Bezaubernde Borussia

Standard

1. Bundesliga, 12. Spieltag / BVB 5 VFL Wolfsburg 1

Es schien so, als wollten die Schwarz-Gelben allen zeigen, dass sie sich auch zukünftig nicht dem Diktat der gnadenlosen Rationalität und Ergebnisorientierung unterwerfen möchten. Nach dem erarbeiteten Pfichtsieg gegen Piräus hätte man im gestrigen Ligaspiel nach dem 3:1 das Ergebnis bequem verwalten können und niemand hätte die neue, effektive Borussia kritisiert. Die Wolfsburger wären nach der schnellen Antwort auf ihren Anschlusstreffer nicht mehr zurückgekommen. Aber einige der jungen Männer auf dem Rasen wussten, dass an diesem Tag noch mehr drin war und sie wollten es den erneut über 80.000 Zuschauern zeigen. Shinji Kagawa, Mario Götze, Robert Lewandowski und auch der 18-jährige Moritz Leitner zelebrierten Fußball wie in der Meistersaison – selbstverständlich mit tatkräftiger Unterstützung aller Mitspieler.

Niemand weiß, wie es zum Ende der Saison stehen wird, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist die Systemfrage eindeutig geklärt: Das ‚System Klopp‘ hat über das ‚System Magath‘ triumphiert. Der BVB präsentierte eine junge, homogene und willensstarke Mannschaft, Magaths Wolfsburger wirkten wie ein zusammengewürfelter Haufen, der auf Rezepte von gestern setzt. Nehmen wir nur den Abwehrkoloss Kyrgiakos. Stellvertretend für das Team zeigte er, wieviel langsamer die Gäste gedanklich und physisch waren. Wie viele andere Mitspieler kompensierte der Grieche diese Defizite mit Härte. Natürlich wollte er Neven Subotic nicht die Gesichtsknochen zertrümmern. Vielleicht kann er gar nicht anders zum Kopfball gehen als in der fraglichen Szene. Dann ist er aber auch nicht länger für Fußball auf höchstem Niveau geeignet. Es war jedoch die gesamte Wolfsburger Defensive, die ein ums andere Mal hilflos wirkte – obwohl Magath wie erwartet nicht auf Dreierkette umgestellt hatte.

Die Defizite von Wolfsburg und Magath kamen in dieser Gegenüberstellung besonders eklatant zum Vorschein. Höchstwahrscheinlich wird es dem Trainer und Sportvorstand noch gelingen, an der einen oder anderen Schraube zu drehen und wenn das nicht hilft, wird er sich eben im Winter erneut auf dem Transfermarkt umsehen. Was die Autokicker besonders gestern, aber auch in manchem Spiel zuvor anboten, ist jedenfalls von der Konzeptlosigkeit geprägt, die man Magath seit seinem Machtzuwachs in Gelsenkirchen ankreiden kann.

Dortmund war dagegen Spielfreude pur. Den Grundstein legte natürlich Jürgen Klopp mit einer perfekten Aufstellung. Es war richtig, Moritz Leitner eine weitere Chance zu geben, der sich erneut steigerte und zu einer dauerhaften Alternative im zentralen Mittelfeld werden kann. Es war richtig, dem wieder genesenen Sven Bender direkt zu vertrauen, der ein ganz starkes Spiel machte, ein Tor erzielte und eins vorbereitete. Es war richtig, Lewandowski erneut im Sturmzentrum und dahinter den sensationellen Shinji Kagawa aufzubieten. Mario Götze machte auch über rechts ein feines Spiel, das er mit zwei Treffern krönte. In der Konsequenz war es richtig, Lucas Barrios zunächst auf der Bank zu lassen.

Dass die Borussen viel gedankenschneller als die Gäste waren, zeigte sich daran, wie gut gestern das Kurzpassspiel in vielen Szenen funktionierte. Aber auch bei präzisen, langen, öffnenden Pässen war der VFL anfällig. Das 1:0 war ein Beispiel für ersteres. Ein toller Doppelpass von Götze und Kagawa auf kleinem Raum, mit einer Hackenvorlage des Japaners, die Mario durch die Beine von Kyrgiakos zur Führung nutzt. Schon nach diesem Treffer hatten die Schwarz-Gelben die Begegnung komplett im Griff, auch wenn die Zahl der Chancen das noch nicht in gebührendem Maße unterstrich. Aber auch das ist eine Qualität: Gegen einen auf dem Papier gut besetzten Gegner geduldig zu bleiben und keinen schnellen Gegenschlag zu riskieren.

Es gab jedoch weitere Torgelegenheiten in der ersten Hälfte. Der hervorragende Weitschuss von Schmelzer wäre mindestens Tor des Monats geworden, hätte Benaglio nicht toll pariert. Der gegenüber seinen Offensivkollegen ein  bisschen weniger überzeugende Großkreutz traf allein vor dem Keeper den Außenpfosten. Ebenso wie auf der anderen Seite Mandzukic mit einem Schuss aus knapp 20 Metern. Zum perfekten Zeitpunkt kurz vor der Pause fiel das 2:0. Lewandowski erkannte die Abseitsgefahr vor Benders Pass und positionierte sich entsprechend. Es entstand eine zwei-gegen-eins-Situation – Robert schob präzise zu Kagawa nach rechts und der vollendete präzise ins rechte Eck.

Der Anschlusstreffer durch Hleb, bei dem Weidenfeller wegrutschte und daraufhin seine Schuhe wechselte, fiel wie aus der Luft in der 59. Minute. Ich hatte unmittelbar nach dem Tor keine wirkliche Angst vor einem Comeback der Wölfe und es dauerte auch nur zwei Minuten, bis Bender nach Ecke von Götze und Kopfballverlängerung von Piszczek am langen Pfosten zum 3:1 einschob. Benaglios Rettungstat kam zu spät. Danach war es Spaß und Party. Ein exzellenter langer Außenrist-Pass von Kagawa ermöglichte Lewandowski das 4:1 durch einen Lupfer über den Torwart. Und den Pass in den Strafraum von Bender nutzte Götze aus ähnlicher Position wie bei seinem ersten Treffer zum Endstand. Wolfsburg gab sich auf und der BVB-Sieg hätte sogar noch höher ausfallen können. Der eingewechselte Barrios zeigte sich verständlicherweise heiß auf ein eigenes Tor.

Noch mal zurück zu den unschönen Szenen des Spiels. Nicht nur Kyrgiakos hätte vom schwachen Schiedsrichter Drees bestraft werden müssen. Das brutale Tackling von Träsch gegen Piszczek hätte durchaus einen Platzverweis verdient gehabt und unser spezieller Freund Hasan Salihamidzic ging ebenfalls mit dem Ellbogen in Richtung Hals/Gesicht von Kevin Großkreutz – eine gelbe Karte wäre zwingend gewesen. Auffällig war der Ex-Bayer ansonsten nur beim Lamentieren – mit dem Tempo der Borussia konnte er nicht mithalten. Nicht verschweigen will ich, dass der Unparteiische auch ein Handspiel von Götze im Strafraum übersah. Neven Subotic hat sich bei der Attacke von Kyrgiakos jedenfalls einen Mittelgesichtsbruch zugezogen und wird nach Angaben von Jürgen Klopp bis zu sechs Wochen, also möglicherweise bis zur Winterpause ausfallen. Es ist zwar nicht undenkbar, dass es mit einer Maske schneller geht, und Santana ist ein erstklassiger Vertreter – die, die jetzt auf die Ersatzbank nachrücken werden, haben jedoch kaum Bundesligaerfahrung.

Borussia Dortmund hat gestern eine grandios Leistung gezeigt, wie Roman Weidenfeller am Abend im ZDF-Sportstudio bestätigen konnte. Für solche Auftritte haben wir die elf schwarz-gelben Jungs in der letzten Saison geliebt. Und selbst wenn wir in den nächsten Monaten mehr Spiele wie am Dienstag erleben sollten, lässt sich doch sagen, dass nach wie vor auf allen Ebenen hervorragende Arbeit in diesem Verein geleistet wird. Großartiger Auftritt, bestmögliche Voraussetzungen für die kommenden Aufgaben, danke Jungs!

