Was das alles zu bedeuten hat

Dies ist kein Hinrundenrückblick. Wer das Bedürfnis hat, noch mal an die vielen glanzvollen (und ein paar weniger tolle) Momente der Borussia in den letzten Monaten erinnert zu werden, sollte im Archiv die jeweiligen Spielberichte lesen. Durch den bisher traumhaften Saisonverlauf haben wir schon so viele Lobpreisungen bekommen, dass ein Rückblick automatisch repetitiv geraten würde. Deswegen braucht es keine Halbserien-Retrospektive, keine Herbstmeisterschaft und kein Meister-Geschwätz. Allenfalls die Hinrundenzeugnisse für die Spieler, die „Any Given Weekend“ noch in diesem Jahr verteilen wird.

Viel interessanter ist jedoch, wie es weiter geht und welche Auswirkungen die Niederlage in Frankfurt haben wird. Ja richtig, der BVB hat verloren. Und so sicher, wie wir bisher in vielen Medien auf Meisterkurs waren, wird jetzt über einen möglichen Einbruch spekuliert werden. Spätestens, wenn wir in Leverkusen ebenfalls unterliegen sollten. Die haben unsere Vorlage heute zwar nur teilweise genutzt, aber die Bayern haben dafür ja den Vorsprung auf 14 Punkte reduziert. Selbst manche unserer eigenen Fans haben sich von der Schnelllebigkeit anstecken lassen und geglaubt, wer so toll spielt, könne doch einen solchen Vorsprung nicht mehr verspielen.

Das Wichtigste für den Verein und das Umfeld inklusive Fans ist, dass wir alle unseren Realitätssinn behalten, den gesunden Menschenverstand. Trotz Emotionen und Euphorie muss das möglich sein. Borussia Dortmund hat den neunthöchsten Gehaltsetat der Liga. Nur weil wir 13 Spiele gut gespielt haben, heißt das nicht, dass wir auch die nächsten 20 gut spielen. Viele haben bis vor kurzem das, was sie in der Gegenwart zu Recht begeistert hat, auf die Zukunft projiziert. Wir können aber nicht erwarten, dass es so weiter geht wie bisher. Die Karten werden in der kurzen Winterpause neu gemischt, Erfolge und Misserfolge aus der Hinrunde zählen dann nicht mehr. Der Mannschaft und dem Verein bleiben ein berechtigtes, maßvolles Selbstvertrauen und zehn Punkte Vorsprung.

Manchem mag dieser Beitrag zu sehr nach Spaßbremse klingen, aber er ist nur ein Plädoyer gegen die Schnelllebigkeit. So wenig wir Schwarz-Gelbe uns jetzt schon feiern sollten, so wenig wäre Negativität angebracht, sollten wir im Laufe der Rückrunde mal nicht mehr an der Tabellenspitze stehen. Das kann passieren und wäre sogar wahrscheinlich für den Fall, dass wir ähnliche Verletzungsprobleme bekämen wie die Bayern oder Werder Bremen. Realistisch gesehen sollte der BVB am Ende der Saison mindestens Platz 3 belegen, vom Namen und den finanziellen Möglichkeiten her haben Leverkusen und Bayern allemal die Chance, vor uns zu stehen. Über die Stellung des FCB im deutschen Fußball braucht man nicht zu diskutieren. Hinter Bayer steckt Bayer – ein Konzern, der vor nicht allzu langer Zeit mal eben die Förderung anderer Sportarten zusammengestrichen hat, um sich auf den Fußball zu konzentrieren.

Am Ende der Saison vor beiden oder einem der beiden Vereine zu stehen, wäre sensationell, ist nicht völlig ausgeschlossen, aber wir können uns nicht darauf verlassen, dass die Saison weiterhin außergewöhnlich bleibt. Je weniger wir Meisterschaft und Champions League beschreien, je weniger Druck von den eigenen Fans ausgeht, desto ruhiger können Jürgen Klopp und die Spieler arbeiten. Von Spiel zu Spiel, den Blick immer auf die Gegenwart gerichtet, mit dem Ziel, aus jedem Spiel zu lernen und es im nächsten besser zu machen. Denn Klopp hat immer wieder bewiesen, dass er Spielern etwas beibringen kann.

