100.000 Trainer, ein Verein

1. Bundesliga, 5. Spieltag / BVB 1 Hertha BSC Berlin 2

Wenn ich Trainer von Borussia Dortmund wäre, hätte ich gestern Ivan Perisic anstelle von Kuba von Beginn an spielen lassen. Einer guten Halbzeit Kubas im Länderspiel standen mehrere überzeugende Auftritte Perisics als Einwechselspieler für den BVB gegenüber. Wäre ich Trainer, hätte ich zur Halbzeit nicht da Silva für Gündogan gebracht, denn ‚Toni‘ kann zwar schöne Freistöße treten (wie Ilkay), aber ohne Standards ist er keiner, der ein Spiel entscheidend beeinflusst. So kam seine Torvorlage per Freistoß leider zu spät. Ich hätte dafür den überfälligen Wechsel Perisic für Kuba schon nach der Halbzeit vollzogen. Ich bin jedoch nicht Jürgen Klopp, habe die Spieler nicht im Training gesehen und die 99.999 anderen potenziellen Trainer haben sicher noch ein paar andere Meinungen zu bieten.

Trotzdem: Die Fehlerkette, die zur überraschenden und verdienten Heimniederlage gegen Hertha BSC führte, zieht sich fast durch die ganze Mannschaft bis zur Trainerbank. Es kann keine zwei Meinungen geben – das war gestern viel zu wenig vom BVB. Roman Weidenfeller trifft am wenigsten Schuld. Er zeigte mehrere gute Reaktionen, paradoxerweise unter anderem vor dem 0:1, als er gegen den anstürmenden Raffael prima klärte – nur dass der Ball unglücklicherweise gegen Schmelzers Bein und von dort wieder in den Laufweg des Berliners prallte. Vor dem 0:2 wehrte der Keeper einen wuchtigen Kopfball von Mijatovic nach einer Ecke ab – es war wiederum Pech, dass der Ball direkt zum knapp vor dem Tor wartenden Niemeyer sprang. Fehler wurden in diesen Szenen trotzdem gemacht: Beim ersten Treffer holte sich Raffael den Ball im Mittelfeld, Hummels und Subotic konnten ihn nicht aufhalten. Beim zweiten Tor hätte Mijatovic nicht so frei zum Kopfball kommen dürfen.

Die Viererkette wirkte bei den schnellen Kontern der Hertha gelegentlich zu überrascht, doch gingen den Angriffen den Berliner (wie so häufig) meistens Ballverluste im Mittelfeld voraus. Es wurden allgemein zu viele Fehlpässe gespielt. Teilweise durch zu viel Hektik – nur hin und wieder hätte man schneller spielen können. Eher oberflächlichen Betrachtern fehlt die Schnelligkeit im BVB-Spiel. Dass man sich gegen eine trotz gelungener Konter teils sehr tief stehende Gästemannschaft nicht 1, 2, 3 durch die Viererketten kombinieren kann, sollten die noch von letzter Saison geblendeten Fans anfangen, zu verstehen.

Was jedoch ebenfalls fehlte und weswegen die Berliner zu Beginn sogar gefährlicher wirkten: Die Aggressivität und Zweikampfstärke im Mittelfeld. Neben der Aufstellung und der Fehlpassquote war das ein weiterer Grund für die Niederlage und womöglich der bedenklichste. Denn es bleibt leider der Verdacht – mehr ist es nicht – von Leichtsinn (bei Pässen) und fehlender Einstellung (in den Zweikämpfen). Markus Babbel lobte zurecht seine defensiven Mittelfeldspieler und seine Innenverteidigung. Denen wurde es jedoch zu einfach gemacht. Kagawa rannte sich oft fest, hatte einen guten Schuss und einen ordentlichen Kopfball in der ersten Halbzeit, ansonsten ist er einfach noch nicht in der Form wie vor seiner Verletzung. Von Großkreutz kam bis auf einen Torschuss wenig, von Kuba nichts. Gar nichts. Es waren beinahe nur die Außenverteidiger Schmelzer und Piszczek, die (vor Perisics Einwechslung) die Flügel bespielten.

Die Führung kurz nach der Pause spielte den Gästen natürlich in die Karten. Sie konnten noch defensiver stehen und die einfallslosen Schwarz-Gelben das Spiel machen lassen. Es wurde auf BVB-Seite nur einen optischen Tick besser. Die Überlegenheit war zwar da, die zahlreicheren Chancen hatte jedoch nach wie vor Hertha (zwei Alutreffer gegenüber einem Lattenkracher von Sven Bender). Erst nach dem Anschlusstreffer durch Lewandowskis Kopfball nach da Silvas Freistoß wurde die Offensive der Borussia zwingender und wäre Piszczek nicht knapp an einem Pass von links vorbeigerutscht, hätte es sogar noch Unentschieden enden können.

