Archiv | Dezember 2011

Wer hat einen Preis für Uli?

Was mich jetzt wieder gewundert hat: Dortmund wird deutscher Meister, fliegt in der Champions League in hohem Bogen raus – wird aber Mannschaft des Jahres. Ein Jahr vorher wurden wir deutscher Meister, Pokalsieger, waren im Champions-League-Finale, wurden aber nicht Mannschaft des Jahres. (…) Die Relation ist manchmal schon komisch.           (Uli Hoeneß im Stern)

Ein guter Verlierer wird der Bayern-Präsident im Leben nicht mehr.

Hinrundenzeugnisse 11/12

Weihnachten – Zeit der Besinnlichkeit und Kontemplation. Zeit, sich Gedanken über die Hinrunde der schwarz-gelben Borussia zu machen und den Spielern ihre Noten zu bescheren. Mir geht es wie vermutlich der großen Mehrheit der Fangemeinde: Ich bin sehr zufrieden. Die Mannschaft hat das berühmte ‘Jahr danach’ bisher besser gemeistert als zu erwarten war. Es gab eine holprige Phase, es gab den Schönheitsfehler Champions League, aber in den Wettbewerben, auf die es ankam, stehen die Schwarz-Gelben prächtig da. Das andere kann sich in den kommenden Jahren noch entwickeln. Die Zufriedenheit schlägt sich selbstverständlich in den Noten der hinreichend eingesetzten BVB-Spieler nieder. Vergeben werden 1-10 Punkte, die Hinrundennote entspricht nicht automatisch dem Schnitt der bewerteten Spiele.

Roman Weidenfeller: Kann er jetzt auch Elfmeter? In Düsseldorf hatte Weidenfeller mal wieder die Gelegenheit, sich gegen fünf Schützen vom Punkt auszuzeichnen und ging endlich einmal als Sieger hervor. Ansonsten war es keine spektakuläre Hinrunde der klaren Nummer 1 im BVB-Tor, was erneut daran lag, dass die Abwehr mit den meisten Problemen fertig wurde. Schnelle Reaktionen inklusive rechtzeitigem Hinauslaufen, gute Strafraumbeherrschung und die richtigen Entscheidungen, wenn es darum geht, zu fausten oder zu fangen, zeichnen Weidenfeller nach wie vor aus. Immer mal wieder gelingt ihm ein schneller Abwurf, der für Gefahr sorgt. Unsicherheiten waren selten, sensationelle Paraden gab es vereinzelt. 7 P. Lies mehr …

Froh und munter

Ich wünsche allen Lesern von „Any Given Weekend“ frohe Weihnachten! Lasst es euch gut gehen! Die Feiertage werde ich unter anderem dazu nutzen, den schwarz-gelben Jungs ihre verdienten Zeugnisse auszustellen und einen Blick nach England zu werfen, wo der Fußball zu dieser Jahreszeit alles andere als ruht.

Dortmund gewinnt Elfmeterschießen

DFB-Pokal, Achtelfinale / Fortuna Düsseldorf 0 BVB 0 (4:5 n.E.)

Das große Drama verpasst. Vielleicht besser so für meine Nerven. In meiner Abwesenheit klappts auch mit dem Elfmeterschießen. Bei Roman und allen Schützen. Notiz an Jürgen Klopp: Das nächste Mal besser einen Innenverteidiger aufstellen, der Spielpraxis auf der Position hat – und sei sie aus der Regionalliga. Danke Jungs, für frohe Weihnachten! Im Viertelfinale wartet Holstein Kiel. Was soll man jetzt dazu sagen? Machbar, oder?

Vergnügungspark Breisgau

1. Bundesliga, 17. Spieltag / SC Freiburg 1 BVB 4

Borussia Dortmund hat ein munteres letztes Ligaspiel 2011 beim Tabellenletzten deutlich gewonnen und dabei schöne Tore geschossen. Manchmal glich die Partie einem Ausflug in den Freizeitpark, wo man Spaß haben und auch mal abschalten und entspannen kann. Gegen einen stärkeren Gegner wäre vermutlich ein anderes Ergebnis herausgekommen.

