Hinrundenzeugnisse 10/11

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So muss sich ein Klassenlehrer vorkommen, dessen Schüler unerwartet allesamt Einser-Leistungen vollbracht haben. Da schreitet man stolz und glücklich zur Zeugnisvergabe. Auch wenn ich an den Leistungen der Spieler von Borussia Dortmund einen wesentlich geringeren Anteil hatte als der Lehrer an denen seiner Schützlinge. Nach der erfolgreichsten Hinrunde der Vereinsgeschichte macht es selbstverständlich Spaß, die erstaunlichen Fortschritte bei fast allen Spielern zu protokollieren. Hier sind die Noten für die, die in der Hinrunde ausreichende Einsatzzeiten für eine Beurteilung hatten. Höchstwertung sind wie immer 10 Punkte.

Roman Weidenfeller: Unsere Nummer 1 gehört zu den besten Torhütern Deutschlands, das müssten inzwischen selbst Joachim Löw und Andreas Köpke eingestehen. Auf der Linie, mit seinen Reflexen, konnte Roman schon lange überzeugen. Seine Strafraumbeherrschung hat sich bereits in der letzten Saison stark verbessert, er gehört nun auch beim Herauslaufen zu den Stärksten der Liga. In dieser Hinrunde kamen außerdem gefühlt mehr Abschläge beim eigenen Mann an als in der Vergangenheit, auch wenn Roman weiterhin zum kürzeren Abwurf tendiert. Dass es keine erneute Steigerung bei seiner Note gibt, liegt daran, dass die erstaunlich geringe Anzahl an Gegentoren zu einem guten Teil der hervorragenden Abwehrarbeit geschuldet ist. Einige spektakuläre Paraden hatte Weidenfeller aber dabei, zuletzt in Sevilla. 8 P.

Mats Hummels: Für den „Kicker“ ist er zurzeit der beste Innenverteidiger der Liga – da will ich nicht widersprechen. Hummels ist zweikampfstark und dank glänzender Übersicht ohnehin meist eher am Ball als der Gegner. Die dritte große Tugend eines Abwehrspielers, das Kopfballspiel, beherrscht er ebenfalls sehr gut, defensiv wie offensiv. Warum fällt die Note dann nicht noch besser aus? Nun, häufig waren Rettungsaktionen Gemeinschaftsproduktionen unserer Viererkette. Diese hat insgesamt sehr gut funktioniert und man sollte das Lob nicht zu sehr auf einen fokussieren. Zum anderen gab es gelegentliche Aussetzer, etwa in Lviv, und in den letzten Partien ließ das Aufbauspiel ein bisschen zu wünschen übrig. Klagen auf hohem Niveau, klar. 8 P.

Neven Subotic: Für mich steht Neven beinahe auf dem gleichen Niveau wie Mats. Seine Passgenauigkeit ist ein wenig geringer, dafür überzeugte er bei wichtigen Tacklings noch mehr. Er hat seine Fehlerquote weiter reduziert, neigt kaum noch zum Leichtsinn. Das Kopfballspiel ist 1A – wie Hummels glückten Subotic so auch drei Tore. Erstaunlich, wie er nochmals seine Fähigkeit gesteigert hat, zur richtigen Zeit da zu sein, wo es brennt. 8 P.

Marcel Schmelzer: Lange Zeit konnte man an ‚Schmelle‘ bemängeln, dass er sich in der Rückwärtsbewegung noch zu oft überlaufen ließ und offensiv zu wenig Akzente setzte. Beides konnte er in der Hinrunde deutlich verbessern. Defensiv hat Marcel an Übersicht gewonnen, wählt bessere Laufwege und gewinnt mehr entscheidende Zweikämpfe. Sein Offensivdrang ist nun deutlich ausgeprägter, er versucht, häufiger zur Grundlinie zu kommen und zu flanken. Die Effektivität seiner Vorstöße schwankt noch, aber defensiv ist er ein gutes Stück vorangekommen, was zu Recht mit einem Länderspiel-Einsatz belohnt wurde. Beim BVB hat Schmelzer Dede verdrängt, was die meisten Schwarz-Gelben zwar immer noch irgendwie traurig finden, aber andererseits voll verstehen können. Knappe 8 P.