Dennoch war das gestern ein bedenklicher Auftritt. Nicht in erster Linie wegen dem CL-Spiel am Dienstag. Vermutlich wird das Team dann anders auftreten – konzentrierter, mit Mario Götze. So wie am Samstag hätte man auch keine Chance gegen Arsenal. Problematisch könnte das Umschalten zwischen Champions League und Liga werden. Die Partie gegen die Hertha war ein erster Anhaltspunkt, der das nahelegt. Ob wirklich ein paar Prozent Konzentration fehlten und zukünftig fehlen werden, muss sich jedoch erst zeigen. In der letzten Saison hat der BVB den Wechsel noch gut hingekriegt. Jürgen Klopp und dem Trainerteam ist es zuzutrauen, eigene Fehler und die der Spieler zu analysieren und entsprechende Änderungen vorzunehmen.

Wichtig ist jedoch trotzdem, dass die Fans realistisch bleiben. Es wird noch mehr schwer und höchstens multikausal erklärbare Niederlagen geben. Andere Trainer hatten viel Zeit, Stärken und Schwächen des BVB zu studieren. Die Euphorie der Meistersaison konnte unmöglich 1:1 auf die neue Spielzeit übertragen werden. Und der Kader ist auf einer Reihe von Positionen nicht besser besetzt als sechs, sieben andere Vereine. Das diktiert die finanzielle Vernunft. Man sollte Aki Watzke abnehmen, was er heute Morgen im Sport1-Doppelpass erneut gesagt hat: Das ausgegebene Saisonziel der Borussia war kein Understatement. Es kann besser kommen, es kann schlechter kommen, es ist aber nicht unrealistisch.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer – Bender (73. Zidan), Gündogan (46. da Silva) – Kuba (58. Perisic), Kagawa, Großkreutz – Lewandowski. Gelbe Karte: Lewandowski. Tor: Lewandowski.

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7 Kommentare

  1. So wie die Hertha haben schon einige Mannschaften versucht, dem BVB die Zähne zu ziehen und dabei nicht schlecht ausgesehen. Man ist eben nicht Barca, dass den Gegner ins Koma kombinieren und ständig öffnende Passstaffetten starten kann. Und, Nick, du sagst es, wir sind auf einer Reihe Positionen gut, aber nicht überdurchschnittlich besetzt. Eine Mannschaft mit Luft unter den Flügeln gleicht das problemlos aus, der BVB im momentanen Zustand jedoch nicht. Da steht der Kaiser gerade nicht selten ohne Kleider da.

    Außerdem muss die Mannschaft endlich lernen, dass (schnell) spielen nicht immer geht. Entweder der Gegner kann auch Pressing oder steht tief oder hat ein ebenbürtiges Mittelfeld. Dann braucht man mehr gefährliche Standards, mehr gelungene Einzelaktionen, mehr gewonnene Zweikämpfe. In Spielen wie gegen die Hertha ist der BVB immer noch zu „brav“: Die wollen nur spielen. Das reicht nicht, man muss auch gewinnen wollen, so wie in den letzten Minuten nach dem 1:2. Diesen Lernprozess haben viele im Meisterteam noch vor sich.

    Wenn Klopp seit längerem davon spricht, man wolle seine eigenen Erfahrungen machen, meint er sicher auch solche vermurksten Spiele wie gegen die Hertha oder Hoppenheim. In diesem Jahr wird sich zeigen, wer nicht nur eine Welle reiten kann, sondern sich individuell als Spieler weiterentwickelt. Kehl wird in dieser Saison deshalb wichtiger denn je sein. Mal das Tempo rausnehmen, mal einen Freistoß rausholen und wenn’s kurz hinter der Mittellinie ist. Denn in dieser Saison spielt der BVB nicht mit Rücken, sondern mit Gegenwind.

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  2. Was mir auffällt ist, das wir besonders nach Länderspielpausen arg Probleme haben.
    Vor allem wenn es sich um tiefstehende Gegner handelt, fehlen einfach die Mittel auch mal ein Tor zu erzwingen. Ich bin da ganz zuversichtlich das wenn Lucas wieder fit ist, die Qualität nochmals erhöht wird.Die Ein-bzw. Auswechslungen konnte auch ich nicht ganz nachvollziehen.

