Der perfekte Schuss

Champions League, 1. Spieltag / BVB 1 Arsenal 1

Ein Muster schien sich zu wiederholen: Das der letzten Europa League-Kampagne des BVB. Die Borussia hatte am Dienstag gegen Arsenal ein sehr ordentliches und in der ersten Halbzeit sehr gutes Spiel abgeliefert. Leider wurden mehrere Torchancen nicht genutzt und ein einziger dummer Fehler bestraft. In der zweiten Hälfte rannte man gegen ein Abwehrbollwerk an, das man den Londonern gar nicht zugetraut hatte. Kommentator Marcel Reif begann auf „Sky“ schon nach 65 Minuten zu unken, den Borussen fehle der Glaube, sie seien sogar von der Pleite gegen Hertha BSC angeknackst. Mit Ivan Perisic war es nach 88 Minuten nicht mal ein unwahrscheinlicher Held, der Reif und alle anderen Kritiker Lügen strafte. Seine Torgefährlichkeit hatte der Neuzugang schon öfter angedeutet. Passend zur Champions League-Rückkehr traf er mit einem traumhaften Bilderbuchschuss in den Winkel.

Es war nicht überraschend, dass das Auftreten der Schwarz-Gelben völlig anders war als an gleicher Stelle gegen die Berliner. Das mag am Anlass gelegen haben, aber sicher auch an der offensiven Ausrichtung des Gegners. Früher als erwartet griff Jürgen Klopp daher auf eine Option zurück, die wir hier Anfang der Woche in den Kommentaren diskutiert haben. Es war sinnvoll, in diesem Spiel hinter einem wie üblich dreifach besetzten offensiven Mittelfeld mit Sven Bender UND Sebastian Kehl zwei defensiv ausgerichtete Spieler aufzubieten. Sicher, der erfahrene Kapitän der Borussia spielte in der 42. Minute den Fehlpass, der zum 0:1 führte und auch sonst noch ein paar wacklige Pässe. Andererseits war es stark, wie sich van Persie den ‚Fehlpass‘ ergrätschte und schnell zu Gervinho weiterleitete. Und bei Kehl gab es auch Licht: Viele Balleroberungen im Mittelfeld und einige durchaus gelungene Weitergaben.

Dafür, dass die Borussia die Partie über weite Strecken bestimmte und schon in der ersten Viertelstunde drei dicke Chancen hatte, war auch die Dominanz im Mittelfeld verantwortlich. Ein zweikampfstarker und lauffreudiger Sven Bender sowie ein lebendiger und deutlich verbesserter Shinji Kagawa besetzten die zentralen Positionen. Und auf rechts wirbelte bei der CL-Rückkehr der Rückkehrer Mario Götze. Der krönte eine grandiose erste Halbzeit mit der tollen Vorlage für Robert Lewandowski, der bei seiner folgenden Riesenchance in der 12. Minute eigentlich gar nichts falsch machte, sondern den erneut starken Keeper Szczesny umkurvte und mustergültig eingeschoben hätte, wenn nicht Sagna stark auf der Linie geklärt hätte. Wäre Robert in der 90. Minute erneut schneller als der Torwart gewesen, würden manche möglicherweise noch jetzt die Nachwirkungen der Feier spüren.

Arsenal stand ab Mitte der ersten Halbzeit und erst recht nach dem Führungstor hinten sicherer. In der zweiten Hälfte wirkten die Schwarz-Gelben lange ideenlos, was aber auch an der ungewohnt defensiven Ausrichtung der Gäste lag. Es war erstaunlich destruktiv, was die Gunners zeigten. Man merkte, dass das neu zusammengestellte Mittelfeld – mit Arteta zentral und Benayoun auf der ’10‘ – im Offensiv- und Aufbauspiel noch nicht richtig harmonierte. Lange Zeit schien die Verteidigung der Führung ausreichend zu sein – bis Perisic kam und das Engagement und der Glaube der Schwarz-Gelben belohnt wurden. Der Mann, der in der Champions League seine Lieblingsnummer 44 tragen darf, hat sich damit nachdrücklich für die Startelf in Hannover empfohlen. Sein Konkurrent Kevin Großkreutz tat das trotz eines ordentlichen Torschusses nicht. Er schlug zu oft ideenlose bzw. unpräzise Flanken, die bei Szczesny landeten und baute bis zu seiner Auswechslung in der 69. Minute spürbar ab.

Ein Tor kurz vor Schluss gegen den FC Arsenal, bei der Rückkehr in den wichtigsten internationalen Club-Wettbewerb – das fühlt sich mehr wie ein Sieg als ein Remis an. Vor allem die Fans im Stadion und ganz besonders die Urheber der großartigen Königsklassen-Choreo hatten sich diesen Höhepunkt verdient. Natürlich gibt es jedoch keinen Grund zum Zurücklehnen. In der Bundesliga sowieso nicht und in der Champions League heißt es in zwei Wochen in Marseille „Verlieren verboten“, denn durch den Auswärtssieg der Franzosen vorgestern hätten diese bei einem Heimsieg über die Schwarz-Gelben schon fünf Punkte Vorsprung. Aber ob Champions League, Pokal oder Bundesliga – nach so einem Spiel wie am Dienstag hat man einfach noch viel mehr Lust auf Fußball als ohnehin schon. Bitter für die Partie in Hannover ist jedoch, dass neben dem gesperrten Kehl auch Sven Bender wegen eines kleinen Muskelfaserrisses pausieren muss.