Die Rückkehr von Kapitän Sebastian Kehl gab dem schwarz-gelben Mittelfeld die erhoffte Stabilität und Ausgewogenheit – abgesehen von einer längeren Phase in der ersten Halbzeit, in der es große Teile der Mannschaft etwas zu ‘freizeitlich’ angehen ließen und durch wiederholte Konzentrationsmängel den engagierten Freiburgern einige gelungene Kombinationen und Torschüsse ermöglichten. Vielleicht tat das frühe 1:0 durch Lewandowski – dem bereits eine Freiburger Großchance durch Putsila vorausgegangen war – dem BVB-Spiel nicht so gut wie normalerweise eine Führung.

Die Borussen hatten durchaus die ein oder andere Kontergelegenheit, aber zwingender zeigten sich in der 34. Minute die Breisgauer. Trotz deutlicher schwarz-gelber Überzahl überwanden sie mit einem Doppelpass die gesamte Abwehr, Rosenthal stand frei und schob den Ball durch Weidenfellers Beine ins Tor. Beim BVB fehlten in der Szene Zuordnung und Reaktionsschnelligkeit. Schuld war unter anderem Kevin Großkreutz, den ich nur wegen des Kontrasts heraushebe. Kevin machte insgesamt kein besonders gutes Spiel, hatte aber in der zweiten Hälfte den brillanten Schuss aus 18 Metern zum 3:1 zu verzeichnen und legte später noch Lewandowski das 4:1 auf.

Apropos. In Abwesenheit von Mario Götze wurde Robert Lewandowski zum wichtigsten Spieler der Partie und unterstrich eindrucksvoll, wie wertvoll er inzwischen für den BVB ist. Es waren gar nicht in erster Linie die beiden Tore – die hätte Mats Hummels auch gemacht, denn es waren einfache Tap-ins, wie man in England sagt. Unser Innenverteidiger erklärte nach dem Spiel treffend wie immer, was den Torjäger ausmacht:

(…) wichtig ist vor allem, wie Robert die Bälle hält, wie er gegen zwei Mann in die Kopfballduelle geht und wie er sich reinhaut. Er ist unglaublich schnell und körperlich robust.

Lewandowski bietet, etwas flapsig gesagt, ein tolles Gesamtpaket. Er ist ein mitspielender Torjäger, der in den letzten Monaten endgültig in der Mannschaft angekommen ist, da er nun zusätzlich zu seinen Fähigkeiten das nötige Selbstbewusstsein hat und die nötigen Laufwege kennt.

Gut für den BVB war gestern zweifellos die erneute Führung kurz vor der Pause. So wie der Anschlusstreffer von Marseille zu diesem Zeitpunkt letzte Woche schlecht war. Das Tor wurde noch während des Spiels kontrovers diskutiert, weil Schiedsrichter Perl die Abseitsentscheidung seines Assistenten überstimmte und weiterspielen ließ, was die Freiburger aber nicht taten. Dadurch waren Kuba und Gündogan frei durch und Letzterer kam in seinem besten Spiel für den BVB zu seinem ersten Tor. Fraglich ist nicht, dass der Schiedsrichter der Chef ist – das hätten die Freiburger wissen können. Es wurde aber aus den Fernsehbildern, die ich bisher gesehen habe, nicht deutlich, von wem Rosenthals Rückpass zu Kuba abgefälscht wurde – einem Dortmunder oder einem Freiburger.

In der zweiten Halbzeit hielten die Freiburger noch eine Weile gut dagegen, was sich am Ende auch in der Torschuss-Statistik (14:11) ausdrückte. Doch die Schwarz-Gelben machten weniger Fehler und brachten ihre Qualität zunehmend auf den Rasen. In besonderem Maße galt das für Shinji Kagawa, der wie Lewandowski ohne Götze noch mehr im Mittelpunkt stand. Er war an drei der vier Tore maßgeblich mit tollen (Doppel-)Pässen beteiligt. Die Entstehung der Treffer unterstreicht auch, dass in Freiburg bei Schwarz-Gelb viel durch die Mitte passierte. Schmelzer machte links hinten eine gute Partie und Kuba überzeugte im rechten Mittelfeld zumindest phasenweise, aber die deutlich gefährlicheren Spielzüge liefen durchs Zentrum.

