Ein Traumstart bedeutet ja noch gar nichts

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1. Bundesliga, 1. Spieltag / BVB 3 Hamburger SV 1

Es ist unvermeidlich, dass in der nächsten Woche in den Medien noch intensiver über den Meisterschaftsfavoriten diskutiert werden wird. Man kann dem entgegenhalten, dass in der letzten Saison Leverkusen das Auftaktspiel in Dortmund gewonnen hat. Aber warum sollte man sich mit der Zukunft oder der Vergangenheit beschäftigen, wenn einem die Gegenwart rauschende Fußballabende wie gestern beschert? Mir reicht das völlig.

Die Borussia hat beim 3:1 gegen den HSV eine überragende erste Halbzeit und ein sehr gutes Spiel gezeigt, das man in dieser Souveränität nicht erwarten konnte. Hinten links agierte ein Spieler, der in der letzten Spielzeit Regionalliga gespielt hat, im Mittelfeld musste Sahin-Ersatz (de facto, also von der Position her, ist er das ja) Gündogan integriert werden, der Top-Stürmer der letzten Saison fehlt noch verletzt und kurzfristig fiel auch Innenverteidiger Subotic mit einem leichten Muskelfaserriss aus. Dass das gestern trotzdem so gut geklappt hat, zeigt zum einen, dass der BVB einen breiteren Kader hat als in der Vergangenheit und dass Chris, Ilkay, Robert und Felipe es absolut verdient haben, in dieser Mannschaft zu stehen. Es zeigt aber auch, dass der Trainerstab mit dem gesamten Kader eine verdammt gute Saisonvorbereitung hingelegt haben muss.

In der ersten Hälfte schienen die Kombinationen noch einen Tick flüssiger und schneller zu laufen als in der vergangenen Saison. Es war beeindruckend, wie die Schwarz-Gelben dieses Spiel im Griff hatten. Michael Oenning hatte ja angekündigt, dass die Hamburger das Spiel defensiv angehen würden, aber wie das über weite Strecken aussah, dürfte ihm nicht gefallen haben. Da standen zwei Viererketten weit in der eigenen Hälfte, was noch kein Fehler sein muss, aber vor allem die defensiv orientierten Hamburger waren zu weit von ihren Gegenspielern entfernt, ließen den Schwarz-Gelben zu viele Räume. Es sah aus wie eine viel zu passive Form von Raumdeckung, fast ohne Pressing. Andererseits hätte eine Dortmunder Mannschaft in der Form von gestern es wahrscheinlich auch genutzt, wenn die Gäste mehr draufgegangen wären, indem sie dann in die Lücken, die Schnittstellen gespielt hätte.

Die BVB-Offensive war blendend aufgelegt. Kevin Großkreutz erzielte zwei Tore. Shinji Kagawa und Mario Götze scheinen einen kleinen Wettkampf um das brillantere Spiel am Laufen zu haben – obwohl sie sich natürlich blendend verstehen. In den letzten Wochen war mal der eine, mal der andere der überragende Spieler der Partie. Gestern war Mario Shinji eine Nasenlänge voraus. Götze war sehr aktiv, überall in der rechten Hälfte des Felds zu finden und hatte mehr als eine Handvoll geniale Momente. Vor allem seine Übersicht ist immer wieder beeindruckend. Wie er vor dem 1:0 den Ball genau im richtigen Moment auf Großkreutz weiterleitet. Völlig unnötig, da wie blöd „links, links“ zu brüllen. ;-) Besonders schön war natürlich der Doppelpass mit Robert Lewandowski, den Götze zum 2:0 vollendete. In hohem Tempo gespielt, von Robert toll mit der Hacke weitergeleitet. Jetzt schon ein Tor für den Saisonrückblick. Lewandowskis starke Leistung muss man sowieso noch mal unterstreichen, trotz fehlendem Torerfolg.

Shinji Kagawa stand Götze in nicht viel nach, nur das Tor traf er nicht – jedoch nach einem sehenswerten Solo immerhin den Pfosten. Mario dagegen war kurz nach der Pause auch am dritten Treffer beteiligt. Am Aufbau wirkte Sven Bender mit und rechtfertigte (natürlich nicht nur deswegen) seine Aufstellung. Götze brachte den Ball schließlich zu Großkreutz in den Strafraum, der im zweiten Versuch ins Tor traf. Man könnte im Prinzip jeden einzelnen Spieler ausführlich loben, aber das würde den Beitrag doch zu sehr verlängern. Kevin jedenfalls verkörpert mit seiner Entschlossenheit, der Präsenz und der Fähigkeit, so oft am richtigen Platz zu sein, was diese Mannschaft ausmacht. Da muss man gar kein überragender Techniker sein.

