Bayern sticht Dortmund aus

DFB-Pokal, Finale / Bayern München 4 BVB 3 (n.E.)

Ein heiß umkämpftes Pokalfinale der zwei besten deutschen Mannschaften, taktisch und defensiv besser als in der Offensive, aber ungemein spannend. Dennoch liegt der Felsen am Ende des Tages wieder am Fuß des Bergs und Borussia Sisyphos muss von vorne anfangen. Und zwar nicht nur auf dem Weg nach Berlin, sondern auch beim Zusammenstellen eines neuen Erfolgsteams.

Dass sich Thomas Tuchel nach dem Spiel Gedanken über seine Auswahl der Elfmeterschützen und Mats Hummels‘ Auswechslung machte, ist seiner Enttäuschung oder den bohrenden Reporterfragen geschuldet. Sich lange damit aufhalten muss man nicht. Elfmeterschießen ist größtenteils Lotterie und Matthias Ginter machte seine Sache nach der Hereinnahme so schlecht nicht.

Tatsächlich waren die 120 Minuten ein Abnutzungskampf. Es schien auch darum zu gehen, wer die lange Saison besser verkraftet hatte. Die Schwarz-Gelben hatten ja noch mehr Spiele absolviert. Wie entscheidend die Kraftfrage am Ende war, sei dahingestellt. Schmelzer und Hummels mussten jedenfalls aus Kraftgründen ausgewechselt werden.Weiterlesen »

Der entschieden lauwarme letzte Spieltag

1. Bundesliga, 34. Spieltag / BVB 2 1. FC Köln 2

Drama – gab es anderswo. Bremen rettet sich kurz vor Schluss. Gleich drei Stuttgarter Mannschaften steigen ab. Cottbus, wo wir noch vor einigen Jahren mit der Borussia waren, spielt künftig viertklassig – nach gleich zwei Toren in der Schlussphase von der zweiten Vertretung der Mainzer. Das Westfalenstadion war dagegen Schauplatz eines halbgaren Sommerkicks. Mit vier Toren, aber ohne die letzte Leidenschaft.

Natürlich – es ging für beide Teams um wirklich gar nichts mehr. Sieht man von einem Torrekord ab. Man hätte aber auch versuchen können, die unglückliche Hinserienniederlage auszubügeln. Doch Thomas Tuchel sprach schon vor dem Spiel sinngemäß davon, dass man nicht versucht habe, künstlich Motivation zu erzeugen und die Partie hochzujazzen. Bei allem, was er in seiner Debütsaison geleistet hat – das hätte Jürgen Klopp besser gemacht. Da braucht man sich auch nachher nicht wundern, dass man keinen guten Ausklang schafft.

Es fehlten schlicht einige Prozent Konzentration und Überzeugung. Im Passspiel wie vor dem Tor. Köln war selten am Ball und stand meist weit hinten drin, hatte aber ähnlich viele Torgelegenheiten wie der BVB. Die Dreierkette ist hoffentlich kein Modell fürs Pokalfinale. Der Sinn hinter der Verschiebung von Marcel Schmelzer in eine offensivere Position erschließt sich mir ganz und gar nicht. Wenn es einmal in fünf Spielen funktioniert, ist das keine ausreichende Quote.

Gegen die massiert verteidigenden Kölner reichte es erneut nicht, immer ab durch die Mitte zu gehen. Die Borussia muss ihr Flügelspiel wieder beleben. Dembelé ist da sicher ein Hoffnungsschimmer. Die Hereinnahme von Matze Ginter nach der Pause half nur geringfügig. Letztlich musste es ein Standard richten. Dass Marco Reus aus fast idealer  Position endlich mal wieder ein direktes Freistoßtor gelang, ist eine der positiven Seiten dieses letzten Spieltags.

