Der Star auf der Trainerbank

Neben der wachsenden Anzahl von südeuropäischen Trainern im englischen Fußball gibt es einen weiteren Mini-Trend, der nicht so neu ist: Ehemalige Stars, die ihr Glück auf der Trainerbank versuchen. Und das oft an der Stätte ihrer einstmals größten Erfolge. In der Premier League ist Owen Coyle umstrittenerweise zu seinem ehemaligen Club, den Bolton Wanderers, gewechselt, für die er allerdings ’nur‘ gut zwei Jahre spielte. Auf zwei weitere Beispiele trifft man in der League Two (4. Liga) und diese beiden Herren sind wirkliche Vereinslegenden. Trotzdem meint es das Schicksal offensichtlich unterschiedlich gut mit ihnen.

Am Samstag Nachmittag gegen 16:50 Uhr Ortszeit ging Stuart McCall auf eine emotionale Ehrenrunde im Stadion „Valley Parade“. Sein Verein, Bradford City, hatte soeben gegen den Tabellendritten Bury eine erneute Heimniederlage kassiert. Die „Bantams“ lagen nun 12 Punkte hinter den Play-Off-Rängen abgeschlagen auf Platz 16. McCall winkte ins Publikum und jedem Fan war klar, dass es sein letztes Spiel als Trainer gewesen war. Der ehemalige Premier League-Club Bradford hat die höchsten Zuschauerzahlen der League Two, am Samstag waren es beinahe 12.000. So wurde es eine würdige Abschiedsrunde für den rothaarigen Schotten, der als Spieler eines der größten Klubidole der Bantams gewesen war. Es gab langen Applaus und auf den diversen Fanseiten im Netz berichteten die Anhänger später von ihrer Ergriffenheit.

McCall hatte in den 80er Jahren sechs Jahre und um die Jahrtausendwende weitere vier Jahre für Bradford gespielt, insgesamt kam er auf 395 Einsätze allein in der Liga. Deshalb empfingen ihn die allermeisten Fans mit offenen Armen, als er vor gut 2 1/2 Jahren als unerfahrener Trainer zurückkehrte. Jeder wollte, dass es funktionierte und natürlich stand McCalls Engagement nie in Frage. Die Ergebnisse blieben jedoch hinter den Erwartungen zurück. In der ersten Saison unter McCall verpasste Bradford mit deutlichem Punkteabstand als 10. die Play-Off-Plätze. Vor der folgenden Spielzeit nahm der Verein für Viertliga-Verhältnisse viel Geld in die Hand, aber auch mit den neuen Spielern wurden die Play-Offs knapp verpasst.

Das Konzept vor dieser Saison sah anders aus. Eine weitere Spielzeit mit einer teuren Mannschaft in der League Two konnte oder wollte sich der Verein nicht mehr leisten. Einige Besserverdiener wurden abgegeben und dafür einige ‚junge, hungrige‘ Leute aus den Amateurligen geholt. Dieses Konzept hatte in der jüngeren Vergangenheit bei einigen Konkurrenten Früchte getragen – nicht jedoch bei den Bantams. Warum weder das eine noch das andere funktioniert hat, dürfte die Fans noch eine Weile beschäftigen. War McCall doch zu unerfahren und vielleicht zu sehr emotional verbunden mit seinem Ex-Verein? Fehlte ihm daher der kühle Kopf, wurde er zu schnell nervös? Ein Charakteristikum der letzten Wochen seiner Amtszeit waren neben unglücklichen Schiedsrichterentscheidungen seine häufigen Umstellungen.

Gestern wurde die Zusammenarbeit nun offiziell beendet und die Emotionalität des Abschieds, aber vielleicht auch das Dilemma seiner Amtszeit, ist aus folgendem Zitat von McCall herauszulesen:

I’m hurting because it was a dream of mine to come back here and bring success. But that hasn’t happened and it’s not what I wanted. But least in a way I’m going away with pride and dignity intact.

