Wenn Zahlen alles sagen

1. Bundesliga, 23. Spieltag / BVB 2 FC St. Pauli 0

Häufig können die verschiedenen Statistiken keinen akkuraten Eindruck von einem Fußballspiel vermitteln. Eine hohe Ballbesitzquote hat wenig Aussagekraft, wenn keine Torchancen erarbeitet werden. Um den Charakter einer Partie zu beschreiben ist die Zahl der Torschüsse noch einer der zuverlässigsten Maßstäbe. Zur gestrigen Begegnung im Westfalenstadion könnte man auf jede andere Aussage verzichten. 28:3 sagt eigentlich alles, was man wissen muss.

Borussia Dortmund hatte das Spiel jederzeit im Griff – in der ersten Hälfte war es extrem einseitig. Ich muss Gerald Asamoah nicht leiden können, um ihm zu bescheinigen, dass er in den letzten Wochen beim FC St. Pauli eine treibende Kraft war. Ohne ihn und Mittelfeldspieler Fabian Boll spielten die Gäste wie entmannt. Sie kamen nicht in die Zweikämpfe und leisteten sich unter dem hohen Dortmunder Druck viel zu viele Ballverluste und Fehlpässe. Den Schwarz-Gelben kam dabei, auch wenn man es nicht überbewerten sollte, der neue Rasen entgegen. Die schnellen Pässe im Aufbau- und Offensivspiel funktionierten gestern einfach besser, waren präziser als zuletzt.

28 Torschüsse, zwei Treffer – bei diesem Verhältnis kann man davon ausgehen, dass die Chancenverwertung (wiederum) noch steigerungsfähig ist. Erneut war der Torwart mit weitem Abstand der beste Gegenspieler. Thomas Kessler war in der ersten Halbzeit gegen Lucas Barrios und einen sehr guten Distanzschuss von Nuri Sahin zur Stelle, in der zweiten Hälfte parierte er einen Schuss von Piszczek. Wie vermutet hatte die rechte Paulianer Seite ihre Probleme, so dass Kevin Großkreutz die Gelegenheit bekam, drei Großchancen zu vergeben und Marcel Schmelzer offensiv das beste Spiel der Rückrunde machte. Mario Götze war in der Offensive überall zu finden, wechselte hin und wieder die Seiten mit Großkreutz und stellte immer eine Gefahr dar, da sich das Mittelfeld der Gäste wie viele Gegner darauf zu konzentrieren schien, Sahins Aktionsradius zu begrenzen – was auch nicht (immer) gelang.

Bevor man ob des fehlenden Tores bei drückender Überlegenheit ernsthaft unruhig wurde, brach Lucas Barrios in der 39. Minute den Bann. Nuri Sahin flankte von halblinks auf den langen Pfosten anstatt einfach nur in die Mitte zu passen und unsere Sturmspitze stoppte den Ball gekonnt mit dem Fuß, drehte sich und schoss flach rechts ins Tor. Ich habe selbst in dieser Saison keine verdientere Führung erlebt.

In der zweiten Hälfte mussten wir nicht so lange warten, bis das ebenfalls hochverdiente 2:0 fiel. Lucas Barrios hatte sich links im Strafraum durchgesetzt und den Ball beinahe von der Torauslinie in die Mitte gepasst. St. Paulis Gunesch versuchte zu retten, bevor ein Dortmunder rankommen konnte, lenkte den Ball aber ins eigene Tor. Der Scorer-Punkt geht jedoch an Lucas, der im Gegensatz zum Spiel auf dem Betzenberg viel präsenter war. Vermutlich beflügelt durch das Tor, zeigte er in mehreren Szenen sein ganzes technisches Können und verdiente sich nicht nur Fleißpunkte.

Es gab eine Phase Mitte der zweiten Halbzeit, in der die Gäste etwas mehr Ballbesitz hatten und das Spiel offen gestalten konnten. Doch damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt: Wenn kaum ein Schuss aufs Tor kommt, nützt der Ball auch nichts. Nur durch das zögerliche Verhalten des ansonsten guten Bender in einer Szene kam St. Pauli zu einer echten Chance durch Bartels, die Weidenfeller aber zunichte machte. Was ist noch besser, als einen Torwart zu haben, der eine hundertprozentige Gelegenheit nach der anderen vereitelt? Einer, der nichts zu tun hat, aber da ist, wenn er doch mal gebraucht wird. Ansonsten waren Bender und die sehr souveränen Innenverteidiger Santana und Hummels stets im Bilde und konnten sich in dem etwa zehnminütigen offenen Schlagabtausch auch mal auszeichnen.

Mit einem 20-Meter-Schuss des engagierten, aber glücklosen Lewandowski knapp rechts neben das Tor war diese Spielphase wieder beendet und die Borussia bestimmte gegen die uninspirierten und sich am Ende in ihr Schicksal fügenden Gäste die letzten 20 Minuten. Es war eine durch und durch überzeugende Vorstellung des BVB und die Tatsache, dass es ’nur‘ ein 2:0 wurde, ist angesichts unserer Tordifferenz so ernüchternd wie ein Tropfen Wasser in einer Flasche Wein. Etwas größere Sorgen macht höchstens die Tatsache, dass Nuri Sahin nach seiner Auswechslung auf der Bank kurz behandelt wurde.

Ich habe mir gestern im Anschluss an die Partie der Schwarz-Gelben die Zeit genommen und mir unseren nächsten Gegner angeschaut. Der FC Bayern war am Bruchweg effizient, aber defensiv alles andere als fehlerlos. Die Mannschaft kann uns mit Sicherheit schlagen, aber wir brauchen definitiv keine Angst vor ihnen zu haben. Auch nicht in München. Die Freude auf das Spiel ist jedenfalls bei allen, mit denen ich gestern gesprochen habe, schon riesengroß.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Hummels, Santana, Piszczek – Sahin (85. Stiepermann), Bender – Großkreutz, Lewandowski (88. Feulner), Götze (77. da Silva) – Barrios. Gelbe Karte: Lewandowski. Tore: Barrios, Gunesch (ET)

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3 Kommentare

  1. Auch wenn es mal wieder an der Chancenverwerung haperte, bin ich doch in erster Linie glücklich über die 3 Punkte.
    Was die Bayern angeht, geb ich dir recht mit der wackeligen Defensive. Bin gespannt wie diese sich am Mittwoch präsentiert, wenn es auf einmal gegen einen Eto` geht.
    Ansonsten ist es natürlich auch keine Schande in München zu verlieren.
    Trotzdem denke ich das die Chancen 50/50 sind und die Tagesform bzw. die nötige Frische entscheiden wird.

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  2. Ich sehe das mit den Chancen genauso. Unsere Abwehr ist zurzeit stabiler als die der Bayern, aber deren Offensive dafür treffsicherer. Es wird vermutlich noch spannender als das Hinrundenspiel – könnte ein echter Klassiker werden.

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