Lukasz Piszczek: Für viele war die Verpflichtung von Piszczek ein ‚Kann-man-machen, ist-ja-kein-finanzielles-Risiko‘-Transfer. Die Hoffnung war, dass er, wenn es gut läuft, etwas Druck auf Owomoyela ausüben könnte. ‚Uwes‘ Stellung blieb zwar wegen Piszczeks Verletzung zunächst unangefochten, aber als unser bisheriger Stamm-Rechtsverteidiger dann selber ausfiel, konnte ihn Lukasz 1:1 ersetzen. Er wirkte dabei alles in allem dynamischer als Owomoyela, manchmal aber auch hektischer. Somit bleiben von ihm mehr gelungene Offensivaktionen in Erinnerung, allerdings ebenso einige Abwehrfehler. In der Rückrunde dürfte es einen spannenden Zweikampf um die RV-Position geben. 7 P.

Patrick Owomoyela: ‚Uwe‘ hat gerade mal so eben genügend Spiele gemacht, um bewertet werden zu können. Dabei zeigte er sich defensiv sicher und engagiert und fügte sich auch sonst gut in die aufblühende Borussen-Elf ein. Patrick hatte die ein oder andere Offensivaktion, sogar vor dem Tor, blieb dabei aber ohne Erfolg (keine Treffer, keine Assists). Wie gesagt, auf seiner Position wird es im Trainingslager interessant. 7 P.

Sven Bender: Ein weiterer Schwarz-Gelber mit Leistungssprung. Bender konnte die erneut nach wenigen Spielen vom verletzten Sebastian Kehl hinterlassene Lücke schließen. Seitdem interpretiert er die Rolle als ‚Scharnier‘ zwischen Abwehr und Mittelfeld perfekt. Er zeigte 100%-iges Engagement, scheute keinen Zweikampf und half der Abwehr aus, wenn es hinten doch mal Probleme gab. Seine Pässe sind erfreulich präzise. Oft ist ihr Ziel Nebenmann Nuri Sahin, von dem dann die offensiven Impulse ausgehen. Aber auch am gegnerischen Strafraum ist Bender hin und wieder präsent. Am besten in Erinnerung ist vielen wohl die entscheidende Torvorbereitung gegen die Bayern. Seine Weitschüsse könnten allerdings noch gefährlicher sein. 8 P.

Nuri Sahin: Was für ein Glücksfall für den Verein. Wie wichtig war es, dass Jürgen Klopp ihm am Anfang seiner eigenen Dortmunder Zeit das Vertrauen geschenkt hat, nach Nuris Rückkehr aus Rotterdam. Inzwischen ist Sahin der unangefochtene Regisseur und wichtigster Feldspieler. Er ist der Ausgangspunkt sehr vieler Aktionen nach vorne – meistens wenn es gefährlich wird, hat er zuvor einen klugen Pass gespielt. Besonders beeindruckend sind natürlich die weiten Pässe in die Tiefe des Raums. Hinzu kommen Sahins hochwertige Standards – nur mit den Elfern hat es in der Hinrunde nicht so geklappt. Klar, auch ein solcher Spieler hat mal unauffällige Phasen, aber über die Dauer der Hinrunde gesehen war Nuris Konstanz überragend. 9 P.

Kevin Großkreutz: Auch er kam zu seinem ersten ‚richtigen‘ Länderspiel-Einsatz, wo seine kämpferischen und läuferischen Fähigkeiten jedoch nicht so zur Geltung kamen wie im Verein. Beim BVB überzeugte Kevin vor allem in der früheren Phase der Hinrunde auf beiden Flügeln auch durch schöne Pässe und Torgefährlichkeit. Er war danach einer der wenigen Schwarz-Gelben, dem man eine gewisse Überspieltheit anmerkte, was sich vor allem in unpräziseren Zuspielen bemerkbar machte. In der Rückrunde wird er sicher wieder auf seine Einsätze kommen. 7 P.

Shinji Kagawa: Wie oft haben wir in der Hinrunde gehört, dass er unser Schnäppchen aus der zweiten japanischen Liga ist. Dabei spielte sein vorheriger Verein Cerezo Osaka zuletzt in der J-League Division 1, der obersten Spielklasse. Selbst dort erzielte Kagawa in elf Spielen sieben Tore. Trotzdem war es auch für Beobachter, die sich ausführlich mit dem BVB beschäftigen, überraschend, wie schnell Shinji eingeschlagen hat. Tore, Vorlagen, Dribblings – mit seinen technischen Fertigkeiten hat er das Dortmunder Spiel entscheidend bereichert. Zuletzt konnten sich einige Gegner besser auf sein spektakuläres Spiel einstellen, aber ich bin sicher, wir werden auch in der Rückrunde noch einiges von ihm zu sehen kriegen. Dummerweise vielleicht erst im Februar, je nach Japans Abschneiden beim Asien-Cup. 8 P.