Ganz anders ist die Stimmung zurzeit in Northampton. Bei den „Cobblers“, wie Northampton Town FC aufgrund der alten, größtenteils vergangenen, Schuhmacher-Tradition der Stadt genannt wird, läuft es rund. Seit September 2009 ist dort Ian Sampson der ‚Star auf der Bank‘. Sampson spielte zehn Jahre, von 1994 bis 2004, ununterbrochen für Northampton, kam dabei auf 449 Einsätze – Platz 2 in der Klub-Rangliste! Auch für ihn war ’sein Club‘ die erste Trainerstation. Ende 2006 war Sampson für einige Tage bereits einer von zwei Interimstrainern, danach Coach bei Northampton.

Ähnliches Alter, ähnliche Vorzeichen – und doch läuft es bei Ian Sampson und Northampton anders als in Bradford. Zurzeit zumindest. Die Cobblers sind seit elf Spielen ungeschlagen, Sampson hat soeben die Auszeichnung zum Trainer des Monats Januar in der League Two bekommen. Gestern Abend gelang zuhause im Stadion „Sixfields“ ein 4:0 gegen den direkten Konkurrenten Accrington Stanley. Mit dem Sieg hat sich Northampton zumindest vorübergehend auf Platz 8 vorgearbeitet.

Genau erklären lässt sich diese Diskrepanz nicht und den einen entscheidenden Grund wird es sowieso nicht geben. Ein interessanter Ansatz: In Northampton ist alles eine Nummer kleiner und ruhiger. Sixfields fasst nur 7.653 Zuschauer, Valley Parade über 25.000. Die durchschnittlichen Zuschauerzahlen sind in Bradford mehr als doppelt so hoch. Dementsprechend unruhig ist das Umfeld. Die Premier League ist noch vielen in Erinnerung. Viele der Cobblers-Fans können das von der fast 45 Jahre zurückliegenden einzigen Saison Northamptons in der obersten Spielklasse nicht sagen.

Das höchste der Gefühle für alle Beteiligten – den Star, der seinem Verein seit Jahren verbunden ist und die Fans – wird auch für Northampton Town in dieser Saison nicht einfach zu erreichen sein. Sollte Ian Sampson und dem Team jedoch in naher Zukunft der Aufstieg gelingen, wird er endgültig zur lebenden Legende werden. Nicht das schlechteste Los – auch bei einem (dann) Drittligisten.

(Quellen: Wikipedia 1, Wikipedia 2, Wikipedia 3)

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6 Kommentare

  1. Das wird mit Sicherheit noch ein langer Weg. Und solange Glazer was bei ManUnited zu sagen hat, kann ich mir das erst recht nicht vorstellen. Es sei denn, Keane steigt in dieser Saison noch mit Ipswich auf. ;-)

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  2. Ein Trainer Cantona bei United wäre auf jeden Fall eine spannende Sache. Seit dem schönen letzten Ken Loach-Film „Looking for Eric“, in dem Cantona sich selbst gespielt hat, bin ich auch ein bisschen Fan. Allerdings nicht so von United.

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  3. Aber ich glaube, Cantona hat nicht einmal eine Trainerausbildung :D. Er ist zwar ziemlich erfolgreich als Trainer im Beachsoccer, aber das dürfte ja einen nicht für einen Verein wie ManUnited qualifizieren. Er bräuchte auf jeden Fall einen starken, erfahrenen Mann daneben, sonst endet er wie Maradona bei Argentinien: großer Name, kaum Klasse.
    Aber allein aus Marketinggründen würde sich eine Verpflichtung von Cantona lohnen. Jedesmal wenn er ins Old Trafford kommt, steht doch das ganze Stadion Kopf und die Stewards sind wieder überfordert ;). Er könnte ja jetzt schon mal einige Jahre bei Sir Alex lernen. Naja, man darf ja noch träumen dürfen.

    btw: Die beiden anderen Kommentare hier kamen auch von mir. Ich experimentiere derzeit nur etwas. Deswegen die verschiedenen Nicknames und Avatare.

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