Knock-out in der 12. Runde

Standard

1. Bundesliga, 6. Spieltag / Hannover 96 2 BVB 1

Dunkle Wolken über dem Niedersachsenstadion

Das Beste am gestrigen Tag war der schöne Himmel auf der Rückfahrt nach Berlin. Borussia Dortmund kassierte dagegen eine der bittersten Niederlagen der letzten Jahre. Die Schwarz-Gelben dominierten die erste Hälfte, hatten eine danach ausgeglichenere Partie weiter im Griff, erzielten die verdiente Führung, gerieten nach etwa 75 Minuten unnötigerweise unter Druck und verloren durch einen Doppelschlag in der 87. und 89. Minute.

Ausverkauftes Stadion, vielleicht 7.000 Dortmunder, die zumindest mehr Stimmung als die heimische Nordkurve machten – es hätte ein schöner Sonntag werden können. Als ausgerechnet Publikumsliebling Shinji Kagawa seine kleine Post-Verletzungs-Krise mit dem Treffer zum 1:0 beendete, war die schwarz-gelbe Welt in Ordnung. Da Silva und Lewandowski hatten die Vorarbeit geleistet, der Pole dabei einen Cut im Gesicht erlitten. Shinji täuschte zwei Abwehrspieler und lupfte den Ball über den guten Torwart Zieler ins Netz.

Was davor kam, war sehr ordentlich gewesen. Jürgen Klopp hatte ein offensives Mittelfeld mit Gündogan, da Silva, Kuba, Kagawa und Perisic aufs Feld geschickt. Diese Fünf machten ihre Sache lange gut, auch defensiv. In der ersten Hälfte ließen die Schwarz-Gelben nur eine Chance aus dem Spiel heraus zu, die Weidenfeller parierte und Subotic klärte. Das Spiel nach vorne war gefällig, ohne die großen genialen Momente zu haben, die oft im Zusammenhang mit Mario Götze stehen. Positiv war die häufige Spielverlagerung, wobei die Mitte meistens dicht war und über die Flügel gespielt werden musste. Schmelzer und sein Ersatzmann Löwe konnten links wenig Impulse geben und Perisic erfüllte die Erwartungen, die mit seinem Startelfdebüt verknüpft waren, leider nicht ganz. Nach einer gewissen Anlaufzeit wirkte die rechte Seite mit Piszczek und Kuba gefährlicher. Ersterer war defensiv wie offensiv aktiv und auch Kuba konnte nach zuletzt enttäuschenden Auftritten mit Schnelligkeit und einigen gelungenen Dribblings überzeugen – leider nur bis zur Strafraumgrenze.

Anstoß in Hannover

Der BVB hatte trotzdem einige gute Chancen. Lewandowski war fast durch, bekam aber den Ball nicht richtig unter Kontrolle. Perisics schöner Volleyschuss wurde von Zieler gut gehalten. Kubas Lupfer war gegen den großen Zieler möglicherweise die falsche Entscheidung. Gündogan setzte den Ball nach einem guten Pass von rechts in den Rückraum über das Tor. Die größte Chance vergab beim Stand von 1:0 der eingewechselte Großkreutz wenige Meter vor dem Tor – allerdings war Kubas Hereingabe von rechts zu scharf gewesen.

Wie kommt es dann, dass die Borussia das Spiel in den letzten zehn bis zwanzig Minuten – über den Zeitpunkt gehen die Meinungen auseinander – aus der Hand gibt? So wie gegen Hertha kommt man nur mit einem multikausalen Erklärungsansatz weiter. Zum Zeitpunkt der Gegentore waren drei aktuelle Stammspieler verletzt oder angeschlagen ausgewechselt worden: Schmelzer, Lewandowski und Hummels. Es ist nicht ideal, ohne echten Stürmer zu spielen, wenn man nur 1:0 führt. Mats Hummels war bis zu seiner Auswechslung einer der stabilisierenden Faktoren gewesen und hatte sich gelegentlich mit wie immer variierendem Erfolg ins Angriffsspiel eingeschaltet. In der späten Drangphase der Hannoveraner wurde dann aber auch zum Problem, dass die zweikampfstarken Mittelfeldspieler Kehl und Bender fehlten, die einen gegnerischen Angriff kompromisslos, jedoch mit fairen Mitteln, unterbrechen können.

Neben Chancen, die Piszczek, Weidenfeller oder die Latte für Borussia klärten, wurden die vermehrten Freistöße und Ecken der Gastgeber zum Problem. Die Schwarz-Gelben haben damit in dieser Saison hinten wie vorne Probleme. Hannover hatte eine Reihe von Ecken und die meisten wurden souverän geklärt. Beim Ausgleich durch Haggui war dessen Gegenspieler Subotic jedoch unaufmerksam. In der Offensive muss vor allem an den Freistößen gearbeitet werden, denn die sind fantasielos und manchmal sogar schlecht ausgeführt. Dem BVB gelang nur eine echte Torannäherung per Standard durch da Silva.

