Die Bundesliga blüht und gedeiht

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Platz zwölf für den FC Bayern – das ist nicht nur Ausdruck einer Krise, das ist auch ein Kompliment für die Bundesliga. (Klaus Hoeltzenbein, SZ 5.10.2010, S.27)

Der Leitartikel der gestrigen SZ-Sportseiten bringt es auf den Punkt. Der FC Bayern hat seinen Vorsprung erst mal verspielt, einige andere Vereine haben aufgeholt. Manche von ihnen haben dafür viel Geld investiert – Wolfsburg, Hoffenheim, Leverkusen. Andere stehen momentan völlig überraschend unter den ersten fünf der Liga – Hannover, Freiburg und natürlich Mainz. Borussia Dortmund kann man keiner der beiden Gruppen so richtig zuordnen. Der finanzielle Graben zu den Werksclubs und Hoppenheim ist jedenfalls nach wie vor riesig.

Gerade die Vereine, die nicht die Ressourcen für Großtransfers haben, müssen vieles andere richtig gemacht haben. Beim Personal, bei der Vereinsstrategie, bei Taktik und täglicher Trainingsarbeit. Viele Vertreter und Fans von erfolgsverwöhnten Vereinen wie Bayern oder Bremen gehen nach wie vor davon aus, dass eigentlich andere Vereine ‚da oben‘ stehen sollten, dass also der aktuelle Tabellenstand lediglich ein Unfall der Fußballgeschichte ist. Vor drei Monaten war ja mal eine WM, die war auch furchtbar anstrengend. Aus BVB-Sicht kann man dazu drei Dinge sagen: 1. Der FC Bayern hat einige Tage vor dem BVB die Saisonvorbereitung aufgenommen. 2. Ein BVB-Spieler stand im WM-Viertelfinale: Lucas Barrios. 3. Zu allen Länderspiel-Terminen nach der WM musste der BVB genauso viele oder mehr Spieler abstellen als der FCB.

Vermutlich werden sich nicht alle der Überraschungsmannschaften unter den Top 5 halten können. Manchen traut man dies mehr zu, manchen weniger. Vielleicht startet in der Rückrunde oder schon vorher die große Aufholjagd der Bayern, vielleicht kaufen sie sich in der Winterpause die Meisterschaft. Durch Investitionen in neue Spieler, versteht sich. Kein Zweifel sollte allerdings daran bestehen, dass der momentane Tabellenstand gerecht ist. Die ‚Kleinen‘ haben gut gearbeitet, manche der ‚Großen‘ haben es – verallgemeinernd gesprochen – versäumt, adäquat auf auftretende Probleme zu reagieren. Dies hätten sie mit Hilfe ihrer finanziellen Mittel tun können.

Die sportliche Situation im Oktober 2010 ist gut für die Liga und gut für den deutschen Fußball. Wenn die Verhältnisse festzementiert sind, wenn die Bayern neun von zehn Mal deutscher Meister werden, dann gefällt das außer den Bayern-Fans niemandem. Kein Verein sollte ein quasi erbliches Recht auf die Meisterschaft haben. Schön wäre es deshalb, wenn sich der Prozess der sportlichen ‚Annäherung‘ fortsetzen würde, wenn die innovativen Konzepte von Vereinen wie Mainz oder Dortmund auch längerfristig erfolgreich wären. Nur dann wäre es möglich, dass die Bayern auch in der Champions League irgendwann mal deutsche Konkurrenz kriegen (nicht unbedingt durch die genannten Vereine). Der FCB wird alles versuchen, eine solche Entwicklung zu verhindern. Das müssen sie tun und wahrscheinlich werden sie erfolgreich sein. Doch die ersten sieben Spieltage dieser Saison haben gezeigt, dass eine andere Bundesliga möglich ist – zumindest als Utopie.

