Das Dorf der verlorenen Punkte

1. Bundesliga, 2. Spieltag / TSG Hoffenheim 1 BVB 0

Ich glaube nicht an ‚Angstgegner‘. Jedenfalls nicht an die psychologische Komponente, die bei diesem Begriff mitschwingt. Die stellt höchstens einen Randaspekt dar. Aber natürlich muss es Gründe dafür geben, dass Borussia Dortmund gegen diesen Gegner aus der badischen Provinz eine negative Bilanz hat. Theoretisch könnte es Zufall sein und darin begründet liegen, dass der BVB zum Zeitpunkt der Aufeinandertreffen selbst nicht in guter Verfassung war. Betrachtet man die letzten schwarz-gelben Jahre, fällt dieser Erklärungsansatz weg. Es liegt mit Sicherheit eher an Spielern und Spielweise des Gegners. Hier lässt sich eine Kontinuität erkennen: Die TSG Hoffenheim verfügt über technisch versierte Spieler, die aggressives Pressing betreiben.

Im gestrigen Spiel ähnelte das Konzept der Gastgeber ein wenig der üblichen Spielweise der Gäste. Die Hoffenheimer griffen im Mittelfeld früh an und standen ihren Gegenspielern quasi auf den Füßen. Die daraus resultierenden Ballgewinne konnte die Mannschaft dank ihrer vorhandenen spielerischen Qualitäten hin und wieder für ansehnliche Angriffe nutzen. Das frühe Stören der TSG schlug in den letzten Jahren immer wieder in eine überharte Gangart um, wenn es nicht den gewünschten Erfolg brachte. Gestern beschränkte sich die überzogene Härte auf ein rüdes Foul von Salihovic an Kagawa in der Anfangsphase. Nach dem Führungstreffer beließen es die Gastgeber bei normalen Fouls. Was einem an dieser Mannschaft trotzdem missfallen muss: Die Hoffenheimer lassen sich bei jeder Berührung fallen. Ein bis zwei Rollen inklusive. Schiedsrichter Aytekin behielt da nicht immer den Durchblick und pfiff in der ersten Hälfte einige ungerechtfertigte Freistöße für die Gastgeber. Zudem hätte er nach einer peinlichen Schwalbe im Strafraum Gelb gegen Ryan Babel zeigen müssen.

Die Führung der TSG war trotzdem zu dem frühen Zeitpunkt nicht unverdient. Firmino hatte bereits die Latte getroffen, bevor Salihovic einen Freistoß aus etwa 30 Metern ins linke obere Eck schoss. Bei einem ruhenden Ball aus dieser Entfernung in die Torwartecke muss man nach einer Mitverantwortung des Torhüters fragen. Wenig überraschend ist, dass kein direkt beteiligter Schwarz-Gelber davon etwas wissen wollte, denn der Freistoß war extrem platziert geschossen. Völlig unhaltbar erschien er trotzdem nicht, denn Roman Weidenfeller machte zunächst noch eine kurze Bewegung in die andere Richtung.

Dass die Borussia so schwer ins Spiel kam, lag daran, dass man auf die aggressive Spielweise der Hoffenheimer nicht die richtige Antwort parat hatte. Im Mittelfeld taten sich vor allem Gündogan, aber auch Bender, als Ballverteiler schwer und wenn die Schwarz-Gelben in Besitz des Leders waren, versuchten sie es zu oft mit schnellen Kurzpässen, die die ballorientiert gestaffelten Hoffenheimer häufig vorausahnten und unterbanden. Gegen den HSV hatte dieses Mittel noch prima funktioniert, aber die TSG hatte sich auf das BVB-Spiel vorbereitet und verfügte gestern über die Mittel, es häufig auszubremsen. So kamen die Borussen vor allem in der ersten Hälfte auf eine erstaunlich hohe Fehlpassquote. Natürlich könnten aber auch die Länderspieleinsätze von Mario Götze und Shinji Kagawa einen gewissen Einfluss gehabt haben.

Trotzdem hätte die Borussia die Partie auf keinen Fall verlieren müssen. Denn zwischen der 30. und 70. Minute regierte der BVB nicht nur auf den Rängen, sondern auch auf dem Spielfeld. Mit Ausnahme von einer einzigen Firmino-Chance, die Weidenfeller parierte. Ich will gar nicht von dem möglichen Elfmeter kurz vor der Pause reden. Der war für mich nicht zwingend, weil Kagawa sich bei genauer Betrachtung des Bewegungsablaufs ein wenig über das ausgestreckte Bein von Vorsah fallen lässt. Andererseits wird er getroffen und wenn man diese Szene mal mit dem Elfer vergleicht, der später für Gladbach gegeben wurde, stimmt die Verhältnismäßigkeit einfach nicht.

