Von Geld, Erfolg und Tradition

Diese Geschichte betrifft jeden Fußballverein, obwohl sie von einem einzigen handelt. Eine der universellen Wahrheiten dieses Sports ist das Koordinatensystem aus den Faktoren Geld, Tradition und Erfolg, das die Geschicke der Klubs bestimmt. Selbstverständlich treiben diese darin nicht hilflos umher, sondern können selber mitbestimmen, wohin die Reise geht – bis zu einem gewissen Maß.

Die Geschichte hat aber doch ihre landestypischen Besonderheiten. In England existiert bekanntlich keine 50+1-Regel und so gibt es dort bei Fußballklubs alle möglichen und unmöglichen Besitzverhältnisse. Fluch und Segen liegen da häufig dicht beieinander – wie die abgelaufene Saison des Zweitligisten Derby County exemplarisch verdeutlicht.

Es sah alles gut aus, vor der Saison. Nigel Clough, Sohn der Vereinslegende Brian, hatte für die neue Spielzeit eine junge und scheinbar hungrige Mannschaft zusammengestellt. Auf einen entfernten Beobachter wie mich wirkte das vielversprechend. Die traditionsreichen ‚Rams‘ hatten 2010/11 mit knapp 26.000 Zuschauern den zweithöchsten Schnitt der Championship. Nur auf dem Feld lief es nach einer sehr guten Phase im Herbst bald nicht mehr rund. Hier kommen nun die Besitzverhältnisse ins Spiel. Die internationale Investorengruppe GSE, der Derby County FC gehört, stellt mit Tom Glick den CEO des Vereins. Dessen Vorgabe für die Transferaktivitäten vor der Saison war: Teuer darf es nicht werden. Das ist zunächst verständlich, wenn man bedenkt, dass GSE den Verein nach der Übernahme erst mal wieder finanziell auf Kurs bringen musste.

Das Problem ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Von der Vereinsführung wurde vor der Saison postuliert, dass die Rams in der oberen Tabellenhälfte und möglichst um die Play-Off-Plätze mitspielen sollten. Dass dieses Ziel Ende 2010 mehr und mehr aus den Augen verloren wurde und man den Blick nach unten richten musste, ist nicht in erster Linie den ‚Bossen‘ anzukreiden. Was die Fans viel mehr verärgerte, war die naive und erfolglose Transferpolitik, die im Winter folgte. Nach dem Abgang von Rob Hulse im August fehlte Derby ein kräftiger Offensivspieler, ein ‚target man‘, der für seinen Sturmpartner Bälle ablegt. Die Torquote war eindeutig zu niedrig. Versuche, einen Spieler des gesuchten Typus zu verpflichten, scheiterten jedoch und Nigel Clough musste mit ausgeliehenen Stürmern operieren, deren Stärken nicht in der Ballbehauptung liegen.

Die Vorwürfe aus Fankreisen lauten, dass der letztlich für die Transfers verantwortliche CEO Tom Glick bei den Verhandlungen mit anderen Vereinen ungeschickt agierte und manchmal nur ein wenig mehr hätte bieten müssen, um einen Spieler zu bekommen. Nigel Clough hat zwar weiterhin Kredit bei den Fans, ihm wird aber neben der fast entgleisten Saison auch vorgeworfen, nicht immer die richtigen Transferwünsche gehabt zu haben. Sowohl Glick als auch Clough sind wohl zu ähnlichen Schlüssen gekommen, denn in der nächsten Saison soll einiges anders und die Platzierung (jetzt: 19.) besser werden.

Die erste Konsequenz: In die Mannschaft soll kräftig investiert werden. Unter Beibehaltung der finanziellen Vernunft steht dafür mehr Geld zur Verfügung als in der Vorsaison. Eine Reihe von Spielern soll kommen, einige dürfen gehen. Das alles soll möglichst frühzeitig passieren. Drei Neue sind bereits da: Der englische U 21-Nationalkeeper Frank Fielding kommt von den Blackburn Rovers und soll die exzentrische und zuletzt fehlerhafte bisherige Nummer 1, Stephen Bywater, ersetzen. Mit dieser Personalie könnte Clough und Glick ein Coup gelungen sein. Fielding überzeugte in Derby bereits während einer Leihphase in der abgelaufenen Saison. Der zuletzt bereits ausgeliehene Stürmer Jamie Ward wechselt permanent von Sheffield United zu den Rams. Gleiches gilt für Theo Robinson, der von Millwall kommt. Vor allem Ward war während der Ausleihe den Erwartungen gerecht geworden und hatte Tore erzielt. Beide neuen Offensivspieler erfüllen jedoch nicht das Profil des noch gesuchten ‚target man‘.

