Pfeifenköpfe und Volksburger

1. Bundesliga, 32. Spieltag / BVB 5 VfL Wolfsburg 1

Für die, die sich nicht mehr daran erinnern: Der VfL Wolfsburg war der Klub, der letztes Jahr dem BVB im Pokalfinale wenig Chancen ließ und außerdem Vizemeister wurde. Gäbe es nicht das respektable Abschneiden in der Champions League, müsste man spätestens nach dem Auftritt gestern davon sprechen, dass die Leistungskurve der Wölfe parallel zum Ansehen ihres Hauptsponsors verläuft.

Dagegen könnten Respekt und Freude angesichts des Auftretens der Schwarz-Gelben kaum größer sein. Nach der ganzen Aufregung um den Wechselwunsch des Kapitäns lieferte das Team inklusive Hummels eine großartige Leistung ab. Mit dem intensiven Pressing der Borussia kamen die Gäste zu keiner Phase zurecht. Nicht nur, dass sie den Ball ein ums andere Mal verloren – sie boten auch in der Rückwärtsbewegung entscheidende Räume an, die die BVB-Offensive prompt nutzte. War das frühe 1:0 noch ein bisschen durch das Glück begünstigt, dass Mkhitaryans verunglückter Schuss von rechts zentral bei Shinji Kagawa landete, spielte der Japaner wenige Minuten später astrein Ramos frei.

Die Borussia ging das Anfangstempo natürlich nicht über 90 Minuten, ließ aber mit dem Lattentreffer von Caligiuri nur eine richtig gute Chance der Gäste zu. Gegen ungeordnete Wölfe sah selbst Marcel Schmelzer mal wie ein gefährlicher Linksaußen aus. Als dann auch noch Aubameyang eingewechselt wurde, der offensichtlich schon mit den Hufen gescharrt hatte, war es um den VfL geschehen.

Thomas Tuchel scheint rechtzeitig zum Saisonfinale ein Grundgerüst für seine Startelf gefunden zu haben. Die Spielfreude ist definitiv zurück und vielleicht war das Aus an der Anfield Road bei aller Bitterkeit tatsächlich heilsam für das Konzentrationsvermögen. Man könnte jetzt viele hervorheben, auch die komplette Offensive, aber besonders gut hat mir erneut das Mittelfeldduo aus Julian Weigl und Gonzalo Castro gefallen. Weigl ist aus einem leichten Leistungstal zurück, präsentiert sich wieder aufmerksam und mit gutem Auge für den öffnenden Pass. Und Castro ist ohnehin ein Spieler, von dem ich von Anfang an überzeugt war, dass er das drauf hat, was er derzeit zeigt. Harte Arbeit gepaart mit Offensivdrang, der sich immer wieder mal auszahlt.

Das unerfreulichste Thema aus schwarz-gelber Sicht: Gezielte Pfiffe gegen Mats Hummels, zunächst bei jedem Ballkontakt. Und später Pöbeleien von der Südtribüne, als die Mannschaft nach Schlusspfiff zum Feiern kam. Man kann auf Mats Hummels sauer sein, klar. Meiner Ansicht nach hat die Familie den Ausschlag gegeben, dass der Kapitän nach München wechseln will. Vor zwei, drei Jahren hätte er sich das vielleicht noch nicht vorstellen können. Ist bitter, ärgerlich, was auch immer. Aber er hat ohne Zweifel große Verdienste um den Verein. Und vor allem bringt es der Borussia GAR NIX, wenn man Hummels jetzt so behandelt. Wenn, dann ist es schädlich. Man kann zivilisierte Kritik äußern und man kann es so machen, dass es nicht womöglich das Spiel beeinflusst.

