Der Fußballgottesbeweis

1. Bundesliga, 7. Spieltag / FSV Mainz 1 BVB 2

Letzten Sonntag waren wir in der 89. Minute vom Glauben abgefallen. In dieser Woche hat er uns ein Zeichen seiner Existenz gegeben. Dem reuigen Sünder Lukasz Piszczek, der mit einem unglaublich leichtsinnigen Pass in die Mitte die Mainzer Führung vorbereitet hatte, gelang vorgestern in der letzten Minute mit einem abgefälschten Glücksschuss aus fast 25 Metern der Treffer zum BVB-Sieg. In einer Partie, die die Schwarz-Gelben noch mehr als in Hannover dominiert hatten. Wem dieser Hinweis auf den Fußballgott zu religiös oder zu blasphemisch ist, dem habe ich noch zwei an diesem Wochenende zutreffende Phrasen zu bieten: Die Borussia hatte das Glück des Tüchtigen. Und im Laufe einer Saison gleichen sich Glück und Pech aus.

Der BVB ging mit neuem Schwung und neuen, alten Gesichtern in das Spiel. Kehl und Götze kehrten nach ihren Sperren zurück, Löwe musste Schmelzer ersetzen. Trotzdem muss man die Mannschaft insgesamt und vor allem den Trainerstab explizit dafür loben, wie gut es ihnen gelungen ist, die herbe Enttäuschung vom Hannover-Spiel abzuschütteln. Ein ernsthaftes mentales Problem bestand offensichtlich nicht. Schon bald übernahm die Borussia die Spielkontrolle – die Mainzer waren nur in den ersten zehn Minuten ein gleichwertiger Gegner. So lange funktionierte ihr frühes Pressing. Ich glaube nicht, dass es Thomas Tuchels ‚Matchplan‘ war, dem BVB schon vor der Führung so sehr das Mittelfeld zu überlassen.

Bei den Schwarz-Gelben funktionierte dagegen das meiste über weite Strecken. Die Innenverteidigung: sehr solide. Löwe ebenfalls, Piszczek bis auf seinen Aussetzer richtig stark. Die Mittelfeldzentrale war dank Gündogan und vor allem Kehl stabil besetzt, die Mainzer hatten hier wenig Zugriff. Perisic und Götze brachten mehr Variabilität ins Offensivspiel. Vor allem Mario interpretierte seine Rolle sehr frei, war überall zu finden – ein belebendes Element im BVB-Spiel, wenn auch nicht alles von ihm effektiv war. Das Hauptmanko bleibt die Chancenverwertung. Man muss da im Bezug auf das Spiel am Samstag differenzieren: Es gab die Szenen, in denen der Mainzer Keeper Müller stark hielt. Etwa den guten Kopfball von Lewandowski nach zehn Minuten oder die beiden Kagawa-Schüsse (einen in der ersten, einen in der zweiten Hälfte). Und es gab tatsächlich einige schwache Abschlüsse. Gündogan fehlt nach wie vor das sprichwörtliche Zielwasser. Und wenige Minuten vor der Pause war Lewandowski frei durch und brachte gegen Müller nur einen unerklärlich harmlosen Schuss zustande. Das war eine der spielübergreifend wenigen von Lewandowski vergebenen Chancen, bei denen ich recht sicher bin, dass Lucas Barrios sie genutzt hätte.

So glücklich letzten Sonntag Hannovers zweiter Treffer nach 89 Minuten war, so glücklich fiel vorgestern nach 33 Minuten die Mainzer Führung. Nur in der Anfangsphase hatten die Gastgeber einmal recht harmlos aufs Tor geschossen, danach wirkten sie beinahe sediert. In der 33. Minute setzten sie mal über den linken Flügel nach und Piszczek spielte einen extrem nachlässigen Pass in die Mitte, der wohl für Subotic gedacht war. Zentral sorgte dann ein unglücklicher Billardeffekt dafür, dass Hummels und Subotic den Ball verfehlten und Risse ihn zu Nicolai Müller bugsieren konnte. Der schoss ihn schließlich im Sitzen ins Tor. Ausgerechnet Müller, dem Tuchel vor dem Spiel noch große Fortschritte attestiert hatte. Aus Dortmunder Sicht stand natürlich der haarsträubende Fehler von Piszczek am Anfang dieses Gegentors.

