Ihr seid Helden

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1. Bundesliga, 24. Spieltag / Bayern München 1 BVB 3

Über die Wortwahl kann man meinetwegen diskutieren. Sportliche Helden sind die schwarz-gelben Jungs seit gestern jedoch allemal. Nach 20 Jahren wieder beim FC Bayern gewonnen, Uli Hoeneß zum Schweigen gebracht (für eine Woche oder so) und den Vorsprung auf den Rekordmeister auf 16 Punkte erhöht – besser gehts nicht. Es war ein befreiendes Erlebnis und ein wunderbarer Abend.

Wenn Arjen Robben wegen einer Schwalbe völlig zu Recht die Gelbe Karte sieht, dann muss der Gegner vieles richtig gemacht haben. Selbst die Topstars der Bayern verzweifelten gestern an einem BVB voller Selbstbewusstsein und Leidenschaft. Drei Tage nach der Bayern-Gala in San Siro folgte der Borussen-Ball in der Arroganz-Arena. Es ist nur ein möglicher Erklärungsansatz, dass Jürgen Klopp seine Mannschaft offenbar minutiös auf den Gegner vorbereitet hatte, wogegen die Bayern nach dem berauschenden Champions League-Spiel an einen Selbstläufer zu glauben schienen und reichlich naiv auftraten.

Es wurde trotzdem ein echtes Topspiel, an das man sich lange erinnern wird (vor allem wenn man Schwarz-Gelb nahesteht) und das von Tempo und Spannung her zumindest in der ersten Hälfte an die Partie im Giuseppe-Meazza-Stadion heranreichte. Den Willen zu offensivem Spiel konnte man beiden Mannschaften von Beginn an anmerken, jedoch zeigte sich schnell, dass die Schwarz-Gelben konsequenter und konzentrierter zu Werke gingen. Natürlich ließ Jürgen Klopp seine Jungs nicht blind anrennen, sondern zunächst mal die Räume dicht machen und beherzt pressen. Um dann die Fehler der Bayern blitzschnell auszunutzen. Passenderweise war es der entfesselte Großkreutz, der WM-Star Schweinsteiger beim 1:0 düpierte. Der Bayern-Spieler verdaddelte in der eigenen Hälfte den Ball, Kevin schnappte ihn sich, legte einen tollen Antritt hin und passte genau im richtigen Moment zu Lucas Barrios, der gegen die Laufrichtung von Torwart Kraft einschob.

Kurz darauf hätte Sven Bender mit einem scharfen Schuss fast erhöht, aber stattdessen kam Bayern zurück und zeigte, dass man sich gegen sie keine Unaufmerksamkeiten erlauben kann. Bei einer Ecke, in dieser Saison nicht gerade ein Erfolgsrezept der Münchener, blieb Piszczek nicht nah genug an Luis Gustavo und der Neueinkauf konnte den Ausgleich erzielen. Ansonsten zeigte der Brasilianer auf der linken Abwehrseite ein schwaches Spiel.

Selbst in dieser Saison greifen dann noch die alten Reflexe und man denkt, ein Ausgleich der Bayern sei eine ziemlich blöde Sache, aber es ist und bleibt zurzeit einfach alles anders. Nur zwei Minuten später setzte sich der überragende Barrios gegen mehrere Gegenspieler durch, trieb den Ball nach vorne und gab weiter in den Strafraum zu Götze. Der legt sofort ab auf den frei stehenden Sahin. Etwa 18 Meter vor dem Tor kann unser Regisseur den Ball in Ruhe annehmen, sich zurechtlegen und perfekt ins linke Eck setzen. Eigentlich hatte ich schon beim nachmittäglichen Vorspiel gedacht, das Tor des Monats gesehen zu haben, als Podolski den Ball ins Freiburger Tor lupfte, aber mit diesem Dortmunder Spielzug gibt es ernsthafte Konkurrenz.

Die Bayern hatten ab der Mitte der ersten Halbzeit mehr Chancen, meistens über Riberys linke Seite und nur sehr selten über den gedoppelten und abgemeldeten Robben. Unsere Abwehr war gestern fantastisch, konnte aber natürlich nicht jeden Torschuss verhindern. Es ist ohne Zweifel ein Erfolg, dass das Torschussverhältnis am Ende ausgeglichen war. Für Schiedsrichter Gräfe gab es, wie nicht anderes zu erwarten, auch einige knifflige Situationen zu beurteilen, obwohl das Spiel recht fair war. Mario Gomez stand bei seinem nicht gegebenen Tor äußerst knapp im Abseits – es hätte jedoch einen Elfmeter für Bayern geben können, als Großkreutz den Ball im Strafraum mit dem Arm berührte. Auf der anderen Seite hätte es einen geben müssen, als der gleiche Dortmunder von Philipp Lahm exzessiv am Trikot gezerrt wurde und eine knappe Abseitsentscheidung gab es auch gegen Schwarz-Gelb.

