Der Mann, über den die Hauptstadt spricht

Er ist nicht das einzige Gesprächsthema der Hauptstadt. Aber wer über Hertha BSC reden will, muss über Markus Babbel reden. Oder? Der Trainer des nach einjähriger Abstinenz in die 1. Bundesliga zurückgekehrten Vereins verkauft es offensiv als seine Strategie, selbst im Mittelpunkt – auch der Kritik – zu stehen und so Druck von der Mannschaft zu nehmen. Vor dem Saisonauftakt sprach Babbel von drei Siegen zu Beginn. Das hat nicht geklappt. Vor knapp zwei Wochen gab er dann den „Stuttgarter Nachrichten“ ein Interview, in dem er sich etwas pauschal über die Berliner und seinen aktuellen Verein äußert:

Hertha BSC hat gelernt, demütig zu werden. Der Berliner an sich neigt ja tendenziell gerne mal zum Größenwahn. Er ist laut, redet viel, will viel – aber getan wird oft erstmal wenig. Das hat sich in der Vergangenheit manchmal auch so durch den Club gezogen. Wenn du dann plötzlich in Paderborn oder Oberhausen spielst, wirst du automatisch wieder ein bisschen bescheidener. Du weißt, dass du für den Erfolg erstmal hart arbeiten musst.

Bei den Fans und in den Medien der Hauptstadt kamen dieses und andere Zitate Babbels überwiegend nicht gut an. Ich lebe seit 12 Jahren in Berlin und sage es mal so: Bezüglich des Vereins hat Babbel Recht. Um ehrlich zu sein sind mir sogar genau die gleichen Gedanken zur Hertha in den vergangenen Jahren öfter durch den Kopf gegangen.

Es wird spannend zu sehen sein, ob Babbels Kommunikationsstrategie, wenn es denn eine ist, aufgeht. Das hängt selbstverständlich von den Erfolgen ab. Indem er seinen Finger in die Wunde legt und mit Blick auf die Medienlandschaft von einem „Haifischbecken“ spricht, polarisiert Babbel natürlich noch mehr. Man kann es jedoch als Berliner nachfühlen, denn wie hier selbst in seriösen Zeitungen beispielsweise Zwischenfälle im Training aufgebauscht werden, ist schon sehr speziell, zumindest für Deutschland.

Natürlich reicht es nicht, nur über Babbel zu sprechen, wenn am Samstag die Mannschaft von Borussia Dortmund auf die Mannschaft aus der Hauptstadt trifft. Hertha BSC ist nach dem Heimsieg über den VfB Stuttgart in der Liga angekommen. Wo sich der Verein aber 2012 einsortieren wird, ist nach wie vor äußerst schwer zu beurteilen. Der Kader ist sehr heterogen: Es gibt einige Spieler, die in der zweiten Liga bei der Hertha geblieben sind, obwohl sie sicher Erstligaqualität haben, wie Adrian Ramos oder Raffael. Es gibt eine Reihe jüngerer Spieler, denen man viel Potenzial, aber noch nicht so viel Konstanz zusprechen kann. Dann ist da die Ex-Bayern-Fraktion mit Lell, Ottl und Kraft, von denen nur der letzte wirklich knapp an den Anforderungen des Rekordmeisters gescheitert ist. Und es gibt noch einen Charakter wie Maik Franz, den man sicher im Abstiegskampf brauchen kann, der jedoch zu keiner der genannten Fraktionen wirklich passt.

Es ist ein Vabanque-Spiel: Gelingt es, die heterogenen Spieler zu vereinen und auf das gemeinsame Ziel und eine gemeinsame Spielidee einzuschwören, dann ist der Klassenerhalt zu erwarten und ein Platz im unteren Mittelfeld nicht ausgeschlossen. Für den BVB könnte das Spiel zur richtigen Zeit kommen. Noch scheint das Gebilde Hertha nicht so gefestigt zu sein, dass es einem im eigenen Stadion selbstbewussten Meister 90 Minuten standhalten sollte.

Hertha BSC hat jedoch im Gegensatz zum BVB keine nennenswerten Ausfälle zu beklagen. Den Borussen fehlen neben den nach wie vor verletzten Barrios, Koch und Owomoyela die gesperrten Mario Götze und Sebastian Kehl. Wir werden also zum ersten Mal in dieser Bundesliga-Saison sehen, wie der BVB ohne Götze funktioniert. Das Gute ist: Jürgen Klopp hat mehrere überzeugende Optionen. Und ich eine klare Präferenz. Ivan Perisic hat wiederholt seine Torgefährlichkeit und seine Vorbereiterqualitäten unter Beweis gestellt und sollte nun die Möglichkeit erhalten, diese über bis zu 90 Minuten zu verwirklichen. Kuba und Leitner sind sehr ordentliche Alternativen, aber keiner der beiden strahlt eine vergleichbare Torgefahr aus. Torgefahr ist nicht nur wichtig, um ein Spiel zu gewinnen, sondern auch, um den Gegner dazu zu zwingen, sich an unserem System zu orientieren und selber agieren zu können.

Der zuletzt angeschlagene Sven Bender wird aller Voraussicht nach am Samstag spielen können, so dass die Startelf der letzten Wochen nur auf der Götze-Position umgestellt werden muss. Es ist nicht zu erwarten, dass am Samstagabend  erneut über Markus Babbel geredet werden muss, weil er einen Sensationssieg in Dortmund geholt hat. Hertha BSC ist ein Aufsteiger wie jeder andere und Heimspiele gegen einen Aufsteiger sollte man gerade zu diesem Zeitpunkt der Saison gewinnen. Die Borussia hat auch ohne Götze allemal das Potenzial, aber es gehören – wie gegen alle Aufsteiger – auch Geduld und Respekt vor dem Gegner dazu.

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