Auf Augenhöhe mit den Wölfen

1. Bundesliga, 33. Spieltag / VfL Wolfsburg 2 BVB 1

Borussia Dortmund hat die Generalprobe für das Pokalfinale, die niemand wirklich gebraucht hat, verloren. Angst vor dem Tabellenzweiten, zumal in einem vorwiegend schwarz-gelben Berlin, muss man aber nicht haben. Das sind die Lehren aus dem für die europäischen Hoffnungen des BVB sehr glimpflich verlaufenen 33. Spieltag. Beim Ligafinale hat man zu Hause gegen Bremen noch alles selbst in der Hand. Verloren gegangen ist nur die Möglichkeit, die Saison vor dem Dauerrivalen aus Gelsenkirchen zu beenden. Aber wer wollte gerade mit denen tauschen?

Die knifflige Auswärtspartie in der selbst ernannten Autostadt begann denkbar schlecht: zum vierten Mal in dieser Spielzeit kassierte die Borussia in der ersten Spielminute einen Gegentreffer. Ausschlaggebend war ein Fehlpass von Ilkay Gündogan, den man trotz zwei, drei ordentlicher Aktionen gestern angesichts der Leistungen in 2014/15 nicht sonderlich vermissen wird. Schnelle Gegenzüge sollte man den Wolfsburgern bekanntlich nicht zu oft gestatten – Caligiuri und de Bruyne ließen die BVB-Defensive im Anschluss alt aussehen.

Anschließend war es ein sehr gutes Bundesligaspiel, wie es – mit anderem Ausgang – auch gerne in Berlin aussehen dürfte. Chancen auf beiden Seiten und der schnelle Ausgleich per Elfmeter, nachdem Kampl von Torwart Benaglio von den Beinen geholt worden war. Eine rote Karte musste in dieser Szene nicht zwingend sein – dafür sollte der BVB noch zweimal benachteiligt werden. Zwar hatten die Gastgeber durch den erstaunlich verschwenderischen Bas Dost in der ersten Hälfte die besseren Gelegenheiten, doch kurz vor der Pause hätte es nach Foul von Klose an Mkhitaryan erneut Strafstoß geben müssen. Und beim 1:2 durch Naldo, erneut kurz nach (Wieder-)Anpfiff, standen zwei Wolfsburger im strafbaren passiven Abseits. Auf der anderen Seite hätte Schiedsrichter Fritz das Handspiel von Durm im Zweikampf gegen de Bruyne ahnden können.

Alles in allem war es zwar eine Auswärtsniederlage, die man akzeptieren konnte, doch auf die Fehleinschätzungen des Referees und seiner Assistenten können wir im Finale gut verzichten. Zu lernen war für die Borussia, wie schon öfter in dieser Saison, dass die Außenverteidigung gegen Topteams Probleme hat. Sowohl Durm als auch Schmelzer zeigten defensiv Schwächen, wobei Letzterer nach vorne sogar besser aussah als sonst. Das MUSS ein Mann mit frischem Blick wie Thomas Tuchel doch sehen. Immerhin fuchste sich Subotic nach durchwachsenem Beginn in die Partie – er musste den kurzfristig ausgefallenen Hummels ersetzen.

Mkhitaryan und Aubameyang wussten trotz ausgelassener Chancen zu überzeugen, auch Kampls Einsatz und der gewonnene Elfmeter lassen hoffen. Für Shinji Kagawa und Ilkay Gündogan könnte es dagegen in der nächsten Saison mit Stammplätzen – wo auch immer – schwer werden.

Fürs Endspiel – gegen Bremen und in Berlin – besteht auch deshalb berechtigte Hoffnung, weil Marco Reus nach seiner Einwechslung belebend wirkte und bis nächste Woche noch weiter sein wird. Und auch Mats Hummels sah auf der Bank nicht schwerer verletzt aus. Es werden spannende zwei Wochen – für die Borussia und am Samstag auch für den Rest der Liga.