Am Ende stand ein überzeugender Sieg, der dann doch viel Vergnügen bereitet hat. Der Qualitätsunterschied war einfach zu groß. Man darf nicht vergessen, dass bei den Freiburgern auch noch Stammspieler Julian Schuster fehlte, der in etwa die Position und Bedeutung von Sven Bender für die Breisgauer hat. Personalsorgen könnte der BVB am Dienstag bekommen. Zusätzlich zu den schon fehlenden Spielern könnten beim Pokalspiel in Düsseldorf Felipe Santana und Marcel Schmelzer ausfallen. Santana humpelte in der 71. Minute nach einem Foul des schon verwarnten Rosenthal vom Platz und wird morgen eingehender untersucht. Schmelzer wurde erneut wegen muskulärer Probleme im Oberschenkel ausgewechselt und spricht davon, dass es bis Dienstag „sehr eng“ wird. Im Fall der Fälle könnte Neven Subotic ein vorzeitiges Comeback mit Gesichtsmaske feiern und Chris Löwe oder Patrick Owomoyela für Schmelle einspringen.

Das Pokalspiel wird bestimmen, wo sich die BVB-Waage hinneigt. Ein Ausscheiden wäre kein Weltuntergang und in der Liga stehen die Schwarz-Gelben hervorragend da. Trotzdem wären zwei vergeigte Wettbewerbe ein herber Dämpfer. Obwohl eine schwere Auswärtsaufgabe bevorsteht, kann man im Pokal mehr von der Mannschaft erwarten als in der Champions League. Das Spiel in Freiburg hat Mut gemacht.

Die Aufstellung: Weidenfeller (7) – Piszczek (6), Santana (7) (71. Perisic), Hummels (6), Schmelzer (7) (62. Owomoyela) – Gündogan (7), Kehl (6) – Kuba (7), Kagawa (9), Großkreutz (6) – Lewandowski (9). Gelbe Karte: Lewandowski. Tore: Lewandowski (2), Gündogan, Großkreutz

Eines dieser Spiele

1. Bundesliga, 16. Spieltag / BVB 1 FC Kaiserslautern 1

Eine kurze Zusammenfassung dieser nun schon drei Tage zurückliegenden Partie: Es war eines dieser Spiele. In denen die eine Mannschaft hoch überlegen ist, aber aus den besten Chancen – inklusive dreier Alutreffer – nur ein Tor macht. Und die andere Mannschaft mit einem Sonntagsschuss die gleiche Ausbeute erzielt.

Das soll nicht die Leistung der Gäste aus Kaiserslautern schmälern. Die haben das Beste aus ihren Ressourcen gemacht und da muss man eben Glück haben, um aus Dortmund etwas mitzunehmen. Wie so häufig gegen Schwarz-Gelb spielte auch der gegnerische Torwart wieder eine wichtige Rolle. Bei der Borussia war trotz der zahlreichen Chancen phasenweise deutlich zu erkennen, dass die Besetzung des zentralen Mittelfelds mit Ilkay Gündogan und Toni da Silva alles andere als optimal ist. Da Silva kam in der ersten Halbzeit überhaupt nicht ins Spiel, lief nur hinterher und brauchte fast eine Stunde, bis ihm mal ein, zwei gelungene Pässe glückten. Mario Götze wurde von Jürgen Klopp lange geschont – offensichtlich nicht zu Unrecht, denn während seines 25-minütigen Einsatzes rissen ihm irgendwelche Muskelfasern und der kreativste Dortmunder fällt für die beiden letzten Pflichtspiele des Jahres aus.

Wenn es im Rückblick auf dieses Spiel und im Vorgriff auf das nächste etwas Positives zu vermelden gibt, dann ist es die wahrscheinliche Rückkehr von Sebastian Kehl zur Partie in Freiburg. Der Kapitän könnte die Balance im Mittelfeld wiederherstellen und den BVB noch mal zu drei Punkten spielführen.

Die Aufstellung: Weidenfeller (6) – Piszczek (4), Santana (7), Hummels (7), Schmelzer (6) (77. Owomoyela) – Gündogan (6), da Silva (4) (73. Perisic) – Kuba (7) (66. Götze), Kagawa (7), Großkreutz (6) – Lewandowski (6). Gelbe Karte: Gündogan. Tor: Kagawa

 

Der Herr der Katzen

Selten ist ein Trainer so einhellig willkommen geheißen worden wie Martin O’Neill, der neue Mann auf der Bank beim englischen Premier League-Club AFC Sunderland. Und das nicht nur, weil die Fans seinen Vorgänger Steve Bruce unbedingt loswerden wollten. Martin O’Neill kehrt nach einer kleinen Auszeit zurück auf die große weltweite Bühne – es gibt vermutlich einige Vereine, die ihn bereits zuvor verpflichten wollten. Gelandet ist der 59-jährige mit dem sehr guten Ruf bei dem Club, den er bereits als Schuljunge unterstützte.