Wer meint, übergeordnete Ziele seien wichtig, hat ja Recht. Nur hatte Borussia Dortmund nie das Saisonziel Meisterschaft – höchstens in dem Sinne, dass es theoretisch allen 18 Vereinen erlaubt ist, Meister zu werden. Und Borussia Dortmund steht nicht in der Pflicht, nach 17 Spieltagen das Saisonziel Meisterschaft auszugeben, weil es manche Außenstehende hören wollen. In diesem Sinne formulierte es auch Jürgen Klopp gestern im ZDF-Sportstudio:

Wir haben unseren Erwartungen gerecht zu werden und denen unserer Fans. Sonst nix.

Jeder Fan muss seine Erwartungen natürlich mit sich selbst ausmachen. Ich persönlich werde bis zum 25. Spieltag warten, ehe ich mein ursprüngliches Saisonziel, Platz 4-5, noch mal überdenke – egal wie es vorher läuft. Don’t believe the hype!

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5 Kommentare

  1. Kann mich da nur anschließen. Sicherlich läuft bisher alles mehr als positiv und ich wäre persönlich auch sehr enttäuscht wenn es am Ende nicht mehr für einen der ersten drei Plätze reichen würde, doch vom Etat her gesehen müssen wir den Ball flach halten.
    Ich denke trotzdem das die Winterpause zum rechten Zeitpunkt kommt, denn nun werden die Karten neu gemischt. Die anderen Mannschaften müssen im Januar dann auch erst wieder ihren Rythmus finden. Wichtig wird sein in Leverkusen nicht zu verlieren.
    Einfach versuchen sich auf die Spiele zu konzentrieren und die Rechenspiele unterlassen. Aber leichter gesagt als getan.

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  2. Ich werde das Leverkusen-Spiel als Indikator nehmen: Bei einem Auswärtssieg werden meine Saisonerwartungen auf die Meisterschaft eingestellt, bei einem Unentschieden auf Platz 2 oder 3, bei einer Niederlage auf Platz 4-5. Alles weitere halte ich selbst bei einer miserablen Rückrunde für rechnerisch sehr unwahrscheinlich.

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  3. @Andy: Klar, jeder stellt natürlich privat immer wieder ‚Hochrechnungen‘ an, was der Vorsprung wert sein könnte. Wir dürfen mMn nur nicht dahin kommen, dass wir sagen: „So einen Vorsprung noch zu verspielen wäre peinlich.“ Wäre es nämlich nicht. Jedenfalls nicht für uns, für die Bayern schon.

    @ThomasCrown: Klingt ebenfalls vernünftig. ;-) Auswärtssieg wäre in der Tat traumhaft.

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  4. Leider ist das der springende Punkt Nick. Ob es nun peinlich wäre sei mal dahingestellt, aber die Medien werden sich kaputtlachen. Dann wird jeder sagen :“ 10 Punkte Vorsprung und jetzt spielen sie Europa League“ Wenn du soweit oben stehst mit diesem Vorsprung ist der Druck für jeden Verein riesig, und ich glaube keinem BVB Spieler das wenn er am Saisonende auf dem 5. Platz steht und sagt : “ Prima, wir haben unser Saisonziel erreicht“
    Egal ob jemand von den Borussen mal das M Wort gebraucht hat oder nicht.
    Letzte Saison war es einfach, da haben wir von hinten das Feld aufgerollt aber jetzt stehen wir vor einer harten Bewährungsprobe.

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  5. Europa League wird jetzt wahrscheinlich wirklich nicht mehr das Ziel sein, das die Spieler im Kopf haben. Die Mannschaften, die uns Platz 3 streitig machen könnten, sehe ich im Moment auch nicht so. Entweder der Abstand ist zu groß oder man muss aufgrund der vorhandenen Qualität Zweifel an deren Konstanz haben. Ich denke, wenn wir in Leverkusen nicht verlieren, werden wir Platz 3 nur bei einer fiesen Verletzungsserie noch verspielen.
    Hmm, jetzt rechne ich doch schon.

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