Unabhängig von Hummels hat es die Mannschaft nicht verdient, dass nun ein Schatten auf ihre tolle Saison fällt. Und ja, es gibt noch die theoretische Möglichkeit, das Double zu holen. Das sollte nicht von außen gefährdet werden. Die Fans, die sich nicht anders zu helfen wissen, werden noch Jahre Zeit haben, Mats Hummels im Bayern-Trikot auszupfeifen.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek (63. Durm), Bender, Hummels – Weigl (69. Sahin), Castro – Mkhitaryan, Kagawa, Reus, Schmelzer – Ramos (69. Aubameyang). Gelbe Karten: Weigl, Reus. Tore: Kagawa, Ramos, Reus, Aubameyang (2)

Die Hummels zieht es an den Viktualienmarkt

Jetzt ist es also raus: Kapitän Mats Hummels möchte Borussia Dortmund im Sommer verlassen und zum FC Bayern wechseln. Vermutlich muss man der Börse ausnahmsweise mal dankbar sein – dafür, dass der BVB mit einer Ad-Hoc-Mitteilung die Anteilseigner informieren musste, so dass sich die Hängepartie mit entsprechendem Medienecho nicht bis zum Pokalfinale zieht.

Für die Borussia ist das bitter, das braucht man nicht zu beschönigen. Mats‘ rein defensive Qualitäten, etwa Tacklings und Positionsspiel, sind ersetzbar. Dass ein Abwehrspieler auch so wichtig und kompetent im Aufbauspiel und bei seinen Vorstößen ist, trifft man dagegen selten an. Obendrein ist Hummels Kapitän der Schwarz-Gelben und oft genug auch Wortführer, an guten wie an schlechten Tagen.

Zu der ach so großen sportlichen Herausforderung Bayern München habe ich im letzten Artikel schon etwas geschrieben. Gut möglich, dass Mats Hummels die Sache anders sieht. Genauso muss man seine familiären Motive anerkennen. Die Umstände sind nun mal so, dass bei seiner Entscheidung auch P1 und Viktualienmarkt eine Rolle gespielt haben dürften. Man kann dann noch diskutieren, ob Mats mit seinem Wechselwunsch früheren Äußerungen von sich widerspricht. Das mag so sein, aber Meinungen ändern sich – das ist der Lauf der Dinge. Mats setzt nun andere Prioritäten – sportliche Sicherheit und Familie.Weiterlesen »

Schmelzer, Hummels und die Frage, wer wo hingehört

Marcel Schmelzer verlängert seinen Vertrag bei Borussia Dortmund vorzeitig bis 2021. Der Linksverteidiger ist bereits jetzt der zweitdienstälteste Spieler in schwarz-gelb und dürfte dem Verein nun langfristig erhalten bleiben. Das ist eine schöne Nachricht für den BVB, angesichts des schwierigen Marktes auf Schmelles Position und weil der 28-Jährige unter Thomas Tuchel eine für seine Verhältnisse gute Saison spielt. Ein großer sportlicher Schritt für den Klub ist es nicht, auch wenn der langjährige Verbleib eines Spielers heutzutage fast schon als ein Wert an sich gelten kann.

Ein Signal, ein Quantensprung oder einfach eine fantastische Neuigkeit wäre die Vertragsverlängerung von Mats Hummels. Bei diesem Thema stellt sich mal wieder die Frage, ob man darüber schreibt, weil es andere tun und es die Leute offensichtlich bewegt – oder wartet, bis es Handfestes gibt. Was bisher berichtet wurde, kommt fast ausschließlich aus zweiter Hand und ist somit ein Stück weit Spekulation. Doch es verdichten sich die Anzeichen, dass ein Wechsel des BVB-Kapitäns zu seinem Ex-Klub Bayern München zumindest eine ernsthafte Option darstellt.

Einer der Bayern-Schreiber des „Kicker“, Mounir Zitouni, hat kürzlich genüsslich alle Verbindungen von Mats zur Stadt München aufgelistet. Darunter natürlich die Jugend im Verein, aber vor allem Beziehungen persönlicher Art. Wie gerne würde man mal bei den Hummels am Abendbrottisch sitzen und das Gegengewicht zur sicherlich meinungsfreudigen ehemaligen Miss Bayern München spielen. Der „Kicker“-Autor hat es jedenfalls geschafft: Selbst ein Wechsel von Mats ins Ausland käme mir nun schon wie ein Erfolg vor.