Die Aufstellung: Langerak – Durm, Subotic, Sokrates, Schmelzer (76. Piszczek) – Gündogan, Kehl – Mkhitaryan, Kagawa (70. Reus), Kampl (70. Immobile) – Aubameyang. Gelbe Karten: Subotic, Gündogan. Tor: Aubameyang (EM)

BVB auf dem Weg nach Europa

1. Bundesliga, 32. Spieltag / BVB 2 Hertha BSC 0

Borussia Dortmund hat sich im vorletzten Heimspiel der Saison eine gute Ausgangsposition geschaffen, um auch ohne den von allen ersehnten Pokalsieg in der kommenden Spielzeit im Europapokal vertreten zu sein. Hilfreich war dabei, dass die Formkurve der Hertha nach unten zeigt und etwa ein Spieler wie Ben-Hatira ersetzt werden musste. Denn mehr als zwei bis drei Chancen hatten die Gäste nicht in der Partie, obwohl sie es bis zum Schluss versuchten.

Bei den Schwarz-Gelben musste Jürgen Klopp Kuba ersetzen. Kevin Kampl kam für ihn in die Startelf und legte einen eher farblosen Auftritt hin. Derzeit besser in Form: Henrikh Mkhitaryan, der beide Treffer vorbereitete, viel zum Spiel beitrug und bei seiner besten Einzelaktion auch nur knapp das Tor verfehlte. Sollte Thomas Tuchel wirklich seinen Verbleib gefordert haben, sieht man nun warum.

Bei den Berlinern fehlte selbst bei gegnerischen Standards die defensive Stabilität und offensiv wussten gestern weder Kalou noch Wagner im Sturmzentrum zu überzeugen. Der BVB profitierte davon, ohne dass jeder eigene Spieler glänzen musste. Die Abwehr stand erneut beeindruckend sicher und die Gründe, Mitch Langerak wieder aus dem Tor zu nehmen, schwinden mehr und mehr. Erik Durm konnte gestern endlich einmal zählbar nachweisen, was ihn im Vergleich zu Marcel Schmelzer auszeichnet.

Das Ergebnis hätte höher gestaltet werden können, doch da auf den anderen Plätzen fast alle Resultate für die Borussia ausfielen, wird da sicher niemand kleinlich drauf schauen. Natürlich kann die Lage auf dem ersten Weg nach Europa nach dem Auswärtsspiel in Wolfsburg schon wieder ganz anders aussehen. Es bleibt spannend – um Platz 5 bis 7 wie ganz unten.

Die Aufstellung: Langerak – Durm, Subotic, Hummels, Schmelzer (71. Piszczek) – Kehl, Gündogan – Mkhitaryan, Kagawa (84. Bender), Kampl – Aubameyang (66. Immobile). Gelbe Karten: Kehl, Subotic. Tore: Subotic, Durm

Hauch der Vergangenheit

Borussia Dortmund steht also – manche werden davon gehört haben – im Pokalfinale und ich konnte das Spiel nur mit den Ohren verfolgen. Zwar bringt auch ein heulender Nobby Dickel Emotionen rüber, aber es war nach diesen 120+ Minuten doch bitterer, nicht ‘dabei’ gewesen zu sein als ich gedacht hatte. Die Bayern wurden von der jüngeren Vergangenheit eingeholt, bekamen einen Elfmeter verwehrt und dem BVB wurde korrekterweise ein Tor zugesprochen, das ihm vor einem Jahr noch vorenthalten worden war.

Mit dem vergleichsweise nüchternen Blick des Ausgeschlossenen kamen Erinnerungen an 2008 hoch: eine enttäuschende Bundesligasaison der Schwarz-Gelben bedeutete trotz Pokalfinaleinzug das Ende für den Trainer und ein dynamischer Nachfolger wurde bekannt gegeben. Die gewaltigen Unterschiede muss ich nicht aufzählen, doch auch diesmal macht sich vor dem Pokalfinale – das hoffentlich erfolgreicher als damals endet – Umbruchstimmung breit. Für manche steht auch der Abschiedsschmerz im Vordergrund oder sogar Endzeitstimmung. Auf jeden Fall endet eine Ära, die weit schöner war als jene vor 2008.

Eine Ära hat Ilkay Gündogan, dessen Abschied ebenfalls während meiner Abwesenheit bekannt gegeben wurde, nicht geprägt. Er geht spätestens 2016, aber eigentlich möchten alle Beteiligten, dass es bereits in den kommenden Monaten so weit ist. Da das auch die potenziellen Interessenten wissen, kann die Borussia wohl keine Wahnsinnssummen erwarten. Zu hoffen bleibt wohl nur, dass es mehrere Bewerber um seine Gunst gibt. Ob es eingedenk Ilkays Verletzungshistorie auch die richtigen, solventen Klubs sein werden?