Auch die Leistung der Borussia ist natürlich kein Drama. Der Druckabfall heute muss keine negativen Auswirkungen auf nächsten Samstag haben. Ihren Lauf haben die Schwarz-Gelben aber in den letzten beiden Saisonspielen verloren. Stand heute sind die Bayern klarer Favorit – so klar, wie es die zehn Punkte Vorsprung in der Tabelle ausdrücken. Schön immerhin, dass es kaum noch nennenswerte atmosphärische Störungen beim letzten Heimspiel von Mats Hummels gab. Ab jetzt geht’s um Berlin.

Die Aufstellung: Bürki – Bender (46. Ginter), Sokratis, Hummels – Weigl (84. Durm), Castro – Aubameyang, Kagawa (58. Leitner), Reus, Schnelzer – Ramos. Gelbe Karte: Sokratis. Tore: Castro, Reus

Unken raus: Dembelé kommt zum BVB

In den letzten Tagen schien es um die Position von Borussia Dortmund auf dem Transfermarkt nicht zum Besten bestellt. Mats Hummels weg, der nervige Berater von Miki überpräsent, Ilkay Gündogan schwer verletzt – scheinbar alles lief gegen die Schwarz-Gelben. Plötzlich wurde spekuliert, dass von den drei fraglichen Topstars ausgerechnet der Wechselwilligste dem BVB als Einziger erhalten bleiben könnte.

Im Werben um das französische Riesentalent Ousmane Dembelé berichtete der „Guardian“ noch heute ausgerechnet vom Interesse des FC Liverpool und Jürgen Klopp. Doch das bange Warten hat sich gelohnt: Der nach allem was man hört extrem gefragte, knapp 19-jährige Außenstürmer wechselt nach Dortmund. In Frankreich wird er bereits mit Thierry Henry oder dem jungen Christiano Ronaldo verglichen. Letzteres sagt immerhin Ex-Nationalspieler Mickael Silvestre, der für den abgebenden Klub Stade Rennes tätig ist.

Sollte dieser Transfer wirklich, wie vom „Kicker“ berichtet, für 15 Millionen Euro über die Bühne gegangen sein, könnte sich das wieder als ganz großer Coup der Borussia herausstellen. Selbst wenn Dembelé noch kein fertiges Paket darstellt und selbst wenn noch Erfolgsprämien vereinbart worden sein sollten. Die Gründe, warum der BVB im Werben um den Offensivmann die Nase vorn gehabt haben könnte, klingen gut. Auf der Vereinswebseite wird Dembelé mit folgenden Worten zitiert:

Der BVB hat sich sehr früh um mich bemüht und immer engen Kontakt zu mir gehalten – dieses Verhalten hat mir wirklich imponiert.

Natürlich wissen wir nicht, was letztendlich den Ausschlag gegeben hat. Aber es deutet angesichts der kolportierten Interessenten einiges darauf hin, dass die Borussia mit gründlichem Scouting und einer geduldigen Transferpolitik zum Ziel gekommen ist – nicht zum ersten Mal. Dembelé und sein Umfeld wiederum scheinen so bodenständig zu sein, dass sie die Perspektiven beim BVB höher einschätzen als die Ungewissheit bei einem der ganz großen Vereine.

Die Daten aus der Ligue 1 – 12 Tore in 25 Spielen – sprechen eine schöne Sprache. Natürlich hat Ousmane noch Schwächen, aber trotzdem ist mein Gefühl ausgesprochen positiv. Denn ein dribbelstarker Außenstürmer ist definitiv jemand, der die Offensive der Schwarz-Gelben variabler und noch weniger ausrechenbar machen kann. Zu der Verpflichtung würde nun noch bestens ein offensiv- wie defensivstarker Außenverteidiger passen. Hoffen wir außerdem auf einen französischsprachigen Sturm mit Aubameyang als Lehrmeister! Bienvenue, Ousmane!