Man hatte den Eindruck, dass die Schwarz-Gelben von der Intensität der späten Gegenwehr Hannovers überrascht waren und sich überrumpeln ließen. Auch nach dem Nackenschlag, den der Ausgleich darstellte, wurde der Ball zu schnell wieder verloren und nach einer Flanke von rechts, die man hätte verhindern sollen, machte Ya Konan mit einem tollen Schuss aus 17 Metern sein erstes Saisontor. Unglücksrabe beim BVB war wieder Neven Subotic, der ausrutschte und den Stürmer deshalb nicht stören konnte. Nach einer sehr soliden ersten Hälfte entwickelte sich die Partie noch zu einem Albtraum für Neven: er wirkte in der Schlussphase behäbig und zupfte schon zuvor einen Hannoveraner im Strafraum am Trikot.

Ein 1:1 wäre aufgrund der sich verschiebenden Kräfteverhältnisse der letzten Viertelstunde und der Zahl der Chancen nicht unverdient gewesen. Dazu kommt, dass es auch noch eine wirklich elfmeterreife Szene gab, als da Silva bei einem Freistoß die Hand ausstreckte und den Ball berührte. Das 1:2 ist allerdings extrem bitter und wird dem Spielverlauf nicht gerecht. Aber darum geht es im Fußball bekanntlich nicht. Fragwürdig ist jedoch, warum Schiedsrichter Gagelmann trotz drei Toren, kleineren Verletzungsunterbrechungen und Platzverweis nur eine Minute nachspielen ließ. Deutsche Pünktlichkeit?

Angesichts der eigenen Leistung gäbe es beim BVB eigentlich keinen großen Grund zur Sorge, wenn man bedenkt, dass Götze, Kehl und vermutlich auch Bender am nächsten Samstag wieder eingesetzt werden können. Andererseits muss die Schlussphase der Begegnung aufgearbeitet werden. Wie nach dem Hertha-Spiel sind leise Zweifel an der mentalen Stärke der Mannschaft angebracht. Daran muss ebenso gearbeitet werden wie an den Standards, denn das meisterliche Selbstbewusstsein dürfte erst mal weg sein. Das muss auf lange Sicht gar kein Nachteil sein, wenn Jürgen Klopp es schafft, den Spielern eine neue Mentalität einzuimpfen.

Die Aufstellung: Weidenfeller (7) – Piszczek (7), Subotic (5), Hummels (7) (81. Santana), Schmelzer (6) (46. Löwe 6) – Gündogan (6), da Silva (6) – Kuba (6), Kagawa (7), Perisic (5) – Lewandowski (6) (66. Großkreutz). Tor: Kagawa.

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7 Gedanken zu “Knock-out in der 12. Runde

  1. Andy

    Wie häufig in der letzten Saison, hat man auch gestern das Spiel in der Schlussviertelstunde noch aus der Hand gegeben.. Diese Qualität, ein Ergebnis mal über die Zeit zu retten, besitzt die Mannschaft leider noch nicht..
    Somit ist der Fehlstart perfekt und ich persönlich werde meine Erwartungen für diese Saison ganz weit nach unten schrauben…
    Momentan fehlen einfach die elementaren Dinge die die Borussia im Meisterjahr so stark gemacht hat..

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  2. Claudia

    Für mich am schlimmsten ist die Tatsache, dass der BVB diese Saison nach nur sechs Spieltagen abhaken muss. Sie werden Probleme bekommen, das ausgegebene Ziel, einen Platz, der zur Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb berechtigt, zu erreichen. Ich werde meine Erwartumgen ebenfalls zurückschrauben. Ich kann nur hoffen, dass aus diesem schockierenden Resultat die nötigen Erkenntnisse gezogen werden: Dem BVB fehlt im Sturm ein Vollstrecker. Da besteht Handlungsbedarf. Desweiteren sollte man sich nicht zu sehr auf Mario verlassen und alles auf ihn ausrichten. Er sollte die Zeit bekommen, sich in Ruhe entwickeln zu können. Und zum Schluss: Bitte nicht alle auf Neven eimprügeln. Das ist ein Guter, der auvh erst 22 Jahre alt ist! Das vergessen die meisten zu schnell.

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  3. @Andy: Mir macht es ja Hoffnung, dass Klopp die Probleme in den letzten Minuten im Interview deutlich angesprochen hat. Ich denke, das wird er auch mit der Mannschaft noch mal genau durchsprechen.
    Ich habe ja vor der Saison das offizielle Saisonziel für realistisch gehalten und nicht erwartet, dass die Leistung und der Erfolg von 2010/11 zu 100% wiederholbar sind. Einen Anlass, die Ziele weiter nach unten zu korrigieren, sehe ich deswegen im Moment nicht.

