Klub gegen Land

Gestern trat England zum EM-Qualifikationsspiel gegen Wales im Millennium Stadium von Cardiff an und gewann mit 2:0. So weit, so wenig überraschend. Die Partie wurde um 15 Uhr Ortszeit angepfiffen, obwohl die FA (Fußballverband) in England den Grundsatz hat, dass zu dieser Zeit keine heimischen Live-Spiele im Fernsehen laufen sollen, um den unterklassigen Fußball zu schützen. Diese Regel befolgt normalerweise auch die walisische FA, schließlich spielen unter anderem die beiden größten Vereine aus Wales, Cardiff City und Swansea City, in der englischen Championship.

Warum sich die beiden britischen Verbände über den vor allem auf den Ligabetrieb bezogenen Grundsatz hinwegsetzten, wurde nicht direkt kommuniziert, ist aber unschwer zu erraten. Man erhoffte sich im britischen Duell von der traditionellen britischen Anstoßzeit die höchstmöglichen Einschaltquoten und Einnahmen. Die beiden obersten englischen Ligen, die Premier League und die Championship, legen an Länderspiel-Wochenenden selbstverständlich eine Pause ein und waren so nicht betroffen. Dagegen stellte sich für alle Vereine ab der League One abwärts die Frage, ob sie beim üblichen Termin bleiben oder ihre Partien um Stunden oder einen Tag nach hinten oder vorne verschieben sollten.

Von den verbleibenden 24 Profispielen aus League One und League Two wurden 23 verschoben. Die einzige Partie, die gestern um 15 Uhr angepfiffen wurde, war Bradford City gegen Shrewsbury Town in der League Two (4. Liga). Natürlich hatten auch die Verantwortlichen der gastgebenden ‚Bantams‘ Interesse an einer Verlegung gehabt, aber die Gäste aus Shrewsbury spielten nicht mit. Ein Termin am Sonntag kam für sie nicht in Frage, weil sie bereits am Dienstag ihr nächstes Spiel haben. Für ein Vorziehen der Begegnung auf Samstagmittag forderten sie die Übernahme der Kosten für die dann notwendige Übernachtung durch die Gastgeber. Dies lehnte Bradford ab.

Trotzdem äußerte sich einer der beiden Vorstandsvorsitzenden der Bantams, Mark Lawn, gegenüber der „Yorkshire Post“ vor allem verärgert über die Ansetzung des Länderspiels:

I don’t know whether the television companies have insisted on the England game kicking off at 3pm or the FAs. But, to me, it smacks of no one giving a second’s thought as to what impact it will have on the League clubs.

Wie sich herausstellte waren die Befürchtungen, dass die Zuschauerzahlen wegen des Länderspiels um zehn Prozent zurückgehen könnten, unbegründet. Die Fans der Bantams und der Shrews stellten ihre Klubs an die erste Stelle. Möglicherweise wären ohne die mächtige Konkurrenz noch mehr als 352 Gästeanhänger nach West Yorkshire gekommen, aber die Heimfans sorgten für eine Kulisse, die im Schnitt der letzten Wochen lag: 10.735 Zuschauer wurden im Stadion Valley Parade gezählt. Bradford City hat ohnehin den mit Abstand höchsten Zuschauerschnitt der League Two. Der ausgebliebene Einbruch bei dieser Partie macht die Entscheidung der FAs allerdings nicht besser.

Für die Gastgeber, die noch vor zehn Jahren in der Premier League spielten, endete der Samstagnachmittag trotzdem enttäuschend. Bradford verlor nach Führung durch zwei Gegentore in der Schlussviertelstunde mit 1:2. Es war die erste Heimniederlage unter dem gut gestarteten Interimstrainer Peter Jackson. Der hatte vor wenigen Wochen den erfahrenen Peter Taylor abgelöst. Taylor, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen, aber älteren ehemaligen Assistenten des großen Brian Clough, hatte den Verein erst vor einem Jahr von der als Trainer unerfahrenen City-Legende Stuart McCall übernommen. Den erwarteten Aufschwung hatte auch er den im Sumpf der untersten Profiliga feststeckenden Bantams nicht gebracht.

Ob Nachfolger Jackson nun ‚dauerhaft‘ den Auftrag für den nächsten Anlauf bei Bradford erhält, ist nach der Niederlage und dem vorhergehenden Heim-Unentschieden gegen Northampton wieder in der Schwebe. Ein Teil der Fans ist nach Jahren des Misserfolgs ungeduldig geworden, ein anderer Teil sehnt sich dagegen nach Kontinuität auf der Trainerposition. Der Vorstand will seine Entscheidung bis Ostern treffen.

