Das Moment bewahren

Wörtliche Übersetzung des englischen „keeping the momentum“. Sehr frei übersetzt könnte man auch vom „Lauf“ sprechen. Die englische „FourFourTwo“ hat sich neben Paul Lambert in ihrer Mai-Ausgabe auch diesem wolkigen Fußball-Begriff, der eigentlich aus der Physik stammt, gewidmet. Was macht dieses Moment aus, das, wenn man es einmal hat, eine Mannschaft Spiele umbiegen, scheinbar mit Leichtigkeit gewinnen (–> Wolfsburg, –> Barcelona) und Serien starten lässt?

Neben dem großen Einfluss der Fans sieht der englische Sportpsychologe Dr Chris Harwood von der Loughborough University innerhalb eines Teams sechs entscheidende Voraussetzungen: Engagement, Kommunikation, Zusammenhalt, Konzentration (sich während eines Spiels nicht ablenken lassen), Kontrolle (über die eigenen Emotionen auf dem Platz) und Vertrauen (in die eigene Stärke und die der Mannschaft). Hat der BVB das Moment auf seiner Seite, haben wir einen Lauf? Auf den ersten Blick sind das genau die Eigenschaften, die die Schwarz-Gelben bei den überzeugenden Siegen gegen Bremen und Berlin an den Tag legten. In Hannover fehlte noch etwas die Konzentration und das Vertrauen, um drei Punkte einzufahren. Technische und taktische Überlegenheit können wir gegen gute Teams erstmal nicht erwarten – man kann sie sich aber im Laufe eines Spiels durch die konsequente Umsetzung der sechs Punkte Harwoods u.U. erarbeiten.

Auch gegen den 1. FC Köln werden diese Bedingungen am Samstag eine Rolle spielen. Natürlich werden die Kölner technisch nicht überlegen sein. Aber taktisch werden sie uns eine Nuss zu knacken geben – oder eine Mauer. In den letzten Spielen setzte Christoph Daum, auch verletzungsbedingt, auf eine sehr defensive Aufstellung und Ausrichtung. In Cottbus funktionierte das, im schwachen Derby gegen Leverkusen gab es dagegen ein 0:2. Auch in Dortmund ist ein Kölner 4-1-4-1 zu erwarten, obwohl die Verletzten Ishiaku und Wome u.U. in den Kader zurückkehren könnten. Auf jeden Fall ausfallen wird Marvin Matip.

Im Moment ist der BVB vom Leistungsstand durchaus mit Leverkusen vergleichbar, das zeigt ja auch die Tabelle. Die Werkself ist auf manchen Positionen technisch stärker besetzt, aber wenn sich die Schwarz-Gelben die sechs ‚Tugenden‘ zu Herzen nehmen, müsste auch für uns der Sieg über den FC möglich sein. Setzen wir die ersten vier Punkte aus dem zweiten Absatz einmal voraus, könnte es auf die Kontrolle der eigenen Emotionen in brenzligen Situationen und vor allem auf das Vertrauen in die eigene Stärke ankommen – für den Fall, dass die Mauer auch nach 75 Minuten noch steht. Selbstverständlich darf man aber die offensiven Fähigkeiten der Kölner nicht unterschätzen. Milivoje Novakovic, voraussichtlich wieder nominell einziger Stürmer, hat bereits 14x getroffen. Wenn er, beispielsweise in einem Konter, gut bedient wird, ist er schwer zu stoppen.

Trotzdem spricht übermorgen viel für den BVB. Im Mittelfeld sollte Jürgen Klopp wieder fast die volle Auswahl haben. Florian Kringe dürfte zumindest im Kader stehen, Sebastian Kehl und Tamas Hajnal haben ihre kleineren Probleme überwunden und stehen ebenso wie der zuletzt gesperrte Tinga für die Startelf zur Verfügung. Durchaus möglich jedoch, dass der Trainer es bei der Aufstellung von Berlin belässt, also mit Kehl, Sahin, Kuba und Hajnal. Kevin-Prince Boateng ist nach eigener Aussage noch nicht so weit und wäre nur eine Option für den nicht zu erwartenden Notfall. Größere Probleme scheint es bei Lee zu geben, was sich aber bei der momentanen personellen Situation verschmerzen lässt. Über die Besetzung von Abwehr und Sturm wird es wohl keine Diskussionen geben.

Auch wenn er gerade erst begonnen hat – dieser Lauf macht Spaß, und ich sehe den FC in der jetzigen Verfassung nicht als den Gegner, der uns zu Fall bringen wird. Doch ‚das Moment‘ muss in jedem Spiel von neuem bestätigt werden!

(Quelle: FourFourTwo May 2009, S. 94-97)

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3 Kommentare

  1. Wobei ich ja momentum nicht mit Moment übersetzen würde. Dafür gibt es das englische moment. Deine Übersetzung mit „Lauf“ finde ich passender, auch wenn der schöne Physikbezug verloren geht.

    Zum Spiel haben wir beide zusammen vermutlich alles gesagt, was man im Vorfeld sagen kann.

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  2. Die Übersetzung mit „Lauf“ klingt schon besser, da hast du Recht, bringt aber nicht 1:1 das Geheimnisvolle an dieser ‚Kraft‘ rüber, auf das der angesprochene Artikel stark abhob. Wenn wir im Deutschen von „einen Lauf haben“ sprechen, würde man darunter eher eine Serie von gewonnenen Spielen verstehen, während es in dem Artikel gerade auch um das veränderbare „momentum“ während eines Spiels ging.

    Aber ohne den Artikel als Grundlage würde ich vermutlich auch in beiden Fällen von „Lauf“ sprechen, das klingt schon eingängiger.

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  3. Mich hat verwirrt, dass auch bei „Survivor“ (US- Reality- Show) ständig vom Momentum gesprochen wird, also herzlichen Dank für die Erläuterung hier ;)

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