Der AFC Sunderland ist seit Ende der 1950er ein Verein, der zwischen der ersten und zweiten Liga pendelt – mit einem kurzen Ausrutscher in Liga 3. Inzwischen sind die ‘Black Cats’ seit vier Jahren erstklassig und wollen das wenig überraschend bleiben. 2009 übernahm der amerikanische Miliardär Ellis Short den Club und stellte finanzielle Mittel für Verstärkungen zur Verfügung – die man jedoch nicht mit den Summen vergleichen kann, die die Top 5 ausgeben. Für eine Rekordsumme von elfeinhalb Millionen Euro kam Stürmer Darren Bent nach Sunderland, der den Verein jedoch im Januar diesen Jahres für mehr als das zweieinhalbfache wieder verlassen hat.

Diese Personalie skizziert das Problem, das nicht nur in England Vereine haben, die realistisch gesehen nur um einen Mittelfeldplatz mitspielen können. Selbst wenn etwas Geld zur Verfügung steht, müssen die Mannschaften ständig umgebaut werden, weil manche Spieler dem Club regelrecht entwachsen und zu größeren Vereinen wechseln möchten. Neben Bent verließ in diesem Jahr ein weiterer Stürmer mit klangvollem Namen die Black Cats: Der ghanaische Nationalstürmer Asamoah Gyan spielt derzeit lieber bei Al Ain in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wohin er für ein Jahr ausgeliehen ist. Lies mehr …

Unsere wahre Liebe

Borussia Dortmund hat am Sonntag den letzten Auftritt des Jahres im heimischen Westfalenstadion. Im einzig wahren Wettbewerb, der ersten Fußball-Bundesliga. Fast alle Glanzpunkte, die der Verein in den letzten 1 1/4 Jahren gesetzt hat, gab es im Ligabetrieb. Der Alltag scheint dieser Mannschaft am besten zu liegen und das ist fürs Erste ok.

Auf dem Papier kommt zum letzten Heimspiel 2011 ein dankbarer Gegner nach Dortmund. Der 1.FC Kaiserslautern ist Tabellen-16. und seit fünf Spielen sieglos. Im letzten Jahr wurden die Lauterer mit 5:0 nach Hause geschickt. Allerdings sind die Erfolge der Vergangenheit vor allem eines: vergangen. Der FCK ist besser in die neue Saison gestartet, als zu vermuten war, findet sich nun aber doch in der Abstiegsregion wieder. Respekt verdient die Ruhe, die im Verein unabhängig von der sportlichen Situation herrscht. Der Vorstandsvorsitzende Stefan Kuntz und seine Kollegen lassen Trainer Marco Kurz walten. Allen scheint bewusst, dass die Situation in der Bundesliga nur prekär sein kann.

Beim FCK werden übermorgen einige Spieler aus der zweiten Reihe, wie Neuzugang Gil Vermouth, verletzt fehlen. Kurz werden jedoch weniger diese Personalien als vielmehr die Sturmflaute Kopfzerbrechen bereiten. Selbst die vielversprechendsten Stürmer Dorge Kouemaha und Itay Schechter haben erst zwei bzw. drei Tore erzielt. Zwei Tore kann auch Kapitän Christian Tiffert vorweisen, der die unumstrittene Führungsfigur der Mannschaft ist, auch wenn er nicht den oft geforderten klassischen ‘Leader’ darstellt.

Die Borussia wird sich voraussichtlich einem spiegelbildlichen Spielsystem und einer defensiv orientierten Taktik gegenübersehen. Lautern wird versuchen, kompakt zu stehen, im letzten Drittel die Räume eng zu machen und bei schwarz-gelben Ballverlusten schnell nach vorne zu spielen – wie die meisten Gegner im Westfalenstadion. Die Hauptsorge für den BVB wird sein, das Mittelfeld geschickt zu überbrücken und sich nicht im Netz der roten Teufelsspinne zu verfangen. Große Bedenken hinsichtlich unserer Innenverteidigung oder der Treffsicherheit der Stürmer muss man weniger haben.

