Der Rivale auf der Trainerbank

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Man stelle sich vor, Ralf Rangnick, Huub Stevens oder gar Peter Neururer würden Trainer von Borussia Dortmund. Schon Transfers von Fußballspielern zwischen Lokalrivalen sind eine schwierige Sache. Wenn jedoch der sportlich Verantwortliche eine fragwürdige Vergangenheit beim größten Konkurrenten hat, ist das noch mal ein anderes Kaliber. Es war also nicht völlig überraschend, dass die Ernennung von Danny Wilson zum neuen Trainer des soeben aus der zweiten englischen Liga abgestiegenen Traditionsvereins Sheffield United Ende Mai diesen Jahres zu Fanprotesten führte. Diese beschränkten sich nicht nur auf das Stadion oder das Internet – es gab sogar eine spontane Protestkundgebung vor der Spielstätte an der Bramall Lane, als der Name des neuen Trainers bekannt wurde.

Die Rivalität zwischen den beiden größten Vereinen der drittgrößten Stadt Englands ist trotz (oder auch wegen) des sportlichen Misserfolgs nach wie vor groß. Zumindest empfinden das die Fans so. Nachdem nun auch Sheffield United in die dritte Liga (League One) abgestiegen ist, wird es in dieser Saison wieder das ‚Steel City derby‘ geben. Und auf der Bank der ‚Blades‘ wird Wilson sitzen, der als Spieler und Trainer bei den ‚Owls‘ – Sheffield Wednesday – tätig war. Er ist bei United pikanterweise auch noch der Nachfolger von Micky Adams, der ein echter Blades-Fan ist, den Verein aber zum Abstieg aus der Championship geführt hat.

Betrachtet man Wilsons Vergangenheit beim Lokalrivalen, fällt die Bewertung seiner Zeit als Spieler und der als Trainer unterschiedlich aus. Für den Spieler Danny Wilson waren die frühen 1990er-Jahre bei den Owls der Karrierehöhepunkt. 1991 gewann der Verein mit ihm den Ligapokal, zwei Jahre später erreichte man erneut das Finale, genauso wie im noch deutlich wichtigeren FA-Cup. Dazu wurde Wednesday in der ersten Premier League-Saison Sechster. Die Rückkehr Wilsons nach einigen Jahren als Spieler und Trainer in Barnsley fiel dagegen eher ernüchternd aus. Nach einem ordentlichen zwölften Platz in der Premier League stieg der Club in Wilsons zweiter Saison als Verantwortlicher ab. Der Trainer war im März 2000 entlassen worden, als das Team bereits mit deutlichem Rückstand auf einem Abstiegsplatz lag. Im Januar hatten sogar Wednesday unterstützende Parlamentsabgeordnete den Rauswurf Wilsons gefordert.

Emotional gesehen könnte diese letzte Episode seiner Zeit in Hillsborough Wilson den Fans des großen Rivalen United näherbringen. Es wäre doch eine Genugtuung, mit dem auf diese Weise entlassenen Trainer des Konkurrenten selber erfolgreicher zu sein. Zudem ist Wilson nun schon seit über zehn Jahren kein Angestellter von Sheffield Wednesday mehr. Wer die englische Fußball-Zeitschrift „FourFourTwo“ kennt, dem ist sein Name vielleicht eher von seiner Zeit bei Swindon Town ein Begriff. Das Magazin war drei Jahre lang der Haupt-Trikotsponsor des damaligen Drittligisten und berichtete in einer Serie über die Geschehnisse rund um den Verein.

Man könnte den Teil der Blades-Fans, der sich massiv gegen Wilsons Verpflichtung aussprach, für etwas zu nachtragend halten. Manch ablehnende Argumentation war jedoch überzeugender vorgetragen und mit mehr Fakten unterfüttert: Das Blog „A United View on Football“ analysierte andere Stationen Wilsons und kontaktierte dazu Fans der betreffenden Vereine. In der Tat gab es in seiner Trainerlaufbahn Erfolge und Misserfolge und der Blogbeitrag stellt fest, dass Wilson bei anhaltendem Misserfolg nicht immer einen kühlen Kopf bewahrte.

Die große Mehrheit der Fans unterstützt jedoch inzwischen den Trainer, um dem Verein – also sich selber – nicht zu schaden. Und der Saisonauftakt hätte kaum besser laufen können. Das Aus in der zweiten Runde des Ligapokals beim Erstligisten FC Everton war zu verschmerzen. Am vergangenen Samstag fand der sechste Spieltag der League One statt und Sheffield United zeigte beim 4:0 über Bury seine beste Saisonleistung. 16 Punkte von 18 möglichen bedeuten zum jetzigen Zeitpunkt Rang 2, also einen direkten Aufstiegsplatz. Aufgrund der finanziell begrenzten Mittel haben einige Youngster aus der angesehenen Nachwuchsakademie von United den Durchbruch in die erste Mannschaft geschafft.

Die vor einigen Tagen zu Ende gegangene Transferperiode verlief allerdings suboptimal – wie erst gestern endgültig bekannt wurde. Zwar konnten die beliebten Leistungsträger und Eigengewächse Matthew Lowton (Abwehr), Nick Montgomery und Stephen Quinn (beide Mittelfeld) gehalten werden. Nach dem Abgang der Stürmer Daniel Bogdanovic und Jordan Slew (letzterer wechselte nach Blackburn in die Premier League) ist jedoch der Angriff im Verletzungsfall unterbesetzt. Trainer Wilson wollte dies mit der Leihe der beiden offensiv vielseitig einsetzbaren Mittelfeldspieler Kyle Hutton und John Fleck von den Glasgow Rangers kompensieren. Aus noch nicht ganz erfindlichen Gründen ist dieser Deal geplatzt. Irgendwelche Papiere waren noch nicht fertig, als sich das Transferfenster am letzten Mittwoch um 23 Uhr Ortszeit schloss. Die beiden Vereine gaben sich überzeugt, das Nötige veranlasst zu haben, allerdings könnten „technische Fehler“ bei United oder der Football League die Wechsel letztendlich verhindert haben. Das erinnert doch stark an das streikende Faxgerät des Kölner Sportdirektors Volker Finke.

Danny Wilson will die Mannschaft nun in der in Kürze beginnenden Transferphase für Ausleihgeschäfte weiter verstärken. Englische Vereine von der zweiten bis zur sechsten Liga können in der Zeit vom 8. September bis 25. November Spieler auf Leihbasis verpflichten – allerdings nicht aus Schottland (und den meisten anderen Ländern), da es diese Regelung dort nicht gibt. Sollte der kleine Transferlapsus ohne sportlich negative Folgen bleiben und der Erfolg anhalten, wird Wilson die Blades-Fans nach und nach von sich überzeugen können. Spätestens mit einem Derbysieg am 16. Oktober an der Bramall Lane.

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2 Gedanken zu “Der Rivale auf der Trainerbank

  1. Gut recherchierter Artikel, abseits von der Geschichte um die Verpflichtung des Birmingam City Trainers durch deren Stadtrivalen Aston Villa. McLeish ist zwar weder ein Fan von Birmingham City oder Villa aber er wechselte innerhalb der Stadt am Ende einer Saison.

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  2. Danke! Der Fall McLeish ist wegen des unmittelbaren Wechsels natürlich noch heikler. Deswegen fand ich die große Animosität, der sich Wilson bei Sheffield United ganz am Anfang gegenüber sah, auch leicht übertrieben. Andererseits hat McLeish wiederum den ‚Vorteil‘, bei keinem der Birminghamer Vereine gespielt zu haben.

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