Man muss die Mannschaft und gerade Lukasz Piszczek auch auf der Mikroebene dieses einen Spiels noch mal dafür loben, wie sie nach dem Rückschlag weitermachten, als ob nichts geschehen wäre. Die angesprochenen Schüsse von Gündogan und Lewandowski folgten noch vor der Pause und in den zweiten 45 Minuten steigerte sich die Borussia nochmals. Da war nicht alles perfekt und Müller hielt zunächst die Führung der Gastgeber fest. Durch welche Akteure schließlich der Ausgleich klargemacht wurde, war nicht überraschend. Piszczek flankte von links, Lewandowski brachte Perisic ins Spiel und in seinem zweiten Ligaspiel von Beginn an zeigte der Neuzugang seine Torgefahr, legte sich den Ball zurecht und schoss wirklich platziert links ins Eck.

In der Schlussphase wurden noch Leitner, Kuba und dazwischen der lang erwartete Barrios eingewechselt. Der Stürmer kam allerdings nur zu einem harmlosen Rückwärtskopfball in Richtung Tor. Und die Mainzer kamen noch zu mehreren Kontern, da der BVB natürlich die drei Punkte mitnehmen wollte. Einmal klärte Hummels mit einem präzisen Tackling und einmal verkürzte Weidenfeller gegen Ivanschitz geschickt den Winkel. Letztendlich galt für die Gastgeber das Gleiche wie für alle nicht favorisierten Mannschaften: Wer seine wenigen Chancen nicht nutzt, steht am Ende mit leeren Händen da. Denn in der 90. Minute faustete Müller einen Freistoß von Perisic weg und Piszczek kam zum Schuss. Der Ball wurde noch leicht abgefälscht, ansonsten hätte man dem Mainzer Keeper diesen nicht allzu harten Schuss aus größerer Entfernung ankreiden können. Das war dem enthemmt jubelnden Piszczek, seinen Mitspielern und den Fans selbstverständlich herzlich egal. Es mag nichts Neues sein, aber ich bestätige hiermit nochmal: Siegtreffer in letzter Minute sind die schönsten.

Es war zweifellos ein hochverdienter Auswärtssieg zum richtigen Zeitpunkt und man darf vor dem nun folgenden Heimspiel gegen Augsburg wohl optimistisch sein, ohne arrogant zu wirken. Auch dank anderer Ergebnisse ist der BVB bereits wieder Achter und die Krisendiskussion im Keim erstickt. Hilf dir selbst, dann hilft dir der Fußballgott!

Die Aufstellung: Weidenfeller (7) – Piszczek (6), Subotic (7), Hummels (7), Löwe (7) – Gündogan (6) (86. Kuba), Kehl (7) – Götze (7), Kagawa (6) (70. Leitner), Perisic (8) – Lewandowski (6) (75. Barrios). Tore: Perisic, Piszczek

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7 Kommentare

  1. Klopp meinte direkt nach dem Spiel, er wüsste, wie sich das jetzt in der anderen Kabine anfühlt :) Ansonsten hab ich’s langsam dicke, dass sich mittlerweile von Mainz, (immerhin Heimmannschaft) bis Arsenal alle nur hinten rein stellen und auf Konter spekulieren, wenn es gegen den BVB geht. Umso mehr war der glückliche Sieg verdient. Ein Wort noch zu Lewandowski: Mein Verdacht ist der, das er einer neuen, noch wenig bekannten Fußballschule angehört, deren Zweck im schönen, jedoch nicht ergebnisorientierten Spiel besteht, in dem nur die nicht geschossenen Toren zählen. Immerhin trifft er viel schöner nicht als beispielsweise noch Valdez.