Mario Götze: Wenn man das Wort „märchenhaft“ im Zusammenhang mit Borussia Dortmund benutzen will – und wann hätte das so viel Berechtigung wie nach dieser Hinrunde – dann kann man es ohne Zweifel bei Mario Götze tun. Ein 18-jähriger aus der eigenen Jugend, der noch in der letzten Saison als nicht ganz ausgereiftes Riesentalent galt, hat sich in den letzten Monaten direkt in die Nationalmannschaft gespielt. Super Mario hat seine ersten Tore in Bundesliga und Europapokal geschossen und noch mehr vorbereitet. Er ist zwar kein klassischer Flügelspieler, konnte aber seine Spritzigkeit und Technik links wie rechts immer wieder ausspielen. Das Beste: Götze ist sicher noch nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen. Auf seine nächsten Jahre in schwarz-gelb können wir uns wirklich freuen. 8 P.

Kuba: Seine Bewertung ist die einzige, die ein bisschen schwer fällt. Kuba hatte nach wie vor größere Schwankungen in seinem Spiel und stand dementsprechend nur in knapp der Hälfte der Partien in der Startelf. An guten Tagen rennt er auf dem rechten Flügel den Gegenspielern davon und schlägt eine präzise Flanke vors Tor. Zweimal traf er in der Hinrunde selber. An weniger guten Tagen rennt er sich fest, hält den Ball zu lange oder zu kurz. Und einmal schoss er in Ballbesitz über das völlig leere Tor. Die angesprochene Szene ging um die Welt. Mag sein, dass die Bilder im Unterbewusstsein bei mir noch eine Rolle spielen – Kuba scheitert knapp an einer höheren Wertung und bekommt 6 P.

Lucas Barrios: Eigentlich hat Lucas alles: Er ist ein mitspielender Stürmer mit feiner Technik, dem es in der Regel auch nicht an Engagement mangelt. 14 Tore in 30 Pflichtspielen sind ein guter Nachweis seiner Torjäger-Qualitäten, dazu kommen zehn Vorlagen, was für einen Stürmer nicht selbstverständlich ist. Lucas wusste in der Hinrunde immer wieder zu begeistern, es gab aber auch ein paar Momente, in dem ihm die Abgeklärtheit oder einfach die Zielgenauigkeit fehlte. Es hätten noch mehr Treffer sein können, aber es waren genug, um auch mit ihm hochzufrieden zu sein. 8 P.

Robert Lewandowski: Der Edeljoker, auch wenn das ein euphemistischer Ausdruck für seine Rolle ist. In der Liga wurde er 15-mal eingewechselt, in der Europa League fünfmal. Trotz nur zwei Auftritten über die volle Distanz kam Robert auf sechs Tore. In den meisten Bundesligamannschaften wäre er gesetzt, im Dortmunder 4-2-3-1 steht nun mal Barrios vor ihm in der Rangordnung. Jürgen Klopp sollte jedoch die Leistungen im Trainingslager genau vergleichen. Denn Lewandowski hat nicht nur den sprichwörtlichen Torriecher, sondern auch seine Einbindung ins BVB-Spiel funktionierte während seiner (Kurz-)Einsätze reibungslos. Möglicherweise kommt er im Januar sowieso länger zum Einsatz, wenn Kagawa bei der Nationalmannschaft ist. Robert hätte es verdient. 8 P.

JÜRGEN KLOPP: Was soll man über den Mann noch sagen? Klopp ist eine Lichtgestalt im besten Sinne des Wortes, der nach der Stimmung nun auch die sportliche Leistung auf Liga-Spitzenniveau gebracht hat. Ich bin mir sicher (und mit dieser Ansicht bestimmt nicht allein), dass wir ohne ihn bei weitem nicht so weit gekommen wären. Und er hat auch noch einen langfristigen Vertrag! 10 P.

(Zahlen via „Transfermarkt.de“)

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2 Gedanken zu “Hinrundenzeugnisse 10/11

  1. Andy

    Bin mit der Benotung einverstanden. Nuri als einziger Akteur mit 9 Punkten kann ich voll und ganz unterschreiben. Seine Leistung spiegelt sich auch in der Kicker Wahl wieder.
    Der Einzige von dem ich ein wenig mehr erwarte ist immer noch Kuba und mit Abstrichen Großkreutz. Letzterem ist vor allem zum Schluß der Hinrunde die Puste ausgegangen.
    Dennoch ist das hier meckern auf hohem Niveau.

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