Der Wert von Titeln

Bekanntlich war der Abwehrspieler einst vom FC Bayern für spielerisch zu leicht befunden und für gut vier Millionen Euro an Dortmund verkauft worden. Doch seitdem ist viel Zeit vergangen, das Personal hat sich hier wie dort verändert. Am Geld wird sich der Transfer mMn nicht entscheiden. Es geht um Perspektiven – die in Sachen europäischer Titel beim Rekordmeister besser sind. Und es geht – aus unserer Sicht leider – eben auch um Persönliches.

Nun ist Mats Hummels einer der intelligenteren Fußballprofis und wird sicher eine reflektierte und keine eindimensionale Entscheidung treffen. Könnte es sein, dass für einen solchen Menschen Titel mit Borussia Dortmund mehr zählen als die des Seriensiegers von der Säbener Straße? Wenn Hummels in 15 Jahren einmal von fünf Meisterschaften mit dem FC Bayern erzählen sollte, würden seine Zuhörer dann nicht einfach gelangweilt mit den Schultern zucken? Einen unvergleichlichen Erfolg und ein unvergleichliches Standing kann Mats mit dem BVB erzielen – mit den Bayern eher nicht.

Es ist natürlich auch möglich, dass der Kapitän die Entscheidung gegen die Borussia bereits getroffen hat, sie aber erst nach Saisonende kommunizieren möchte, um nicht sich und dem Verein zu schaden. Die Hoffnung bleibt – vielleicht hilft ja eine Petition.

Keine Probleme mit den Krisenschwaben

1. Bundesliga, 31. Spieltag / VfB Stuttgart 0 BVB 3

(Updated) Als Borussia Dortmund vor zweieinhalb Monaten schon einmal im Neckarstadion zu Gast war, da sahen die Fans nicht nur fliegende Tennisbälle, sondern einen zumindest in der zweiten Hälfte engen Pokalfight. Damals war wirklich nicht zu erwarten, dass der VfB am 31. Spieltag wieder knietief im Abstiegssumpf stecken und der BVB dort so wenig Probleme haben würde. Verletzungspech, etwa bei Großkreutz und Die, ist sicher ein, aber nicht der einzige Grund.

Thomas Tuchel hatte angekündigt und gefordert, dass sein Team trotz gesichertem Tabellenplatz, Pokalfinale und Transfergerüchten die Partie seriös angehen und gewinnen wolle. Die angeschlagenen Spieler blieben dabei außen vor; nur Schmelzer wurde noch eingewechselt. Und dem vieldiskutierten Mats Hummels gönnte der Trainer eine Auszeit auf der Bank. Die komplett neue Innenverteidigung: Sokratis und Ginter.

Den Worten folgten Taten. Mehr Ballbesitz ist man vom Tuchel-BVB inzwischen gewöhnt. Aber die Borussia arbeitete sich auch relativ schnell in dieses Spiel, selbst wenn die Viererkette zunächst die ein oder andere Chance der Gastgeber zuließ. Doch im offensiven Mittelfeld hat sich mit Reus, Kagawa und Mkhitaryan scheinbar ein Trio gefunden, das in dieser Kombination auch das individuelle Potenzial mehr und mehr ausreizt. Kommt dann noch ein junger, frischer und technisch starker Mann wie Christian Pulisic dazu, ist das ungemein gut anzuschauen.

Die erste Tat ließ nur 21 Minuten auf sich warten. Miki setzte sich auf dem linken Flügel durch und passte zielsicher zu Shinji, der am langen Pfosten allein gelassen worden war. Eine simple Aufgabe für den Japaner, der aber auch sonst eine starke Leistung zeigte. Das Tor erleichterte den Schwarz-Gelben gegen die nun aufrückenden Schwaben die effektive Nutzung der Räume. Ramos hätte bereits erhöhen können, doch Tyton konnte seinen Versuch noch parieren. Kurz vor der Pause wehrte der Keeper auch einen Miki-Schuss ab, konnte allerdings nur in die Mitte prallen lassen, wo Pulisic bereitstand. Ich sagte ja bereits: Is guter Junge.