Man muss jedoch von der Chancenverwertung reden. Diesmal kommt leider kein BVB-Offizieller darum herum und Michael Zorc gestand die diesbezüglichen Defizite in seiner guten Stellungnahme auch ein. In der ersten Hälfte war Hoffenheims Keeper Tom Starke bei zwei Großkreutz-Schüssen zur Stelle. Santanas völlig unbedrängter Kopfball nach einer guten Ecke von Chris Löwe war leider zu harmlos. In der zweiten Hälfte brachte Jürgen Klopp Kuba und Perisic für Götze und Gündogan. Nachvollziehbar – und die beiden Neuen brachten auch tatsächlich Schwung. Allerdings vergaben sie auch weitere hochkarätige Chancen. Perisic gleich mehrere, einmal traf er immerhin mit einem Kopfball den Pfosten. Am frustrierendsten war sicher die Szene, als bei einer Hereingabe von links drei zentral frei stehende Dortmunder nicht an den Ball kamen.

Die Hoffenheimer Defensive war also keineswegs unüberwindbar. Allerdings trafen die Dortmunder Offensivspieler mal wieder zu häufig falsche Entscheidungen. Es gab etliche Szenen, in denen eine veritable Schusschance durch ein Abspiel oder fortgesetztes Dribbeln verpasst wurde. Und es gab Szenen, in denen blind geschossen wurde. Letzteres trifft seit einiger Zeit verstärkt auf Kuba zu. Der Trainer hat ihm in der letzten Saison die Anweisung gegeben, häufiger zum Abschluss zu kommen. Leider ist Kuba da noch nicht effizient genug und übersieht nun häufig besser postierte Mitspieler. Interessant ist auch, dass Lewandowski, der einzige nominelle Stürmer, nur einmal zum Abschluss kam. Zu wenig, obwohl seine Qualitäten als Vorbereiter in der einen oder anderen Situation wieder sichtbar wurden.

Gegen clever spielende Gastgeber blieben zu viele Schwarz-Gelbe unter ihren Möglichkeiten. Santana wirkte mit seinen häufigen Rückpässen zu Weidenfeller nicht so souverän, aber das war eher ein ‚optisches Problem‘. Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase standen die Innenverteidiger gut. Allerdings ließen ihre Zuspiele ins Mittelfeld zu wünschen übrig, wo Gündogan ohnehin nicht seinen besten Tag hatte. Die Außenverteidiger Löwe und Piszczek drangen gestern zu selten bis in die Nähe der Grundlinie durch, so dass sie als offensive Unterstützung nicht genug zur Geltung kamen.

Die Hinweise, wie kurzlebig unser Lieblingssport ist, bin ich inzwischen leid. Aber es stimmt. Am nächsten Samstag, nach einer vollen Trainingswoche, kommt der 1.FC Nürnberg ins Westfalenstadion. Zeit genug, zu üben und Lehren aus diesem Spiel zu ziehen. Natürlich werden sich auch die Gäste die DVD anschauen. Behutsame Personaländerungen könnten ein probates Mittel sein. Wahrscheinlich wird Schmelzer Löwe ersetzen. Dessen Standards ich jedoch vermissen werde. Gündogan sollte gegen seinen alten Club seinen Platz behalten. Ich persönlich würde Ivan Perisic gerne mal von Anfang an sehen. Vielleicht aber auch erst auswärts in Leverkusen, denn ich glaube, Kevin Großkreutz mag die Heimspiele im Westfalenstadion.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Santana, Hummels, Löwe – Gündogan (56. Perisic), Bender – Götze (54. Kuba), Kagawa (75. Zidan), Großkreutz – Lewandowski. Gelbe Karte: Götze.

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3 Kommentare zu „Das Dorf der verlorenen Punkte

  1. Hallo Nick, sehr gute und wie immer erfreulich sachliche und nüchterne Analyse. Ich persönlich kann ja sehr gut auf diese Art von Euphoriebremse verzichten. Da unsere Hauptkonkurrenten alle noch nicht in berauschender Verfassung sind(Stichwort: Dusel), hätte ich es sehr gern gesehen, wenn der BVB noch einige Punkte Polster gegen vermeintlich „leichtere“ Gegner aufgebaut hätte. Sollte nicht sein…. Ich hoffe, dass Neven nächste Woche wieder dabei sein kann, der mE leider etwas zu sehr in Mats‘ Schatten steht . Wie siehst Du das? Herzliche Grüße!

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  2. Ich hätte auch sehr gerne einen Sieg gesehen, gerade in Sinsheim. Aber die Hoffenheimer sind wohl doch kein leichterer Gegner. Ich habe sie auch etwas unterschätzt, hätte gedacht, dass sie noch nicht so weit sind. Neues Spiel, neues Glück am Samstag.
    Dass über Neven etwas weniger berichtet wird als über Mats könnte daran liegen, dass er kein deutscher Nationalspieler ist. Ich sehe es auch so, dass er im Abwehrverhalten, insbesondere bei Tacklings und Kopfbällen, mindestens so stark wie Mats ist. Was Mats besser kann, ist das Aufbauspiel. Seine Pässe von hinten heraus kommen zwar auch nicht immer an, wie wir vorgestern gesehen haben, aber wenn Mats mal im Spiel mit nach vorne geht (also nicht nur bei Standards), dann hat das meistens Hand und Fuß oder so.
    Prinzipiell finde ich es übrigens gar nicht schlimm, wenn unsere Spieler nicht so im Mittelpunkt des Interesses stehen. Bei Mario wird das jetzt langsam zu viel.

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