Irre und Irre

Standard

Europa League, 1. Spieltag / Karpaty Lviv 3 BVB 4

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Hummels, Subotic, Owomoyela – Sahin, Bender (80. da Silva) – Großkreutz (64. Kuba), Kagawa (64. Lewandowski), Götze – Barrios. Tore: Sahin (EM), Götze (2), Barrios

Hätte sich irgendjemand eine dramatischere und passendere Rückkehr der Borussia in die Gruppenspiele des Europapokals vorstellen können? Dazu hätte wohl nicht mal die Fantasie von Nick Hornby ausgereicht. Mit dem unterhaltsamsten Spiel seit langer Zeit haben es die Schwarz-Gelben und ihre Gastgeber geschafft, unser kommendes Spiel für 90 Minuten aus allen Köpfen zu verdrängen.

Das „Stadion Ukraina“ war trotz Laufbahn und ’nur‘ 28.000 Plätzen der sprichwörtliche Hexenkessel und die Borussen überstanden den erwarteten Ansturm der Gastgeber zu Beginn mit Geduld, Aufmerksamkeit und dank Roman Weidenfeller. Perfekt, wenn man dann der Heimmannschaft mit einem verwandelten Elfmeter den Wind aus den Segeln nehmen kann. Nach 12 Minuten wurde Lucas Barrios im Strafraum zwar eher von einem Abwehrspieler als von Torwart Tlumak gefoult, der die Gelbe Karte sah, aber das war nach Nuri Sahins Schuss hoch in die Mitte des Tores natürlich egal. Danach war der BVB im Spiel und kontrollierte es sogar. Eine Viertelstunde später fiel bereits das 2:0 durch das Traumduo des Abends: Lucas Barrios und Mario Götze. Mit diesem Spielzug zeigte sich exemplarisch, dass Lucas auch ein sehr guter mitspielender Stürmer ist, wenn er einen passenden Partner hat. Perfekter Doppelpass mit Götze und unser Teenager verwandelt frei vor dem Tor.

2:0 gegen eine nur Kennern bekannte Mannschaft aus der Ukraine – was sollte da noch schief gehen? Man hätte auf diesen Gedanken kommen können. Obwohl ich nicht so blauäugig war, schockte mich das Nachfolgende doch ebenso wie alle anderen Kneipengäste. Nachdem der BVB durch Barrios noch eine Chance zum 3:0 gehabt hatte, fiel kurz vor der Pause der Anschlusstreffer. Der sah unglücklich aus, weil sich Weidenfeller und die beiden Innenverteidiger im Weg standen und den Ball deshalb nur unzureichend klärten. Aber man denkt sich noch: Kann ja mal passieren. Nicht mehr so viel Verständnis konnte man für den Ausgleich nur sechs Minuten nach Wiederanpfiff haben. Mats Hummels dachte wohl über Dostojewski nach, wie ein Freund von mir vermutete. Blöd nur, dass er dabei den Ball an der Strafraumgrenze an Kopolovets verlor, der dann keine große Mühe mehr hatte.

Danach tobte hörbar das Stadion und es wurde der irre Europapokal-Krimi, von dem heute alle schreiben. Klopp brachte Kuba und Lewandowski für die gestern wenig effektiven Großkreutz und Kagawa. Und zunächst hatte der BVB wieder die Chancen auf seiner Seite. Besonders eng war es, als Sahin einen Freistoß und Barrios einen Kopfball an die Latte setzten. Kurz danach folgte aber der Tiefschlag und dritte Blackout der schwarz-gelben Defensive. Mit einem weiten Abschlag überraschte Tlumak die Viererkette, wobei erneut Hummels am ehesten hätte klären können. Kozhanov dreht das Spiel. Köpfe werden zwischen Händen vergraben oder in den Nacken gelegt.

Aber es war noch nicht vorbei. Die viel beschworene junge Mannschaft gibt in kloppo-esker Manier bis zuletzt alles und profitiert vermutlich von der verfrühten Euphorie beim Gegner und den Zuschauern. In der 87. Minute trifft der brillante Barrios selbst nach einer weiteren Koproduktion, diesmal mit Robert Lewandowski. Nach diesem Spielverlauf hätten die meisten dieses Ergebnis mitgenommen. Aber der Wahnsinn findet seinen Höhepunkt in der Nachspielzeit, als Barrios auch noch den Siegtreffer vorbereitet und Super Mario Götze vollendet – mit einer leichten Gehirnerschütterung, wie sich nach dem Spiel herausstellen sollte. Nein, Hornby wäre da nicht drauf gekommen und selbst David Lynch wäre dieses Drehbuch zu schräg gewesen.

Danach herrschte Euphorie pur und die können auch die eklatanten Abwehrfehler kaum schmälern. Weniger schön war, was man bereits während des Spiels und danach vom ‚Drumherum‘ in Lviv hörte. Vor dem Spiel haben anscheinend bis zu 1000 Hooligans, möglicherweise auch Ultras, aus Lviv und Posen in der Innenstadt BVB-Fans angegriffen und dabei eine Kneipe gestürmt. Die Polizei musste Schlimmeres verhindern und die Dortmunder zum Stadion eskortieren. So berichtet es ein Redakteur des Online-Fanzines „Die Kirsche“, der vor Ort war. Abgesehen von Gesängen hat er keine Provokationen von schwarz-gelber Seite mitgekriegt.

Von solchen schreiben jedoch ukrainische Medien, die den Gästefans auch vorwerfen, nach dem Spiel in Straßenschlachten verwickelt gewesen zu sein. Oder sollte da nur das Image des EM-Gastgeberlandes von 2012 geschützt werden? Für Stefan Reinke von „DerWesten.de“ gingen die Angriffe eindeutig von den einheimischen ‚Fans‘ aus. Er berichtet ausführlich von organisatorischen Problemen der Sicherheitskräfte und wie BVB-Fans noch in unmittelbarer Stadionnähe aufgelauert wurde. Vielleicht sollte hier auch von Seiten des Vereins auf eine Klarstellung gedrängt werden.

Die weit überwiegende Mehrzahl der BVB-Fans hat dieses fantastische Spiel jedoch friedlich in Deutschland in der Kneipe oder im Wohnzimmer gesehen und wird sich jetzt mehr denn je auf das freuen, was nun kommen mag.

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