Kampf gegen die Geisterfakten

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Schon vor einigen Tagen berichtete das Bayer Leverkusen-Blog „Catenaccio“ über sonderbare Parallelen zwischen dem Saisonende 2011 und dem von 2002. Inzwischen hat auch der „Kicker“ die Geschichte gebracht. Borussia Dortmund führt nicht nur zum gleichen Zeitpunkt mit dem gleichen Vorsprung wie seinerzeit Leverkusen. Die erschreckende Wahrheit ist: Unsere nächsten beiden Gegner sind genau jene Vereine, gegen die die Werkself vor neun Jahren am 32. und 33. Spieltag verloren hat – Nürnberg und Bremen. Und Leverkusen spielt gegen die gleichen Clubs, gegen die der BVB damals gewann – Köln und den HSV.

Diese erstaunliche Faktenlage hat sogar mich beeindruckt, obwohl ich normalerweise kein Statistikjünger bin. Sie gibt dem kommenden 32. Spieltag noch Extra-Würze, die er natürlich nicht benötigt hätte. Selbstverständlich plädiere ich dafür, diese Geisterfakten der Vergangenheit nicht allzu ernst zu nehmen. Schließlich gilt für den Ballspielverein Borussia aus Dortmund, was in der Welt da draußen leider längst nicht immer zutrifft: Er ist der Meister seines eigenen Schicksals. Drei Spiele noch, gut fünf Punkte vorne, wenn man an die Tordifferenz denkt, das Restprogramm nicht schwerer als das von Leverkusen. Der BVB hat es in der Hand, Meister zu werden oder den Titel zu verspielen.

Am Samstag also Nürnberg. Jürgen Klopp hat in der Pressekonferenz am Donnerstag darauf hingewiesen: Der Club hat in der Rückrunde nur einen Punkt weniger geholt als der BVB. Natürlich gehört er neben Hannover und Mainz zu den positiven Überraschungen der Saison. Das ‚Spiel um Platz 5′ letzten Sonntag gegen die 05er war allerdings eine zähe Nullnummer. Ob Nürnberg wirklich weniger Druck verspürt, weil es ’nur‘ um die Europa League geht, ist fraglich. Eine der Stärken der Mannschaft von Dieter Hecking im Vergleich zu früheren Spielzeiten ist die Defensivarbeit. Der Club hat in dieser Saison weniger Gegentore kassiert als Leverkusen und nur eins mehr als der Rivale aus der Landeshauptstadt. Gegen Mainz bildeten der 22-jährige Philipp Wollscheid, den vor der Saison wohl kaum ein Außenstehender kannte, und der erfahrene Andreas Wolf die Innenverteidigung. Aber auch die defensiven Außen – zuletzt der hinlänglich bekannte Pinola und der Deutsch-Amerikaner Timothy Chandler – haben zur Stabilisierung beigetragen.

Chandler könnte den Gästen morgen fehlen. Er erlitt im Training eine Risswunde am Fuß, die genäht werden musste. Sicher fehlen die Langzeitverletzten Frantz und Bunjaku – letzterer ist immerhin schon wieder für den FCN II am Ball. Noch offen ist der Einsatz des vom BVB umworbenen Ilkay Gündogan. Die Nürnberger haben noch mehr als die Borussia eine Mannschaft, die als Kollektiv funktioniert. Dieses Kollektiv hat an Willensstärke und Konstanz zugelegt, so dass das Fehlen von brillanten Technikern in dieser Saison sehr gut ausgeglichen werden konnte. Für die Schwarz-Gelben heißt das: Geduld haben und dem Spiel den eigenen Willen aufzwingen – am besten in Form von Toren.

Der Verlust von Nuri Sahin (und natürlich Shinji Kagawa) wird auch in diesem Spiel schmerzen. Jürgen Klopp hatte jedoch eine weitere Woche Zeit, um das Spiel ohne den Spielmacher mit der Mannschaft zu perfektionieren. Mit den vereinten Kräften von da Silva und Götze sowie mehr schönen Flanken sollten wir auch gegen den Club zu Gelegenheiten kommen. Wer diese nutzen soll, steht auf einem anderen Blatt – der Startaufstellung. Vor Samstag wird es wohl keine Gewissheit geben, ob die angeschlagenen Kevin Großkreutz und Lucas Barrios auflaufen können. Sollten beide ausfallen, würde die BVB-Offensive ziemlich aus dem letzten Loch pfeifen.

Zeit um über andere Ergebnisse nachzudenken gibt es morgen zum Glück nicht. Zur klassischen Anstoßzeit muss auch der Tabellenzweite Leverkusen ran – beim Lokalrivalen Effzeh Köln. Dort darf nach dem Rücktritt von Frank Schaefer vorübergehend Volker Finke wieder das machen, was er vermutlich am liebsten tut: Mit den Spielern auf dem Platz arbeiten. Ob der Wechsel den Kölnern jetzt einen Schub gibt, können höchstens Insider beurteilen. Mir war jedenfalls nicht bekannt, dass es in der Mannschaft größere Vorbehalte gegen Schaefer gab. Man hörte eher das Gegenteil und Kapitän Podolski hatte sich noch vor kurzem für den Trainer eingesetzt.

Das Spiel ist nicht einfach einzuschätzen. Mit Sicherheit wird der Effzeh keine Lust auf eine weitere Derbypleite oder gar die zweite Liga haben. Insofern halte ich es noch nicht für sicher, dass Leverkusen die restlichen Spiele alle gewinnt, wie Aki Watzke vermutet. Sportdirektor Rudi Völler hat sich in dieser Woche dahingehend geäußert, dass man sich bei der Werkself durchaus wieder Hoffnungen auf den Meistertitel macht. Das ist Völlers gutes Recht und er hat sich dabei auch nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt:

Man kann immer nur den nächsten Schritt tun. Der kann für uns nur heißen, in Köln zu siegen. Denn was Dortmund und Gladbach betrifft, betrifft uns genauso: Wir sind noch nicht sicher in der Champions League!

Es gibt eben auch einen Mittelweg zwischen Selbstvertrauen und Respektlosigkeit. Nicht wahr, Herr Hoeneß?

Morgen verdichtet sich alles. Zwei Stunden Höchstspannung. Handys griffbereit. Jubeln, feiern oder weiterzittern? Ein Sieg wäre die Vorentscheidung, aber ein Unentschieden könnte es genauso sein. Wenn, ja wenn. Ich wage mich ein Stückchen aus der Deckung und sage: die „fast makabre Duplizität“, wie es Rudi Völler nennt, die Parallelen zu 2002 werden schon morgen ein Ende finden.

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4 Gedanken zu “Kampf gegen die Geisterfakten

  1. Gladbach war Gladbach und Nürnberg wird Nürnberg sein. 2002 bleibt 2002 und 2011 ist 2011. Keine Sorge. Martin bleibt in Hamburg. Alles wird gut – schon gegen Nürnberg

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