Es ist vorbei: Hummels geht

Die leichte Ungewissheit ist beendet. Nun steht fest, was die sicher nicht leichtfertig herausgegebene Ad-Hoc-Mitteilung von Borussia Dortmund nahegelegt hatte: Mats Hummels wechselt im Sommer zum FC Bayern und unterschreibt einen Vertrag bis 2021. Der „Kicker“ kolportiert eine Ablösesumme von 35 Millionen Euro.

Den von einigen herbeigesehnten erneuten Sinneswandel des BVB-Kapitäns hat es nicht gegeben, auch wenn manches Medium darüber spekuliert hatte. Aussagen von Mats gegenüber Fans, es sei noch nichts entschieden, entpuppen sich als Selbstschutz.

Das Meiste ist in dieser Sache bereits gesagt. Angesichts der Umstände kann man sich nicht beschweren, dass der FC Bayern knausrig gewesen sei. 35 Millionen bei einer restlichen Vertragslaufzeit von einem Jahr sind eine mehr als faire Entschädigung. Vermutlich wollten die Bayern damit auch Vorwürfen entgehen, dass sie wieder mal den BVB schwächen.

Denn egal, wie sehr sich die FCB-Fans etwa in den Kommentaren bei „Kicker Online“ Mühe geben, die Transferpolitik der Borussia auf eine Stufe mit der der Bayern zu stellen: „Eine vergleichbare Kauforgie bei einem einzelnen Bundesligisten hat sich die Borussia nie geleistet“, wie ich schon im anderen Artikel geschrieben habe. Und etwas Vergleichbares ist auch in den anderen europäischen Top-Ligen äußerst unüblich. Wann hat denn Chelsea mal drei Spieler innerhalb von drei Jahren von Manchester United geholt? Oder Barca von Atletico Madrid (geschweige Real)?

Danke für acht Jahre in schwarz-gelb, Mats! Dass du jetzt wie so viele den einfachsten Weg wählst, ist enttäuschend. Wenn du den Pokal nach Dortmund holst, wäre ich persönlich trotzdem versöhnt.

Warum RB Leipzig nicht Normalität wird

Der nun unvermeidliche Aufstieg von Rasenballsport Leipzig in die 1. Bundesliga hat zu einer erneuten Auseinandersetzung der Medien mit dem Konstrukt geführt, das bald den deutschen Fußball aufmischen will. Die Mehrheit der Artikel in Tages- und Sportpresse steht dem Klub von Milliardär Dietrich Mateschitz neugierig oder wohlwollend gegenüber, auch wenn hier und da die Schattenseiten pflichtschuldig benannt werden. Eine Ausnahme bildet der Kommentar von René Hofmann bei Sueddeutsche.de.

Unter den RB-Apologeten kristallisieren sich unterdessen drei Argumentationslinien heraus, die eine genauere Betrachtung lohnen:

