Abstiegskampf siegt

Standard

1. Bundesliga, 31. Spieltag / Borussia Mönchengladbach 1 BVB 0

Elf tapfere Abstiegskämpfer haben gestern gegen elf Meisteranwärter gewonnen. Was erst mal plakativ klingt, ist gar nicht so gemeint. Es fehlte den Schwarz-Gelben nicht die Einstellung, sondern der Plan, wie man eine Mannschaft, deren Ziel nur der Klassenerhalt ist, matt setzen kann – wenn diese mal in Führung liegt.

Ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass die Partie ganz anders ausgegangen wäre, wenn der BVB das erste Tor erzielt hätte. Zugegeben, dazu muss man kein Hellseher sein und nicht viel von Fußball verstehen. Das Spiel verlief jedoch so, wie es sich Lucien Favre letzte Nacht im Traum oder Halbschlaf ausgemalt haben muss. Die Gladbacher Defensive stand gut, das Mittelfeld machte die Dortmunder Passwege dicht und musste dabei nicht mal so aggressiv auftreten wie die Freiburger letzte Woche. Nicht völlig überraschend ersetzte Brouwers in der Innenverteidigung Dante und machte seine Sache nicht schlecht.

Natürlich hatte der BVB schon in der ersten Halbzeit seine Gelegenheiten. Einen Schuss von Götze konnte der starke Torwart ter Stegen parieren – nach dieser Leistung zu urteilen müssen sich die Gladbacher auf der Position keine Sorgen mehr machen. In der 29. Minute hatte der halblinks freie Lewandowski ter Stegen zwar überlupft, aber Jantschke konnte den Richtung Tor hoppelnden Ball noch von der Linie schlagen. Kurz vor der Pause hatte der Stürmer eine weitere Riesenchance und scheiterte diesmal an ter Stegen.

Bei den Gastgebern sorgte Marco Reus für etwas Gefahr – es traf jedoch Idrissou, den niemand so richtig auf dem Zettel gehabt zu haben schien. Eingeleitet wurde das Tor durch einen unnötigen Fehlpass von da Silva in der gegnerischen Hälfte. Arango setzte Idrissou mit einem langen Pass ein und der Stürmer konnte tatsächlich Subotic abschütteln. Neven ließ sich im Zweikampf auf die Außenbahn drängen und attackierte nicht konsequent genug – vermutlich aus Angst vor einem Platzverweis. Roman Weidenfeller stand auf halbem Weg zwischen Tor und Idrissou und verließ sich auf die Zweikampfstärke von Neven. Und der Ball flog schließlich aus spitzem Winkel ins Tor. Es war eins der schwächeren Saisonspiele unseres Torhüters, auch wenn ihn beim Treffer die geringste Schuld traf. Mehrere Male offenbarte Weide allerdings völlig ungewohnt gewordene Schwächen beim Herauslaufen.

Besonders in der ersten Hälfte, eigentlich jedoch über 90 Minuten wurde deutlich, dass uns Nuri Sahin fehlte. Es liegt mir fern, Antonio da Silva die Hauptschuld an der Niederlage zu geben, aber Fehlpässe wie vor dem 0:1 sind bei Nuri äußerst selten und es mangelte gestern an öffnenden Pässen, die auch ankommen. Die Versuche waren öfter da, nicht nur von Toni. In dieser Konstellation wäre es allerdings in vielen Situationen besser gewesen, einfache kurze Pässe nach außen zu spielen. Dadurch hätte man höchstwahrscheinlich mehr Druck aufgebaut als durch hoffnungsvolle Pässe in den Raum. Gewiss – auch Nuri wurde in den letzten Wochen von den Gegnern streckenweise aus dem Spiel genommen. Trotzdem wäre mit seiner Übersicht und seiner Intuition ein Punktgewinn in Gladbach wahrscheinlicher gewesen.

In der zweiten Halbzeit waren die Chancen gegen sehr tief stehende Gastgeber da. Über 20.000 Dortmunder Fans sorgten weiterhin für meisterliche Stimmung und die Schwarz-Gelben dominierten komplett. Das Spiel lief nun mehr und besser über die Flügel, beide Außenverteidiger steigerten sich deutlich. Für mich hatte gestern Marcel Schmelzer wieder die Nase vorn. Die größten Gelegenheiten waren die Alu-Treffer von Götze (toller Schuss an die Latte) und Schmelzer (Schuss von links durch ter Stegen an den Pfosten gelenkt). Der eingewechselte Barrios und Subotic scheiterten per Kopf und Fuß am Torwart. Wenn man ehrlich ist, blieb die Qualität der Chancen insgesamt jedoch hinter manch anderem Saisonspiel zurück.

