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Archiv für die Kategorie ‘Runde Gedanken’

Entweder ihr seid für uns oder unsere Feinde

6. Dezember 2009 Nick Kommentieren

Der Journalist Freddie Röckenhaus, der für die „Süddeutsche Zeitung“ über Borussia Dortmund berichtet – gerne auch mal kritisch – hat für die aktuelle Wochenendausgabe einen exzellenten Artikel zum Verhältnis der TSG Hoffenheim zu ihren Kritikern geschrieben und diesen mit interessanten Zahlen angereichert. Die ausgesprochen dünnhäutigen Reaktionen auf Kritik am Modell Hoffenheim oder den handelnden Personen haben bekanntlich schon Tradition, ebenso das fehlende Verständnis für Mechanismen der Fankultur. Der Artikel führt einem die überzogenen Aussagen aus Reihen der TSG noch einmal vor Augen.

Als der Mainzer Manager Heidel das Modell Hoffenheim kritisierte und es bedauerte, dass so ein Verein einen der Plätze im Profifußball besetzt, reagierte Dietmar Hopp mit einem Protest-Rundschreiben, das nicht nur an den FSV-Präsidenten Strutz, sondern auch an diverse Funktionsträger des deutschen Fußballs gerichtet war. Hopps Erfüllungsgehilfen, Manager Schindelmeiser und Trainer Rangnick, liegen voll auf Linie. Schindelmeiser bezeichnete BVB-Geschäftsführer Watzke nach den Beleidigungen Hopps durch Dortmunder Fans als „Brandstifter“. Rangnick forderte sogar allen Ernstes lebenslange Stadionverbote (sic!) für solche Beleidiger und Punktabzüge für die jeweiligen Vereine. Kein Wort verloren die Hoffenheimer Verantwortlichen meines Wissens darüber, dass Roman Weidenfeller in Sinsheim wiederholt mit Feuerzeugen und Münzen beworfen wurde.

Schindelmeiser schwingt im Fernseh-Interview implizit die „Enke-Keule“, in dem er die Aussagen von Watzke in Kontrast zu dem allseits angemahnten besseren Umgang miteinander setzt. Kritik an Hoffenheim wird somit zur Hetze stilisiert, die die empfindlichen Hoffenheimer Gemüter schädigen könnte. Ich will die größten Entgleisungen der BVB-Fans nicht bagatellisieren, aber wer selber mit rabiatem Vorgehen und Äußerungen gegen Kritiker zu Felde zieht, macht sich unglaubwürdig. Kritik muss erlaubt bleiben, scharfe und zugespitzte Kritik gehört seit jeher zur Fankultur, reine Beleidigungen sollte man natürlich bleiben lassen.

Ich fand die Äußerungen von Watzke auch überflüssig – sowohl die zu Hoffenheim als auch jene zur „Verursachergerechtigkeit“ bei den Fernsehgeldern. Röckenhaus liefert in seinem Artikel unter Berufung auf anonyme Quellen bei SKY die Zahlen zu Watzkes Argumentation. An einem normalen Bundesliga-Spieltag schauen demnach 60-80% der SKY-Zuschauer die Konferenz. Vom Rest sehen 40-50% die Bayern, die andere Hälfte verteilt sich größtenteils auf Schalke, den BVB und den HSV. Aufgrund dieser Faktenlage könnte man Watzke folgen, nur vernachlässigt diese Sichtweise die Belange der kleinen Vereine – nicht nur die von Hoffenheim oder Wolfsburg. Röckenhaus zitiert Mainz-Manager Heidel:

Watzkes Vorschlag ist der Einstieg zum Ausstieg aus der solidarischen, zentralen Vermarktung der Bundesliga-Rechte.

Und da hat Herr Heidel Recht. Eine neue Regelung der Verteilung nach dem Prinzip der „Verursachergerechtigkeit“ wäre eine mildere Form der dezentralen Vermarktung der Fernsehrechte. Die großen, beliebten und erfolgreichen Vereine könnten ihre Stellung weiter ausbauen; kleine Vereine, die weder beliebt noch reich sind, blieben auf der Strecke. Ein sportlich fairer Wettbewerb wäre noch weniger gegeben als heute.

Wer für eine solidarische, zentrale Vermarktung der Fernsehrechte ist, muss diesen Watzke-Vorschlag ablehnen. Das heißt hingegen nicht, dass man nicht über seine Ansätze diskutieren sollte, wie eine Aushöhlung der 50+1-Regelung durch Vereine wie Hoffenheim zu verhindern ist.