In der zweiten Halbzeit schalteten die Schwarz-Gelben dosiert zurück. Der VfB hatte mehr Ballbesitz, wurde aber noch seltener gefährlich. Nach dem 3:0, diesmal durch Mkhitaryan selbst, erneut mit einem Abstauber-Tor, war das Spiel gelaufen. Auch der Neckar fließt nicht entlang der Anfield Road. Dortmund konnte mal selber auf Konter lauern. Hinten musste Bürki nur einmal entscheidend eingreifen. Die Stimmung schien im Stadion gegen Ende sehr flach – die VfB-Fans hatten die Hoffnung aufgegeben, die BVB-Ultras boykottierten mal wieder. Diesmal allerdings aus einem weit schwerer nachvollziehbaren Grund: Am Bahnhof Bad Cannstatt sollen 100 ‚Fans‘ festgesetzt worden sein, als aus der Gruppe heraus versucht wurde, eine Polizeiabsperrung zu durchbrechen.

Sportlich gesehen war der Sieg ein Ausrufezeichen, dass sich dieser Klub nicht so schnell noch mal aus dem Konzept bringen lassen will. Auch wenn die Meisterschaft endgültig entschieden scheint: Das hat mal wieder Spaß gemacht.

UPDATE: Zu der fehlenden Anfeuerung bzw. den fehlenden Fans gibt es mal wieder verschiedene Darstellungen. Am Bahnhof Bad Cannstatt sollen deutlich mehr BVB-Anhänger in Gewahrsam genommen worden sein – die Rede ist von knapp 300. Die dann im Stadion beim Support ausfielen. Die Polizei sagt, es gab am Bahnhof Aggressionen Dortmunder Fans. Wegen Fans auf den Gleisen wurde der Zugverkehr unterbrochen. Die Fans sehen es anders. Die Stimmung war aufgeheizt wegen der beim Heimspiel auf der Südtribüne präsentierten VfB-Banner. Urteilt und lest selbst –  für mich zu viel Konjunktiv und Kindergarten.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Sokratis, Ginter, Durm – Weigl (82. Sahin) – Mkhitaryan, Kagawa, Reus (76. Leitner), Pulisic (76. Schmelzer) – Ramos. Gelbe Karte: Pulisic. Tore: Kagawa, Pulisic, Mkhitaryan

Offiziell: Das Olympiastadion ist nicht Anfield

DFB-Pokal, Halbfinale / Hertha BSC 0 BVB 3 

Sie haben das BVB-Fanmobil bemalt, die schwarz-gelben Jungs unsanft geweckt, doch genutzt hat es nichts. Borussia Dortmund steht im Pokalfinale in Berlin und das völlig zu Recht.

Eine knappe Woche nach Liverpool hat der BVB bewiesen, dass eine Partie nicht die ganze Saison definieren kann. Tatsächlich lief die Begegnung so deutlich für die Borussia wie es der Riesenvorsprung in der Liga nahelegt. Man hätte nicht mehr von den schwarz-gelben Jungs verlangen können. Außer das Spiel bei einer der zahlreichen Gelegenheiten früher klar zu machen. Dass es nicht so kam, hatte Hertha auch Keeper Jarstein zu verdanken.

Die Vorfreude auf die seltene Gelegenheit, das Pokalfinale daheim zu spielen, schien die Hertha eher zu lähmen. Die Gastgeber überließen der Borussia nicht ganz unerwartet den Spielaufbau, standen aber häufig viel zu weit weg, um rechtzeitig eingreifen zu können. So konnte der BVB ein beeindruckend sicheres Kurzpassspiel aufziehen, das man so souverän von den Schwarz-Gelben auch nicht jeden Tag sieht.

Spieler wie Castro und Kagawa, die sich zunächst noch häufiger verzettelten, fanden letztlich so gut ins Spiel, dass sie zu Matchwinnern aufstiegen. Gleiches gilt für Marco Reus, dem ja nachgesagt wird, kein Mann der großen Spiele zu sein. Dass Miki und Mats überragten, überraschte da gar nicht mehr so sehr.

Es brauchte keinen Aubameyang, ja nicht mal ein Stürmertor des sichtlich bemühten Ramos, um die Partie zu entscheiden. Castro mit einem veritablen Kracher und Reus mit eigenem Tor und der Vorlage für Miki reichten – der BVB zeigte, dass mit ihm auch nach Liverpool zu rechnen ist.

Zwar blieb Hertha BSC nicht ohne Chancen, hatte sogar eine fast hundertprozentige – doch es wirkte immer eher zufällig oder wie ein Strohfeuer wenn den Berlinern etwas gelang. Die Borussia behielt diesmal immer die Kontrolle. Ob die Mannschaft nun bereit ist, auch die Schummelbayern zu stoppen? An einem Abend wie diesem erscheint nichts unmöglich.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Bender, Hummels, Schmelzer (84. Durm) – Weigl, Castro (77. Gündogan) – Mkhitaryan, Kagawa, Reus – Ramos. Gelbe Karte: Castro. Tore: Castro, Reus, Mkhitaryan 

Pulisic rotiert zum Shootingstar

1. Bundesliga, 30. Spieltag / BVB 3 Hamburger SV 0

Endlich mal wieder überzeugend gegen den HSV gewonnen, geglückte Generalprobe für den Pokal – alles gut? Ganz so einfach stellt sich die Situation nach dem 3:0 von Sonntagnachmittag nicht da. Eine Erleichterung war jedoch, dass die Mentalität der Borussia nach dem Drama von Liverpool keinen dauerhaften Schaden genommen hat.

Thomas Tuchel rotierte erneut massiv, brachte unter anderem mit Felix Passlack (links hinten) und Christian Pulisic (Flügel) eine ganz junge linke Seite. Auch sonst gab es wieder viel Neues in der Defensive – Bender, Ginter und Sahin standen in der Startelf. Um es klar zu sagen: Die Sache hätte auch nach hinten losgehen können. Bis zur Führung in der 38. Minute war der BVB zwar die aktivere Mannschaft, aber Angst hatte man vor allem, wenn die Gäste – mit oft einfachen Mitteln wie hohen Bällen – in die Nähe des Dortmunder Strafraums kamen. Bei den Schwarz-Gelben wirkte das alles andere als sattelfest. Wäre nicht Mats Hummels gewesen, der Sven Schipplock den Ball kurz vor dem entscheidenden Pass in die Mitte weggrätschte, hätte das Spiel ganz anders ausgehen können.

Wollen wir hoffen, dass es eine Zeit ohne Mats in unserem Trikot nicht so schnell geben wird. Denn der Kapitän war es auch, der den Pass vor der Führung durch Christian Pulisic gab. Letzterer wiederum war der Hauptgewinner der Rotation. 17 Jahre, dribbelstark und schon erstaunlich abgeklärt – der US-Amerikaner präsentierte sich über weite Strecken als hervorragende Alternative zu großen Namen. Das 1:0, frech ins kurze Eck, war Christians erstes Bundesligator – als viertjüngster Schütze überhaupt. Es ist keine mutige Prophezeiung, dass wir an ihm noch Freude haben werden.

Das Tor war – wie so oft – der klassische Dosenöffner, um noch einmal unseren alten Trainer zu zitieren. Danach lief es für die Borussia – mit etwas Glück und Mithilfe des HSV. Das 2:0 fiel kurz vor der Pause auch deshalb, weil die Gästedeckung Adrian Ramos nicht entschlossen anging, ihn vielleicht sogar unterschätzte. So konnte der den Ball sehenswert von links ins lange Eck zirkeln – ein tolles Tor.

In der zweiten Hälfte kam es dann knüppeldick für die Gäste: Rene Adler stoppte Shinji Kagawa unsanft vor dem Strafraum. Da er der Torwart und kein gewöhnlicher Feldspieler ist, darf man die Rote Karte durch Schiedsrichter Marco Fritz als hart, aber gerecht bezeichnen. Es folgte Verletzungspech, so dass die Hamburger die Partie sogar mit neun Mann beenden mussten. Lasogga und Müller waren bereits verletzt ausgeschieden, Drobny nach dem Platzverweis für Kacar gekommen – dann erwischte es auch noch Ekdal. Zum Glück konnte die Borussia von dieser deutlichen Überzahl noch mal profitieren. Ramos erzielte mit einem Abstauber-Tor vier Minuten vor Schluss noch seinen zweiten Treffer.