Jürgen Klopps Doppelwechsel in der 64. Minute wirkt im nachhinein etwas voreilig und aus der Emotion heraus getätigt. Barrios musste kommen, aber ich hätte ihn gerne eine Weile mit Lewandowski ganz vorne gesehen. Klopp brachte jedoch auch noch Zidan, der zwar im Spiel auf ein Tor mitschwamm, aber kaum Akzente setzte. Sein Kopfball, der sicher in der Torschussstatistik auftaucht, war eher harmlos.

Klar, der BVB hätte auch gewinnen können. Jürgen Klopp analysierte es im ZDF einfach, aber goldrichtig: Ein Sieg wäre nicht unverdient gewesen, aber die Niederlage ist es auch nicht. Es gibt solche Spiele. Gladbach spielte das, was man von ihnen erwarten kann – noch dazu ohne Dante und de Camargo – richtig gut. Dortmund hatte genügend Chancen für drei Punkte, aber trotzdem alles in allem gegen die vorhersehbare Gladbacher Spielweise zu wenig gute Ideen. Der nun Tabellenvorletzte hat unter Lucien Favre zu mehr Disziplin gefunden und könnte es tatsächlich noch packen – da fiebert man wohl morgen sogar mal mit dem Effzeh.

Die Tabellenkonstellation hat sich durch die Niederlage nur bedingt verändert. Wir haben nun die Situation von 2002, vor der man Respekt haben muss. Andererseits kann der BVB nächsten Samstag erneut mit einem Sieg Meister werden, wenn parallel Leverkusen nicht gewinnt. Unser Gegner ist eine der vielen Überraschungsmannschaften dieser Saison, der 1.FC Nürnberg. Deren heutiges Spiel gegen den Tabellennachbarn Mainz ist für nächste Woche sicher nicht unbedeutend. Der BVB kann es nun mit noch mehr Fans im Rücken zuhause schaffen. Der Gedanke an das Übertreffen des Punkterekordes der Bayern war mir sowieso zu bajuwarisch.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Hummels, Subotic, Piszczek – da Silva, Bender – Großkreutz (85. Stiepermann), Götze, Kuba (64. Zidan) – Lewandowski (64. Barrios).

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5 Gedanken zu “Abstiegskampf siegt

  1. Ich persönlich empfand die Einwechslung von Barrios im nachhinein sogar als Fehler. Bot sich Lewandowski noch häufiger an und spielte auch nach hinten mit, war von Barrios so gut wie gar nichts zu sehen. Ob unser Torjäger vielleicht zu vorsichtig war?
    Ansonsten wie immer ein sehr guter, sehr treffender und sehr fair geschriebener Beitrag von Dir.

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  2. Danke! Die Alternative bei den Wechseln wäre für mich gewesen, erst mal Barrios für Kuba zu bringen und Zidan eventuell später noch. Gegen so defensive Gladbacher hätte man ein 4-2-4 spielen können, mit Lucas und Robert als echten Spitzen.

    Klar, was das Beste gewesen wäre, bleibt Spekulation. Es ist nicht auszuschließen, dass Barrios noch ein bisschen gehemmt war nach der Verletzung. Vielleicht hätte ihm ein Sturmpartner geholfen. Dass manche Fans Lewandowksi die Niederlage ankreiden, wie ich anderswo gelesen habe, halte ich jedenfalls für absurd. Der Lupfer über den Torwart war richtig gut gemacht und hat nur durch den großen Einsatz von Gladbachs Jantschke nicht zum Tor geführt.

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  3. Lewandowski war bestimmt nicht schuld an der Niederlage. Das ist wirklich Schwachsinn. Ich habe zwar die letzten drei Spiele nicht live sehen können, behaupte aber mal, dass er ein gutes Spiel gezeigt hat.
    Kuba ist nicht zu Unrecht ausgewechselt worden, blieb er in der zweiten Halbzeit eher blass. Das Barrios eher verhalten spielte, weil er wegen seiner Verletzung gehemmt, ist genau meine Vermutung, ist aber genau das: Eine Vermutung.

    Wie Subotic, der neben da Silva den folgenschwersten Fehler des Spiels machte, schon richtig sagte: Gegen den BVB wachsen die Torhüter gerne über sich hinaus.
    Aber unsere Borussen müssen auch nicht immer versuchen, den Ball ins Tor zu tragen.

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  4. Das auch. Es lag jedoch in diesem Spiel mMn eher daran, dass schon die Pässe aus dem Mittelfeld zu kompliziert und spekulativ waren. Klopp hat das nach dem Spiel auch gesagt: Wir haben teilweise zu früh in die Spitze gespielt.

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