Der verwirrte Erlöser

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(Updated) Noch im letzten Sommer wurde Felix Magath von den Schalker Fans – halb im Spaß – als „Messias“ gefeiert. Heute fordern sie – nun ja, nicht seine Kreuzigung, aber doch ein entschlossenes Vorgehen von Clemens ‚Pilatus‘ Tönnies. Wie sich die Vorzeichen ändern können. Wir Dortmunder haben es ohnehin schon immer geahnt.

Seit langem gab es kein Derby mehr, vor dem die Prognosen so eindeutig gegen die Blauen sprachen. Zwar stehen die Nachbarn im Pokal-Halbfinale, müssen dafür aber nach München reisen. In der Liga ist inzwischen die Abstiegszone wieder näher als der Europapokal. Wie passt da eigentlich noch die Champions League dazu? Jedenfalls hat Magath mit den garantierten Einnahmen aus diesem Wettbewerb bekanntlich nicht die Schulden reduziert, sondern den Kader auf beinahe 40 Spieler aufgebläht.

Die Diagnose von außen fällt leicht: Gnadenlose Selbstüberschätzung des ‚Trainagers‘, wie sie ihn in Gelsenkirchen auch nennen. Magath schien und scheint zu glauben, dass er aus dem Riesenkader, bestehend aus (Alt-)Stars internationaler Klasse, vielen wenig bekannten Perspektivspielern und ein paar jungen deutschen Talenten, eine funktionierende Mannschaft formen kann. Gleichzeitig kümmert er sich noch um die Transferpolitik und überlässt es Horst Heldt, auf der Tribüne neue Brillenmode vorzuführen. So günstig die Spieler Charisteas und Karimi auch zu haben waren – sie sind trotzdem ein Zeichen von Fantasielosigkeit und Überlastung auf Seiten Magaths. Da ich ein anglophiler Mensch bin, fiel mir zunächst eine gebräuchliche englische Redewendung ein: He has lost the plot. Completely.

Wenn ich das direkt vor dem Derby schreibe, laufe ich natürlich Gefahr, von den Herren Karimi oder Charisteas bestraft zu werden. Denn so ist das im Derby – es ist einfach anders als ’normale‘ Spiele. Der BVB tut trotzdem gut daran, genauso in die Partie zu gehen wie gegen Wolfsburg. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde.

Personell gibt es zumindest bei den Schwarz-Gelben keine Überraschungen. Felipe Santana und Kuba haben sich von grippalen Infekten erholt und werden in der Startelf stehen – wenn Jürgen Klopp keinen Überraschungs-Coup mit Zidan plant und Mario Götze nach rechts versetzt. Dann müsste Kuba auf die Bank – Felipe wird jedoch auf jeden Fall auflaufen. Einerseits kann man dem nach außen geduldigen Innenverteidiger voll vertrauen, andererseits fehlt ihm selbstverständlich die Spielpraxis, die das Duo Hummels-Subotic so stark gemacht hat. Hoffen wir, dass die Mannschaft ihm hilft und das Selbstvertrauen ansteckend ist.

Magath wird seine Mannschaft im Westfalenstadion taktisch konservativ ausrichten – noch mehr Neues würde ihr auch nicht bekommen. Wir dürfen einen abwartenden, defensiven, auf Konter lauernden CL-Teilnehmer erwarten. Seit Wochen gibt es bei Schalke nur zwei Feldspieler, vor denen man sich in Acht nehmen muss: Raul und Jefferson Farfan. Der spanische Weltstar spielt angesichts der ganzen Turbulenzen seinen Stiefel wirklich beachtlich runter, was durchaus als Kompliment gemeint ist. Die Storys um Farfan sind bekannt: Im Winterurlaub in peruanischen Medien von einem großen Wechsel schwadroniert, von Felix Magath dafür gemaßregelt, in den Fokus des kaufwütigen Dieter Hoeneß gerückt, angeblich eine Abfindung für einen Wechsel von Schalke (!) verlangt. Ob das Theater Auswirkungen auf seine spielerisch bisher überzeugenden Auftritte hat, werden wir sehen.

Natürlich könnte es am Freitag aber auch das Spiel des Manuel Neuer werden, von dem sich die Schalke-Fans endlich eine klare Antwort auf eine wichtige Frage erhoffen. Interessant ist die Personalie Metzelder. Der Einsatz des Innenverteidigers ist wegen einer Nebenhöhlenentzündung fraglich – oder vertraut Magath ihm an alter Wirkungsstätte nicht voll und ganz? Ansonsten gibt es jede Menge neuer Namen und einige alte Verletzte (Tim Hoogland) – das Aufstellungspuzzle überlasse ich daher den Gästen. Vielleicht sind deren Fans uns am Freitagabend dankbar, dass wir das Ende der Ära Magath eingeläutet haben – vielleicht kommt aber auch alles ganz anders. Come on Dortmund!

UPDATE: Metzelder ist fit fürs Derby. Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

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