Gündogan hat dem BVB nie in besonderer Weise seine Treue versichert. Er wurde während seiner Verletzung vom Verein, nach allem was wir wissen, gut unterstützt, aber das darf man auch erwarten. Wenn er die Borussia jetzt verlässt, wird ihm wohl niemand auf immer und ewig böse sein. Ilkay hat es aber auch nicht geschafft, sich langfristig ins Gedächtnis der BVB-Fans zu spielen. Und sportlich wird man ihn nach den Eindrücken der letzten Monate ersetzen können.

Nur noch kurz die Saison retten

In der letzten Woche ging es um die Zukunft von Borussia Dortmund. Die liegt mir selbstverständlich sehr am Herzen. Doch mit dem 3:0 gegen Paderborn hat der BVB auch den Grundstein gelegt, um die gegenwärtige Saison, die alles veränderte, versöhnlich ausklingen zu lassen.

Ach, was sage ich? Abgesehen davon, dass es in der Liga noch für die Plätze 5 bis 7 reichen könnte, haben die Schwarz-Gelben die Gelegenheit, mit nur einem Spiel alles zu verändern. Würden sie das Pokalhalbfinale in München gewinnen, wäre Klopp endgültig unsterblich und hätte den krönenden Schlusspunkt gesetzt, den seine Ära in Dortmund verdient. Es wäre ein grandioser Erfolg für diesen Verein und natürlich ein wichtiger Schritt zum Pokalsieg. Es würde zudem die Bayern empfindlich treffen – umso mehr, wenn sie zuvor gegen Porto auch aus der Champions League fliegen. So viel Schadenfreude darf und muss sein.

“Any Given Weekend” wird die nächsten zwei Wochen pausieren und somit auch dieses Top-Topspiel nicht direkt thematisieren. Ich bin im Urlaub, mal wieder im Mutterland des Fußballs, in dem es zumindest in der zweiten Liga auch sehr spannend zugeht. Mal sehen, ob ich die Abwesenheit nach meiner Rückkehr bereuen werde.

Tuchel macht’s – vielleicht bis 2018

Es ist dann doch schnell gegangen. Noch vor Wochenbeginn hat Borussia Dortmund in dürren Worten verkündet, dass Thomas Tuchel ab 1. Juli Trainer der Schwarz-Gelben wird und einen Dreijahresvertrag bekommt. Vorgestellt wird der Neue nach Saisonende; bis dahin sind Nachfragen unerwünscht.

Vieles spricht dafür, dass Tuchel – auch auf Klopps Empfehlung hin – einziger ernst zu nehmender Kandidat war und es Aki Watzke mit seinen jüngsten Äußerungen nur noch mal ein bisschen spannend machen wollte. Schaut man sich den deutschen Markt an, gab es realistisch gesehen kaum andere Optionen. Favre war nicht zu haben, Weinzierl schwer. Und Letzterer ist zwar Mann der Stunde, aber noch nicht über einen Zeitraum, der ihn begehrenswerter als Tuchel machen würde.

Die Alternative wäre gewesen, sich noch auf dem internationalen Markt umzusehen, wie es ja der Reviernachbar gemacht hat. Da fallen mir neben Ex-Spielern mit beschränkten Deutsch-Kenntnissen (Sousa, Lambert) und nicht zu bekommenden Star-Trainern keine weiteren Namen ein. Was nicht ausschließen soll, dass Kenner der Szene jemand hätten ausfindig machen können. Doch wenn man ehrlich ist, stellt Thomas Tuchel die weit weniger riskante Variante dar.

Unter den gegebenen Umständen ist er die logische und eine gute Wahl. Deren Zustandekommen ich zwar nicht so schnell erwartet hätte, mit der ich aber sehr gut leben kann. Wie schon angedeutet, empfinde ich keine Euphorie wie bei der Verpflichtung Klopps. Dessen Nachfolger hätte es in der öffentlichen Meinung zunächst mal immer schwer gehabt, unabhängig vom Zeitpunkt des Wechsels.

