Endlich ein Spitzenspiel

Standard

1. Bundesliga, 15. Spieltag / Mönchengladbach 1 BVB 1

Manche Beobachter außerhalb der BVB-Fangemeinde haben zu den beeindruckenden Auftritten der Schwarz-Gelben in München und im Derby angemerkt, dass es keine großen Fußballspiele im herkömmlichen Sinne waren. Die Partie beim Rekordmeister war lange von Taktik und Defensive geprägt und gegen den Reviernachbarn war der Meister schlicht unterfordert. Obwohl der BVB in beiden Spielen eine ganz starke Leistung zeigte, wird erst die Begegnung mit der anderen Borussia das Prädikat „Spitzenspiel“ verliehen bekommen.

Ärgern braucht man sich darüber nicht, so lange die Ergebnisse stimmen. Gestern sahen wir ein mitreißendes Spiel, das mit einem Punkt endete. Der FC Bayern steht wieder an der Tabellenspitze, wie von Uli Hoeneß vorausgesagt. Auch über dieses Ergebnis braucht man sich nicht zu ärgern, denn die Borussia hat auswärts einen Punkt bei einem Gegner geholt, der zurzeit absolut auf Augenhöhe ist. Lucien Favre leistet in Gladbach hervorragende Arbeit und lockert mit seinem Verein die Spitzengruppe der Bundesliga auf, wofür ich immer Sympathie habe.

Der BVB hatte die Chance auf mehr, hatte vor allem in der ersten Hälfte etwas mehr vom Spiel. Die Zahl der Torgelegenheiten war jedoch recht ausgeglichen. Bei den Gladbachern fehlte Topmann Marco Reus, so dass die Mehrzahl ihrer Chancen von Standards herrührte. Bei Dortmund fehlte Sven Bender, der möglicherweise der schwarz-gelben Defensive das entscheidende Quäntchen Stabilität verliehen hätte, das mitunter fehlte – wie vor dem Ausgleich und bei einer vergleichbaren Szene etwas früher. Sebastian Kehl ist zwar eine wichtige Persönlichkeit, erreicht jedoch momentan nicht die spielerische Konstanz von ‚Manni‘.

Auf Dortmunder Seite kehrte Ilkay Gündogan in die Mannschaft zurück, da Leitner nicht rechtzeitig fit geworden war. Der ehemalige Nürnberger zeigte ordentliche Ansätze, darüber hinaus ging es jedoch erneut nicht. Großkreutz kehrte für Kuba zurück in die Startelf, Kagawa für Barrios. Letztere Personalie korrespondierte mehr mit den gezeigten Leistungen im letzten Spiel, um es mal so zu formulieren. Gladbach stand für eine Heimmannschaft recht defensiv und kompakt. Die Innenverteidigung und vor allem die defensiven Mittelfeldspieler Nordtveit und Neustädter zeigten eine gute, konzentrierte Leistung.

Chancen gab es in der ersten Hälfte nach ein paar Unkonzentriertheiten auf beiden Seiten und nach Standards. Götze, Lewandowski und Kagawa hätten für den BVB treffen können. Bobadilla hatte eine frühe Chance, nachdem die schwarz-gelbe Abseitsfalle nicht funktioniert hatte – einer der ganz wenigen Fehler von Felipe Santana, der erneut ein starkes Spiel machte und immer zur Stelle war um Bälle wegzuköpfen oder zu blocken. Die Führung für die Borussia fiel nach einer Ecke durch Kopfball von Robert Lewandowski. Wie gegen Schalke sprang der Stürmer nach einem Standard am höchsten und der starke Torwart ter Stegen konnte den Ball immerhin so ablenken, dass er knapp am Pfosten vorbeiging – glücklicherweise links vom rechten. