Der Gebrauchtspielerhändler

Der Ansehensverlust, den der aktuelle Trainer des VFL Wolfsburg in den letzten zwei Jahren erlitten hat, ist beträchtlich. Felix Magath has lost the plot – der englische Satz drückt es besser aus als deutsche Alternativen. Gründe und Zeitpunkt liegen auf der Hand: Seit Magath in Gelsenkirchen der im Rahmen eines gewissen Budgets Alleinverantwortliche für Transfers geworden ist, hakt es in seinen Teams. Im ersten Schalker Jahr war wenig Geld zum Ausgeben da, in der zweiten Saison verhedderte sich der ehemalige Startrainer im internationalen Transfergestrüpp. Die Anlagen, viele Spieler auszuprobieren und dabei nicht immer genügend Geduld zu haben, waren schon vorher erkennbar.

Beim Quasi-Werksclub aus Wolfsburg sieht die Tendenz ähnlich aus. Als Manager britischen Schlags hat Magath in eigener Verantwortung erneut eine Mischung zusammengestellt, deren Tauglichkeit noch zu beweisen wäre: Ältere, ehemals profilierte Spieler, die der ‚Trainager‘ noch von früher kennt. Internationale Spieler, denen Magath Potenzial zuspricht, die es aber unterschiedlich gut unter Beweis stellen und daher häufig wie aus der Wundertüte gegriffen wirken. Und jüngere Spieler, die neuerdings sogar gelegentlich aus dem Nachwuchs des Vereins kommen.

Über seinen Transferaktivitäten scheint Magath jedoch das Teambuilding zu vergessen. Bekanntlich war der 58-jährige noch nie ein ‚Spielerversteher‘, sondern wurde in der Vergangenheit eher mit Begriffen wie ‚Schleifer‘ und noch weniger Schmeichelhaftem bedacht. Seine Fähigkeiten als Trainer und der daraus resultierende Erfolg haben Magaths Mannschaften immer irgendwie zusammengehalten. In seinem letzten Jahr bei S 04 und nun bei Wolfsburg gilt das nur noch bedingt. Die Ergebnisse und Auftritte sind sehr unkonstant. Magath scheint weder bei der Auswahl der Spieler auf dem Transfermarkt noch bei der täglichen Trainingsarbeit sonderlich Wert auf die charakterliche Struktur der Mannschaft zu legen. Vielleicht ist er damit aber auch schlicht überfordert.

Felix Magath hat andererseits viel Erfahrung und ist taktisch mit allen Wassern gewaschen. Das Heimspiel von Borussia Dortmund am Samstag wird also eher kein Selbstläufer. Hier und da wird über ein 3-5-2-System der Gäste gemunkelt, also eine Dreier-Abwehr, die sich bei Bedarf mit Hilfe der Flügelspieler in eine Fünferkette verwandelt. Diese taktische Aufstellung verbindet zwar auf dem Papier die Vorteile einer sicheren Abwehr mit denen eines stark besetzten Mittelfelds, sie ist aber anfällig bei schnellen Gegenzügen und funktioniert nur, wenn vor allem die Flügelspieler blitzschnell mitdenken. Sonst finden sich selbst drei Innenverteidiger schnell mal auf verlorenem Posten wieder. Ich bezweifle daher, dass Magath ausgerechnet beim wiedererstarkten Meister dieses Risiko eingeht.

Personell gibt es bei den Gästen nur zwei feststehende, bedeutsame Ausfälle: Neuzugang Srdjan Lakic fehlt noch wegen einer Meniskusquetschung. Neuzugang Thomas Hitzlsperger muss sich einer Knie-OP unterziehen. Lakics Sturmkollege Mandzukic dürfte sich bis übermorgen von seiner Erkältung erholen. Dass Innenverteidiger Alexander Madlung nach einem Faserriss voraussichtlich nicht rechtzeitig fit werden wird, spricht ebenfalls gegen die oben diskutierte taktische Variante.

Bei der Borussia steht das größte Fragezeichen hinter Sven Bender. Nach seiner Fußverletzung soll das Mittelfeld-Kraftwerk (wie er vermutlich in England bezeichnet werden würde) morgen wieder ins Mannschaftstraining einsteigen. Soll. Wenn Bender bis Samstag fit würde, wäre er unverzichtbar. Sollten noch ein paar Prozent fehlen, dürfte es erneut auf die Kombination Kehl – Leitner im defensiven Mittelfeld hinauslaufen. Eine hier schon mal angedachte Variante für den Sturm hält auch Jürgen Klopp für möglich: Aufgrund der starken Leistungen von Robert Lewandowski und der wieder hergestellten Fitness von Lucas Barrios ist nicht ausgeschlossen, dass gegen Wolfsburg beide in der Startelf stehen. Wer dann außer Mario Götze dahinter bzw. daneben spielt, ist weitgehend offen. Kevin Großkreutz hat in der Champions League Boden gut gemacht und ist für Heimspiele immer eine Option.