Es könnte tatsächlich das Spiel werden, dass Ilkay Gündogan und Toni da Silva nach der Schlappe vom Dienstag brauchen. Sebastian Kehl fällt für Sonntag aus und Jürgen Klopp hat sich quasi schon auf die genannte Besetzung des zentralen Mittelfelds festgelegt. Gegen eine Mannschaft wie den FCK könnten die beiden ihre offensiven Stärken zur Geltung bringen und werden hoffentlich defensiv nicht so stark gefordert sein.

Hinter Mario Götze steht wegen einer Zerrung aus der Champions League noch ein kleines Fragezeichen. Aber um ehrlich zu sein: bei der jetzigen Ausgangsposition sollten wir so oder so gegen Lautern gewinnen. Positiv an den Schwarz-Gelben war unter Klopp immer, dass sie sich von Rückschlägen kaum beeindrucken lassen. Jeder will das letzte Heimspiel vor Weihnachten gewinnen. Fast alles spricht für Dortmund. Jedoch warnt Klopp zu Recht: Mannschaften, die den FCK im eigenen Stadion nicht ernst genug nahmen, haben Probleme gekriegt. Der BVB sollte es besser machen.

Wer hat’s erfunden?

Irgendwo in Berlin

Liebe Hertha, ich kann ja verstehen, dass du die Schalke nicht magst. Ist schon eine ziemliche Zicke. Dass du sie jetzt auch nicht mehr beim Namen nennst – das ist so, wie wenn du dir das gleiche Kleid wie deine beliebteste Mitschülerin kaufst, damit dich endlich auch alle mögen.

Vom rechten Weg zum Spielball Europas

Champions League, 6. Spieltag / BVB 2 Olympique Marseille 3

Nach 45 Minuten der gestrigen Champions League-Partie war Borussia Dortmund auf einem guten Weg, zumindest noch den dritten Platz der Vorrundengruppe zu erreichen. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte fiel mit der ersten Chance der Gäste aus Südfrankreich der Anschlusstreffer. Nach 93 Minuten war die einzige Heimniederlage des BVB im Wettbewerb besiegelt und der erste Auftritt beendet, den man als phasenweise peinlich bezeichnen kann.

Wieder mal wurden den BVB-Fans alle Hochs und Tiefs vor Augen geführt, die man in einem Fußballspiel erleben kann. Jürgen Klopp hatte erwartungsgemäß offensiv aufgestellt – mit Lewandowski UND Barrios – und dies schien sich auszuzahlen. Die Schwarz-Gelben dominierten die Partie von Beginn an, brauchten allerdings nach einer frühen Gelegenheit einige Minuten, um sich weitere Chancen zu erspielen. Doch es sah schon gut aus, was Robert Lewandowski und der erneut gut aufgelegte Kuba im offensiven Mittelfeld fabrizierten. In der Zentrale war Sebastian Kehl der Rückhalt für Ilkay Gündogan, der an der Seite des Kapitäns in der ersten halben Stunde eine auch defensiv sehr ordentliche Leistung zeigte.

Der Plan in unserem Wirtshaus zur letzten Chance aka meiner Fußballkneipe war ja, alle 22 1/2 Minuten ein Tor zu schießen und er ging zunächst bilderbuchmäßig auf. Es war tatsächlich die 23. Minute, als Kehl einen Piszczek-Einwurf in die Mitte verlängerte und Lewandowski den Ball für Kuba herunterholte. Der hatte einmal Fortune im Abschluss und traf durch Abwehrbeine hindurch zum 1:0. Knapp zehn Minuten später war der Plan sogar übererfüllt, als Mats Hummels per Elfmeter erhöhte. Schön, dass er in der Situation Verantwortung übernahm, wie es ihm immer zuzutrauen war, und Erfolg damit hatte.

Weniger schön war die Entstehung des Elfmeters. Bei einer Abwehraktion im Strafraum hatte OMs Mbia Sebastian Kehl mit seinem hohen Bein voll im Gesicht erwischt. Der Kapitän musste verletzt raus. Die Diagnose von heute: Starke Prellung am linken Auge und ein Bluterguss. Zum Glück keine Brüche – doch am Sonntag fällt Kehl trotzdem aus. Für Mbias Aktion gab Schiedsrichter Howard Webb Gelb und Elfmeter. Nun werden mir vermutlich wenige zustimmen, aber ich halte die Entscheidung für noch vertretbar. Sicher hätte man Rot geben können – die Schwere der Verletzung legt das nahe. Andererseits war eine Portion Pech dabei und meiner Ansicht nach war es eine unabsichtlich verunglückte Abwehraktion. Für ein gefährlich hohes Bein gibt es normalerweise Gelb.

