Nicht zu schön um wahr zu sein

Standard

1. Bundesliga, 4. Spieltag / FC Schalke 1 BVB 3

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Hummels, Subotic, Owomoyela – Sahin, Bender – Großkreutz, Kagawa (74. Lewandowski), Götze (46. Kuba) – Barrios (81. Piszczek). Tore: Kagawa (2), Lewandowski

Der BVB gewinnt das großartigste Spiel seit Mai 2007 und zeigt vor allem in der ersten Halbzeit eine atemberaubende Leistung. Das Einzige, was beim FC Schalke funktioniert, ist Torwart Neuer.

Heute wurden kühnste Träume übertroffen und Sorgen lösten sich in Luft auf. Es war sensationell, wie konzentriert die Mannschaft nur drei Tage nach dem Last-Minute-Sieg in Lviv aufspielte. Bei allem Respekt war es heute wider Erwarten kein Problem, dass Sven Bender Sebastian Kehl ersetzen musste. Im Gegenteil, Bender war richtig stark, stets präsent und wie das gesamte Mittelfeld absolut überzeugend. Zudem hätte er zu den Torschützen zählen müssen, denn nach einem Sahin-Freistoß stand er nicht im Abseits, als er ins Tor traf – der Linienrichter sah es anders.

Nach diesem Aufreger in der 10. Minute hatte der BVB fast im Minutentakt Chancen, so dass ich es anderen Chronisten überlasse, diese alle aufzuzählen. Barrios und Owomoyela hatten Möglichkeiten, aber einer stach hinaus: Shinji Kagawa war ohne Zweifel der Derbyheld. Ideenreich, antrittsschnell und dribbelstark, immer einen Gedanken und einen Schritt schneller als die Schalker. Ohne Manuel Neuer hätte Kagawa den S04 fast im Alleingang abgeschossen. In der 20. Minute ließ Shinji dann auch dem Torwart keine Chance, als er nach Zuspiel von Götze zwei Schalker stehen ließ und sein Schuss leicht abgefälscht ins Tor segelte.

Es war auch in der Folge über weite Strecken eine Vorführung der Gastgeber. Magaths Umstellungen, z.B. das neue defensive Mittelfeld mit Kluge und Rakitic, brachten überhaupt nichts ein. Die Stürmer hingen komplett in der Luft, es gab vorerst nur einen erwähnenswerten Schuss von Huntelaar. Durch die schwarz-gelbe Präsenz und Aggressivität im Mittelfeld kam Schalke in der ersten Hälfte nie zur Entfaltung, auch die Außen Farfan und vor allem Deac waren abgemeldet.

Der BVB hätte zur Halbzeit höher führen müssen. Ein 1:0 ist kein beruhigender Vorsprung, schon gar nicht im Derby. Und in den ersten Minuten nach der Pause schien sich der S04 ins Spiel zu kämpfen, übernahm vorübergehend die Kontrolle im Mittelfeld. In dieser Phase demonstrierten die Schwarz-Gelben aber immerhin ihre defensive Stabilität. Diese hohe Konzentration war das Überraschendste an unserer Leistung: Es gab kaum Unsicherheiten. Einmal stand Hummels falsch, Weidenfeller musste zwei-, dreimal den Ball wegfausten, aber bis auf eine Chance aus kurzer Distanz von Matip und den späten Anschlusstreffer durch Huntelaar ließ die Defensive nichts Wesentliches zu.

Das 2:0 in der 58. Minute beendete das Schalker Aufbäumen. Es war ein toller, schneller Angriff über rechts. Schön, dass der für Götze eingewechselte Kuba dabei einen Assist verbuchen konnte: Seine Musterflanke drückte Kagawa mit einem artistischen Sprung über die Linie. Klassetor und dank des Spielstands brachen in der Kneipe alle Dämme. Partylaune pur herrschte endgültig, als Schiedsrichter Gräfe dem Schalker Abwehrspieler Plestan wegen Haltens gegen Barrios die Gelb-Rote Karte zeigte. Und wie zu erwarten hatten diese Schalker gegen 11 Dortmunder keine Chance. Gräfe zeigte übrigens eine ordentliche Leistung und ließ viel laufen – das nicht gegebene Tor hatten wir natürlich dem Assistenten zu verdanken.

Sahin traf in der Folge noch die Latte – er hätte einen ebenfalls starken Auftritt krönen können. Für Kuba blieb es bei der Vorlage, weil Neuer seinen Schuss aus vielleicht sieben Metern parieren konnte. In der 86. Minute verlor Felix Magath nach dem Trainer- auch das Manager-Duell: Ein weiterer BVB-Neuzugang, Robert Lewandowski, sprang nach einer Ecke von Sahin am höchsten und köpfte das 3:0. Klaas-Jan Huntelaar war dagegen der einzige erwähnenswerte Neu-Blaue – nach einer Flanke (oder war es ein Freistoß) staubte er zum 1:3 ab. Too little, too late.

Der Boykott der BVB-Fans war ein bedingter Erfolg. Es waren wohl einige Tausend Schwarz-Gelbe im Stadion, aber es gab deutliche Lücken und es war nicht ausverkauft. Das Zeichen sollte nach den ausführlichen Medienberichten trotzdem angekommen sein – beim S04 und anderswo.

Der Nebel der Ungewissheit, der einem vor dem Derby immer die Sicht nimmt, hat sich gelichtet. Am Montagmorgen steht der BVB auf Platz 3 der Tabelle und S04 auf Platz 18. Eindeutiger kann man den Systemvergleich nicht gewinnen. Es ist nun wohl unbestritten, dass in Gelsenkirchen im Sommer schwere Fehler gemacht wurden. Trotzdem bleibt auch dieser Derbysieg nur eine Momentaufnahme in der Saison – allerdings eine Momentaufnahme, die wir nicht so schnell vergessen werden. Besten Dank dafür an die glorreichen 14 vom 19.09.!

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4 Gedanken zu “Nicht zu schön um wahr zu sein

  1. Herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Derbyerfolg!

    Normalerweise ist der BVB genausowenig in meinem Fokus wie die Königsblauen aber so langsam gewinne ich den Eindruck, das das „System Jürgen Klopp“ in Dortmund anfängt zu funktionieren!

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  2. Danke! Allgemein scheint die Mainzer ‚Trainerschule‘ momentan richtig zu boomen. Die Herangehensweise von Klopp und Tuchel ist ja in vielen Bereichen auch ähnlich. Der FSV hat deshalb auch meinen vollsten Respekt und ich hoffe, ihr könnt die Großen (da zähle ich den BVB jetzt mal noch nicht dazu) weiter ärgern.

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