Wenn Jürgen Klopp zum Schlussspurt startet

Standard

1. Bundesliga, 29. Spieltag / Hamburger SV 1 BVB 1

Der heutige Sprint des BVB-Trainers kam nicht ganz an den Tanz über die Sitzreihen der Tribüne ran, den er beim späten Siegtor in Köln vor einem guten Jahr hinlegte. Der Jubel von Jürgen Klopp über den Ausgleich in der Nachspielzeit war jedoch mal wieder exemplarisch für die positive Verrücktheit, die ihn Fans und Spielern gleichermaßen nahebringt. Denn bei so einem späten Tor muss man einfach abgehen, selbst wenn es ’nur‘ das 1:1 war. Noch dazu kann sich Klopp anrechnen, mit Vorbereiter Owomoyela und Vollstrecker Kuba den Punktgewinn eingewechselt zu haben.

Es war das erwartet schwere Spiel gegen einen HSV, dem man zugestehen muss, dass er in der ersten Halbzeit offensiv und mit zwei echten Stürmern – Petric und van Nistelrooy – auftrat. Eine rein abwartende Haltung war bei den Hanseaten zunächst nicht zu erkennen. Sie wäre vom Selbstverständnis und der Tabellensituation her den Fans auch schwer zu vermitteln gewesen. So entwickelte sich eine offene, spannende Partie, der es jedoch an Torszenen mangelte. Wie erwartet verdichtete sich das Spielgeschehen im Mittelfeld. Die Hamburger schafften es in der ersten Hälfte, Sahin, Bender und vor allem Lewandowski weitgehend aus dem Spiel zu nehmen, so dass sich die Schwarz-Gelben häufig mit langen Pässen behalfen. Die waren jedoch schlicht nicht genau genug.

Unsere Defensive stand meistens sicher. Gefährlich wurde es gelegentlich über Hamburgs linke Seite. Dem wendigen Eljero Elia scheint der Trainerwechsel besonders gut getan zu haben, er stellte Lukasz Piszczek vor einige Probleme – besonders eklatant in einer Szene in der zweiten Halbzeit, als er unseren Rechtsverteidiger richtig alt aussehen ließ. Das war gestern ein Riesenunterschied zur anderen Außenbahn, auf der Schmelzer mit Ben-Hatira sehr gut zurechtkam. Der Hamburger konnte nur einen, wenn auch gefährlichen, Weitschuss verbuchen und flog in der 78. Minute aufgrund zweier gelbwürdiger Fouls an Schmelle vom Platz. Es war ansonsten kein unfaires Spiel – mit Ausnahme der Flugeinlagen von David Jarolim und Mladen Petric, die leider mit Freistößen belohnt wurden. Von ersterem ist man solche Aktionen ja schon gewohnt.

In der 33. Minute gelang Nuri Sahin mal ein öffnender Pass auf Lucas Barrios, der den Ball ins Tor schoss, jedoch wegen Abseits zurückgepfiffen wurde. Es war eine Millimeterentscheidung, die zwar vertretbar war, aber – wie leider üblich – nicht der eigentlich geltenden Richtlinie „im Zweifel für den Angreifer“ folgte. Fünf Minuten später war die BVB-Abwehr einmal unaufmerksam, so dass Petric plötzlich im Strafraum frei durch war. Hummels rempelte den Ex-Dortmunder von hinten um und Schiedsrichter Gagelmann hatte keine andere Wahl als auf Elfmeter zu entscheiden. Nach den Buchstaben des Gesetzes wäre auch eine rote Karte möglich gewesen – das hätte allerdings eine sehr harte Entscheidung dargestellt. Der starke Roman Weidenfeller, der ebenso wie Frank Rost mehrmals glänzend klärte, hatte bei van Nistelrooys Schuss vom Punkt keine Chance, obwohl er die richtige Ecke wählte.

Einen Vorgeschmack auf die aus schwarz-gelber Sicht viel bessere zweite Hälfte gab uns kurz vor der Pause der unwiderstehliche Mario Götze. Seinen Pass in die Mitte hätte Jarolim fast ins eigene Tor bugsiert – Kacar konnte jedoch diesen ‚Schuss‘ und Götzes folgenden Einschiebversuch von der Linie kratzen. Gerade Mario steigerte sich im zweiten Durchgang und hatte selber zwei große Chancen, als er einmal nach Sahins schönem Zuspiel den Ball über das Tor setzte und später an Rost scheiterte, nachdem er zuvor ähnlich wie gegen Hannover durch die Abwehr spaziert war. Vom HSV war nach der 60. Minute nichts mehr zu sehen. Die Schwarz-Gelben hatten nun auch das Mittelfeld komplett im Griff und erspielten sich die Chancen, die zuvor spärlich geblieben waren. Piszczek traf den Pfosten, Lucas Barrios die Latte…es war mal wieder zum Verzweifeln.