  1. Leipzig macht die Bundesliga wieder spannend. Ein sportlich gesehen nachvollziehbarer Wunsch, der nach den letzten paar Spielzeiten Konjunktur hat. Red Bull verfügt mit Sicherheit über die Mittel, langfristig den FC Bayern anzugreifen. Doch darf man sich keinen Illusionen hingeben: Der Vorsprung der Bayern ist immens. Der Rekordmeister wird abgesehen von seinem Festgeldkonto von einer Reihe potenter Sponsoren unterstützt. Und auch der Ruf des FCB wird ihn auf viele Jahre hinaus attraktiver machen als den Emporkömmling aus Sachsen. Früher könnte es RB gelingen, Vereine wie Wolfsburg, Leverkusen, Gladbach oder Schalke einzuholen. Und auch den BVB, wenn weiterhin regelmäßig Topspieler den Verein verlassen. Mateschitz‘ Ziel ist ohne Frage, das höchste Niveau zu erreichen und möglichst bald Champions League zu spielen. Mit RB Salzburg ist er daran regelmäßig gescheitert. Nun soll es also im Land des Weltmeisters gelingen. Die entscheidende Frage in diesem Punkt ist jedoch: Wollen wir überhaupt einen Zweikampf Bayern gegen RB? Soll das die Lösung für den deutschen Liga-Fußball mit seinen vielen anderen beliebten Vereinen sein? Hieße das nicht, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben?
  2. Eigentlich ähnelt RBL dem englischen Sensationsmeister Leicester. Über den grandiosen Erfolg von Leicester City in der Premier League jubelt die Fußballwelt. Vor allem den Romantikern gibt der Titelgewinn der Foxes wieder ein wenig Hoffnung. Nun zieht mancher Kommentator, etwa Dominik Bardow im Tagesspiegel, den Vergleich zum Brauseklub. Hat nicht auch Leicester einen ausländischen Mäzen, der womöglich sogar versteckte Zahlungen geleistet hat, um das Financial Fair Play zu umgehen? Bardow selbst nennt einen gewaltigen Unterschied: Vichai Srivaddhanaprabha hat in einen 1884 gegründeten Verein investiert. Kaum ein Fußballfan hierzulande würde sich echauffieren, wenn Dietrich Mateschitz unter Beachtung der 50+1-Regel sein Geld in einen Traditionsverein wie Dynamo Dresden oder Lok Leipzig gesteckt hätte. Dass der Thailänder Srivaddhanaprabha auch Vereinsvorsitzender in Leicester sein kann, hat mit der ganz anders ausgeprägten Fußball-Vereinskultur in England zu tun. Diese kennt keinen vergleichbaren Schutzmechanismus wie „50+1“. Und trotz der beachtlichen Investitionen des Besitzers ist Leicester finanziell gesehen noch viel mehr Außenseiter als RBL.
  3. Es gibt wieder Hoffnung für den Fußball im Osten. Und nicht nur das: Die Region Leipzig wird am Aufstieg kräftig mitverdienen, wie Wirtschaftswissenschaftler Henning Zülch der Leipziger Volkszeitung erklärt hat. RB ist außerdem bisher nicht durch Problemfans aufgefallen, wie einige der ehemals großen Namen im Ost-Fußball. Also Sport für die ganze Familie, ohne lästige Nebenschauplätze? So weit, so gut – fragt sich nur, was der Rest vom Osten davon hat. Schon heute suchen die Talentscouts von RB Leipzig bundesweit nach Spielern und definieren den Begriff „aus der Region“ großzügig. Das haben sie nicht exklusiv. Aber es spricht einiges dafür, dass Mateschitz‘ Klub für viele junge Fußballer der einzige strahlende Stern im Osten sein und schon früh potenzielle Stars anlocken wird. Sowohl was Fans als auch Spieler angeht, müssen sich die anderen Vereine gegen den Bundesligisten RB Leipzig erst mal behaupten. Dynamo Dresden und Erzgebirge Aue haben die Rückkehr in die zweite Liga geschafft – doch wo werden die Talente hingehen? Es bleibt die äußerst vage Hoffnung, dass RBL als Vorbild für andere Investoren dienen könnte, die dann einen der Ost-Traditionsvereine unterstützen möchten.

Man kann die drei Punkte positiver oder optimistischer sehen. Man kann auch die fatalistische Auffassung vertreten, dass der Siegeszug des Kommerzes ohnehin nicht aufzuhalten ist und man besser die Show genießen sollte. Trotzdem bleiben die eklatanten Geburtsfehler beim Konstrukt RB Leipzig. Egal wie rechtmäßig die ganze Sache nun abgelaufen ist: Ein Verein, der Mitglieder mit anfänglich vierstelligen Jahresbeiträgen abzuschrecken versucht, ist keiner. Bis heute kann man bei RB als Außenstehender kein stimmberechtigtes, sondern nur Fördermitglied werden. Es gibt auch keine Anteilseigner außer Red Bull.