(Quelle: Sueddeutsche.de)

Gerissen

29. Oktober 2009 Nick Kommentieren

Vorgestern hat Borussia Dortmund die Stange der Mittelmäßigkeit, die schon fast überquert schien, mit den Füßen doch noch gerissen. Nach dem „Bilanz-Spieltag“ 10 bleibt daher unter dem Strich ein bescheidener Saisonauftakt stehen. Wäre der BVB, wie auch immer, ins Pokal-Viertelfinale eingezogen, hätte man die verbesserten Leistungen in den letzten Wochen als hoffnungsvoll bezeichnen können. So wie es nun ist, fängt man wieder bei null an.

Die Gründe für den mäßigen Start sind vielfältig. Neben Offensichtlichem wie dem gegenüber vielen Konkurrenten begrenzten finanziellen Spielraum sind drei Erklärungsansätze besonders plausibel: Formschwäche bestimmter Spieler, Verletzungen und Formschwäche im Anschluss an Verletzungen. Scheinbar grundlos formschwach zeigt sich schon fast die ganze Saison Patrick Owomoyela. In den letzten Spielen glücklos und am Dienstag richtig schwach war Nelson Valdez.

Verletzungen zentraler Spieler sind für einen Verein, der qualitativ nicht durchgehend hochkarätig besetzt ist, besonders unangenehm. Wir brauchen wohl nicht über den Wert von Sebastian Kehl zu diskutieren. Jürgen Klopp hat im defensiven Mittelfeld mehrere Varianten ausprobiert und mit (dem vorgestern verletzten) Sven Bender eine akzeptable Alternative gefunden. Wäre jedoch der Kapitän fit, wäre mMn ein Lapsus wie die grottige Ausführung des Freistoß vor dem Osnabrücker Gegenzug zum 1:3 und die darauffolgenden Fehler nicht passiert. Kehl kann selbstredend allein keine spielerische Unterlegenheit ausgleichen – er hätte aber an der Bremer Brücke in mancher Situation die passenden Worte gefunden und Anweisungen gegeben.

Um Tamas Hajnal gibt es in Fankreisen Diskussionen. Ein nicht unbedeutender Teil der Anhänger scheint von ihm nicht restlos überzeugt und weist vor allem auf den aktuell schwachen Saisonstart hin. Nun fällt Tamas für den Rest der Hinrunde aus und wer nicht von seiner Kreativität überzeugt ist, muss zumindest zugeben, dass er bei der Ausführung von Standardsituationen fehlt. Die Standards haben sich im Kontrast zur letzten Saison beim BVB wieder zu einem Problem entwickelt – sowohl defensiv als auch offensiv. Dede gelang gegen Bochum per Freistoß ein Assist – ansonsten sind mir wenig gute Ecken und noch weniger gute Freistöße in Erinnerung, die nicht Hajnal getreten hat.

Formschwäche nach Verletzungen muss man bei Kuba und immer noch bei Dede konstatieren. Beide sind noch nicht die Alten und rufen ihr Potenzial noch nicht wieder ab. Was kann Jürgen Klopp in den nächsten Wochen tun? Ein einfacher Tipp: Standards trainieren – in beide Richtungen -  und verhindern, dass noch mal ein Freistoß so ausgeführt wird wie besagter in Osnabrück. Außerdem muss Klopp schnell das System finden, das ohne Kehl und Hajnal am besten funktioniert. Möglicherweise ist es das in den letzten Partien praktizierte 4-2-3-1. Klopp wird jedoch nichts anderes übrigbleiben als personell zu rotieren, wenn die Leistungen der Spieler so sehr schwanken. Valdez hat sich eine Pause verdient und Markus Feulner eine Chance. Auf der Position hinten rechts kann man auf Owomoyela bis zum Winter scheinbar nicht verzichten – sollte sich jedoch jemand aus dem erweiterten Kader oder der Zweiten Mannschaft aufdrängen, bin ich für Experimente offen! Mehr …

Tradition und leere Ränge

20. Oktober 2009 Nick Kommentieren

Wir kennen die Geschichte aus Deutschland: Traditionsvereine, die im unterklassigen Fußball verschwunden sind und vor halb bis weitgehend leeren Rängen spielen. Meist ist das eine Folge von sportlichem Misserfolg und Misswirtschaft. Nur der Vereinsname weckt noch Erinnerungen an bessere Zeiten.

Nicht ganz so einfach zu erklären ist der aktuelle Zuschauerschwund bei einem der traditionsreichsten englischen Klubs, Preston North End. Gegründet wurde der Verein aus dem Nordwesten im Jahr 1881, sieben Jahre später wurden die ‘Lilywhites’ erster Meister der Football League (dies und mehr gibts hier nachzulesen). Inzwischen spielen sie in der zweiten Liga und haben einen guten Saisonstart hingelegt – erst in den letzten drei Spielen ist der Lauf ins Stocken geraten (1 Unentschieden, 2 Niederlagen). PNE steht immer noch auf Platz 6, auf einem Play-Off-Rang. Trotzdem ist das Stadion, Deepdale, allenfalls halb voll. Gegen Reading kamen nicht einmal 11.000, im Spitzenspiel gegen West Bromwich Albion knapp 12.500.

