Der Anwalt der Zweiten Liga

Standard

(Updated) Eines muss man Uli Hoeneß lassen: Er weiß, wie man Wahlkampf macht. Unmittelbar nach Bekanntgabe seiner Kandidatur für die Position des DFL-Präsidenten hat er die Themen aufgegriffen, die in aller Munde sind und sich an ein Wählerklientel gewandt, das ihm in seinen bisherigen Funktionen beim FC Bayern eher kritisch gegenüberstand.

Gegenüber Amtsinhaber und BVB-Präsident Reinhard Rauball will Hoeneß mit der Behauptung punkten, dass er näher dran sei an ‚den Leuten‘. Und gibt gleich ein anschauliches Beispiel für den Fall, dass er in einer parallelen Realität bereits Ligaverbandspräsident ist: Mit ihm wären die Vertragsverhandlungen mit Joachim Löw,  zuvorderst natürlich DFB-Aufgabe, anders verlaufen:

Ich glaube, meine Beziehungen zu allen Beteiligten und zur Nationalelf sind so gut, dass ich ein guter Vermittler in dem Geflecht DFB, DFL und Nationalelf wäre. Ich glaube, hätte ich diese Position schon innegehabt, hätten wir jetzt nicht die Problematik mit der Vertragsverlängerung von Löws Team.

Sagt das derselbe Mann, der immer wieder die Freundschaftsspiele der DFB-Auswahl kritisiert hat? Die guten Beziehungen zur Nationalelf hängen wohl in hohem Maße mit der Benennung des Bayern-lastigsten WM-Kaders seit langer Zeit zusammen.

Hoeneß‘ zweite Stoßrichtung macht aus wahltaktischer Hinsicht genauso viel Sinn wie die populistischen Äußerungen zu Löw. Der Bayern-Präsident will den kleinen Vereinen mehr Geld verschaffen. Ein Vorhaben, das bisher nicht ganz oben auf seiner Prioritätenliste stand. Dazu will er natürlich nicht von den Reichen nehmen, sondern insgesamt höhere Einnahmen für die Liga erzielen. Hoeneß verweist auf die Strahlkraft seiner Person, seine Erfahrungen im Lobbyismus. Und nicht zu Unrecht auf die Tatsache, was er in den letzten Jahrzehnten aus dem FC Bayern gemacht hat.

Nur musste Hoeneß in dieser Zeit keine widerstreitenden Interessen unter einen Hut bringen, sondern konnte sich allein dem Wohl des FCB widmen. Ob für die Aufgabe bei der DFL nicht der bedächtigere Rechtsanwalt Rauball besser geeignet wäre, dem Hoeneß vielleicht in öffentlicher Kommunikation überlegen sein mag, aber nicht, wenn es um Moderation und Ausgleich geht? Ich glaube nicht, dass der Bayern-Präsident das Thema ‚Dezentrale TV-Vermarktung‘ als DFL-Chef noch mal forcieren würde – ich traue ihm durchaus zu, dass er über solchen Partikularinteressen stehen kann. Hoeneß ist jedoch FC Bayern durch und durch – einer flacheren Verteilung der TV-Gelder würde er noch viel weniger zustimmen.

Wahlkampf macht er, wie man es von ihm gewohnt ist: Lautstark und mit deutlichen Ansagen. Das wäre ok, wenn Substanz dahinterstecken würde. Letztlich sind Hoeneß‘ Aussagen aber nur wolkige Versprechungen. Das Thema Löw ist in diesem Zusammenhang schlicht irrelevant. Woher neue Gelder für die 1. und 2. Liga kommen sollen, bleibt unklar. Höhrere TV-Einnahmen sind vorerst nicht zu erwarten. Am ehesten könnte unter Hoeneß‘ Führung doch noch ein Verkauf der Namensrechte der Bundesliga zustandekommen – vielleicht an die Spezis von T-Com.

Es ist nicht gesagt, dass Hoeneß die Aufgabe als DFL-Präsident schlecht machen würde. Ich traue ihm zu, dass er sich auf neue Herausforderungen einstellen kann. Trotzdem bezweifle ich, dass ein Lautsprecher wie er von Vorteil für die Liga ist. Alle wichtigen Themen, wie etwa den Glücksspiel-Staatsvertrag, hat auch Rauball erkannt und wird sie angehen. Und obwohl sich Hoeneß selbst als Anwalt der Kleinen bezeichnet, glaube ich nicht, dass ausgerechnet der Präsident des mit Abstand reichsten und mächtigsten Vereins der oberste Vertreter der 36 DFL-Clubs werden sollte.

UPDATE: Ok, das war extrem unglückliches Timing. Uli Hoeneß hat soeben seine Kandidatur als DFL-Präsident aus familiären Gründen zurückgezogen. Rauball bleibt wohl im Amt. Vorbildhaft finde ich das Vorgehen von Hoeneß nicht: Man gibt mit dem üblichen Mediengetöse seine Kandidatur bekannt, greift gleich im Interview den Amtsinhaber an (was im Wahlkampf natürlich legitim ist) und zieht dann wieder zurück. Hätte der Uli nicht vorher mit seiner Familie sprechen können oder steckt etwa ein Deal dahinter?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s