Helden und Sünder

Standard

1. Bundesliga, 13. Spieltag / SC Freiburg 1 BVB 2

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Hummels, Subotic, Piszczek – Sahin, Bender – Großkreutz (61. Kuba), Kagawa (71. Lewandowski), Götze – Barrios (85. da Silva). Tore: Lewandowski, Mujdza (ET)

Das nennt man wohl ein turbulentes Spiel. Mit abwechslungsreicher Dramaturgie. Der BVB gewinnt nach Rückstand auch in Freiburg und stellt einen neuen Rekord auf: Sieben Auswärtssiege in Folge schaffte in der Bundesliga-Geschichte kein anderer Verein. Und obendrein hatte die Partie gleich mehrere Helden und Sünder – herrliches Fußballtheater.

Betrachtet man diesen Sport aus Fanperspektive, gibt es einen stets wiederkehrenden Leitsatz: Der Böse ist immer der Schiedsrichter. Ich versuche, diese eindimensionale Betrachtungsweise hier zu vermeiden, aber heute will mir das nicht so recht gelingen. Denn in der ersten Hälfte pfiff Marco Fritz arg zu Lasten des BVB. Übersehene Fouls auf der einen, übertriebene Pfiffe auf der anderen Seite. Der Höhepunkt war der Doppelfehler vor dem 0:1. Der Freistoß von der rechten Seite war schlicht unberechtigt. Jan Rosenthal war selbst ins Stolpern gekommen, es lag kein Foul eines Dortmunders vor. Als Schuster den Freistoß an den Fünfmeterraum schlug, sprang dort Makiadi Weidenfeller an und verhinderte dessen Rettungsaktion. Nur so gelangte der Ball vors Tor, wo Subotic bei seinem Rettungsversuch Hummels anschoss.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich Fritz (wie zum Glück der BVB) in der zweiten Hälfte steigerte. Beim vermeintlichen Ausgleich kurz nach der Pause hatte Barrios dem Freiburger Torwart Baumann den Ball unrechtmäßig weggespitzelt – der Treffer wurde zu Recht nicht gegeben. Als sich Roman Weidenfeller kurz vor Schluss über eine erneute Behinderung beschwerte und dafür Gelb sah, konnte man Fritz‘ Entscheidung ebenfalls nachvollziehen. In der Szene war Weide einen Bruchteil zu spät gekommen.

Es war wirklich ein Auf und Ab der Gefühle. Die Schwarz-Gelben hatten die ersten beiden Chancen durch Barrios und Bender etwas leichtfertig vergeben und ließen in der Folge die Gastgeber besser ins Spiel kommen. Das Freiburger Mittelfeld zeigte die erwartet starke Leistung und überbrückte mit schnellen Gegenzügen den Platz. Jedoch war es erst der Rückstand, der den BVB richtig aus dem Konzept brachte. Gegen die präsenten Schuster, Makiadi, Putsila und Rosenthal wusste sich unsere Mannschaft vor der Pause nur mit langen Bällen zu helfen – wie fast immer ein vergebliches Mittel, da Lucas Barrios oder Shinji Kagawa nicht die Lufthoheit eines Jan Koller haben.

Einer unserer Helden ist natürlich Jürgen Klopp. Auch heute wieder. Erneut muss er in der Kabine die richtigen Worte gefunden oder vielleicht die richtigen Videos gezeigt haben. Der BVB kam mit ungeheurem Druck zurück auf den Platz und kreierte wortwörtlich Chancen im Minutentakt: 51. Minute. Barrios allein auf halblinks, der Ball verspringt ihm unglücklich. 52. Minute. Toller Schuss von Kagawa aus zentraler Position, den Baumann noch um den Pfosten lenken kann. 53. Minute. Von links kommt der Ball zum im Strafraum wartenden Sahin, der frei abzieht, aber direkt auf Baumann zielt. Ein paar Minuten später köpft Barrios ebenfalls direkt auf Baumann.