Neben dem offensichtlichen Grund, der langen Erstliga-Abstinenz, wird unter anderem in den Kommentaren beim Web-Portal der Lokalzeitung „Lancashire Evening Post“ (LEP) nach weiteren Erklärungen gesucht. Trotz Erfolgen ist der Zuschauerschnitt gegenüber der letzten Saison nochmals gesunken. Neben viel Ratlosigkeit wird von den Kommentatoren (i.e. den Fans) der Verkauf von Leistungsträgern wie Sean St. Ledger  (nach Middlesbrough – zunächst ausgeliehen, jedoch mit Kaufoption) und die unattraktive Spielweise angeführt. Beide Gründe wollen nicht so richtig einleuchten. Das Abgeben von Spielern ist bei Preston aus finanziellen Gründen unvermeidlich. Und – Achtung, Phrase – attraktiv ist, was Erfolg bringt. Wobei es zur Spielweise ohnehin verschiedene Meinungen gibt.

Mir scheint, im unterklassigen englischen Fußball macht sich eine gewisse Ungeduld breit. Die Fans sehen die Stars der Premier League, die flüssigen Spielzüge dort, die reichen Gönner, die manchem unterklassigen Konkurrenten unter die Arme greifen. Die Schieflage wird immer deutlicher, was selbst bei durchaus ambitionierten, aber verhältnismäßig klammen Vereinen wie PNE die Fans vertreibt.

Inzwischen hat es immerhin einen starken Schulterschluss gegeben, um das National Football Museum in Preston zu halten. Der Stiftungsrat hatte Überlegungen angestellt, das Museum ins größere Manchester zu verlegen (ebenfalls unter obigem Link nachzulesen). Nun haben der Stadtrat, der Rat der Grafschaft Lancashire und die University of Central Lancashire ein Finanzpaket geschnürt, um die unmittelbare Zukunft des Museums in Preston zu sichern. Gleichzeitig berichtet die „LEP“ (die eine Kampagne für den Verbleib des Museums fährt), dass die Verlegung nach Manchester 8 Millionen Pfund kosten würde, und die Finanzierung nicht gesichert sei. Eine Aufwertung des Museums am Standort Preston sei dagegen bedeutend günstiger.

Im Nordwesten Englands spielt sich ein interessantes Kräftemessen zwischen einer Großstadt und einer richtigen Großstadt ab; es geht um Entwicklungschancen und Tradition. Welche Rolle der Fußball dabei noch spielen kann, wird zu beobachten sein.

Wie entlasse ich einen Trainer?

23. September 2009 Nick Kommentieren

Vergleicht man die letzten beiden Trainer-Entlassungen in der 1. Bundesliga, ergibt sich eine offensichtliche Parallele. Ob man schon von einem Trend sprechen kann, sei mal dahingestellt. Sowohl bei der Entlassung von Dieter Hecking in Hannover als auch bei der von Marcel Koller jüngst in Bochum begründeten die Vereinsverantwortlichen ihre Entschlüsse unter anderem mit dem Druck der Fans. Der VFL-Aufsichtsratsvorsitzende Werner Altegoer sagte ganz offen:

Wenn man sich dann zusammensetzt und feststellt, dass die Stimmung im Großteil der Anhängerschaft nun einmal so ist wie sie ist, dann muss man dem irgendwie Rechnung tragen.

Früher hätte man es von Vereinsseite weit von sich gewiesen, sich dem ‘Druck der Straße’ zu beugen. Ist die neue Wertschätzung der Fans, egal ob als Verbündete oder nur Konsumenten, ein Zeichen der Einsicht, kommt sie von Herzen? Oder ist sie im Falle von Trainerentlassungen doch eher die einfachste Erklärung für eigentlich schwer Erklärbares? Ab wann ist bei Fanprotesten eine ‘kritische Masse’ erreicht, die Handeln nötig macht?

Gerade in Bochum ist die Entlassung zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison schwer nachzuvollziehen. Marcel Koller hat schon Recht, wenn er davon spricht, dass die Erwartungshaltung angesichts der finanziellen Möglichkeiten des Vereins überzogen war. Auch das räumt Altegoer indirekt ein:

Der Arbeit von Herrn Koller wird unsere Maßnahme auch nicht gerecht. Aber wir können ihm keinen besseren Kader zur Verfügung stellen. Wenn sich der Torwart den Kiefer bricht und der beste Angreifer die Hand, dann ist das eine Schwächung, die wir nicht regulieren können.