    @Claudia: Hey, nicht so schnell den Kopf hängen lassen! Wir haben noch 28 Spieltage, gestern haben einige Jungs gefehlt. Abgesehen von letzter Saison ging es bei uns auch mit Klopp nicht immer nur nach oben. Das Ziel Europapokal ist allemal erreichbar, aber natürlich nicht sicher. Ob wir im Sturm Handlungsbedarf haben, sollten wir mMn nach der Saison mal sehen. Bald kann Lucas Barrios wieder spielen und auch wenn Robert Lewandowski schon ein paar Chancen vergeben hat, liegen die fehlenden Tore nicht in erster Linie an ihm, sondern mehr an der Qualität der Vorlagen.
    Und auf Neven Subotic prügelt doch hier wegen eines schwachen Spiels niemand ein! Dazu sind die Bilder von seiner Autofahrt durch Dortmund noch viel zu frisch. ;-)

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  4. le karl

    Fühlt sich nicht nur für Klopp so mies an, wie es ist.

    Der SPIEGEL schreibt übrigens: „Klopp sucht den Stabilisator“ (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,786962,00.html) und liegt damit goldrichtig, Autor Frank Hellmann aus Hannover muss meinen Kommentar hier gelesen haben :) Und, klar, Oliver Kahn hat auch was zu sagen, er kritisiert die Dortmunder Personalpolitik (http://www.reviersport.de/168345—bvb-kahn-kritisiert-dortmunder-personalpolitik.html). Auch das ist nicht gänzlich falsch, die „Personaldecke“ ist einfach einen Tick zu dünn. Perspektivspieler sind eben keine CL-Spieler.

    Wie man’s dreht und wendet: Issn Fehlstart. Iss nicht schlimm, iss genau im Rahmen wie von den Verantwortlichen prognostiziert. Iss allerdings ärgerlich, wie leicht sich die Mannschaft gerade die Butter vom Brot nehmen lässt. Und für Kuba/Schmelzer/Großkreutz sollte in der Winterpause wenigstens ein Backup nachverpflichtet werden. Würde sich lohnen.

    Wg. Neven: Der darf nach der letzten Saison von mir aus mit seinem Auto in den Sechzehner einfahren.

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  5. Du scheinst echt ein Quell der Inspiration zu sein. ;-) Ich habe oben ja auch von Hummels als „stabilisierendem Faktor“ gesprochen.
    Zur vermeintlichen Kahn-Kritik habe ich ja im neuesten Beitrag was geschrieben, wie du gesehen hast. Eine Nachverpflichtung in der Winterpause würde ich davon abhängig machen, ob es dann immer noch offenkundige Mängel gibt. Im Winter kriegt man echte Verstärkungen in der Regel nur für echt viel Geld. Da wollen wir ja vernünftig bleiben.

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  6. Andy

    @Nick:

    Das war auch nur meine persönliche Herangehensweise.. Wenn man tief stapelt wird man nicht enttäuscht..
    Die offizielle Zielsetzung halte ich für angebracht. Sicher liegen wir etatmäßig nur zwischen Rang 6 und 10, aber ein Meister kann ja nicht im folgenden Jahr einen sicheren Mittelfeldplatz anstreben wollen..

    Was die Kaderplanung angeht, ersten war für Spieler von CL Format kein Geld vorhanden, desweiteren hätte man auch das Mannschaftsgefüge durcheinander gebracht..
    Man hat sich ja dafür entschieden junge erfolgshungrige Spieler zu verpflichten und keine fertigen.. Daher ist klar das wir in der zweiten Reihe nicht so stark besetzt sein können wie der FCB als Beispiel..
    Zumal sich fertige bzw. hochklassige Spieler auch ungern auf die Bank setzen.. Deshalb würde ein neuer Stürmer von der Klasse eines Barrios mMn nicht unbedingt eine Verbesserung für die Mannschaft bedeuten.

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  7. Da sprichst du was Wichtiges an. Einer der Pluspunkte der letzten Saison war ja dieses tolle Mannschaftsgefüge. Sie waren möglicherweise nicht ganz elf Freunde, aber sie haben sich scheinbar sehr gut verstanden und das war nur zum Teil erfolgsbedingt. Ich halte es für sehr wichtig, diesen Zustand so weit wie möglich zu erhalten. Deshalb sollten wir nicht den Fehler machen, im Winter einen fertigen Stürmer zu holen. Drei gestandene Nationalspieler im Sturm wären einer zuviel, denn in der Regel spielen wir nur mit einem Stürmer. Nur langfristige Verletzungen würden die Situation verändern. Aber selbstverständlich werden wir schon aus finanziellen Gründen im Winter keine teuren Spieler holen.

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