Es wird in Tränen enden

1. Bundesliga, 27. Spieltag / BVB 1 FSV Mainz 1

Am letzten Spieltag werden in Dortmund Tränen fließen – so oder so. Entweder wir feiern die Meisterschaft und werden bei einem rührenden Abschied von Dede feuchte Augen kriegen. Oder die Mannschaft verspielt noch den Titel und es wird bitter – besonders für die Fans, die zu früh berauscht waren von der vermeintlichen schwarz-gelben Dominanz und sich reichlich blauäugig gaben.

Wer Meister werden will, muss Rückschläge verkraften können: Leistungsschwankungen, Verletzungen und umstrittene Schiedsrichterentscheidungen. Borussia Dortmund kann das, aber ich hätte mir von den Verantwortlichen gestern gewünscht, dass sie etwas souveräner mit der späten gefühlten Niederlage umgehen. Mainz hatte bekanntlich in der 89. Minute den Ausgleich erzielt, nachdem einige Sekunden zuvor Neven Subotic von einem Ball aus kurzer Distanz in die Weichteile getroffen worden und zu Boden gegangen war. Jürgen Klopp, wen wunderts, ereiferte sich noch auf dem Spielfeld, Hans-Joachim Watzke prangerte hinterher mangelnde Fairness der Gäste an:

Das war eine unfassbare Sauerei. Neven liegt da fast eine Minute am Boden, und die Mainzer spielen das ganz bewusst runter. (…) Wenn wir umgekehrt jemals so etwas machen sollten, wäre ich entsetzt und würde das auch unseren Jungs deutlich sagen. Da tritt man das Fairplay mit den Füßen.

Heute Vormittag im Sport1-Doppelpass waren von Watzke deutlich moderatere Töne zu hören, auch wenn er die grundsätzliche Kritik am Weiterspielen der 05er aufrechterhielt. Ich habe Verständnis für die Emotionalität unserer Führung, habe es aber schon während des Spiels anders gesehen.

Wenn jemand in der besagten Szene das Spiel unterbrechen muss, dann der Schiedsrichter Dr. Felix Brych. Kann man von den Mainzern wirklich verlangen, dass sie kurz vor Spielende in einer aussichtsreichen Situation aus der Ferne die Schwere von Nevens Verletzung beurteilen? Wer von mangelnder Fairness spricht, sollte sich fragen: Was wäre im umgekehrten Fall? Der BVB liegt kurz vor Schluss in einem wichtigen Spiel 0:1 zurück, ein Gegenspieler fällt um, der Schiedsrichter pfeift nicht. Es ist nicht die Aufgabe der Spieler, in einer solchen Situation einen laufenden Angriff zu unterbrechen, sondern die des Schiedsrichters. Der wiederum muss gemäß der Regeln entscheiden, ob eventuell eine ernsthafte Verletzung vorliegt – nur dann muss er unterbrechen.

In diesem Fall ist es einfach dumm gelaufen für den BVB. Sicherlich wäre es fair gewesen, wenn die Mainzer den Ball ins Aus gespielt hätten – es war aber in dieser Spielsituation nicht unfair, es nicht zu tun. Ich bin mir sicher, Jürgen Klopp und Aki Watzke würden argumentieren wie ich, wenn wir so kurz vor Schluss noch den Ausgleich gegen die Blauen erzielt hätten.

Der Ausgleich war selbstverständlich nur der Schlusspunkt eines intensiven, unterhaltsamen Spiels. Eigentlich ist eine frühe Führung gegen eine offensivstarke und defensiv anfällige Mannschaft wie die 05er genau das, was man braucht. Nach acht Minuten hatte Hummels einen langen Freistoß von Götze mit dem Rücken ins Tor verlängert, Torwart Wetklo war noch dran, konnte den Ball jedoch nicht parieren. Und die Führung tat dem Dortmunder Spiel auch gut, es gab durchaus sehenswerte Spielzüge zu sehen. Nur sollte man auch gegen die Mainzer, die nicht umsonst auf Platz 5 standen, nicht derart fahrlässig mit seinen Großchancen umgehen.