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  2. Stimmt, es ist nicht schön, immer handballmäßig um den gegnerischen Strafraum herumspielen zu müssen. Aber ich habe das auch immer den Bayern-Fans gesagt: Es ist ein legitimes Mittel der Gegner, tief zu stehen. Mehreren unserer Gegner hat der Erfolg damit Recht gegeben, Mainz zum Glück nicht.

    Ach Lewandowski. Vor dem Spiel in Mainz wollte ich ihm gar nicht viel vorwerfen. Sein Schüsschen vom Samstag war aber zu schwach, um schön zu sein. ;-) Für Robert wäre am Mittwoch ein guter Zeitpunkt, seine Torjägerqualitäten unter Beweis zu stellen, denn spätestens nach den Länderspielen wird Barrios wieder für 90 Minuten fit sein.

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  3. Ein bißchen spät (am Morgen nach der OM Pleite…), aber ich möchte es doch gern loswerden: Ich fand es einfach Klasse, wie der BVB nach dem Rückstand wieder zurückgekommen ist! Das hat die Mannschaft in der letzten Saison so stark gemacht, und ich war einfach nur froh, dass diese Tugend des Kämpfens und Siegens noch vorhanden sind. Nun ja, zumindest am Samstag noch :))

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  4. Zitat: „Die Borussia hatte das Glück des Tüchtigen“ davon war gestern leider nunmal garnichts mehr zu sehen. Gut Kampf ist eine Tugend die er BVB noch immer mitbringt aber so wie es derzeit mit dem Torabschluss läuft wird es eine schwere Saison. Wenn man jetzt noch gegen Augsburg verliert ist die Kriese da und eigentlich hat dann immer noch keiner eine Ahnung wieso. Vielleicht wäre es zum Anfang der Saison doch besser gewesen noch einen weiteren Stürmer zu holen

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  5. Obwohl wir alle mehr erwartet haben von dieser Saison, ist es doch nichts überraschendes wenn man mal die letztjährigen Meister und deren Folgesaison sieht (Wolfsburg, Stuttgart)

    Ich würde es auch nicht unbedingt am Sturm festmachen, da wir eh nur immer mit einer Spitze spielen. Außerdem geht vom Mittelfeld auch deutlich weniger Gefahr aus. Momentan ist Mario der Einzige dem etwas kreatives einfällt..

    Fakt ist einfach das wir uns im Gegensatz zur letzten Saison in allen Bereichen der Statistik verschlechtert haben. Wir lassen hinten mehr Chancen zu, wir kreiren vorn weniger Chancen, wir benötigen mehr Chancen um zum Torerfolg zu kommen, die Zweikampfwerte sind schlechter und und und.

    Das Einzige was sich erhöht hat ist der Ballbesitz, das dies aber nichts zu bedeuten hat, beweist und das Beispiel Bayern unter Van Gaal.

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  6. Naja in allen Bereichen schlechter davon mußte man einfach ausgehen. Im ernst hat doch auch keiner geglaubt das es so weiter geht. Nur ist das Team immer noch besser wie Marseille oder Hannover nur was fehlt sind Tore. Hummels hat es gestern nach dem Spiel gut gesagt wenn man vor dem 2:0 das 1:1 macht dann gewinnt man das Spiel und so wäre es wohl auch gewesen. Auf dem Niveau braucht man einfach mehr Durchschlagskraft.

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  7. @Claudia: Es war am Samstag wirklich beeindruckend, dass nach dem Gegentor so gar kein Bruch im BVB-Spiel feststellbar war und alle einfach weitergemacht haben. Am Samstag waren wir halt noch deutlich überlegener als gestern.

    Ansonsten ist mein Spielbericht zu Marseille online und ein paar Sachen, die mir aufgefallen sind, hat Andy schon erwähnt.

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