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3 Gedanken zu “Die Bundesliga blüht und gedeiht

  1. Ich bin ein wenig hin und hergerissen von diesem Artikel, vieles sehe ich ähnlich anderem stimme ich nicht zu. Beispiel: Bayern hat sehr viele Nationalspieler, hauptsächlich deutsche, die alle sieben Spiele bei der WM gespielt haben. Lucas Barrios kam nur bis ins Viertelfinale mit Paraguay. Es ist ein Unterschied, ob eine Mittelfeldachse mit nur kurzem Urlaub und verkürzter Vorbereitung die neue Saison angeht, oder lediglich ein Stürmer, der ein Spiel zwar entscheidend prägen kann durch seine Tore, aber dessen Einfluss dennoch begrenzt ist auf die ganze Mannschaft. Wenn ein ganzer Mannschaftsteil sozusagen lahmt, dann geht generell wenig. Außerdem hängen die Bayern zu sehr von Robben und Ribery ab, wobei letzterer eine durchwachsene WM hatte und Robben nun mal Verletzungsanfällig ist.

    Ich stimme vollkommen zu, dass die derzeitige Tabellensituation eine Erfrischung und Belebung für den Fußball ist und es zeigt, dass Geld keine Tore und keine Meisterschaften kauft, siehe Schalke. Es zeigt, dass auch in vielen kleineren Clubs wie Mainz und Hannover auch gute Trainer arbeiten, die ihre Mannschaften guten Fußball spielen lassen. Schlimmer wäre es, wenn die Tabelle schon vor der Saison zementiert worden wäre, wie es in Spanien und England der Fall ist. Dafür haben die spanischen und englischen Clubs eine gewisse Konstanz in der Champions League, was bisher nur die Bayern regelmäßig schaffen. Siehe dazu auch folgenden Link:

    http://anoldinternational.wordpress.com/2010/10/09/emerging-patterns/

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  2. Es ist wohl eine ‚Glaubensfrage‘. Klar haben die Bayern viele Spieler, die bei der WM lange im Einsatz waren. Aber waren Urlaub und Vorbereitung nicht trotzdem lange genug für einen Fußballprofi? Kann man die WM drei Monate nach ihrem Ende immer noch als Entschuldigung anführen? Ich glaube nicht. Tatsache ist, dass andere europäische Spitzenmannschaften wie Barca und Chelsea die WM besser verkraftet haben – wie ja auch in dem guten verlinkten Artikel dargelegt wird.

    Lucas Barrios habe ich angeführt, weil er ein Beispiel dafür ist, dass man die WM durchaus gut verkraften kann. Ich würde mit einem eigenen Erklärungsversuch der Bayern-Misere auch in Richtung Robben tendieren. Er war in der letzten Saison häufig, wenn auch nicht immer, der entscheidende Spieler. Sein Ausfall kann natürlich nicht der einzige Grund sein. Ribery scheint mir aller Beteuerungen zum Trotz ein spielerisches und vielleicht auch mentales Tief durchzumachen. Ich glaube, dass aufgrund dieser Ausfälle die Stabilität der Mannschaft gestört ist – der Wegfall von spielerischer Qualität wurde nicht kompensiert und van Gaal hat noch kein adäquates Alternativ-Konzept für einen FC Bayern ohne Robben/Ribery gefunden.

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  3. Es ist in der Tat eine Systemfrage. Bayern hat einfach zuviel Hoffnung in Robben und Ribery, ohne dabei eine Notlösung parat zu haben. Dass das nicht gutgeht, sehen wir jetzt. Eine WM kann man da aber schon gern mal als Ausrede vorschieben, wenn es nicht so rund läuft.

    Es ist schon beachtlich, dass man als jemand, der dem BVB seit einigen Jahren folgt, über die Bayern und deren Krise(n) redet und nicht über die eigene Mannschaft. In Dortmund läuft es halt und bei Bayern nicht und deshalb redet man noch mehr als vorher über sie. Es muss also schon ganz schön was in Schieflage geraten sein.

    Danke für’s Kompliment.

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