Gegen einen solchen HSV reicht eine solch insgesamt höchst durchschnittliche Leistung dann eben. Die zweite Halbzeit war einseitig, nach dem Platzverweis kam offensiv nichts mehr Erwähnenswertes von den Gästen. Hätten diese ihre Chancen verwertet, hätten sie besser gestanden … wer weiß? Aber mit dem Konjunktiv brauchen wir uns nicht lange aufhalten. Teil 1 meiner Wunschliste ist erfüllt, die Hoffungen auf Teil 2 sind deutlich gestiegen. Hertha ist nicht Liverpool, das Olympiastadion alles andere als Anfield.

Die Aufstellung: Bürki – Ginter (75. Schmelzer), Bender, Hummels, Passlack – Gündogan (65. Leitner), Sahin – Castro (75. Aubameyang), Kagawa, Pulisic – Ramos. Tore: Pulisic, Ramos (2)

The Day After

Es fühlt sich immer noch sehr bescheiden an, was da gestern Abend passiert ist. Anti-Malaga eben. Deshalb hier noch ein paar – vielleicht therapeutische, jedenfalls subjektive – Gedanken und Lehren aus dem Krimi von Anfield.

  1. Gegen diesen Trainer in diesem Stadion und nach diesem Spiel zu verlieren fühlt sich besser an als in ähnlicher Weise – sagen wir – gegen den FC Bayern. Ein kleines bisschen besser zumindest.
  2. Weder die schwarz-gelben Jungs noch Thomas Tuchel vermochten es, der Partie neue Impulse zu geben, als sie ihre verhängnisvolle Dynamik bekam. Oder es waren falsche Impulse.
  3. So gut es in der Liga läuft: Wenn man Erfolge in Europa feiern will, muss endlich eine ehrliche Bestandsaufnahme der Fähigkeiten und Limitierungen der Defensivakteure her. Dabei bitte außen anfangen!
  4. Nach diesem K.O. sofort wiederaufzustehen, am Sonntag endlich mal den HSV wieder richtig wegzuputzen und natürlich am Mittwoch ins Pokalfinale einzuziehen – das würde allen, die jetzt zweifeln, beweisen, dass auch der Tuchel-BVB die richtige Mentalität hat.

Tuchels Gameplan hält nur 90 Minuten

Europa League, Viertelfinale / FC Liverpool 4 BVB 3

Ein furioser Start, ein faszinierender Europapokal-Abend, der Werbung für den Wettbewerb war – doch bei der Auslosung zum Halbfinale heute Mittag ist Borussia Dortmund nicht im Topf. Das Stehaufmännchen Nummer 1 bleibt Jürgen Klopp.

Lange sah es so aus, als ob die Schonung vieler Stammkräfte im Derby bei S04 Früchte getragen hätte. Marco Reus, Henrikh Mkhitaryan und Pierre-Emerick Aubameyang spielten lange nahe ihrer Bestform. Doch so überzeugend der BVB zunächst angriff, defensiv sah es immer dann gefährlich aus, wenn die Reds zielstrebig und passsicher kombinierten. Lukasz Piszczek war stark nach vorne, aber defensiv nicht immer im Bild. Und Marcel Schmelzer? Hat der gestern eine Flanke verhindert? Er schien immer da zu sein, wo der Ball nicht war. In der Zentrale wurde es unterdessen immer gefährlich, wenn mehr als zwei Spieler zu decken waren.

In den ersten 20 Minuten war dieses Spiel eine Leistungsschau der BVB-Offensive, danach ein packender Europapokal-Fight. Doch den Borussen half es am Ende weder, sich einreden zu lassen, man habe das stärkere Team, noch dass man kräftemäßig am Limit sei. Nach solch einem Last-Minute-Desaster lässt sich natürlich nicht seriös sagen, wie sich eine geringere Rotation am Sonntag ausgewirkt hätte. Doch de facto steht man nun 7 Punkte hinter Bayern und nicht mehr in der Europa League.