Mit einem Heimsieg gegen die weiterhin wenig sympathischen Wolfsburger könnte die Borussia eine gute Ausgangssituation für die spannenden Tage nach der Länderspielpause schaffen. Wenn es zum Aufeinandertreffen mit den Bayern, Arsenal und Schalke kommt. Daran sollte jedoch vor der Partie am Samstag niemand einen Gedanken verschwenden. Denn bei allem, was man an Felix Magath kritisieren kann – ein Trainerfuchs ist er nach wie vor. Und seine Wölfe werden zuschlagen, wenn sie Schwäche wittern. Was wie eine billige Metapher klingt, scheint mir gar nicht weit hergeholt – denn am meisten fehlen den Wolfsburgern Selbstbewusstsein und ein richtiges Erfolgserlebnis. Das sollten wir ihnen nicht verschaffen.

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5 Kommentare

  1. Das allseits beliebte – ich sags mal plakativ – „Magath-bashing“ lässt allerdings immer wieder die Erfolge des Felix M. außer Acht – auch bei Schalke 04.

    Schalke hat durch Magath das Finale des DFB-Pokal erreicht (und letztlich auch den Pokal geholt); Schalke erreichte durch Magath das Halbfinale in der Champions League; Schalke spielt heuer in UEFA-Europa League – auch diese Teilnahme ist grundlegend(!) ein Verdienst Magaths. Sein Nachfolger war letztlich nur der Abstauber in Sachen Erfolg.
    Einige von Magaths Talenten oder Einkäufen sind heute die Stützpfeiler des Schalker Teams (z. B. Farfan) – so viel kann er also in sportlicher Hinsicht nicht falsch gemacht haben.

    Man kann über seine Philosophie streiten, seinen Umgang mit Menschen kritisieren oder ihm vorwerfen, er habe letztlich keine Empathie (wo wir doch alle immer so gerne nach dem „Herz im Fußball“ schreien) – mag alles stimmen, aber Magaths Erfolge bestätigten ihn in der Vergangenheit regelmäßig. So falsch konnte das alles also nicht sein.

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  2. die Erfolge die Magath errungen hat, kann man ihm gewiss nicht absprechen. Dennoch sollte man auch erwähnen das er quasi in Sachen Finanzen freie Hand hatte und zig Spieler eingekauft hat für viel Geld, die im Prinzip vieles schuldig geblieben sind.
    Ich zitier da gern mal Kloppo, der meinte :“ Es ist schwieriger mit Hannover Vierter zu werden als mit Bayern Meister“

    Mal abwarten was am Ende der Saison für den Vfl herauskommt. Wenn er es dennoch schaffen sollte den Club wieder ins intern. Geschäft zu führen, dann Hut ab.

    Trotzdem mag ich seine mediale Inszenierung nicht und die Art wie er mit Druck arbeitet.

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  3. Ich stimme Andy im wesentlichen zu. Wenn Magath in diesem Jahr mit Wolfsburg Platz 5 oder mehr schafft, dann muss ich die Kritik in einigen Punkten zurücknehmen. Finanziell wäre jedenfalls deutlich mehr als der aktuelle Tabellenplatz für WOB drin. Ich denke allerdings schon, dass Magath sich ein bisschen verrannt hat und sich selbst überschätzt.

    Seine Erfolge im ersten Jahr bei Schalke sind unbestritten – meine Kritik setzt ja auch danach an. Zum zweiten Jahr und dem Pokalsieg: Der BVB hat unter Thomas Doll auch das Pokalfinale erreicht. Unser Pech war, dass wir dort auf die Bayern trafen. Unser Glück, dass wir aufgrund der Konstellation trotzdem in die Europa League kamen. Am Ende der Saison wurde Doll aufgrund der Ligaplatzierung entlassen und niemand käme auf die Idee zu sagen, er war in dieser Saison der richtige Trainer. Magath hat mit dem S04 unbestritten das Viertelfinale der CL erreicht – das Halbfinale hat ja Rangnick klar gemacht. MMn war es auch eine Frage des Charakters der Mannschaft, dass sie ausgerechnet in der prestigeträchtigen CL so gut abschnitten. Magath hat unbestritten einige gute Spieler geholt – er hatte ja auch das Geld dafür – aber er hat der Mannschaft keinen ausgewogenen Charakter gegeben.

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  4. Felix Magath kann man vergleichen mit Harry Redknapp. Beide geben gern Geld aus. Was Redknapp als Manager in Portsmouth ausgegeben hat, hat den Verein letztlich nahezu in den Bankrott getrieben. Genauso macht(e) es wohl Magath auch, nur dass seine Rechenfehler irgendwem auffielen irgendwann und dann musste er gehen.

    Sportlich hat er aber dennoch einiges vorzuweisen.

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