Die vierte Neuverpflichtung ist seit gestern so gut wie perfekt. Nach zwei abgelehnten Angeboten haben sich Derby und der schottische Erstligist Kilmarnock auf eine Ablöse für den 24-jährigen Mittelfeldspieler und Kapitän Craig Bryson geeinigt. Sie beträgt 350.000 Pfund und kann abhängig von der Zahl der Einsätze noch um 100.000 Pfund steigen. Der schottische Nationalspieler Bryson wird einer der Spieler sein, die die Lücke schließen müssen, die der charismatische Robbie Savage hinterlässt. Der 36-jährige defensive Mittelfeldspieler und bisherige Rams-Kapitän – bekannt für seine offenen Worte – hat seine Karriere mit Ablauf der Spielzeit beendet. Zukünftig will er sich unter anderem seinem Job bei  BBC Sport widmen. Neben Bryson dürfte ein weiterer Spieler aus der schottischen Premier League, Chris Maguire vom FC Aberdeen, den Sturm verstärken. Dessen Vertrag läuft zwar aus, die beiden Vereine müssen sich jedoch noch auf eine Ausbildungsentschädigung einigen – möglicherweise ein Fall für ein FIFA-Tribunal.

Eine weitere Konsequenz aus der letzten Saison ist, dass sich die Verantwortlichen einvernehmlich auf die Suche nach einem Sportdirektor gemacht haben. Mit Tom Glick hatte man einen Mann zum Geschäftsführer ernannt, der mit Transferverhandlungen im Fußball kaum Erfahrung hat. Hier haben die Besitzverhältnisse die sportliche Entwicklung  offensichtlich negativ beeinflusst. Trainer Clough selber war zuvor nur beim ehemaligen Amateurclub Burton Albion tätig und kann schwerlich bereits einen Überblick über den internationalen Spielermarkt haben. Da das Scouting-System ebenfalls noch ausbaufähig erscheint, könnte ein Sportdirektor tatsächlich ein notwendiger Koordinator der Transferaktivitäten sein.

Die Investitionen der GSE haben Derby County auf den Weg zur finanziellen Gesundung gebracht. Die Unerfahrenheit der  Investoren hat dazu beigetragen, dass die sportliche Entwicklung des Vereins ins Stocken geraten ist. In der nächsten Saison wird sich zeigen, ob die scheinbar vernünftige Fehleranalyse und ihre Konsequenzen zu einem deutlichen Aufschwung führen. Es wird im Umfeld des Clubs zwar häufig über die Play-Offs geredet, aber viele Fans wären bereits mit einem einstelligen Tabellenplatz für den Anfang zufrieden.

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3 Kommentare

  1. Schön, mal eine Analyse aus der zweiten Heimat zu lesen. Obwohl ich in Leicester lebte, war Derby immer interessanter wegen Brian Clough. Nach The Damned Utd wurde das dann noch intensiver.

    Aus Sicht englischer Kommentatoren ist Nigel Clough wohl auch sehr unterschiedlich im Vergleich zu seinem Vater. Dieser hat Spielern dauernd erzählt, wie scheiße sie seien und sie so angestachelt. Das hat in Derby funktioniert, in Leeds nicht. Nigel Clough hingegen ist wohl eher zu weich, als dass er den Spielern mal die Meinung geigt. Wie sagt man so schön am Ende einer Saison: There’s always next year.

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  2. Nigel scheint schon eher ein ‚Spielerversteher‘ zu sein, aber er kann auch anders. Als in dieser Saison ein Stellungsfehler oder Fehlpass des 22-jährigen Tomasz Cywka zu einem späten Gegentor führte, hat Clough ihn danach ziemlich derbe an den Pranger gestellt. Dieser Ausbruch wurde von der Spielergewerkschaft sowie manchen Fans und Kommentatoren deutlich kritisiert.

    Ob da der Vater durchgekommen ist oder Clough einfach von sich häufenden Punktverlusten angegriffen war, lässt sich natürlich schwer sagen. ;-)

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