Die Aufstellung: Weidenfeller (7) – Piszczek (7), Subotic (7), Hummels (7), Schmelzer (6) – Bender (8), Kehl (6) (69. Kuba) – Götze (8), Kagawa (7) (85. Zidan), Großkreutz (5) (69. Perisic – 8) – Lewandowski (7). Gelbe Karten: Bender, Schmelzer. Tor: Perisic.

(Kleine Neuerung: Ich finde es immer schade, manche Spieler im Text zu erwähnen und andere nicht. Schließlich geht es hier um einen Mannschaftssport. Alle zu erwähnen wäre aber zu viel und zu ermüdend. Deshalb soll zumindest jeder eine Einschätzung bekommen. Mit Hilfe von – Achtung, origineller Einfall – Noten. Immerhin werde ich keine Schulnoten vergeben, sondern wie in meinen Hin- und Rückrundenbewertungen Punkte von 1 bis 10. Oben erstmals zu besichtigen.)

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4 Kommentare

  1. Was der Punkt zuhause wert war, zeigt die 4:3 Niederlage auswärts in Blackburn, bei der sich Arsenal zwei Eigentore einschenkte, nämlich deutlich weniger als auf dem Papier. Und was die drei Punkte und die Zaubereien im ersten Spiel gegen den HSV wert waren, zeigt der Tabellenstand der Hamburger (1 Punkt aus 6 Spielen).

    Beim BVB sind zu viele noch zu weit von der Form der Vorsaison entfernt, speziell Schmelzer und Großkreutz, die beide technisch nicht auf der Höhe sind und möglicherweise – pardon – auch nie so ganz waren. Bezeichnend, dass sich einzig Hummels im Moment mit vertikalen Pässen hervortut, aus dem Mittelfeld kommt bislang zu wenig. Zumindest war der Auftritt des BVB anders als nach den letzten Ligaspielen beherzt und spielerisch deutlich verbessert. Doch Kehls Fehlpass war symptomatisch dafür, dass es im Moment zu wenig „Stabilisatoren“ im Spiel gibt. Hummels, Bender und Götze sind zwar eine perfekte Achse, doch im Ligabetrieb als Gerüst einer Mannschaft nicht ausreichend.

    Ich würde mir weniger Schönwetterspielerei wünschen als vielmehr mal dreckiges Durchbeißen. Nicht, weil das „echter Fußball“ wäre, sondern weil es ein Zeichen von Stabilität ist, wenn Mannschaften auch so etwas beherrschen. Womit wir bei der von mir des öfteren gewünschten Variabilität wären. Ich sags ungern, aber die Dingens aus Kirchen sind uns da im Moment ein wenig voraus, finde ich. Es geht nicht um die gelaufenen Kilometer, es geht um den Biss. Bittebitte, zeigt den Hannoveranern morgen, wo der Hammer hängt, allen Ausfällen, Umstellungen und Formschwächen zum Trotz. Sonst gehts dieses Saison nur mühsam weiter …

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  2. Man kann das mit Arsenal natürlich auch positiv sehen: Vielleicht sind sie gar nicht der große Favorit und wir im Rückspiel nicht chancenlos. ;-)
    Ich gebe dir recht, was Schmelle und Kevin angeht. Ersterer wird nie ein entscheidender Spieler sein, aber er kann natürlich mehr als er bisher in dieser Saison gezeigt hat. Kevin ist halt immer sehr stark von seiner Tagesform abhängig. Immerhin ist er derzeit unserer bester Torschütze. Kehls Fehlpass war zwar unnötig, aber van Persie hat den schon auch gut ‚ergrätscht‘. Das schafft nicht jeder Gegenspieler.
    Ich halte ja viel von Perisic. Wenn er endlich öfter spielt, haben wir zwar keinen weiteren „Stabilisator“, aber er wird uns spielerisch weiterbringen und er verbreitet Torgefahr – und das hat uns ja in einigen Spielen auch gefehlt.

    Ob wir von Gelsenkirchen lernen können? Weiß nicht so recht. Wirklich konstant sind die auch nicht, die Defensive wackelt nach wie vor, das EL-Spiel war stinklangweilig, sie haben im Moment noch zwei Punkte mehr, aber morgen Abend nicht mehr, denke ich. ;-)

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  3. Bei Kevin bin ich immer wieder überrascht das er überhaupt Tore schießt. Er wirkt auf mich immer so behäbig und ungelenk am Ball, ganz zu schweigen von seinen technischen Defiziten.
    Bei Schmelle würd ich mir einfach wünschen das er wieder öfter mal die eins zu eins Situationen sucht oder mal zur Grundlinie durchläuft. Die Flanken der beiden lassen ja auch zu wünschen übrig.
    Das mit dem Fehlpass kann man mMn allerdings nicht schönreden, das war einfach ein Riesenbock von Kehl und darf so nicht passieren.
    Ich hoffe nur die 2 Punkte die wir jetzt liegen gelassen haben fehlen am Ende nicht.
    Von daher sollte man schon mindestens eines der nächsten 2 Auswärtsspiele in der Cl gewinnen.

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