Ich meine in erster Linie den Elfmeter in der 19. Minute. Wetklo hatte beim Herauskommen Lucas Barrios, der den Torhüter überlupfen wollte, umgerammt. Äußerst schmerzhaft, wie sich noch herausstellen sollte. Ein unzweifelhafter Elfmeter also. Ich hatte nach dem letzten verschossenen Elfmeter in Hannover dafür plädiert, dass Nuri Sahin die Aufgabe das nächste Mal jemand anderem überlässt. Er trat jedoch wieder an und platzierte den Schuss erneut so zentral, dass Wetklo halbwegs komfortabel abwehren konnte. In der Pressekonferenz nach dem Spiel verkündete Jürgen Klopp nun, dass beim nächsten Mal wirklich jemand anderes schießem wird. Über die Bedeutung des gestrigen Elfers besteht wohl kein Zweifel: Ein 2:0 gegen Mainz kann man nicht ohne weiteres verteidigen, man hätte aber leichter noch einen draufsetzen können.

So wie es lief, gab es doch einige Parallelen zum Spiel in Sinsheim. Die Mainzer schafften es mit faireren Mitteln als die TSG, die Schwarz-Gelben im Mittelfeld zu beschäftigen, so dass Torchancen selten wurden. Dabei zeigten sich die Gäste zweikampfstark und engagiert, wobei ihnen selber ebenfalls wenig nach vorne gelang. Wie letzte Woche musste ein wichtiger Dortmunder vorzeitig vom Platz: Lucas Barrios hatte zu große Schmerzen, um weiterzuspielen und wurde nach einer guten halben Stunde durch Robert Lewandowski ersetzt. Unser Stürmer Nummer 2 zeigte sich engagiert, aber bei seiner einen großen Schusschance glücklos. Immerhin bereitete er die andere große BVB-Chance durch Kuba vor, doch Roberts Landsmann hat das Toreschießen nun wahrlich nicht erfunden.

Das Spiel war kampfbetont, aber nicht unansehnlich. Trotzdem hätte man sich gegen den FSV ein paar Torchancen mehr ausgerechnet. Jürgen Klopp sah das ähnlich – er rochierte mehrmals Kuba und Großkreutz auf den Flügeln (Kuba hatte links begonnen) und ließ Kevin zwischenzeitlich sogar mal zentral spielen. Woran liegt es, dass der BVB nach Problemen bei der Chancenverwertung nun auch welche beim Schaffen von Gelegenheiten hat? Dass Kevin vorübergehend zur Verstärkung in die Zentrale beordert wurde, führt auf die erste Spur. Nuri Sahin steckt nicht nur wegen dem vergebenen Elfmeter in einem kleinen Leistungsloch. Es liegt, wie immer beim Kloppschen BVB, nicht am Engagement. Nuri versucht viel, findet derzeit aber zu selten die Lücke in der engen Deckung, die ihm zuteilwird. Gelegentlich verliert er auch den Blick für die einfachste Option. Weder Mario Götze noch Sven Bender konnten ihm gestern entscheidend helfen.

Das andere Problem ist und bleibt, dass derzeit Lukasz Piszczek und Marcel Schmelzer zu selten bei Vorstößen über die Flügel beteiligt sind und zu selten effektive Flanken schlagen. Man hat auch gestern gesehen, dass es gefährlich wird, wenn doch mal eine ankommt (Schmelzer auf Lewandowski). Diese Kritik soll jedoch nicht davon ablenken, dass es für den BVB ein unglücklicher Punktverlust war. Mir war klar, dass nicht bis zum Schluss alles glatt laufen würde. Auch in der letzten Spielzeit (und häufig in der Vergangenheit) gab es gegen Ende einen deutlichen Leistungsabfall, der unter anderem auch Nuri Sahin betraf. Wir stehen allerdings 2011 auf einem höheren Niveau und haben deutlich mehr Punkte. Der FC Schalke ist heute mit Einmal-Trainer Seppo Eichkorn in Leverkusen nicht völlig überraschend leer ausgegangen, so dass sich unser Vorsprung auf sieben Punkte reduziert hat. Sorgen machen müssten wir uns erst, wenn im kommenden Spiel gegen Hannover erneut kein Sieg gelingt.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Hummels, Subotic, Piszczek – Sahin (87. Kehl), Bender – Kuba (70. Zidan), Götze, Großkreutz – Barrios (32. Lewandowski). Gelbe Karte: Subotic. Tor: Hummels