Die Aufstellung: Weidenfeller (6) – Piszczek (7), Subotic (7) (46. Santana (7)), Hummels (8), Schmelzer (7) – Bender (9), Leitner (7) (71. Kehl) – Götze (10), Kagawa (10), Großkreutz (7) – Lewandowski (9) (74. Barrios). Gelbe Karte: Großkreutz. Tore: Götze (2), Kagawa, Bender, Lewandowski

Advertisements

8 Gedanken zu “Bezaubernde Borussia

  1. Lilian Pulaski

    Kann ich alles unterschreiben. Was mich wundert ist, wie allenthalben behauptet wird, Kyrgiakos Foul sei „ohne Absicht“ erfolgt. Natürlich kann man ihm im juristischen Sinne die Absicht der vorsätzlichen Körperverletzung nicht beweisen. Aber wer so mit dem Ellbogen auskeilt, will den hinter/neben ihm stehenden Spieler treffen – das ist keine Bewegung, die irgendwie dabei hilft, beim Hochschrauben an Höhe zu gewinnen. Bei Spielern, die seit Jahren Profi sind und 3000Mal hintereinander den Ball hochhalten können, sehe ich dann einfach den Vorsatz, der eine schwere Verletzung in Kauf nimmt. Das sollte man einfach mal öfter und deutlicher sagen. Von Träsch gar nicht zu reden: Dass Piszczek weiter Fußball spielen kann, grenzt an ein Wunder.
    Die Bundesliga hat zur Zeit ein schwerwiegendes Schiriproblem.

    Gefällt mir

  2. Präsident

    Notfalls macht VW im Winter wieder 100 Mios locker und Felix kann nochmal 8 Spieler einkaufen.
    Gratulation zu diesem vernichtenden Sieg gegen den Plastikklub Nummer 1.

    Gefällt mir

  3. @Lilian Pulaski: Bei Kyrgiakos schwanke ich, ob er einfach inzwischen zu plump ist, um da ohne Foulspiel ins Kopfballduell zu gehen oder ob er absichtlich die Ellbogen ausgefahren und in Kauf genommen hat, jemand zu treffen. So oder so, es hätte bestraft gehört.

    @Präsident: Danke! Ich bin tatsächlich sehr gespannt, wie das in Wolfsburg weitergeht. Wenn Magath mit seinem heutigen Auftreten irgendwo in die Bundesliga passt, dann sicher dorthin.

    Gefällt mir

  4. Claudia

    Bei mir überwiegt immer noch der Schreck und der Schock über Nevens schwere Verletzung. Kann mich nicht richtig über diesen Sieg freuen.
    An dieser Stelle auch noch mal Gute Besserung, Neven! Werde schnell gesund und hoffentlich halten sich die Schmerzen in Grenzen.

    Zumindest, denke ich, sind wir für das Spiel bei den Bazis gut gerüstet.

    Gefällt mir

  5. @Präsident: Du scheinst vollkommen richtig zu liegen, ist aber auch alles sehr durchschaubar. http://www.handelsblatt.com/magath-darf-die-woelfe-verstaerken/5810048.html

    @Claudia: Für mich ist die Verletzung nicht so dramatisch als dass ich mir die Freude über den Sieg hätte nehmen lassen. Sicherlich ist es alles andere als schön, aber da Neven die Geschichte mit Humor nehmen kann und stetig Horrorbilder von sich veröffentlicht, finde ich es halb so wild. Und mit dem langen Schwatten aka Tele haben wir einen gleichwertigen Ersatz. Eine Verletzung ist selbstverständlich trotzdem nicht optimal. Gute Besserung an Neven!

    Zu der Aktion von Kyrgiakos: Sicherlich setzt man im Kopfballduell seine Ellbogen ein und Absicht würde ich ihm da nicht unterstellen wollen. Aber man muss dann auch mal fragen, grade als Schiedsrichter, wie oft es solche Luftduelle gibt und wie oft es dabei zu Verletzungen kommt, zumal in dieser Schwere. Ich denke, man kann daran erkennen, dass es sich um eine klare rote Karte hätte handeln müssen. Da muss ein ordentlicher Wumms und damit eine unnatürliche Bewegung hinter gewesen sein.
    Das Foul von Träsch, auch wenn er den Ball trifft, gehört mMn auch mindestens in die Kategorie dunkelgelbe Karte. Ich würde von einer roten Karte sprechen, nimmt er doch eine Verletzung des Gegenspielers mutwillig in Kauf. Über den Kehl-Treter verliere ich an dieser Stelle kein Wort. Wäre das Ergebnis aus unserer Sicht nicht positiv, man könnte die Mannschaft von Magath mit den Hoffenheimern vergleichen. Tretertruppen die die Bundesliga nicht braucht.