Dass nach sieben Jahren Klopp ein menschlich anderer Typ als Klopp Trainer wird, muss nun wirklich nicht schlimm sein. Thomas Tuchel mag weniger volksnah sein, aber dass das die Fans abschrecken soll, halte ich für Folklore, die mit der langen Amtszeit seines Vorgängers zu tun hat. Tuchel wird sagen, wenn ihm etwas nicht passt – und das ist ok so. Das Einzige, was er beweisen muss, ist seine Loyalität. Da ließ er durch seinen vorzeitigen Abschied bei Mainz leise Zweifel aufkommen.

Fachlich hat Tuchel, der Co-Trainer Arno Michels mitbringt, viel drauf, das wird kaum jemand in Fußball-Deutschland bestreiten. Es wurde schon einiges über seine Art des Fußballs geschrieben – so früh nach der Bekanntgabe seiner Verpflichtung begnüge ich mich mit einer Zahl, auf die der “Kicker” hingewiesen hat: Mainz stünde in einer Tabelle über Tuchels Amtszeit dort auf Platz 5 der Liga.

Euphorie nein, Spannung aber sicher, Zuversicht ja – wenn die BVB-Verantwortlichen sich nicht auf der Verpflichtung ausruhen, sondern Tuchel unterstützen. Nicht mit Unsummen von Geld, sondern mit der schon im letzten Text geforderten gemeinsamen ehrlichen Analyse. Für die nötigen Konsequenzen gibt es dann sicher mehr als eine Option. Ach ja, den Willkommensgruß an Thomas Tuchel verschiebe ich – sicher im Sinne aller Beteiligten – bis zum ersten offiziellen Auftauchen des Klopp-Nachfolgers in Dortmund.

Erdbeben in Dortmund – Klopp geht am Saisonende

Wer hätte das gedacht? Berufszyniker und Erfolgsfans werden jetzt vielleicht zufrieden die Hände heben. Ich habe es bis zuletzt für unwahrscheinlich gehalten, dass Jürgen Klopp beim BVB vor Vertragsende aufhört. Klopp selbst hat betont, seine Verträge stets zu erfüllen. Doch heute hat der Erfolgstrainer der letzten Jahre auf einer emotionalen Pressekonferenz bekanntgegeben, dass sich die Wege von ihm und Borussia Dortmund am Saisonende trennen. Am Morgen waren entsprechende Gerüchte von der „Bild“ lanciert worden; der Verein sah sich daraufhin gezwungen, die Öffentlichkeit früher als geplant zu informieren.

Zunächst ergriff Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke das Wort, dem man ansah und –hörte, dass die Entscheidung nicht von ihm kam und er sie so nicht getroffen hätte. Er gab Klopps Weggang offiziell bekannt. Die mit Abstand meiste Redezeit hatte natürlich Kloppo selber. Seine Begründung ist aus seiner Sicht nachzuvollziehen. Er habe das Gefühl gehabt, für die Zukunft nicht mehr der bestmögliche Trainer für die Borussia zu sein. Sicher wird der bisherige Saisonverlauf auch an ihm gezehrt haben, aber nicht so sehr, dass er es nicht mehr ausgehalten hätte.

Zum Nachdenken regt ein Satz von Klopp an, der nicht im Zentrum der PK stand: „Für Entwicklung brauchst du die Möglichkeit, kleine Schritte zu machen.“ Die Erwartungen, sicher auch von Teilen der Fangemeinde und geschürt von den Medien, waren so hoch, dass der Trainer den im Sommer nötigen Neuaufbau in Gefahr sah. Dieser hätte nämlich unter Umständen weitere Geduld vom Umfeld gefordert.

Wenig überzeugend ist die Argumentation, dass dieser Neuaufbau nun gar nicht mehr nötig sei, weil ja der Kopf bald weg ist. Wer wirklich glaubt, dass Klopp das Hauptproblem ist, denkt schlicht unterkomplex. Ob mit oder ohne Klopp: Es braucht keinen radikalen Schnitt, aber eine ehrliche Analyse ohne Rücksicht auf Namen und mit Sicherheit Änderungen in mehreren Mannschaftsteilen.

