Wie Sportjournalisten die Worte von Oliver Kahn verdrehen

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„Oliver Kahn kritisiert Dortmunder Personalpolitik“. Diese Überschrift bei „Spox.com“ macht sich gut, denn sie passt ins Bild. Der BVB steckt angeblich in der Krise und der ehemalige Bayern-Torwart kritisiert zurzeit gerne. Die dazugehörige Meldung stammt vom Sportinformationsdienst. Liest man den Bericht, kommt Kahns Kritik nicht gerade spektakulär rüber:

Eine Option wäre gewesen, sich im Sommer mit neuen Spielern zu verstärken, die den Konkurrenzkampf in der Mannschaft entfachen. Der BVB hat darauf verzichtet.

Man könnte diese konjunktivisch-deskriptiven Sätze vielleicht als leise Kritik werten. Die Sätze stammen allerdings aus einem längeren Blogbeitrag, den Oliver Kahn für Yahoo-Eurosport geschrieben hat. Neben diversen anderen Tätigkeiten bloggt der ‚Titan‘ dort seit einiger Zeit ungefähr im Zwei-Wochen-Rhythmus. Was der für die ‚Kritikmeldung‘ verantwortliche Journalist mutwillig unterschlägt: Der zitierte Absatz aus Kahns Blog geht noch ein Stück weiter. Komplett liest er sich so:

Eine Option wäre gewesen, sich im Sommer mit neuen Spielern zu verstärken, die den Konkurrenzkampf in der Mannschaft entfachen. Der BVB hat darauf verzichtet. Das muss nicht falsch sein. Es ist ein Vertrauensbeweis für die junge Mannschaft. Gut möglich, dass Götze & Co. dieses Vertrauen mit engagierter Leistung zurückzahlen.

Das versteht der Sportinformationsdienst also unter Kritik. Ich frage mich, wie sie dann das genannt haben, was Karl-Heinz Rummenigge über Sepp Blatter gesagt hat.

Das Traurige an derart verzerrenden Agenturmeldungen: Sie werden bundesweit von Online-Redaktionen ungeprüft übernommen. So findet sich der Bericht selbstverständlich nicht nur bei „Spox.com“, sondern auch bei „Der Westen“, der „Zeit“, „goal.com“, den 11 Freunden und vielen anderen viel besuchten Webseiten. Dass Online-Redaktionen nicht nur selbst Content produzieren, sondern auf die Nachrichtenagenturen angewiesen sind, dürfte klar sein. Insofern zeigt der Finger hier in erster Linie auf den Urheber dieser Meldung. Peinlich wird es nur dann, wenn Redakteure ihren Namen unter oder über die Agenturmeldung setzen.

Wer häufiger kritische Fußballblogs liest, gar selber bloggt oder zumindest die herkömmlichen Sportmedien kritisch konsumiert, dem dürften ähnliche Methoden schon geläufig sein. Trotzdem ist die Boulevardisierung des Sportjournalismus auf der Jagd nach schönen Schlagzeilen immer wieder von neuem erschreckend. Zumindest für die, denen der Sport oder ein Verein wichtig sind und die deshalb kompetent darüber informieren oder informiert werden wollen.

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14 Gedanken zu “Wie Sportjournalisten die Worte von Oliver Kahn verdrehen

  1. Pingback: Pottblog
  2. Danke für Deinen Beitrag – die Kritik ist natürlich absolut berechtigt. Leider ist es im Alltag auch nicht möglich, jede Meldung noch einmal nachzurecherchieren. Aber das ist dir ja selbst klar, du differenzierst da ja schon sehr gut.

    Schön, wenn solche Fehler/Ungenauigkeiten in so sachlicher Art und Weise thematisiert werden!

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  3. Leider wahr und sehr traurig. Vor allem deshalb weil gerade Spox und ein Stück weit auch die 11Freunde irgendwann mal den Eindruck erweckt haben sie könnten es schaffen einen anderen Weg zu gehen. Gerade bei Spox zeichnet sich leider ab, dass das nur teilweise gelingen kann. Der massentaugliche Klickhaschercontent muß offenbar das Geld bringen damit hier und da mal ein tiefgründiger Artikel erscheinen kann. So gut sich manche Taktikanalyse dort liest so ärgerlich ist es wenn man sich durch Meldungen wie die von dir beschriebene klicken muß und dabei unerträglich unpassenden Headlines begegnet.

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  4. Andy

    Ich kann natürlich verstehen das nicht alle Quellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden können, jedoch wär es wohl nicht zu viel verlangt, den kompletten Blog von Kahn zu lesen..

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  5. Ich arbeite gerade sehr gerne im Boulevard. Sport erst recht. Deine Kritik ist gerechtfertigt. Ob das ein grundsätzliches Problem ist, vermag ich nicht beurteilen. Meines Erachtens ist es problematisch, wenn Agenturmeldungen unbearbeitet weiterverbreitet werden. Ich kenne den Originalbeitrag des SID nicht und kann deshalb in dem Detail wenig Neues beitragen. Aber das einfache Weiterverbreiten hat dann doch etwas von Stiller Post.
    Mal einmal ganz davon abgesehen, dass ich Agenturbeiträge selten für gut lesbar halte. Aber das ist mein ganz persönlicher Geschmack. Das bewusste Skandalisieren macht ein Journalist, der vor Ort arbeitet, genau einmal. Das war dann im Normalfall nämlich sein letztes Mal, dass er mit demjenigen reden durfte. Da sind die persönlichen Bindungen zwischen Berichterstatter und Objekt der Berichterstattung nicht zu unterschätzen.