Im Anschluss wurde es schon wieder ausgeglichener, ehe sich die Einwechslung von Lewandowski unmittelbar bezahlt machte. Es war zugegebenermaßen keine Entscheidung, die besonders viel Fantasie erforderte, aber Klopp kann die Einwechselspieler offensichtlich bei Laune halten und auf den Punkt hin motivieren. Eine Flanke des heute besten Dortmunder Nationalspielers Marcel Schmelzer köpfte Robert aus knapp zehn Metern wuchtig ins Tor. Nur kurz danach wurde ein Lewandowski-Schuss glücklich um Zentimeter am Tor vorbei abgefälscht. Aber die endgültige Wende ließ nicht lange auf sich warten. In der 78. Minute kontert der BVB, der agile Piszczek flankt von rechts und der Freiburger Mujdza spitzelt den Ball ins eigene Tor, weil hinter ihm Barrios lauerte.

Ein gedrehtes Spiel geben die Schwarz-Gelben nicht mehr ab. Nicht in dieser Saison. Dachte ich zumindest. Bis ich die Szene aus der 86. Minute erleben durfte. Die attackierenden Gastgeber werden vom BVB mustergültig ausgekontert, Baumann kommt aus dem Kasten, Kuba kriegt den Ball und läuft alleine auf das leere Tor zu. Anstatt den Ball einfach reinzuschieben, schießt er ihn ohne jede Bedrängnis drüber. Unglaublich. In England würde das zum ‚most embarrassing miss of the season‘ gewählt und auch in Deutschland wird die Szene in vielen ‚Highlights‘-Sendungen auftauchen. Nach so einem Bock wird man gemäß der Fußball-Folklore als Mannschaft bestraft. Aber der BVB machte zum Glück einfach weiter. In den ‚polnischen Schlussminuten‘ hatten Lewandowski und der reuige Sünder Kuba weitere Chancen. Die Dramaturgie wollte es allerdings so, dass der starke Freiburger Schuster in der Nachspielzeit mit einem Kopfball an die Latte fast doch noch den Ausgleich perfekt gemacht hätte.

Am Ende lacht doch der BVB und gewinnt aufgrund seiner Kahn’schen ‚weiter, immer weiter‘-Attitüde nicht unverdient. Die Freiburger waren jedoch ohne Zweifel einer der besseren Gegner in dieser Saison. Bei den Schwarz-Gelben überzeugten die Außenverteidiger, auch Neven Subotic. Lucas Barrios arbeitete trotz ausbleibendem Torerfolg sehr viel und war am Siegtreffer indirekt beteiligt. Und trotz des Pannenschusses von Kuba zeigten alle Einwechslungen die gewünschte Wirkung. Weniger souverän wirkten Weidenfeller und Mats Hummels. Kevin Großkreutz war wie in Göteborg nicht richtig im Spiel.

Nachdem das Samstagabend-Spiel wunschgemäß unentschieden geendet ist, hat der BVB neun Punkte Vorsprung auf Leverkusen und 14 auf Bayern. Es geht weiter, immer weiter.

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2 Gedanken zu “Helden und Sünder

  1. Andy

    Sicherlich war die Szene im Fünfmeterraum strittig. Viell. wäre es die bessere Alternative von Roman gewesen den Ball einfach wegzufausten, Fakt ist allerdings das es den Freistoß hätte nie und nimmer geben dürfen.
    Im Großen und Ganzen war das natürlich wieder mal ein spektakuläres Spiel bei dem wir froh sein können das der Fauxpas von Kuba nicht noch bestraft wurde.

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  2. Aus neutraler Sicht war es wirklich ein tolles Spiel. Ich habe natürlich nach dem Kuba-Fehlschuss gezittert, aber das gehört halt auch mal dazu. Kuba und das Tor werden wohl keine Freunde mehr.

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