Aus Übermut über ihren ‚Coup’ hat die „Bild“ gleich mal Thomas Tuchel als Nachfolger ins Spiel gebracht. Es ist ja auch schön nahe liegend, nachdem er anderen Vereinen abgesagt hat. Doch dass eine solche Entscheidung beim BVB nach sieben Jahren Klopp so schnell getroffen wird, ist sehr unwahrscheinlich. Außerdem ist Tuchel in mancher Hinsicht Klopp ähnlich, etwa beim favorisierten Spielstil und dem Verhalten am Spielfeldrand. Es gibt auch taktische und menschliche Unterschiede, aber ob Watzke und Zorc noch mal den Weg nach Mainz gehen? Es sagt auch nicht wirklich etwas über Tuchels Qualitäten aus, dass sich Vereine wie der HSV, der FC Schalke und RB Leipzig um ihn bemüht haben. Nachdenklich machen darüber hinaus Tuchels Abschied von Mainz und die Meinung, die der ausgebootete Ex-Torwart Heinz Müller vom Ex-Trainer hat.

Sieben Jahre sind tatsächlich eine sehr beachtliche Zeit im Fußball. Sie war die großartigste, die ich als Fan erlebt habe, trotz der 90er. Ich habe mich in den letzten Jahren ganz gelegentlich bei dem Gedanken ertappt, wie es wohl ohne Klopp wäre, mit einem etwas gelasseneren Trainer. Richtig gewünscht habe ich mir das nie. Und auch jetzt muss sich erst erweisen, ob es derzeit einen besseren Trainer für diesen Verein gibt. Wir werden weiter diskutieren, wir werden es irgendwann sehen. Ein schöner Tag ist das heute nicht, außer in Portugal. Danke für alles, Jürgen Klopp, jetzt schon mal!

BVB wird zur kleinen Borussia

1. Bundesliga, 28. Spieltag / Mönchengladbach 3 BVB 1

Die letzten beiden Ligapartien haben den Status Quo 2015 bei Schwarz-Gelb demonstriert: Der BVB ist nicht wirklich so schwach wie es in der Hinserie den Anschein hatte, doch in dieser Saison ein großes Stück von der Spitze entfernt. Mehr als ein Hineinrutschen in die Europa League, auf die eine oder andere Weise, wäre schlicht nicht verdient. Und die Borussia vom Niederrhein hat uns spielerisch derzeit einiges voraus. Warum Favres Team nicht im Pokal-Halbfinale steht, können sich die Gladbacher nur selbst beantworten.

Es gibt nicht wirklich eine Entschuldigung dafür, dass es zum dritten Mal in dieser Spielzeit schon in der ersten Minute hinten klingelte. Wendts Treffer wäre mehrfach zu verhindern gewesen, unter anderem, wenn Hummels nicht ausgerutscht wäre. Mit dem 1:0 hatten die Gastgeber ideale Voraussetzungen, um auf ihre Schnelligkeit in Kontersituationen zu vertrauen.

Natürlich war es ein Nachteil, dass die Schwarz-Gelben auf Marco Reus und den im Pokal überzeugenden Erik Durm verzichten mussten. Die Bilanz mit und ohne Reus ist eindeutig. Zwar schaffte der BVB nach dem frühen Gegentor ein eindeutiges Übergewicht, hatte viel Ballbesitz, aber es fehlten zwingende Gelegenheiten. Weitschüsse können manchmal ein probates Mittel sein – siehe Kehls Dropkick am Dienstag – aber häufiger sind sie auf Bundesliga-Niveau Ausdruck von Ideenlosigkeit oder gar Verzweiflung. Die vermeintlich Kreativen wie Gündogan oder Kagawa brachten wenig zustande; Mkhitaryan wirkte zumindest energischer.

Ein Problem, zu dem sich Jürgen Klopp zuletzt bekannt hat und das er gestern durch offensive Auswechslungen zu beheben versuchte, ist die mangelhafte Besetzung des gegnerischen Strafraums. Zu oft steht tatsächlich nur Aubameyang als Anspielstation ganz vorne zur Verfügung. Andere Akteure rücken zu langsam nach. Selbst wenn Marcel Schmelzer einmal eine gute Flanke in oder an den Sechzehnmeterraum bringt, kann diese dann nicht verwertet werden – nur einmal hätte es fast geklappt. Auch Gladbach bot gestern zeitweise viel Platz über die Flügel an, den der BVB zu selten zu nutzen verstand. Ich hätte gerne Dudziak länger und Durm überhaupt gesehen – letzteres war bekanntlich nicht möglich.

