Die Geduldigen

Sir Alex Ferguson, Arsene Wenger oder Martin O’Neill sind auch in England Ausnahmen. Im Mutterland des Fußballs funktioniert das Trainerkarussell genauso wie anderswo: Eine Durststrecke von zwei Monaten reicht manchmal schon für eine Entlassung. Es trägt mutmaßlich nicht zur Jobsicherheit der Trainer bei, dass viele Clubs von reichen Förderern, Vorsitzenden oder Firmenkonsortien abhängig sind.

Manche dieser ‚Gönner‘ sind jedoch anders. Sie haben Geduld und lassen einen Trainer arbeiten. Sie wissen, was machbar ist und was nicht. Im Idealfall bauen sie ein persönliches Verhältnis zum Trainer auf, das auf echtem gegenseitigem Vertrauen basiert. Vor gut zwei Jahren hätte kaum jemand in England geglaubt, dass ausgerechnet Ray Ranson ein Vorsitzender dieses Typus werden würde. Im Dezember 2007 übernahm Ranson den Zweitligisten Coventry City und rettete ihn so vor dem bevorstehenden Konkurs. In den Monaten zuvor hatte der ehemalige Profifußballer (u.a. Manchester City, Newcastle United) allerdings bereits versucht, Aston Villa, seinen ehemaligen Club Man City und Southampton zu übernehmen – jeweils ohne Erfolg.

Trotz der vorherigen Pläne, trotz der finanziellen Unterstützung durch einen Hedge Fonds scheint sich Ranson mit voller Hingabe seiner Aufgabe bei den „Sky Blues“ zu widmen. In der zweiten Saisonhälfte 2007/08 wurde Chris Coleman Trainer in Coventry. Coleman ist ein charismatischer Typ, der als guter Motivator gilt. Bei seiner vorherigen Trainerstation im spanischen San Sebastian verschlief er auch schon mal das Training, weil er zu lange gefeiert hatte, aber abgesehen von dieser kleinen menschlichen Schwäche war seine Arbeit immer über jeden Zweifel erhaben.

Am Ende dieser chaotischen ersten Saison unter Ranson/Coleman vermied City nur um Haaresbreite den Abstieg. Seither hat sich der Verein meistens zwischen gesichertem Mittelfeld und erweiterter Abstiegszone bewegt. Ende 2009 sah es mal wieder eher düster aus – eine lange Verletztenliste hatte zum Absturz in die Abstiegsgefahr beigetragen. Ranson stand zu Coleman und ließ ihn in der Winter-Transferphase einige sinnvolle, finanzierbare Verpflichtungen tätigen, die meisten auf Leihbasis. Inzwischen hat sich der Wind gedreht, nach vier Siegen aus fünf Spielen stehen die Sky Blues auf Platz 10 und haben Kontakt zu den Play-Off-Rängen. Andere Championship-Clubs waren weniger geduldig: Bereits zum Jahresende 2009 hatten acht Vereine ihren Trainer entlassen.

Die Geduld des Ray Ranson scheint sich auszuzahlen. Vielleicht wird sie mit einer Play-Off-Teilnahme belohnt, wahrscheinlicher ist jedoch ein Mittelfeldplatz. Mal wieder, für den Verein, dessen einziger großer Erfolg in seiner 127-jährigen Geschichte der Gewinn des FA-Cups 1987 war. Warum für Ranson auch ein Mittelfeldplatz achtbar ist und woher seine Geduld kommt, versteht man besser, wenn man sich das Interview anschaut, das BBC Midlands kürzlich mit ihm geführt hat.

Es geht um die Akzeptanz, ein Ausbildungs- und Fortentwicklungsverein zu sein, um Ransons Verhältnis zu Coleman und eben um die Geduld, einen Weg Schritt für Schritt zu gehen. Diese Haltung wird genährt von dem Bewusstsein, dass der Verein im Dezember 2007 buchstäblich 20 Minuten vor dem Konkurs stand. Leider gibt es nicht nur Investoren-Mäzene wie Ray Ranson. Der Premier League-Club FC Portsmouth hätte einen seines Schlags gebrauchen können.

Wer sich für das Vorankommen von Coventry City interessiert, dem sei übrigens die ausgezeichnete Fanseite „Gary Mabbutt’s Knee Online“ empfohlen, die endlich wieder online ist.

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2 Kommentare

  1. Interessanter Hintergrundbericht über eine Haltung, die man im „Modernen Fußball“ leider nur noch selten antrifft! Schade, dass gerade der englische Fußball so sehr in (kommerziellen) Verruf geraten ist. Da ist es schön, zu sehen, dass es auch noch anders geht.

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  2. Dieses ‚englische System‘ mit mächtigen Geldgebern / Vorsitzenden ist halt sehr von den betreffenden Personen abhängig. Sind die vernünftig und geduldig, kann das gut funktionieren, wie bei Coventry oder dem meines Wissens einzigen englischen Profiklub, der schwarze Zahlen schreibt, Bradford City aus der League Two (4. Liga).

    Dafür muss man auf den sportlichen Durchbruch womöglich länger warten und diese Geduld bringen zu viele Verantwortliche (und manche Fans) nicht auf. Insofern hat die deutsche 50+1-Regel schon ihr Gutes, zumindest, wenn sie richtig angewendet wird.

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