Sein Name ist Speed

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Der Paukenschlag auf dem englischen Trainermarkt ertönte bereits vor Saisonbeginn: Nur fünf Tage vor dem Start der Premier League trat Martin O’Neill von seinem Posten bei Aston Villa zurück. Grund waren unterschiedliche Auffassungen mit Club-Besitzer Randy Lerner über die Transferpolitik. Die Championship, die zweite englische Liga, legt gleich doppelt nach: Nach nur einem Liga- und einem Ligapokal-Spiel trat Steve Coppell bei Bristol City zurück und will sich gleich ganz aus dem Trainergeschäft verabschieden. An der Bramall Lane in Sheffield dauerte es immerhin zwei Spieltage, bis Trainer Kevin Blackwell vom Sheffield United-Vorstand gefeuert wurde. Seine Bilanz dieser Saison: Ein Punkt und ebenfalls ein unrühmliches Ausscheiden aus dem Ligapokal. Das „Sack Race“ ist also bereits in vollem Gang – dazu gibt es sogar ein gleichnamiges (und oben verlinktes) Blog, das sich ausschließlich mit dem ‚Trainerkarussell‘ beschäftigt.

Wenn man sich etwas eingehender mit den Gründen für die jüngste Trainerentlassung bei United beschäftigt, wird einem schnell klar, dass es keine echt spontane Entscheidung war. Wie so häufig bei frühen Trainerentlassungen waren die Vereinsverantwortlichen schon am Ende der Vorsaison mit dem Erreichten nicht zufrieden. Club-Besitzer Kevin McCabe ist ein reicher Mann, die „Blades“ peilten den Aufstieg oder zumindest die Play-Offs an, beendeten die Spielzeit jedoch auf Platz 8. Sowas bleibt dann immer am Trainer hängen, auch wenn manche Fans ebenso die Transferpolitik des Vorstands kritisieren, die teilweise über den Kopf Blackwells hinweg entschieden wurde. Trotz des verpassten Aufstiegs entschieden sich die Verantwortlichen, mit Blackwell weiterzumachen – sicher auch aufgrund seiner vorherigen Verdienste. In der Pressekonferenz, bei der jetzt der Nachfolger vorgestellt wurde, gab Chief Executive Trevor Birch offen zu, dass das eine Fehlentscheidung gewesen sein könnte.

Wer etwas über die tieferen Gründe für das Scheitern Blackwells erfahren möchte, sollte das stets lohnenswerte „Guardian“-Football League Blog lesen. Autor John Ashdown kritisiert darin den direkten, nicht selten mit langen Bällen operierenden Spielstil der Blades, den nicht nur Blackwell, sondern auch einer seiner (ungleich populäreren) Vorgänger, Neil Warnock, spielen ließ:

The football (…) was about as appealing as an angry Chris Morgan [Anm.: ein Brocken von Abwehrspieler] and season-ticket sales for this campaign dropped, with one of the factors, anecdotally at least, the team’s turgid style of play.

Dieser Ansatz reicht selbst in der Championship inzwischen nicht mehr aus, jedenfalls wenn man aufsteigen will. Die Unbeliebtheit Blackwells bei den Anhängern erklären diese selbst allerdings anders: die oben bereits verlinkte Fanseite „Vital Sheff Utd“ verweist neben dem fehlenden Erfolg auf die arrogante Art des Trainers auf und abseits des Spielfelds.

Der neue, hoffentlich starke Mann an der Bramall Lane heißt Gary Speed und dürfte Kennern des englischen Fußballs durch seine lange, distinguierte Spielerkarriere bekannt sein. Die umfasste die Stationen Leeds, Everton, Newcastle, Bolton und zuletzt Sheffield. Speed war eine Zeit lang Rekordspieler der Premier League nach Einsätzen, bevor ihn Torwart-Oldie David James überholte. Inzwischen hat er die Trainerlizenz erworben und seine Spielerlaufbahn eigentlich beendet – saß aber beim Ligacup-Aus gegen Hartlepool noch auf der Reservebank. Sein ‚Tagesjob‘ war zuletzt die Rolle als Coach bei United, unter Kevin Blackwell. Bei der Vorstellungs-PK vorgestern war Speed daher sichtlich bemüht, seinen entlassenen Vorgänger zu würdigen.

Die Entscheidung der Verantwortlichen für den 40-jährigen Trainer-Novizen ist mutig, aber nicht allzu überraschend. Letzten Sommer war ihm ein Wechsel auf den Trainerposten beim Championship-Konkurrenten Swansea City untersagt worden. Bemerkenswert ist, dass Speed bei den Blades gleich einen Dreijahresvertrag erhält – das ist ein ordentlicher Vertrauensvorschuss und ein Zeichen, dass man beim Traditionsclub bereit ist, neue Wege zu gehen. Ob das mutige Vorgehen belohnt wird? Fortsetzung folgt hier. Die erste Bewährungsprobe in Middlesbrough am Sonntag wird jedenfalls gleich live im Fernsehen übertragen.