Die Art und Weise, wie Herrmann das 2:0 machte, zeigte Souveränität und Klasse – nicht nur beim Mittelfeldspieler selbst. Auch in dieser Szene kamen drei, vier Schwarz-Gelbe zu spät; am Ende schien es so, als würde Neven Subotic etwas zu früh aufgeben. Natürlich lag dieser Torerfolg vor allem daran, dass Herrmann ein Klassespieler ist – doch solche Spielzüge sieht man beim BVB in dieser Saison zu selten. An Herrmanns – und Reus’ – Qualität kommen andere Dortmunder derzeit nicht ran.

Das dritte Gegentor, mal wieder nach einem Standard, war eine Mischung aus Pech und Unvermögen und brachte die Entscheidung. Viel mehr als den einen eigenen Treffer durch Gündogan – nach Vorlage von Dudziak – hatten die Schwarz-Gelben nicht verdient. Trotz Bemühen und 54 Prozent Ballbesitz. Mit nur ein, zwei entscheidenden Ausfällen – auch den bisher allenfalls in der Rückserie überzeugenden Nuri Sahin wünscht man sich sehnlichst zurück – geht die mannschaftliche Reife verloren. Zugegeben, ein wolkiger Begriff. Doch gegen gefestigte Teams mit Qualität macht so etwas den Unterschied aus: Gladbach machte gerade auch im Umschaltspiel weniger Fehler.

Es bleibt dennoch die Hoffnung auf die letzten sechs Begegnungen. Denn die Konkurrenz auf den Plätzen 5 bis 9 punktet auch nicht gerade regelmäßig und als nächstes stehen zwei Heimspiele an.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Sokratis, Subotic, Hummels, Schmelzer (70. Schmelzer) – Kehl, Gündogan – Blaszczykowski, Kagawa (63. Ramos), Mkhitaryan – Aubameyang (77. Immobile). Tor: Gündogan

Müde aber zufrieden

DFB-Pokal, Viertelfinale / BVB 3 TSG Hoffenheim 2 (n.V.)

Spiele von Borussia Dortmund sind derzeit anstrengend. Der Begriff ist nicht zu verwechseln mit “langweilig” oder “schlecht”. Am Samstag war das stets emotionale Duell gegen den FC Bayern verbunden mit Frust über die Unfähigkeit der Schwarz-Gelben, gegen mauernde Gäste mehr als zwei, drei Chancen herauszuspielen – und natürlich mit Ärger über Schiedsrichter Knut Kircher, der vom “Kicker” am Dienstag vor allem wegen der Fehlentscheidungen gegen den BVB die Note 5 bekam.

Gestern bescherte uns die Borussia nun einen langen Pokalabend gegen einen ungeliebten Kontrahenten. Mit viel Kampf, einigem Krampf und spätem Glück. Auch das schlauchte etwas. Nach dem 1:2 in Folge des kapitalen Patzers von Neven Subotic ertappte ich mich wieder beim Gedanken an eine der ärgerlichsten Niederlagen der letzten Jahre, die Partie gegen denselben Gegner am letzten Spieltag 2013. Was hätten die schwarz-gelben Jungs uns alles ersparen können. Doch zum Glück zeigte der BVB doch noch seine in den letzten Jahren erworbenen Pokal-Qualitäten.

Gut möglich, dass der Umschwung mit dem Support durch das ausverkaufte Stadion zu tun hatte, das absolut keine Lust auf eine weitere entscheidende Niederlage gegen die TSG verspürte. In der ersten Hälfte hatten die Borussen enttäuschend wenig echte Torgefahr gegen eine keinesfalls sattelfeste Gäste-Defensive verbreitet. Ohne Marco Reus und Mats Hummels, die mit Schmerzen, aber ohne schlimme Verletzungen ausfielen, fehlten wichtige Impulsgeber. Henrikh Mkhitaryan hatte gute Ideen, die er aber schwach umsetzte. Shinji Kagawa war zu selten zu sehen, dann allerdings effektiver als der Armenier. Weiterlesen

Eichin hat’s gewusst

1. Bundesliga, 27. Spieltag / BVB 0 Bayern München 1

Nach dem Samstagabend-Spiel dürfte Frust unter BVB-Fans das vorherrschende Gefühl sein. Ähnlich wie im Pokalfinale war es eine Partie der zwei Wahrheiten. Der FC Bayern hatte die Sache zumindest taktisch lange im Griff, doch die Borussia wurde vom Schiedsrichter erneut entscheidend benachteiligt.

