innenverteidiger Papadopoulos, um dann Foulspiel des Gegenspielers zu reklamieren. Mats Hummels klärte die Situation mit der Hand, es hätte daher Elfmeter für Piräus geben können.
Weitere Unsicherheiten leisteten sich Neven Subotic und vor allem in der ersten Halbzeit Marcel Schmelzer. Der Linksverteidiger stand zu oft falsch, zu weit weg vom Mann und verlor einige Laufduelle. In der Form von gestern ist er für europäischen Spitzenfußball nicht tauglich. Wollen wir hoffen, dass er sich wie in der Bundesliga wieder fängt.
Es gab jedoch auch das Schöne in diesem Spiel. Nicht jeder hätte es von Kevin Großkreutz erwartet. Schon in der 3. Minute leistete er mit Kopf und Fuß tolle Vorarbeit zu einer Chance von Perisic. Vier Minuten später schloss Mario Götze nicht selber ab, sondern registrierte den im Rückraum freien Großkreutz und legte ihm den Ball für einen feinen, prallen Schuss aus fast 25 Metern auf, bei dem der in der Anfangsphase unsichere Olympiakos-Keeper keine Chance hatte.
Im Mittelfeld, neben Sebastian Kehl, feierte Moritz Leitner ein gelungenes Startelf-Debüt. Sven Bender hatte verletzt passen müssen und Klopp zog den 18-jährigen dem etwas älteren, formschwachen Gündogan vor. Die ganz große Lobeshymne will ich jedoch noch nicht anstimmen. Leitner stieß öfter prima in Lücken vor und spielte eine Reihe von gelungenen Pässen. Geniestreiche waren jedoch nicht dabei, seine beiden Torschüsse in der zweiten Hälfte stellten auch kein echtes Problem für den Gästetorwart dar. Generell fehlten zündende Ideen aus dem Mittelfeld, weil auch Mario Götze nach schwungvollem Beginn nachließ. Nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass auch er nach dem Stuttgart-Spiel angeschlagen war.
Die beste Szene der zweiten Hälfte hatte Robert Lewandowski. Einfach toll, wie er den zu kurzen Rückpass von Holebas vorausahnt und sich blitzschnell den Ball erkämpft. Dass er dann aus sehr spitzem Winkel nur den Pfosten trifft, ist verzeihbar. Perfekt wäre es gewesen, wenn er den Ball auf den nachkommenden Mitspieler zurückgelegt hätte. Insgesamt war es wieder ein engagierter Auftritt unseres Torjägers, der sehr oft gefoult wurde. Kagawa, der für Götze kam, brachte noch mal etwas Schwung in die Partie, aber letztlich spielte der BVB eine ergebnisorientierte Schlussphase, in der man nur noch vereinzelt vielversprechende Angriffe der Gäste zuließ.
Es war gut zu sehen, dass die Schwarz-Gelben auch eine solche Spielweise beherrschen. Gestern ging es nicht mehr um Schönheit, sondern nur noch um drei Punkte. Klar ist, dass es einer deutlichen Leistungssteigerung auf allen Positionen bedarf, um aus London etwas Zählbares mitzunehmen. Für das Erreichen des Achtelfinals würde ohnehin nur ein Sieg zählen. Das Unentschieden zwischen Arsenal und Marseille führt dazu, dass die Borussia nicht nur die letzten beiden Spiele gewinnen muss, sondern auch noch den direkten Vergleich gegen die Franzosen, bei dem es momentan 0:3 steht. Oder Olympiakos leistet gegen einen der beiden Gegner noch unerwartet Schützenhilfe. Realistisch ist etwas anderes – Platz 3. Damit darf man in dieser Saison noch zufrieden sein.
Die Aufstellung: Weidenfeller (6) – Piszczek (7), Subotic (6), Hummels (7), Schmelzer (4) – Kehl (6), Leitner (7) – Perisic (6), Götze (6), Großkreutz (7) – Lewandowski (7). Gelbe Karte: Perisic. Tor: Großkreutz.


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