Etwas mehr Respekt hätte der Quasi-Alleinherrscher Mateschitz verdient, wenn er mit seinem „Verein“ in der Kreisklasse eingestiegen wäre, wie es bei einer Neugründung üblich ist. Aber da ihm dieser Weg wohl zu lange war, übernahm man die Oberliga-Lizenz des Umland-Klubs SSV Markranstädt – welche Summen dabei geflossen sind, ist unbekannt. Der SSV wurde nicht etwa aufgelöst, sondern spielte nach einem Jahr als RB Leipzig mit seiner zweiten als neue erste Mannschaft weiter. Heute steht man wieder in der Oberliga. Läuft so das Business?

Abstiegskämpfer schlagen Vizemeister

1. Bundesliga, 33. Spieltag / Eintracht Frankfurt 1 BVB 0

Keine Rekordpunktzahl, Bayern Meister – kurz vor Ende einer starken Spielzeit musste Borussia Dortmund doch noch mal einen Dämpfer hinnehmen. Letztlich war es ein verschmerzbarer und vor allem ärgerlich, weil unnötig.

Man hätte sich denken und darauf einstellen können, dass die Eintracht im letzten Heimspiel vor ihrem bekannterweise emotionalen Publikum noch mal alles raushauen würde, um den Abstieg zu verhindern. Genau das taten die Gastgeber und schafften es tatsächlich, den Vizemeister mit Dauerdruck und intensivem Anlaufen zu beeindrucken. Von einem souveränen Spitzenteam waren die Schwarz-Gelben in der Anfangsphase weit entfernt. Der starke Start der Eintracht kulminierte im 1:0 durch Aigner nach einer kurz ausgeführten Ecke. Erik Durm, der Piszczek vertrat, hatte ihm den entscheidenden Platz gelassen.

Der Rest des Spiels ist schnell auf den Punkt gebracht: Einbahnstraße in Richtung Frankfurter Tor. Angesichts von am Ende 84 Prozent Ballbesitz zu wenige Chancen für den BVB, die aber dennoch mindestens für einen Punkt hätten reichen müssen. Die SGE igelte sich ein, zog ihre erste Verteidigungslinie immer weiter zurück und vermochte es so tatsächlich, die Mitte halbwegs dicht zu halten.Weiterlesen »

Pfeifenköpfe und Volksburger

1. Bundesliga, 32. Spieltag / BVB 5 VfL Wolfsburg 1

Für die, die sich nicht mehr daran erinnern: Der VfL Wolfsburg war der Klub, der letztes Jahr dem BVB im Pokalfinale wenig Chancen ließ und außerdem Vizemeister wurde. Gäbe es nicht das respektable Abschneiden in der Champions League, müsste man spätestens nach dem Auftritt gestern davon sprechen, dass die Leistungskurve der Wölfe parallel zum Ansehen ihres Hauptsponsors verläuft.

Dagegen könnten Respekt und Freude angesichts des Auftretens der Schwarz-Gelben kaum größer sein. Nach der ganzen Aufregung um den Wechselwunsch des Kapitäns lieferte das Team inklusive Hummels eine großartige Leistung ab. Mit dem intensiven Pressing der Borussia kamen die Gäste zu keiner Phase zurecht. Nicht nur, dass sie den Ball ein ums andere Mal verloren – sie boten auch in der Rückwärtsbewegung entscheidende Räume an, die die BVB-Offensive prompt nutzte. War das frühe 1:0 noch ein bisschen durch das Glück begünstigt, dass Mkhitaryans verunglückter Schuss von rechts zentral bei Shinji Kagawa landete, spielte der Japaner wenige Minuten später astrein Ramos frei.

Die Borussia ging das Anfangstempo natürlich nicht über 90 Minuten, ließ aber mit dem Lattentreffer von Caligiuri nur eine richtig gute Chance der Gäste zu. Gegen ungeordnete Wölfe sah selbst Marcel Schmelzer mal wie ein gefährlicher Linksaußen aus. Als dann auch noch Aubameyang eingewechselt wurde, der offensichtlich schon mit den Hufen gescharrt hatte, war es um den VfL geschehen.

