Kollektiv-Haftung nicht ausgeschlossen

Die DFB-Sportgerichtsbarkeit hat heute das Prinzip der kollektiven Haftung in der 1. Bundesliga eingeführt und geht damit einen Schritt hin zu italienischen Verhältnissen. Zum ersten Mal in der höchsten deutschen Fußball-Spielklasse werden alle Fans eines bestimmten Vereins von einem Spiel ausgesperrt. Betroffen sind die Anhänger des 1. FC Köln, denen für das Auswärtsspiel bei Hoffenheim am 10. April keine Karten verkauft werden dürfen. Das Sportgericht sanktioniert damit das Entzünden von Pyrotechnik bei fünf Kölner Auswärtsspielen in dieser Saison.

Der FC hat den drastischen Sanktionen, die auch eine Geldstrafe und Entschädigungszahlungen an die TSG Hoffenheim beinhalten, bereits zugestimmt. Laut Manager Michael Meier wollte man damit einem Ausschluss von Fans bei Heimspielen entgehen. Der Gedankengang dahinter, dem die Richter ebenfalls gefolgt sein dürften: Mit der Kollektivstrafe soll der Druck auf ’normale‘ friedliche Fans erhöht werden, sich von den Pyromanen zu distanzieren und diese mit Worten oder Taten (sprich: Meldung an Ordner) von Zündeleien abzuhalten.

Ob diese Vorgehensweise notwendig, zielführend und gerechtfertigt ist, darf jedoch bezweifelt werden. Von italienischen Verhältnissen, was vorsätzliche körperliche Gewalt gegen Personen angeht, ist die Bundesliga ein großes Stück entfernt. Es gab und gibt immer wieder hässliche Szenen, gerne bei den verschiedenen Derbys oder anderweitigen Problemspielen wie Rostock v St. Pauli, aber Eskalationen wie in Rom konnte die Polizei bislang vermeiden.

Das vorherrschende Problem in den Erstliga-Stadien ist zurzeit die Pyrotechnik – darum ging es auch im jetzigen DFB-Urteil. Zu erwarten, dass andere Fans das Abbrennen verhindern könnten, scheint jedoch illusorisch. Die Gruppen, in deren Mitte die Pyros entzündet werden, treten meistens geschlossen auf und sind eher beratungsresistent. Insofern trügt die Hoffnung auf Selbstheilungskräfte innerhalb der Fanszene und kann nicht als Rechtfertigung für den Ausschluss aller Fans gelten.

Um an die Problemfans heranzukommen, wäre vielmehr nachhaltige Fanarbeit nötig, die irgendwie finanziert werden muss. Man darf sich selbstverständlich auch hier keine Illusionen machen: Fanprojekte und -abteilungen erreichen bei weitem nicht alle Gruppierungen, insbesondere nicht die, für die Gewalt ein wesentlicher Bestandteil des Erlebnisses Fußball ist. Soziale und gesellschaftliche Probleme lassen sich nicht völlig aus dem Fußball verbannen – unschuldige Fans dafür zu bestrafen, ist der falsche Weg. Die TSG wird ohnehin nicht ganz verhindern können, dass sich Kölner Fans Karten aus dem Heimkontingent besorgen.

Ich möchte die Gewalttäter und Pyrotechniker jedoch nicht ihrer persönlichen Verantwortung entheben. Wie es ohnehin bereits gemacht wird, müssen die Strafverfolgungsbehörden die umfangreichen Videoaufzeichnungen sichten und wenn möglich, die Täter feststellen. Bei zweifelsfrei feststehender Täterschaft können von mir aus lange Stadionverbote verhängt werden – natürlich abgestuft nach Art des Vergehens. Ja, Pyrotechnik sieht schön aus, aber selbst 15-jährige sollten schon begreifen, dass sie gefährlich sein kann und letztendlich allen Fans und dem Verein schadet. Beim Aufspüren der Zündler könnten zusätzliche Ordner im Block helfen – für den Fall, dass die Bengalos etc. ‚heimlich‘ im Schutz der Masse entzündet werden.

Mit dem heutigen Urteil hat das DFB-Sportgericht einen Präzedenzfall geschaffen. Zu befürchten steht, dass wir in Zukunft häufiger ausgesperrte Fans erleben werden. Heute wurden ausgerechnet die im positiven Sinne leidenschaftlichsten Fans kollektiv bestraft: Die, die zu Auswärtsspielen fahren. Ob die wenigen Pyrotechniker und Randalierer unter ihnen dadurch domestiziert oder eher radikalisiert werden, darum kümmert sich das Urteil nicht.

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