Nach dem Tor kreierte der BVB in der zweiten Hälfte nicht mehr den gleichen Druck und die gleiche Anzahl an Chancen. Die Schwarz-Gelben spielten ‚ökonomischer‘ und wenn das so aussieht wie gestern, muss man das bei diesem Zwischenstand vollkommen verstehen. Es wird in dieser Saison auch darum gehen, mit den Kräften zu haushalten, selbst wenn man noch nachlegen könnte. Eine Sache, die man von den früheren Bayern lernen kann. Es gab gestern keinen Einbruch im BVB-Spiel. Die Spieler ließen es zwar etwas lockerer angehen, aber kleine Konzentrationsfehler sind über 90 Minuten nicht zu vermeiden. Das HSV-Tor entstand aus einer Standardsituation, einem ‚Getümmel‘ im Strafraum, bei dem der Ball nicht geklärt werden konnte, nachdem zuvor ein Schwarz-Gelber auf der Linie per Kopf gerettet hatte.

Aus dem Spiel heraus blieb der HSV sehr harmlos und in den gut zehn verbleibenden Minuten nach dem Anschlusstreffer wirkten die Gastgeber sogar wieder souveräner als in den Minuten zuvor. Für Michael Oenning bleibt noch sehr viel Arbeit. Die Hamburger werden es in der Hinrunde schwer haben und müssen ein anderes Konzept finden, um mit dieser Mannschaft Erfolg zu haben als das was gestern zu sehen war. Für uns Schwarz-Gelbe war es dagegen einfach perfekt. Und darum freue ich mich einfach über dieses tolle Spiel und auf das nächste in Sinsheim, wo ich ebenfalls sehr gerne einen Sieg sehen würde! Die letzten Worte gehören unserem sehr sympathisch wirkenden Neuzugang Chris Löwe:

Das ist wahrscheinlich heute der schönste Tag in meinem Leben. Etwas viel Besseres als heute gibt es nicht.

 

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5 Gedanken zu “Ein Traumstart bedeutet ja noch gar nichts

  1. Mir fehlen immer noch die Worte, daher erst morgen mein kleiner Spieltagsrückblick (der vermutlich nur aus emotionalem Gestammel bestehen wird …). Aber mir kamen die Hamburger so vor wie diese Pappkameraden, mit denen die Jungs sonst trainieren. ;-)
    In jedem Fall danke ich meinen Jungs, dass ich morgen im Büro eine richtig große Schnauze haben darf!

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  2. le karl

    Sehr ambivalent, dieses Spiel.

    1. Der HSV ist überhaupt nicht eingespielt, es knarzt an allen Ecken und Enden. Nicht zuletzt beim Personal selbst.
    2. Habe ich selten gesehen, dass eine Mannschaft ein solches Kurzpassspiel in des Gegners Strafraum aufzieht, so wie der BVB es getan hat. Groß.
    3. Ich sage nur: Chancenverwertung.
    4. Solche Chancen muss man allerdings erst einmal kreieren.
    5. Fängt man sich ein blödes Gegentor und schwimmt 10 Minuten.
    6. Fällt dennoch kein Gegentor mehr.

    Übrigens: Die 10 Minuten nach dem Anschlusstreffer waren NICHT souverän. Für das saubere Rausspielen aus der eigenen Hälfte braucht man einen kühlen Kopf. Und den hat der BVB in solchen Situationen eben nicht immer. Das ist international jedoch notwendig.

    Ich mach mal Glaskugel: Was fehlt, werden wir diese Saison alles noch erleben. Nicht in den ersten Spielen. In der CL wird man mit viel Glück durch die Gruppenphase eiern. Aber dann kommt das erste Hammerspiel. Und: Der BVB wird auch kein Herbstmeister. Aber dann wird’s eng für den Herbstmeister …

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  3. Also ich fand es nicht ambivalent, sondern richtig gut. ;-) Sonst stimme ich deinen sechs Thesen zu, aber das „Schwimmen“ in den letzten zehn Minuten habe ich nicht gesehen. Es ist natürlich eine Definitionsfrage, der HSV hat jedoch nur noch zwei gute Szenen gehabt und man kann ja nicht erwarten, dass eine Bundesliga-Mannschaft gegen uns überhaupt keine Chancen mehr herausspielt. Ansonsten hat das die Mannschaft kontrolliert runtergespielt, ist kein hohes Risiko mehr gegangen und hat trotzdem noch zwei weitere Chancen (Großkreutz, Lewandowski) gehabt. Damit kann ich leben.

    Dass das alles nicht 34 Spiele so weitergehen wird, ist völlig klar. Besonders in der CL, wo wir definitiv schwere Gegner kriegen werden. Da habe ich keine großen Erwartungen und freue mich einfach auf tolle Gegner und Spiele.

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  4. le karl

    Ja, nee, klar: War definitiv ein richtig gutes Spiel, keine Frage.

    Mein erstes Zwischenfazit, wo der BVB wirklich steht, leiste ich mir jedoch erst am 5. Spieltag. Nach HSV, Hoffenheim, FCN, Bayer und Hertha. Bis dahim können Kaiser und Boulevard rumkommentieren, wie der Wind weht. Wenn am 10.09. Gündogan und Hummels ein Tor gemacht haben und Barios und Subotic wieder im Gleis sind, wird alles gut.

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