Thomas Tuchel scheint rechtzeitig zum Saisonfinale ein Grundgerüst für seine Startelf gefunden zu haben. Die Spielfreude ist definitiv zurück und vielleicht war das Aus an der Anfield Road bei aller Bitterkeit tatsächlich heilsam für das Konzentrationsvermögen. Man könnte jetzt viele hervorheben, auch die komplette Offensive, aber besonders gut hat mir erneut das Mittelfeldduo aus Julian Weigl und Gonzalo Castro gefallen. Weigl ist aus einem leichten Leistungstal zurück, präsentiert sich wieder aufmerksam und mit gutem Auge für den öffnenden Pass. Und Castro ist ohnehin ein Spieler, von dem ich von Anfang an überzeugt war, dass er das drauf hat, was er derzeit zeigt. Harte Arbeit gepaart mit Offensivdrang, der sich immer wieder mal auszahlt.

Das unerfreulichste Thema aus schwarz-gelber Sicht: Gezielte Pfiffe gegen Mats Hummels, zunächst bei jedem Ballkontakt. Und später Pöbeleien von der Südtribüne, als die Mannschaft nach Schlusspfiff zum Feiern kam. Man kann auf Mats Hummels sauer sein, klar. Meiner Ansicht nach hat die Familie den Ausschlag gegeben, dass der Kapitän nach München wechseln will. Vor zwei, drei Jahren hätte er sich das vielleicht noch nicht vorstellen können. Ist bitter, ärgerlich, was auch immer. Aber er hat ohne Zweifel große Verdienste um den Verein. Und vor allem bringt es der Borussia GAR NIX, wenn man Hummels jetzt so behandelt. Wenn, dann ist es schädlich. Man kann zivilisierte Kritik äußern und man kann es so machen, dass es nicht womöglich das Spiel beeinflusst.

Unabhängig von Hummels hat es die Mannschaft nicht verdient, dass nun ein Schatten auf ihre tolle Saison fällt. Und ja, es gibt noch die theoretische Möglichkeit, das Double zu holen. Das sollte nicht von außen gefährdet werden. Die Fans, die sich nicht anders zu helfen wissen, werden noch Jahre Zeit haben, Mats Hummels im Bayern-Trikot auszupfeifen.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek (63. Durm), Bender, Hummels – Weigl (69. Sahin), Castro – Mkhitaryan, Kagawa, Reus, Schmelzer – Ramos (69. Aubameyang). Gelbe Karten: Weigl, Reus. Tore: Kagawa, Ramos, Reus, Aubameyang (2)

Die Hummels zieht es an den Viktualienmarkt

Jetzt ist es also raus: Kapitän Mats Hummels möchte Borussia Dortmund im Sommer verlassen und zum FC Bayern wechseln. Vermutlich muss man der Börse ausnahmsweise mal dankbar sein – dafür, dass der BVB mit einer Ad-Hoc-Mitteilung die Anteilseigner informieren musste, so dass sich die Hängepartie mit entsprechendem Medienecho nicht bis zum Pokalfinale zieht.

Für die Borussia ist das bitter, das braucht man nicht zu beschönigen. Mats‘ rein defensive Qualitäten, etwa Tacklings und Positionsspiel, sind ersetzbar. Dass ein Abwehrspieler auch so wichtig und kompetent im Aufbauspiel und bei seinen Vorstößen ist, trifft man dagegen selten an. Obendrein ist Hummels Kapitän der Schwarz-Gelben und oft genug auch Wortführer, an guten wie an schlechten Tagen.