    Der VfL und Magath – das passt wie Gelsenkirchen und Turnhalle. Ob Felix das bewusst macht oder nicht, er ist ein gutes, vielleicht das beste Argument gegen eine Aufweichung von 50+1. Eine (un)glückliche Geldschleuder, ein minderbegabter Trainer(fuchs) und mit Menschen umgehen gehört schon gar nicht zu seinen Stärken. Solang er in Wolfsburg ist, ist es in Ordnung, wenn er irgendwann abtritt, weint ihm keiner eine Träne nach. Die Bundesliga kann froh sein, wenn dieser Typ andere Aufgaben übernimmt.

    Und zum Schluss noch zum Spiel: Großartige Partie unserer Jungs. Das Spiel gegen den Ball, nennen wir es Pressing, hat mir außerordentlich gut gefallen. So ist unser Spiel und das ist unsere größte Stärke. Jeder gibt für die Mannschaft, die Kollegen alles. Mein Lieblingstor war deshalb auch das 2:0. Manni erobert mal wieder den Ball und gibt ihn zu Lewandowski, der wunderbar aufgepasst hat nicht abseits zu stehen. Anstatt den Ball dann selbst in die Spitze zu treiben spielt Robert den tollen Pass auf Kagawa Shinji. Ein Hochgenuss! Kagawa Shinji war dann auch der Spieler der Partie. Schade dass Lucas Barrios die geniale Vorarbeit (ca. 10 Minuten vor dem Ende?!) und den von Schiri Drees gegebenen Vorteil nicht nutzen konnte. Da habe ich, wie wohl alle Borussen, mit der Zunge geschnalzt als der wuselige Japaner den Ball mit der Hacke zwischen zwei Wolfsburgern durchspielt und dann auch den nächsten umkurvt, der ihn dann aber umgrätscht. Auch ansonsten konnte sich der Junge endlich wieder an die Leistungen der Hinrunde 2010/2011 ranarbeiten und vielleicht, so schwer man es auch einordnen und vergleichen kann, war das sein bestes Spiel in unserem Trikot. Moritz Leitner war ebenfalls wieder grandios, wenngleich ihm frühzeitig die Puste auszugehen scheint. Er wird noch seine Zeit brauchen, mindestens die kommende Sommerpause, um an Muskelmasse zuzunehmen und auch an der Fitness wird er arbeiten müssen. Trotzdem ist er schon jetzt eine enorme Bereicherung für unser Spiel. Auf seine Entwicklung freue ich mich sehr und bin gespannt wo der Weg hinführt. Bitter für Ilkay Gündogan erneut Tribünengast zu sein, aber womöglich seine Chance. Der junge Leitner blüht auf der 6 neben Bender auf und er kann ohne Druck in der offensiven Dreierreihe angreifen.

    Naja, ich könnte noch stundenlang weiter schwärmen, lasse es aber an dieser Stelle gut sein, Gelegenheit dazu werde ich schließlich noch in meinem Blog haben. Mein Vorbericht (http://westfalenstadion.blogspot.com/2011/11/lasst-uns-samstag-zeigen-wie-wir-uns.html) gefällt mir in der Nachbetrachtung jedenfalls immer mehr. Zumal, um jetzt wirklich zum Abschluss zu kommen, auch die Stimmung im Stadion fantastisch war. Viel abwechslungsreicher als in den vergangenen Wochen und zudem auch spielbezogener (ua. Spielernamenrufe).

    Durch das Unentschieden der Blauen und dem damit verbundenen zweiten Platz für Borussia, ist die Vorfreude auf das Gastspiel in München weiter gestiegen.

    Gefällt mir

  6. @Claudia: Die Genesungswünsche an Neven habe ich leider in der Aufregung über das wunderbare Spiel und die bösen Fouls vergessen. Gute Besserung, Neven!

    @Pilstim: Ich habe wirklich länger überlegt, ob Shinji nicht noch besser als Mario war. Habe mich dann bei beiden für die Höchstnote entschieden. Ist ja eh nur Spielerei, aber in diesem Fall eine schöne. ;-)

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s