Jackson ist in jedem Fall ein Mann, der Emotionen weckt. Geboren in Bradford, absolvierte er 336 Ligaspiele für seinen Heimatverein. Am Tag des tragischen Brandunglücks in Valley Parade gewann er mit den Bantams den Drittliga-Titel. Als Klubkapitän besuchte er daraufhin zahlreiche Beerdigungen von Unglücksopfern. Nicht unbedingt beliebter machte Jackson jedoch der Wechsel zum nach Leeds United größten Lokalrivalen Huddersfield Town, wo er später auch als Trainer Erfolge feierte. Während seiner letzten Trainerstation bei Lincoln City wurde bei Jackson Kehlkopfkrebs diagnostiziert, der zum Glück erfolgreich behandelt werden konnte. Nach einer Auszeit von einem halben Jahr kehrte der Trainer zurück auf die Bank.

Bei den Bantams hatte Jackson seit seinem Amtsantritt Aufbruchstimmung erzeugt. Seinen Ausflug nach Huddersfield verziehen ihm die Fans schnell, da er glaubhaft rüberbrachte, wie sehr er sich über die Chance in seiner Heimatstadt freute. Die Leistungen der Mannschaft verbesserten sich gegenüber den letzten Monaten unter Taylor, die den Klub beinahe in Abstiegsgefahr gebracht hatten. Die Beliebtheit bei den eigenen Fans, aber nicht bei denen des jeweiligen Gegners, steigern die Kloppoesken Auftritte des Trainers an der Seitenlinie, über die Jackson freimütig spricht. So verbindet sich in seiner Person die Integrationsfähigkeit einer Klubikone wie McCall mit einer gewissen Erfahrung als Trainer. Trotzdem werden erst die nächsten vier Wochen zeigen, ob Jackson und Bradford City von der Ehe auf Probe zur Ehe auf Zeit übergehen. Wie immer werden die Ergebnisse entscheiden.

Der eine oder die andere hat unter dieser Überschrift möglicherweise einen Beitrag zum Spannungsverhältnis zwischen Borussia und deutscher Nationalmannschaft erwartet. Meine Meinung zu diesem Thema dürfte bekannt sein. Um es aber noch mal zuzuspitzen: Mein Interesse an Löws Team ist derzeit auf dem Nullpunkt. Trotz der Dortmunder im Kader interessiert mich die Nationalmannschaft nicht und ich verstehe sie nicht. Ich habe das Spiel gestern nicht gesehen und weiß nicht, ob Löw erklärt hat, wieso Mats Hummels in einem Qualifikationsspiel nicht im Kader stand, Holger Badstuber dagegen in der Startelf. Mich interessiert die Erklärung auch nicht mehr wirklich – dann könnte man sich ja gleich noch Gedanken machen, warum der eine oder andere Spieler im Training geschont oder früher nach Hause geschickt wird.

Ich wünsche den Dortmunder Jungs in der Nationalmannschaft alles Gute und vor allem, dass sie verletzungsfrei bleiben. Aber ich bin raus aus dem Thema – mindestens bis zur EM.

3 Kommentare zu „Klub gegen Land

  1. Dass sich FA und WFA einen feuchten um die unteren Profiligen und die Belange der Cubs scheren, zeigt doch die Tatsache, dass West Ham ins Olympiastadion ziehen dürfen nach den Spielen in London. Proteste des am nächsten gelegenen Clubs, Leyton Orient wurden ignoriert.

    Im Übrigen ist der Zwist Club vs Country im Fußball in England so alt wie die Monarchie .

    Was die Aufstellung von Badstuber angeht, so denke ich hat Löw es genauso gehalten wie mit Klose. Beide sind bei Bayern eher im Hintertreffen. Klose trifft aber in der DFB-Mannschaft. Ob Badstuber besser war, weiß ich nicht, ich habe das Spiel nicht gesehen. Aber Löws Haltung ist hin und wieder eine besondere.

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  2. Für den kleinen Nachbarn Leyton Orient ist das Olympiastadion schon ein Problem. Aber ob es besser wäre, wenn die Spurs den Zuschlag gekriegt hätten, ist noch mal eine andere Frage. Wenn die das Stadion nicht voll kriegen, würden die sich doch dieselben Gedanken machen.

    Das Prinzip von Löw ist bei Badstuber das selbe wie bei Klose. Aber was hat Badstuber denn bisher Großartiges für die Nationalmannschaft geleistet? Die WM war nicht so toll. Danach hat er vor allem gegen schwache Gegner ordentlich gespielt. Aber wie gesagt: ich habe es aufgegeben, Löw verstehen zu wollen. 😉

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  3. Egal, wer nun ins Olympiastadion einzieht, Leyton Orient wird massive Probleme bekommen, egal ob Spurs oder West Ham. Wobei letztere Schwierigkeiten haben werden, das Stadion vollzubekommen.

    Richtig, Badstuber hat nichts gerissen wie ein Klose beim DFB, also ist seine Aufstellung schon fragwürdig aber wir verstehen Bundesjogi eben in dieser Hinsicht nicht.

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