Die Dramaturgie des Spiels verlief in der zweiten Hälfte zunächst denkbar ungünstig. Ein schnelles Gegentor hätte es nun wirklich nicht gebraucht. Doch der großartige Marco Reus schien alles klar gemacht zu haben – wäre nicht Klopps Liverpool Meister der Aufholjagd. Dass der BVB sich dem nicht mehr widersetzen konnte und noch drei Tore kassierte, ist schwer erklär- und verzeihbar. Auch der Doppelwechsel – Ramos und Gündogan für Reus und Castro – muss kritisch hinterfragt werden.

Es waren nicht die besten Tage von Thomas Tuchel, unbenommen dem, was er bereits mit den schwarz-gelben Jungs geleistet hat. Was bleibt, ist erst mal Leere. Und fast schon die Pflicht, am Mittwoch zu verhindern, dass Berlin nach Berlin fährt. So ist das Business.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Sokratis, Hummels, Schmelzer – Weigl, Castro (82. Gündogan) – Mkhitaryan, Kagawa (77. Ginter), Reus (83. Ramos) – Aubameyang. Gelbe Karten: Hummels, Piszczek, Schmelzer. Tore: Mkhitaryan, Aubameyang, Reus

Tuchel macht das Derby spannend

1. Bundesliga, 29. Spieltag / FC Schalke 2 BVB 2

Von der Spannung her war das heute ein Derby wie in besten Zeiten – letztlich eng, mit Toren und Gesprächsstoff. Ob ihm von Dortmunder Seite die Bedeutung beigemessen wurde, die ihm zustand? Acht Mal Rotation ist schon heftig. Einiges konnte man nachvollziehen – die Pause für Aubameyang, den viel beschäftigten Mkhitaryan, für Schmelle. Ebenso die Einsätze für Pulisic oder Ginter. Aber ein Moritz Leitner, der ohnehin Wochen nicht gespielt hat, im Derby? No way.

Die erste Hälfte deutete an, wie die Partie mit einem BVB in Normalbesetzung wohl geendet hätte. Spielaufbau und -kultur waren bei den Gastgebern kaum erkennbar. Die Härte hatten die Blauen, kaum unterbunden von Schiedsrichter Zwayer, trotz mehrerer Ellbogenchecks. Die Borussia hätte mit einer zupackenderen Herangehensweise plus ein, zwei entscheidenden Pässen das Spiel in dieser Phase womöglich schon entscheiden können.

In der zweiten Halbzeit hatte Schalke zweimal eine Antwort auf Dortmunder Tore parat. Shinjis frechem Lupfer über Fährmann und Ginters Kopfball nach Ecke standen ein Strafraumgewusel-Tor von Sané und ein diskussionswürdiger Elfmeter von Huntelaar gegenüber. Letzterer sammelte wohl übrigens bei keinem Schwarz-Gelben Sympathiepunkte.

Der BVB hatte im Anschluss noch einige Gelegenheiten, auch die Gastgeber spielten munter mit. Doch es bleibt das Gefühl, dass hier deutlich mehr zu holen gewesen wäre. Wie hätte Thomas Tuchel wohl aufgestellt, wenn gestern der VfB triumphiert hätte? Vielleicht ist man aber in einer Woche, in der Jürgen Klopp in Dortmund war, auch nur besonders empfindlich, was die Emotionalität – oder deren Fehlen – rund um ein Derby angeht. Sollte die Rotation heute zum Weiterkommen am Donnerstag führen, wäre ja auch fast alles wieder gut.

Die Aufstellung: Bürki – Ginter, Bender, Sokratis, Hummels (46. Mkhitaryan), Durm – Sahin, Leitner (73. Aubameyang) – Pulisic (73. Gündogan), Kagawa – Ramos. Gelbe Karten: Sahin, Sokratis, Durm. Tore: Kagawa, Ginter