Zu der ach so großen sportlichen Herausforderung Bayern München habe ich im letzten Artikel schon etwas geschrieben. Gut möglich, dass Mats Hummels die Sache anders sieht. Genauso muss man seine familiären Motive anerkennen. Die Umstände sind nun mal so, dass bei seiner Entscheidung auch P1 und Viktualienmarkt eine Rolle gespielt haben dürften. Man kann dann noch diskutieren, ob Mats mit seinem Wechselwunsch früheren Äußerungen von sich widerspricht. Das mag so sein, aber Meinungen ändern sich – das ist der Lauf der Dinge. Mats setzt nun andere Prioritäten – sportliche Sicherheit und Familie.Weiterlesen »

Schmelzer, Hummels und die Frage, wer wo hingehört

Marcel Schmelzer verlängert seinen Vertrag bei Borussia Dortmund vorzeitig bis 2021. Der Linksverteidiger ist bereits jetzt der zweitdienstälteste Spieler in schwarz-gelb und dürfte dem Verein nun langfristig erhalten bleiben. Das ist eine schöne Nachricht für den BVB, angesichts des schwierigen Marktes auf Schmelles Position und weil der 28-Jährige unter Thomas Tuchel eine für seine Verhältnisse gute Saison spielt. Ein großer sportlicher Schritt für den Klub ist es nicht, auch wenn der langjährige Verbleib eines Spielers heutzutage fast schon als ein Wert an sich gelten kann.

Ein Signal, ein Quantensprung oder einfach eine fantastische Neuigkeit wäre die Vertragsverlängerung von Mats Hummels. Bei diesem Thema stellt sich mal wieder die Frage, ob man darüber schreibt, weil es andere tun und es die Leute offensichtlich bewegt – oder wartet, bis es Handfestes gibt. Was bisher berichtet wurde, kommt fast ausschließlich aus zweiter Hand und ist somit ein Stück weit Spekulation. Doch es verdichten sich die Anzeichen, dass ein Wechsel des BVB-Kapitäns zu seinem Ex-Klub Bayern München zumindest eine ernsthafte Option darstellt.

Einer der Bayern-Schreiber des „Kicker“, Mounir Zitouni, hat kürzlich genüsslich alle Verbindungen von Mats zur Stadt München aufgelistet. Darunter natürlich die Jugend im Verein, aber vor allem Beziehungen persönlicher Art. Wie gerne würde man mal bei den Hummels am Abendbrottisch sitzen und das Gegengewicht zur sicherlich meinungsfreudigen ehemaligen Miss Bayern München spielen. Der „Kicker“-Autor hat es jedenfalls geschafft: Selbst ein Wechsel von Mats ins Ausland käme mir nun schon wie ein Erfolg vor.

Der Wert von Titeln

Bekanntlich war der Abwehrspieler einst vom FC Bayern für spielerisch zu leicht befunden und für gut vier Millionen Euro an Dortmund verkauft worden. Doch seitdem ist viel Zeit vergangen, das Personal hat sich hier wie dort verändert. Am Geld wird sich der Transfer mMn nicht entscheiden. Es geht um Perspektiven – die in Sachen europäischer Titel beim Rekordmeister besser sind. Und es geht – aus unserer Sicht leider – eben auch um Persönliches.

Nun ist Mats Hummels einer der intelligenteren Fußballprofis und wird sicher eine reflektierte und keine eindimensionale Entscheidung treffen. Könnte es sein, dass für einen solchen Menschen Titel mit Borussia Dortmund mehr zählen als die des Seriensiegers von der Säbener Straße? Wenn Hummels in 15 Jahren einmal von fünf Meisterschaften mit dem FC Bayern erzählen sollte, würden seine Zuhörer dann nicht einfach gelangweilt mit den Schultern zucken? Einen unvergleichlichen Erfolg und ein unvergleichliches Standing kann Mats mit dem BVB erzielen – mit den Bayern eher nicht.

Es ist natürlich auch möglich, dass der Kapitän die Entscheidung gegen die Borussia bereits getroffen hat, sie aber erst nach Saisonende kommunizieren möchte, um nicht sich und dem Verein zu schaden. Die Hoffnung bleibt – vielleicht hilft ja eine Petition.