Eines habe ich aber in dieser Saison gelernt: Wir müssen wegen dem BVB nicht verzweifeln. Diese Mannschaft gibt nicht auf. Und dieses Engagement wird belohnt, wenn es mit der notwendigen Qualität gepaart wird. Nicht immer, aber oft. Tore in der Nachspielzeit sind sowieso die schönsten. In diesem Fall eroberte Nuri Sahin den Ball und setzte den starken Schmelzer auf dem linken Flügel ein. Dessen Flanke verlängerte Owomoyela im Strafraum mit dem Kopf – wegen seiner Kopfballstärke hatte ihn Klopp eingewechselt. Gegen Hoffenheim und mit einem anderen stürmenden Abwehrspieler, Felipe Santana, war die Idee nicht aufgegangen – gestern klappte es. Denn halb rechts stand Kuba und donnerte den verlängerten Ball ins Netz. Es folgte mal wieder enthemmter Jubel.

Nun hat der BVB zwar keine big points, aber möglicherweise einen big point errungen. Der war nach der zweiten Halbzeit höchstverdient. Ja, Leverkusen hat knapp gegen St. Pauli gewonnen und den Rückstand auf fünf Punkte verkürzt. Am nächsten Wochenende könnte trotzdem eine Vorentscheidung fallen – sollte die von Uli Hoeneß angekündigte Leistungsexplosion nach der van Gaal-Entlassung bei den Bayern wahr werden. Allerdings hat Hoeneß in dieser Saison, nun ja, nicht immer richtig gelegen mit seinen Aussagen. Wir sollten uns auf jeden Fall nicht darauf verlassen, dass Leverkusen noch einbricht, weil sie das immer tun. Weil auf ewig der Vizekusen-Fluch auf ihnen lastet. Das ist Blödsinn. Wann, wenn nicht jetzt, sollte die Werkself mal die Chance haben, beim FCB zu gewinnen? Einfacher wird das durch den Trainerwechsel bei den Bayern jedoch nicht.

Freuen wir uns also auf den Super-Sonntag. Was sich nach einem einfallslosen Sport1-Trailer anhört, wird in einer Woche wahr. Bayern gegen Bayer und im Anschluss Dortmund gegen Freiburg. Crunch Time. Von mir aus könnte der Sonntag schon am Dienstag sein.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Hummels, Subotic, Piszczek – Sahin, Bender (80. Owomoyela) – Großkreutz, Lewandowski (62. Kuba), Götze – Barrios (77. Zidan). Gelbe Karte: Sahin. Tor: Kuba

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4 Gedanken zu “Wenn Jürgen Klopp zum Schlussspurt startet

  1. Intensivpflege

    Unglaubliches Spiel. Unglaublicher Klopp. Nicht nur dass er der Trainer dieser Mannschaft ist, sondern auch der größte Fan ;-) Dennoch Leverkusen hat aufgeholt. Wir „müssen“ nächste Woche die 3 Punkte zu Hause behalten! Pflichtsieg sonst wird´s verdammt eng!

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  2. Andy

    Ich hoffe doch inständig das wir nächsten Sonntag unseren Vorsprung ausbauen können.. Kann mir nicht vorstellen das Leverkusen jetzt auch noch alle weiteren 5 ausstehenden Spiele gewinnt..
    Bisher ging es ja immer schief beim BVB wenn es um die Wurst ging (letztes Jahr Cl, davor EL verpasst)..
    aber erstmal nur von Spiel zu Spiel schauen und den Bayern am Sonntag die Daumen drücken.. Zu dumm nur das ausgerechnet diesmal Robben fehlt..

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  3. @Intensivpflege: Ich habe den kommerziellen Link aus dem Kommentar gelöscht.

    @Andy: Vielleicht ist das gar nicht soo schlimm mit Robben. Da können sich die anderen nicht hinter ihm verstecken. Was uns selber angeht: An die letzten Jahre werden sich jetzt viele erinnern, aber ich habe die leise Hoffnung, dass die Mannschaft weiter ist. Geistig und qualitativ.

    @Tinneff: Für Bayern v Leverkusen habe ich keine Vorahnung. Ich traue es den Leverkusenern wie gesagt zu, da auch zu gewinnen, aber die Bayern-Spieler haben jetzt kein Alibi mehr, die stehen mit dem Rücken zur Wand. Ich denke deshalb schon, dass der Trainerwechsel bei denen nützlich sein könnte. Schweinsteiger, Müller, Gomez sind normalerweise klasse Leute, die die Leverkusener Abwehr mit Sicherheit in Bedrängnis bringen können. Also ich sehe die Chancen bei 50:50 – spricht für ein Unentschieden. ;)

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