Im Gegensatz zu vielen früheren Spielen in München geriet der BVB nie so unter Druck, dass man von einer Bayern-Dominanz sprechen konnte. Es war eher so, dass die Schwarz-Gelben das Spiel aus einer sicheren Defensive im Griff hatten und immer wieder Akzente nach vorne setzen konnten. Noch in der ersten Hälfte gab es eine Doppelchance durch Hummels und Barrios. Den Gastgebern fehlten Ideen, aber auch Mittel und sie behalfen sich mit Querpässen. Besser kann man Uli Hoeneß‘ Behauptung von der überlegenen individuellen Klasse nicht widerlegen. Und überhaupt klangen die Worte des Bayern-Präsidenten noch nie so hohl wie gestern. Damit meine ich im Nachhall, denn gestern war von Herrn Hoeneß wenig zu hören.

Während der gesamten zweiten Hälfte versuchten die Bayern, mehr Druck aufzubauen, aber sie kamen nur zu ein paar guten Chancen, etwa durch den eingewechselten Kroos. Die beste Bayern-Möglichkeit durch Gomez wurde von Mitch Langerak exzellent geklärt. Womit wir beim nächsten Helden wären. Der junge Ersatztorwart machte seine Sache glänzend, ihm wurde allerdings von der Abwehr schon viel abgenommen. Langerak kam, wenn nötig, zum richtigen Zeitpunkt aus dem Tor. Er klärte häufig mit der Faust und das immer sicher. Am Gegentor konnte er nichts machen und die Reaktion gegen Gomez war wie gesagt Klasse.

Auf der anderen Seite mussten die Bayern-Abwehr und Torwart Kraft mehrmals in höchster Not gegen Großkreutz, Götze und Lewandowski klären. Das vielleicht wichtigste Saisontor der Borussen gelang trotzdem. Wie schön, dass es ausgerechnet Mats Hummels war, der sich nach Götzes Ecke gegen Schweinsteiger durchsetzte und aus nicht geringer Distanz einköpfte.

Heute ist ausnahmsweise Tag der großen Worte bei „Any Given Weekend“, auch wenn Kevin Großkreutz das sicher noch besser kann. Es war ein magischer Abend, wir hatten elf junge Helden auf dem Platz und das wurde von den ganz offensichtlich und wenig überraschend stimmlich überlegenen Fans im Stadion entsprechend gefeiert. Genauso gelöst und euphorisch war die Stimmung in der Kneipe.

Ich will mich nicht lange mit Einzelkritiken aufhalten. Wenn es in München bei einem Gegentor bleibt, muss die Abwehr sehr gut funktioniert haben. Nuri Sahin schüttelte einen Schlag, den er aufs Bein bekommen hatte, ab und wurde erst in der 89. Minute durch den Rückkehrer Kehl ersetzt. Großes Spiel von ihm. Und wenn ich jetzt doch Namen nenne, dann muss ich neben den bereits erwähnten Torschützen und Vorbereitern auch den nicht zu bändigenden Mario Götze hervorheben. Ich will nicht immer das Alter unserer Mannschaft anführen – das langweilt mich in den Medien genauso wie die Meisterfrage. Aber der 18-jährige Mario ist einfach unchglaublich.

Es ist sowieso alles unglaublich. Und wer mich kennt bzw. hier öfter liest, weiß, dass ich mich zu allem weiteren frühestens nach dem Leverkusen-Spiel in Bremen äußere. Nur so viel: Wie viele Spiele dieser Saison werden es wohl in 100 Jahren auf die DVD – oder wie das dann heißt – der besten BVB-Spiele des letzten Jahrhunderts schaffen?

Die Aufstellung: Langerak – Schmelzer, Hummels, Subotic, Piszczek – Sahin (89. Kehl), Bender – Großkreutz (82. da Silva), Lewandowski, Götze – Barrios (74. Kuba). Gelbe Karten: Schmelzer, Sahin, Lewandowski. Tore: Barrios, Sahin, Hummels

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6 Gedanken zu “Ihr seid Helden

  1. le karl

    Alles korrekt im Text da oben. Eine Ergänzung: Seit ich BVB favorisiere, seit Anfang der 90er, mit Rummenigge und Chapuisat und Hitzfeld, seit den Anläufen für die Titel 94/95 und 95/096, kann ich mich trotz diverser Highlights an keine Saison erinnern, in der die Bienen so einen geilen Ball gespielt hätten. Iss irgendwie so, als würden die schon seit seit November letzten Jahres mit jedem Spiel intern ihre Meisterschaft feiern. Weils einfach so viel Spaß macht.

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  2. @Betzebub: Es war wirklich ein tolles Spiel. Mit der Meisterschaft halte ich es nach wie vor wie Jürgen Klopp: Es sieht gut aus, aber es sind noch zehn Partien zu spielen.

    @le karl: Ich bin ebenfalls seit den frühen 90ern dabei und mir geht es ganz genauso. Das war damals auch eine tolle Zeit, aber dieses temporeiche Kombinationsspiel gab es so damals eher selten.

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