    Gestern fehlte einfach alles, Zweikampfstärke, das Spiel über die Flügel wurde vernachlässigt und individuelle Fehler kamen hinzu. Ich denke eine mitspielende Mannschaft wie Arsenal am Dienstag spielt dem BVB in die Karten.
    Ich hoffe das Klopp diesmal Perisic von Anfang an bringt, da von Großkreutz am Samstag leider überhaupt nichts zu sehen war.

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  3. @le karl: Super Kommentar! Jetzt nicht, weil du mir zustimmst, sondern wegen dem was du sonst noch schreibst. Die Gegner haben gelernt und deswegen ist unsere Herausforderung jetzt, neue Mittel zu finden, neue Konzepte, um auch solche Abwehrriegel zu durchbrechen. Und wieder einen Schritt voraus zu sein. Das ist überhaupt nicht einfach, weil Jürgen Klopp natürlich nicht der einzige Trainer ist, der sich Gedanken macht.
    Wie du andeutest: Wir müssen definitiv aggressiver spielen als am Samstag und wir müssen vielseitiger werden. Beim ersten Punkt könnte uns Sebastian Kehl wirklich helfen. Ich halte es für nicht abwegig, ihn in bestimmten Spielen zusammen mit Bender einzusetzen, in einem 4-2-3-1 oder einem 4-3-3.

    @Andy: Ich bin mal gespannt, was Klopp auf der linken Seite macht. Wahrscheinlicher ist es mMn, dass Kevin spielt. Der hat betont, wie „geil“ er auf das Spiel ist, vielleicht war das Teil seines Problems am Samstag. Er würde von der Atmosphäre morgen Abend sicher profitieren. Ob Klopp ihn ausgerechnet bei diesem Spiel rausnimmt? Für Perisic spricht mit Sicherheit die höhere spielerische Raffinesse. Vor allem psychologisch ist das eine schwere Entscheidung für Klopp.

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  4. Ich hab ganz schön nach Atem ringen müssen nach dieser Niederlage. Darauf war ich nicht vorbereitet. Also gut, ist passiert – jetzt volle Konzentration auf Arsenal.

    Allerdings mache ich mir ernsthaft Sorgen, dass nach nur fünf Spieltagen der Zug in Richtung oberes Tabellensechstel ohne den BVB abfährt. Während unsere Jungs einen Sch*** zusammenspielen, werden in München Fakten geschaffen. 12 Punkte und 16(!!) :1 Tore. Bitte nicht missverstehen, ich denke nicht, dass wir wieder Meister werden müssen. Allerdings ist der BVB der AMTIERENDE Meister und sollte imho auch so auftreten! Da ist einfach zu wenig Einsatz, zuwenig Wille. Das enttäuscht mich schon. Gegen Hannover wird es mit Sicherheit sauschwer. Hoffentlich setzt es da nicht die nächste Niederlage. Dann haben wir wirklich ne Krise an der Backe, die sich leicht zu einer Abwärtsspirale ausweiten kann. Sehe ich das zu negativ?

    Viel Spaß morgen abend! Nur der BVB!

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  5. Ich war auch schwer enttäuscht nach dem Spiel am Samstag. Allerdings war das das bisher einzige Spiel, wo es mir so ging. Sicher, wir sind amtierender Meister, aber eben auch ein Meister, den man nicht erwarten konnte. Und wir haben trotz der Meisterschaft und den damit verbundenen CL-Millionen nicht die Voraussetzungen, jedes Jahr um den Titel mitzuspielen. Die Bayern dagegen haben die finanziellen Mittel und haben sie in diesem Sommer auch erneut eingesetzt. Alles andere als eine Meisterschaft des FCB wäre eine Überraschung und sogar eine Blamage für den Verein. Man muss allerdings auch sagen, dass die Bayern bisher vorwiegend leichtere Gegner hatten und ihre tolle Bilanz in den nächsten Wochen bestätigen müssen.

    Wie gesagt, ich denke, alle haben gegen Hertha Fehler gemacht. Ich denke aber auch, dass alle bei uns im Verein lernfähig sind. Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass eine solche Leistung jetzt zur Regel wird. Was dann die Platzierung am Ende der Saison angeht: Ich sehe das ähnlich wie Watzke und bin jetzt erst mal froh, dass wir nicht weiter auf S04 verloren haben. ;-)

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