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4 Kommentare

  1. In der Tat kann man bei uns von einem kleinen Leistungstief sprechen. Weiterhin fallen unglaublig viele Fehlpässe, wir schießen einfach nicht mehr so viele Tore wie zuvor, und knappe Spielstände die wir in der Hinrunde noch bequem nach Haus gefahren haben, wirken sich jetzt negativ aus, sprich wir kriegen in den letzten Minuten den Ausgleich.

    Die Szene gestern war sehr hart, ich bin regelrecht vorm TV ausgeflippt und dachte
    :“Nicht schon wieder in den letzten Minuten“
    Allerdings muss man ganz klar sagen das jeder andere Profi auch weiter gespielt hätte denn es geht um viel Geld. Was Tuchel uns da bei der Pressekonferenz erzählen wollte, das er sich dafür verbürgt das seine Spieler Neven nicht gesehen hätten, halte ich übrigens für Quatsch..
    viel schlimmer ist aber das Brych schon fast über subotic gestolpert ist und es anscheinend nicht für nötig hielt die Sache abzupfeifen..

    Wenn man sich das Restprogramm so ansieht muss man feststellen das Leverkusen und wir zum größenteil gegen Mannschaften aus dem unteren Tabellenende antreten. einen Vorteil sehe ich da für keinen der beiden Mannschaften.. Ich hoffe wenigstens das die Bayern uns nicht im Stich lassen wenns daheim gegen Vizekusen geht..

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  2. Links anne Ruhr (20.03.2011)…

    Bochum: Über 1500 auf Anti-Atom Kundgebung in Bochum (Ruhrbarone) – Siehe auch: DerWesten und Ruhr Nachrichten. Gelsenkirchen: Flashmob als Teil der Anti-Atom Aktionen in Gelsenkirchen (Gelsenkirchen Blog) – Dortmund: Ruhrkomisch statt…

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  3. Jede Mannschaft hätte weitergespielt.
    Der Schirri muß das Ding unterbrechen, denn jeder hat ja gesehen, daß Subotic den Ball voll in die Weichteile bekommt.
    Kloppo regt sich halt in den Emotionen auf weil die M1er Bank gejubelt hat. Wer solls ihnen verübeln. Geduckt zu Boden schauen und sich nur innerlich übers Tor freuen, weil der Schirri zuvor eine klare Abseitsstellung, Foul, Tätlichkeit oder sonstwas nicht abgepfiffen hat?
    Dann dürfte jeder zehnte Tor nicht bejubelt werden.
    M1 ist und wird nie Mitleid oder Glückwünsche erhalten, ähnlich wie bei Euch S04. Aber da hat Kloppo überreagiert.

    Mund abwischen, Meisterschaft einfahren. Ihr habts drauf und verdient.

    Gruß aus Lautern

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  4. In dieser Situation hätte wirklich wenn dann Brych unterbrechen müssen. Es war grenzwertig – wenn man den Ball voll in die **** kriegt, kann man schon mal abpfeifen, auch wenn normalerweise keine schwere Verletzung vorliegt. Den Mainzern hätte man nur einen Vorwurf machen können, wenn sie den Ball aus dem eigenen Strafraum nach vorne getragen hätten, obwohl Neven bei uns im Strafraum liegt.

    Klopp hat auf dem Spielfeld überreagiert, aber schon kurz nach dem Spiel immerhin zugegeben, dass er in Tuchels Position wohl nicht anders reagiert hätte. Ich fand eher die Stellungnahmen von Watzke übertrieben.

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