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  6. @Frank Helmschrott: Ja, das ist leider der Ist-Zustand. Gerade im Online-Bereich ist die Konkurrenz groß und die Einnahmequellen begrenzt, so dass die Headline knackig sein muss und die Keywords stimmen sollten. Ich stimme dir zu: „Spox“ liefert immer wieder auch Qualität, aber eben durchsetzt mit wilden Gerüchten und aufgebauschten Meldungen aus zweifelhaften oder eben auch scheinbar seriösen Quellen.

    @Sebastian: Das Problem dürfte sein, dass Online-Redaktionen (und nicht nur die) oft zu schwach besetzt sind, um die Seiten mit eigenem oder bearbeitetem Material voll zu kriegen. Daher die vielen Agenturmeldungen, wodurch natürlich ein Einheitsbrei entsteht. Und wenn man das Pech hat und die Agentur arbeitet nicht ordentlich, hat man dann eben eine falsche oder verzerrte Nachricht auf der Seite.
    Ich gehe in diesem Fall davon aus, dass viele Online-Redaktionen den Originalbeitrag des SID unverändert übernommen haben, denn er ist auf den meisten Seiten, die ich überprüft habe, genau wortgleich.

    Letztendlich sind es doch oft die Journalisten, die nah an einem Verein dran sind, die die besten Informationen kriegen. Natürlich dürfen die nicht ‚eingebettet‘ wirken, sondern müssen darauf achten, kritische Distanz zu wahren und in ihren Artikeln keine Politik zu betreiben. Meinem Eindruck nach schreiben diese ‚Vereinsreporter‘ meistens für die Printausgaben und den Online-Auftritt. Wenn sie sich an die journalistischen Grundsätze halten, lese ich deren Artikel in der Regel gerne.

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  7. @nick In der Tat ist das Problem, dass Online bei Zeitungen (immer noch) häufig nicht gleichwertig als Journalismus angesehen wird. Das wird meist schon daran sichtbar, dass sie anders (d.h. schlechter) bezahlt werden als die Kollegen. Eine Verzahnung zwischen Online und Print… ach, ihr wisst schon, wovon ich rede.

    Zu den Vereinsjournalisten: Eingebettet sind die eigentlich gar nicht. Häufig ist es mittlerweile so (zumindest in der Bundesliga), dass die Vereine den Zugang sehr stark reglementieren. Beispiel: Versuch mal einen Bayern-Spieler per Telefon zu einem Statement zu bekommen, ohne die Presseabteilung des Vereins einzubinden.
    Dann wird noch vorgeschrieben, wann im Training fotografiert werden darf. Mit Spielern darf nach dem Training nicht mehr gesprochen werden. Stattdessen muss vorher angemeldet werden, mit wem man sprechen möchte. Ein Gespräch unter vier Augen findet dann nicht statt, sondern es ist immer ein „Aufpasser“ von der Presseabteilung dabei. Im schlimmsten Fall müssen noch die O-Töne autorisiert werden. Diese ganzen Maßnahmen führen auch dazu, dass die Berichterstattung immer einförmiger, um nicht zu sagen eintöniger wird.

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  8. @Sebastian: Die Einschränkungen, die du beschreibst, könnten der Grund sein, warum manche der Vereinsjournalisten so ‚eingebettet‘ wirken (zum Glück wirklich nur ein Teil), auch wenn sie es nicht sind. Wenn dauernd jemand vom Verein darauf achtet, mit wem du sprichst und was gesagt wird, zähmt sich vermutlich mancher Journalist selber, um zumindest die verbleibenden Möglichkeiten der Berichterstattung zu erhalten und weiter Zugang zu Spielern, Trainer und anderen zu kriegen. Letztendlich läuft es dann wie du schreibst auf eine eintönige Berichterstattung hinaus.
    Es gibt natürlich auch journalistische ‚Auswüchse‘, wo man dann ein gewisses Verständnis für eine Reglementierung seitens der Vereine aufbringen kann. Zumindest geht es mir in meiner Doppelrolle als Blogger und Fan so.

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  9. @do not mention the war: Abgesehen von einigen Binsenweisheiten finde ich den Original-Blogbeitrag von Kahn gar nicht so schlimm. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass er den selber geschrieben hat – intelligent genug ist er doch eigentlich. Mich hat nur gestört, was der SID und seine Kunden, die anderen Medien, daraus gemacht haben.

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  10. @Nick: Im Grunde gebe ich Dir Recht. Der Beitrag ist sachlich und gut geschrieben. Mich stört aber folgendes daran: Dortmund war in der letzten Saison die Mannschaft, an der sich alle maßen und messen lassen mussten. Zurecht und überzeugend sind sie Meister geworden, sehr zu unser beider Freude. Aber, kaum läuft es in der neuen Saison nicht rund und kaum stimmen die Ergebnisse nicht mehr, wird an allen Ecken und von allen Seiten gemeckert und gelästert. Das stört mich bei vielen Schreiberlingen in deutschen Tageszeitungen; sowohl online als auch im Printbereich.

    Am Ende kann man Oliver Kahn ja fast schon danken, dass er „seinen“ Artikel sachlich verfasst hat und nicht in jedem zweiten Satz das Wort Krise verwendet hat.

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  11. In der Tat, die Kurzlebigkeit in diesem Geschäft ist doch immer wieder irritierend. Viele Medien hatten vor der Saison kein Interesse daran, auf die vorsichtigen Stimmen aus dem Dortmunder Umfeld zu hören, konstruieren aber jetzt umso mehr eine Krise.
    Auch wenn manche Aussagen von Kahn ein bisschen oberflächlich sind, so schreibt er den BVB immerhin noch nicht ab.

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