Vielleicht bin ich auch generell nachsichtig mit Webb, weil mir seine englische Regelauslegung gefiel. Ganz besonders die korrekten fünf Minuten Nachspielzeit am Ende der ersten Hälfte – was in Deutschland aus unerfindlichen Gründen nie ein Schiedsrichter machen würde. Dass uns ausgerechnet die vorletzte Minute dieser Nachspielzeit einen herben Rückschlag bescherte, mag paradox scheinen, doch die Regelauslegung stimmte dennoch.

Es gab verschiedene Gründe, warum nach dem Dämpfer kurz vor dem Halbzeitpfiff noch der Einbruch gegen Spielende erfolgte. Zunächst mal das Verletzungspech, das den BVB wie schon in London doppelt ereilte. Nach Stabilisator Kehl musste zur Pause auch der andere Schlüsselspieler Mario Götze angeschlagen runter. Das Duo auf den defensiven Mittelfeldpositionen, Gündogan / da Silva, verlor in der zweiten Hälfte mehr und mehr den Zugriff aufs Spiel. Das lag mit daran, dass der aktive und potenziell immer gefährliche Götze nun fehlte und seine Gegenspieler somit befreiter aufspielen konnten. Was natürlich auch OMs Plan entsprach, die nach der deutlichen Führung von Piräus gegen die B-Elf Arsenals unter Zugzwang standen. Ich hätte mir bei so einem Verletzungspech auf der 6er-Position eher einen Florian Kringe als einen Toni da Silva gewünscht. Zwar habe ich weder den einen noch den anderen zuletzt spielen oder trainieren sehen, aber die Borussia hätte in dieser Situation eher einen Spielertypen wie Kringe gebrauchen können.

Natürlich hätten die Schwarz-Gelben ihre Chancen vor allem in der ersten Hälfte besser nutzen können. Mario Götze wirkte gestern sehr harmlos im Torabschluss und Lucas Barrios ist nach wie vor noch nicht wieder der Torjäger, den wir kannten. Natürlich hätte man bei den Gegentoren besser verteidigen können. Der wie schon in Gladbach unterdurchschnittlich agierende Piszczek verlor beim 2:1 Remy aus den Augen, zudem fiel das schöne, späte und bittere 2:3 durch Valbuena über seine Seite. Beim Ausgleich verpasste Kuba nach einer Ecke den Ball und ermöglichte Ayew so den Treffer.

Trotz Verletzungen und nicht vorhandener Überzahl war es in den letzten 20 Minuten die Schuld der elf Mann auf dem Platz, dass Marseille aus einem 0:2 noch einen Sieg machte. Ob es in den Schlussminuten am sprichwörtlichen ‘letzten Willen’ mangelte, ist Spekulation. Optisch sah es nicht so aus, obwohl OM noch mal aufdrehte.

Ärgerlich ist für mich nicht, dass die Borussia bei der Rückkehr in die Champions League ausgeschieden ist. Das ist eine Frage der Erwartungen. Realistisch musste man davon ausgehen, dass in der Gruppe von Platz 2 bis 4 alles drin ist, denn auch Olympiakos Piräus ist nicht so schwach, wie der Verein – vielleicht im Zuge des allgemeinen Griechen-Bashings – gemacht wurde. Nun ist Verschiedenes schiefgelaufen und Platz 4 herausgekommen. Ärgerlich ist für mich nur, dass die Mannschaft am Ende lediglich noch Spielball der Gruppe war. Dass wegen unserem Einbruch Marseille noch weitergekommen ist – unabhängig davon, ob Olympique oder Olympiakos es mehr verdient hatten.

Die einzige Freude ist mir im Moment, dass sich die Bayern über das komplette Ausscheiden des BVB nicht freuen werden. Und dass bis Weihnachten noch ein paar lösbare Aufgaben auf die Schwarz-Gelben warten.

Die Aufstellung: Weidenfeller (6) – Piszczek (5), Santana (6), Hummels (7), Löwe (6) – Gündogan (6), Kehl (7) (32. da Silva (4)) – Kuba (7), Lewandowski (7), Götze (6) (46. Perisic (5)) – Barrios (5) (63. Kagawa). Gelbe Karte: Santana. Tore: Kuba, Hummels (EM)

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