Für mich ist diese Entlassung ein Zeichen von Ratlosigkeit und Ungeduld. Bei Fans und Verantwortlichen. Es gibt im Verhältnis zwischen Anhängern und Verein andere Bereiche, die eher nach einer Demokratisierung verlangen als die Trainerfrage. In Berlin immerhin werden die Herren Preetz, Gegenbauer et al. eine Entlassung von Lucien Favre nach der neuerlichen Pokalpleite in München nicht auf das Publikum schieben können. Die Hertha-Fans hatten die Mannschaft sogar nach dem desaströsen 0:4 gegen Freiburg gefeiert und im Training mit Transparenten unterstützt.

(Quelle: Sport1.de)

Die Kunst, um nichts zu spielen

24. April 2009 Nick Kommentieren

Vorgestern ist Werder Bremen durch den Sieg in Hamburg in einem spannenden, aber nicht hochklassigen Spiel verdient ins Pokalfinale eingezogen. Die Bremer wirkten reifer und kreativer, im Gegensatz zur jeweiligen Tabellenposition. Durch das Ausscheiden des HSV wird nun der Sechste der Bundesliga definitiv nicht in der Europa League spielen.

Drei Tage zuvor schienen die Bremer lange Zeit das Spiel bei Hertha BSC zu kontrollieren und führten 1:0. Nach dem Berliner Ausgleich war keinerlei aggressive Reaktion zu sehen und die Gastgeber gewannen die Partie bekanntlich noch glücklich mit 2:1. Was zur Folge hatte, dass der BVB nicht drei oder vier, sondern weiter fünf Punkte Rückstand auf Platz 5 hat.

Jetzt soll es in diesem Beitrag natürlich nicht darum gehen, den Bremern deswegen Vorwürfe zu machen. Die sind nun mal in der unglücklichen Situation, dass es für sie in der Liga um wirklich (fast) gar nichts mehr geht, während ihre Gegner und deren Konkurrenten noch voll im Wettbewerb stehen. Der ‘Mechanismus’, der da abläuft, ist ja kein Einzelphänomen. Anderes Land, anderes Beispiel: Zu den Vereinen, die ich in England etwas näher verfolge, gehört auch Zweitligist Coventry City. Die ‘Sky Blues’ stehen schon seit einigen Wochen um Platz 15 rum, das ist in der Championship Mittelfeld, und Abstiegsgefahr bestand kaum noch, auch wenn der rechnerische Klassenerhalt erst am vorletzten Spieltag sichergestellt wurde.

Nun hat der Klub in den letzten vier Partien gegen vier Abstiegskandidaten gespielt, für die es natürlich noch um etwas ging, und hat keinen Sieg mehr einfahren können. In Plymouth, übrigens der westlichste Profiklub Englands, gab es beim 0:4 eine ganz peinliche Vorstellung. Danach folgte ein 0:0 gegen das danach abgestiegene Charlton, ein 0:1 in Nottingham und zuletzt, wieder in der heimischen Ricoh Arena, ein 1:1 in letzter Minute gegen Barnsley, durch einen fragwürdigen Handelfmeter. Klar, in Coventry wie in Bremen gab bzw. gibt es Verletzte, klar, der Trainer appelliert hier wie da, die Saison nicht abzuschenken und mit einem Hoch zu beenden. Vor dem letzten Heimspiel der Sky Blues gegen das allenfalls noch theoretisch vom Abstieg bedrohte Watford fordert Trainer Chris Coleman noch mal einen Sieg für die Fans:

Our supporters deserve it for sticking by us and to finish with three points would be nice.

Aber irgendwie scheinen solche oder ähnliche Appelle bei vielen Vereinen in vergleichbarer Situation nicht zu fruchten. Auch die Einwechslungen von talentierten Nachwuchsspielern (Coventry hat eine der besten Jugendakademien Englands) brachten zwar frischen Wind, aber nicht genug, um die Spiele für sich zu entscheiden.

Weder in Bremen noch in Coventry wollen sie diese Spiele verlieren. Meistens funktioniert es so: Die Spieler sind bemüht und spielen ordentlich, solange es gut läuft. Um aber Gegentore wegzustecken und zurückzukommen, fehlt dann doch das 100%ige Engagement und die 100%ige Konzentration. Letzteres kann zu weiteren Gegentoren führen, gerne durch Konter nach eigenen, halbherzigen und fehlerhaften Angriffen. Gegen diese ‘Saisonendkrankheit’ scheint fast nichts zu helfen, nur wenn wirklich jeder Spieler die Einstellung voll aufrechterhalten kann. Eine Sisyphus-Arbeit für den Trainerstab.

Noch ein Satz zum Spiel von morgen: Der HSV, den ich am Mittwoch im Pokal gesehen habe, macht mir keine Angst! Wetten, dass Trochowski in Dortmund wieder dabei ist?