Konzedieren muss man, dass Pep Guardiola es vor allem in der ersten Hälfte besser schaffte, sein dezimiertes Team effizient agieren zu lassen. Die Gäste waren zur Pause genau das eine Tor besser, das Robert Lewandowski nahezu allein zuzuschreiben ist. Er gewann im Mittelfeld den Zweikampf gegen den aufgerückten Hummels. Nachdem Weidenfeller aus dem Kasten geeilt war und gegen Müller pariert hatte, brauchte es aber jede Menge Bayern-Dusel, dass der Ball genau in Lewandowskis Richtung sprang, so dass dieser ins leere Tor köpfen konnte.

Guardiola für seine Aufstellung wieder als Taktikguru zu feiern, wie es der “Kicker” ansatzweise tut, ist allerdings überzogen. Die Idee, dank einer Dreierkette hinten das Mittelfeld zu verdichten, ist gegen den flügellahmen BVB sowas von naheliegend, wenn man die personelle Qualität in der Innenverteidigung hat. Gestern sah die Situation auf den Außenverteidiger-Positionen der Schwarz-Gelben bekanntlich noch trister aus als sonst: Es spielten der gelernte Innenverteidiger Sokratis rechts und der gerade genesene Marcel Schmelzer links. Die beiden konnten den offensiveren Außen Kuba und Kampl so gut wie keine Unterstützung geben, so dass die Borussia über die Flügel weitestgehend ungefährlich blieb.

Dennoch hatten die Schwarz-Gelben in den zweiten 45 Minuten mehrere Chancen auf mindestens einen Punkt. Reus verzog alleine vor Neuer; kurz vor Schluss parierte Letzterer einen Freistoß des Ersteren auf der Linie im linken Winkel. Aubameyang hielt von rechts drauf, als er besser abgespielt hätte. Etwas Zählbares wäre für den BVB verdient gewesen, denn vom FCB kamen genauso wenige Torszenen wie von den Gastgebern. Ein meisterwürdiges Spiel lieferte Peps Elf nicht ab – nicht dass das für einen Meister in jeder Begegnung verpflichtend wäre. Weiterlesen

In Dortmund gibt es keine Ferngläser

Der “Kicker” hat sich in seiner Montagsausgabe mal wieder ausführlich mit dem BVB beschäftigt: eine provokante Titelseite, ein spannendes Hummels-Interview und ein Blick in die nähere Zukunft der Schwarz-Gelben werden geboten. Das mag auch mit dem bevorstehenden ‘Topspiel’ gegen Bayern München zu tun haben, aber ebenso liegt es am Interesse, das Deutschlands wahrscheinlich beliebtester Fußballverein mittlerweile wieder hervorruft.

Ob dieses Standing angesichts der katastrophalen Hinserie und der damit verbundenen bevorstehenden Zeit ohne Champions League noch zu retten ist – das ist der Subtext des Artikels. Wie schwer wiegt es wirklich, dass die Borussia sich möglicherweise erst mal in der Reihe der Bayern-Verfolger hinten anstellen muss? Langjährige Fans werden damit besser und vielleicht sogar gut umgehen können. Sie haben verinnerlicht, was ein stets erfolgsverwöhnter Bayern-Anhänger nie verstehen musste: Die Möglichkeit des Scheiterns und die Unterstützung trotz aller Widrigkeiten, bis in die Beinahe-Insolvenz.

Deswegen wird uns und diesen Verein ein unerwarteter Rückschlag nicht auseinanderbringen – egal ob die Saison noch in der Europa League und vielleicht sogar mit einem Sieg in Berlin endet oder nicht. Vielleicht wird diese halb verkorkste Spielzeit auch mal als Katalysator für eine erneute Erneuerung bekannt sein. Einige Anzeichen sprechen dafür, dass Jürgen Klopp, Michael Zorc und Aki Watzke gewillt sind, künftig wieder mehr auf den eigenen Nachwuchs zu bauen. Jeremy Dudziak dürfte da nur der Anfang gewesen sein. Möglicherweise braucht es die Erlebnisse der letzten Monate auch, um in einer Tiefenanalyse des Kaders zur Einsicht zu gelangen, dass andere Positionen als bisher gedacht zu den Problemzonen der Schwarz-Gelben gehören – Stichwort Außenverteidiger. Weiterlesen