Das beste und das schlimmste Spiel

Deinem Verein gelingt unter der Woche im Ligapokal der größte Erfolg der jüngeren Vereinsgeschichte. An den folgenden Spieltagen rutscht der Club nach zwei Niederlagen in der Liga auf den letzten Tabellenplatz ab. Nach dem lang ersehnten Sieg, noch dazu in einem Lokalderby, liefert die Mannschaft am darauffolgenden Dienstag den größten Grottenkick der vergangenen Jahre ab, gewinnt das Spiel allerdings im Elfmeterschießen.

Diese Berg- und Talfahrt machen zurzeit die Fans des englischen Drittligisten FC Brentford mit. Vor gut zwei Wochen bezwangen die ‚Bees‘ im heimischen Griffin Park den namhaften Premier League-Club FC Everton im Elfmeterschießen. Es war ein Erfolg, wie es ihn lange nicht mehr gegeben hatte und er kam in einer für den Verein prekären Situation, denn in der League One ist der Saisonauftakt gehörig danebengegangen. Diese konträre Gefühlslage trieb sogar erfahrenen Fans die Tränen in die Augen, als der entscheidende Elfmeter der Gäste vom Pfosten zurücksprang.

Schon am Samstag danach folgte in der Liga die Ernüchterung, als Brentford das Lokalderby und Kellerduell beim Tabellenletzten Leyton Orient mit 0:1 verlor. Drei Tage später folgte eine Niederlage mit dem selben Ergebnis beim Spitzenreiter Brighton & Hove Albion. Beim nächsten Lokalderby am folgenden Samstag gegen Charlton Athletic, die noch vor gut drei Jahren in der Premier League spielten, zeigten die Bees plötzlich eine Halbzeit lang tollen Angriffsfußball und gingen mit 2:0 in Führung. Am Ende reichte es zu einem verdienten 2:1.

Letzten Dienstag stand schließlich eine Begegnung der „Football League Trophy“ (zu Ehren des Sponsors offiziell „Johnstone’s Paint Trophy“ genannt) an. Dieser Wettbewerb ist eine ziemliche Kuriosität. Er wurde ursprünglich gegründet, um den unterklassigen Vereinen MEHR Spiele zu verschaffen. Heute nehmen an der FLT alle 48 Vereine der League One und der League Two (dritte und vierte Liga) teil. Das Endspiel wird im Wembley-Stadion ausgetragen. Trotz der verhältnismäßig guten Chancen der Teilnehmer auf die Trophäe und den Auftritt im englischen Nationalheiligtum steht der Wettbewerb ganz klar im Schatten von Liga, FA- und sogar Carling Cup.

Vielleicht ist so die Qualität der besagten Begegnung zu erklären, die die Bees erneut an die Brisbane Road, zu Leyton Orient, führte. Denn obwohl die Teilnehmer der Trophy seit einigen Jahren verpflichtet sind, mindestens sechs Stammspieler aufzubieten, muss es ein grausames Spiel mit enorm vielen Ballverlusten gewesen sein. Brentford-Trainer Andy Scott formulierte es trotz des Weiterkommens wenig diplomatisch:

That was the most horrific game I have been involved in. The quality was terrible. (…) I feel very sorry for the people who turned up, I’m glad some missed it. (…) I’m delighted we went straight to penalties, I couldn’t have watched another 30 minutes.

Dieser Andy Scott ist ein junger ehrgeiziger Trainer, der bei Brentford 2008 seine erste Chance als ‚Chef‘ erhielt und den Verein in seiner ersten vollständigen Saison zum League Two-Titel führte. Nein, wir müssen jetzt nicht zwangsläufig an Mainz 05 denken, aber auch der FC Brentford ist ein besonderer Club. Eigentlich handelt es sich um einen eher familiären Vorstadtverein aus West London. Brentford gehört zum Stadtbezirk Hounslow und in den Griffin Park kommen bei Ligaspielen zwischen 4.000 und 7.000 Zuschauer. Der Verein hat (wie die meisten Vereine) ein paar prominente Fans, etwa den ehemaligen BBC-Generaldirektor Greg Dyke oder den Sänger der Indie-Band Hard-Fi, Richard Archer.

Das wirklich Besondere ist aber, dass Brentford den Fans gehört. Genauer gesagt einer treuhänderisch tätigen Fanvereinigung namens „Bees United“, die seit 2006 60% der Anteile am Verein hält. Ihr Vorsitzender ist der schon erwähnte Mr Dyke. Die Fanbeteiligung wird natürlich mit professioneller Arbeit auf der Management-Ebene verknüpft. Bei Brentford werden Transfers oder Aufstellung nicht im Internet entschieden. Kurzum, der Verein ist klein und sympathisch. Ein echter ‚community club‘, bei dem momentan das höchste der Gefühle der Aufstieg in die zweite Liga wäre.

Im Zuge der Carling Cup-Sensation gegen Everton hat sich auch das Football League Blog des „Guardian“ mit den Bees beschäftigt – ist natürlich lesenswert und informativ. Es gibt sogar einen aktuellen Dokumentarfilm über den Verein, „In The Blood“. Einen Trailer dazu findet man auf der Film-Homepage. Ob der Film jemals im deutschen Kino oder Fernsehen laufen wird, ist natürlich sehr fraglich. Vielleicht beim Fußball-Filmfest in Berlin?

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