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5 Gedanken zu “Sein Name ist Speed

  1. Zwar ist die Villa/O´Neill Geschichte hier nur der Aufmacher, aber es ist erstens noch lange nicht wirklich raus, ob es nur um Transferstreitigkeiten ging, die waren sicher ein Grund, der Rücktritt zeigt für mich vor allem, dass Mr O´Neill, einfach nicht mehr weiter wußte, als man ihm die üppigen Gelder für Transfers und Gehälter nicht mehr zugestand. Denn da liegt der Hase im Pfeffer, bei den Gehältern. Lerner wollte den Club zumindest bei den laufenden Kosten nicht gänzlich aus der eigenen Tasche finanzieren. O´Neill hat drei Jahre lang teure Spieler gekauft und mit üppigen Gehältern ausgestattet und viele dieser Spieler dann kaum eingesetzt. Marlon Harewood z.B. hatte in seiner Villa-Zeit genau einen PL-Auftritt von Beginn an.
    Auch spielerisch war das totale Magerkost, die in der letzten Saison geboten wurde, auch wenn man gerade in den nationalen Pokalen ziemlich erfolgreich war. Dazu kam die übliche Frühjahrsflaute, weil das Wort Rotation für Mr O´Neill ein Fremdwort ist.

    O´Neill hat unbestreitbar große Verdienste um Villa, aber selbst wenn es nur ein Spiel war, hat die laufende Saison gezeigt, dass ein frischer Wind dem Team und damit dem Club nur gut tun kann.

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  2. Das war natürlich eine vereinfachte Darstellung von mir zu Villa. Aber so wie ich dich verstehe, ging es ja hauptsächlich um die Transfers. Die, die O’Neill in der Vergangenheit getätigt hat und die nicht immer erfolgreich waren. Und die, die er jetzt nicht machen durfte oder die er machen musste (Milners Weggang hatte sich ja abgezeichnet). Lerner waren wohl die teuren, aber fragwürdigen Transfers der Vergangenheit ein Dorn im Auge und deshalb hat er O’Neill zuletzt ein wenig die Handlungsfreiheit genommen, oder?

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  3. Über ein Urteil der Transfers der Vergangenheit ist nichts publik geworden, wohl aber, dass Lerner wünscht, dass Gehälter und die Einnahmen des Clubs in einem vertretbaren, wirtschaftlichen Verhältnis stehen. O´Neill hat im Juli oder Anfang August selbst angedeutet, dass man ihm das Heft bei Transfers mehr oder weniger aus der Hand genommen hat. Das Merkwürdige ist eben, dass O´Neill selbst einen guten Teil seiner Transfers in komischem Licht erscheinen ließ, indem er Leute wie Harewood, Shorey, L.Young, Beye oder auch Sidwell mehr oder weniger schnell wieder für die erste Mannschaft aussortiert hat,
    Hätte O´Neill die CL erreicht oder wenigstens seine eigenen Verpflichtungen auch hin und wieder mal spielen lassen… wer weiß.
    Lerner hat im Frühjahr jedenfalls klipp und klar gesagt: Die Gehälter müssen runter, bei Ablösesummen würde er bei Chancen für den Club auch weiterhin privates Geld zur Verfügung stellen.

    Wenn man einen namhaften neuen Manager verpflichten möchte, wird der natürlich Geld für Transfers fordern, im Moment hat der Coach der Reservemannschaft das Sagen und macht seinen Job bisher gut, er scheint einen guten Draht zu den Spielern zu haben und bringt auch manchen seiner Schützlinge aus der Reservemannschaft, bisher ( nur 2 Spiele) mit gutem Erfolg. Ergebnisse und Leistung stimmen.

    Für Milner sind jedoch nicht nur viele Millionen geflossen, sondern Villa hat im Gegenzug auch Stephen Ireland verpflichtet, dem manch City Fan eine Träne hinterherweint. Welcher Club da den besseren Deal gemacht hat, wird sich zeigen. Gerüchten zufolge ist vor allem Irelands Verpflichtung über O´Neills Kopf hinweg entschieden worden. Gegen Ende seiner Amtszeit hatte er sich mit dem Milner Abgang abgefunden, hatte es den Anschein. Man wollte ihm „nur“ die Millionen aus diesem Transfer nicht zur Gänze für Neuzugänge geben. Ein Interview mit O´Neill bezüglich seines Rücktritts ist noch nirgends erschienen, denke das hätte ich mitbekommen.

    Ich bin jedenfalls froh hier hin und wieder etwas über den Fußball auf der Insel zu lesen und wünsche sowohl Shorey als auch den Baggies größtmöglichen Erfolg, auch wenn das bei der lokalen Rivalität, die ich erst entdeckte, als ich beide Clubs mehr oder weniger ins Herz geschlossen hatte, seltsam wirken mag.

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  4. Inzwischen dürfte sich die Stimmungslage bei Villa wieder verändert haben und sicher ein neuer Trainer kommen. 6:0 scheint ja das neue Standard-Ergebnis in der Premier League zu werden.

    Zu deinem letzten Absatz: Mir geht es ähnlich. Ich sympathisiere auch mit mehreren englischen Mannschaften und das wird natürlich besonders dann schwierig, wenn sie in derselben Liga spielen. Wie z.B. die Blades und Derby.

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