Gerissen

Standard

Vorgestern hat Borussia Dortmund die Stange der Mittelmäßigkeit, die schon fast überquert schien, mit den Füßen doch noch gerissen. Nach dem „Bilanz-Spieltag“ 10 bleibt daher unter dem Strich ein bescheidener Saisonauftakt stehen. Wäre der BVB, wie auch immer, ins Pokal-Viertelfinale eingezogen, hätte man die verbesserten Leistungen in den letzten Wochen als hoffnungsvoll bezeichnen können. So wie es nun ist, fängt man wieder bei null an.

Die Gründe für den mäßigen Start sind vielfältig. Neben Offensichtlichem wie dem gegenüber vielen Konkurrenten begrenzten finanziellen Spielraum sind drei Erklärungsansätze besonders plausibel: Formschwäche bestimmter Spieler, Verletzungen und Formschwäche im Anschluss an Verletzungen. Scheinbar grundlos formschwach zeigt sich schon fast die ganze Saison Patrick Owomoyela. In den letzten Spielen glücklos und am Dienstag richtig schwach war Nelson Valdez.

Verletzungen zentraler Spieler sind für einen Verein, der qualitativ nicht durchgehend hochkarätig besetzt ist, besonders unangenehm. Wir brauchen wohl nicht über den Wert von Sebastian Kehl zu diskutieren. Jürgen Klopp hat im defensiven Mittelfeld mehrere Varianten ausprobiert und mit (dem vorgestern verletzten) Sven Bender eine akzeptable Alternative gefunden. Wäre jedoch der Kapitän fit, wäre mMn ein Lapsus wie die grottige Ausführung des Freistoß vor dem Osnabrücker Gegenzug zum 1:3 und die darauffolgenden Fehler nicht passiert. Kehl kann selbstredend allein keine spielerische Unterlegenheit ausgleichen – er hätte aber an der Bremer Brücke in mancher Situation die passenden Worte gefunden und Anweisungen gegeben.

Um Tamas Hajnal gibt es in Fankreisen Diskussionen. Ein nicht unbedeutender Teil der Anhänger scheint von ihm nicht restlos überzeugt und weist vor allem auf den aktuell schwachen Saisonstart hin. Nun fällt Tamas für den Rest der Hinrunde aus und wer nicht von seiner Kreativität überzeugt ist, muss zumindest zugeben, dass er bei der Ausführung von Standardsituationen fehlt. Die Standards haben sich im Kontrast zur letzten Saison beim BVB wieder zu einem Problem entwickelt – sowohl defensiv als auch offensiv. Dede gelang gegen Bochum per Freistoß ein Assist – ansonsten sind mir wenig gute Ecken und noch weniger gute Freistöße in Erinnerung, die nicht Hajnal getreten hat.

Formschwäche nach Verletzungen muss man bei Kuba und immer noch bei Dede konstatieren. Beide sind noch nicht die Alten und rufen ihr Potenzial noch nicht wieder ab. Was kann Jürgen Klopp in den nächsten Wochen tun? Ein einfacher Tipp: Standards trainieren – in beide Richtungen –  und verhindern, dass noch mal ein Freistoß so ausgeführt wird wie besagter in Osnabrück. Außerdem muss Klopp schnell das System finden, das ohne Kehl und Hajnal am besten funktioniert. Möglicherweise ist es das in den letzten Partien praktizierte 4-2-3-1. Klopp wird jedoch nichts anderes übrigbleiben als personell zu rotieren, wenn die Leistungen der Spieler so sehr schwanken. Valdez hat sich eine Pause verdient und Markus Feulner eine Chance. Auf der Position hinten rechts kann man auf Owomoyela bis zum Winter scheinbar nicht verzichten – sollte sich jedoch jemand aus dem erweiterten Kader oder der Zweiten Mannschaft aufdrängen, bin ich für Experimente offen!

Morgen gegen Hertha BSC muss eine Reaktion von der Mannschaft kommen. Sportdirektor Michael Zorc ist nicht der Einzige, der das unmissverständlich einfordert. Der Auftritt in Osnabrück war auch mit den angeführten Gründen nicht zu erklären. Der Gegner von morgen hat einen grandios schwachen Saisonstart hingelegt und ist neben dem VFB Stuttgart bisher die größte negative Überraschung dieser Spielzeit. Nun hat die Hertha aber ausgerechnet letzten Sonntag mit einem Unentschieden gegen den Meister ein klein wenig für ihr Selbstbewusstsein getan. Jaroslav Drobny ist nach längerer Verletzungspause zurück im Tor – er war einer der Verantwortlichen dafür, dass es beim letzten Aufeinandertreffen in Dortmund einen äußerst glücklichen Punkt für die Gäste gab.

Dass wir Florian Kringe morgen nicht im Hertha-Trikot sehen müssen, dürfte bekannt sein. Cicero ist ebenfalls verletzt, saß aber zuletzt ohnehin auf der Tribüne. Der einzige gravierende Ausfall bei den Gästen könnte Gojko Kacar sein, der den Berlinern schon unzählige Male quasi im Alleingang Punkte gesichert hat. Sein Einsatz ist aber nicht ausgeschlossen – noch laboriert der serbische Nationalspieler an einem Pferdekuss.

Eine menschlich tragische Geschichte ereignete sich beim Pokalaus in Osnabrück auch noch: Damien Le Tallec, der junge französische Stürmer, der am Dienstag zum zweiten Mal in die erste Mannschaft eingewechselt wurde, kugelte sich bei einem Sturz die Schulter aus. Heute gab Jürgen Klopp bekannt, dass Damien operiert werden muss und drei bis vier Monate ausfällt. Und das, nachdem er sich gerade ans Team herangearbeitet hatte und uns in absehbarer Zeit womöglich hätte helfen können.

Kehl, Hajnal und Le Tallec werden also morgen fehlen, der Einsatz von Sven Bender ist noch nicht 100%ig sicher, aber wahrscheinlich möglich. Wer auch immer spielen wird: Ein Punkt gegen Hertha wäre wie eine Niederlage. Natürlich werden Trainer Funkel und seine angeschlagene Mannschaft versuchen, das Osnabrücker Erfolgsrezept zu kopieren: Tief stehen, auf Standards und Konter warten. Das weiß wiederum Jürgen Klopp und wird an einem Gegenrezept arbeiten. Ob er Erfolg hat? Beim BVB ist in dieser Saison wieder mal alles möglich – auf einzelne Spiele bezogen, versteht sich.

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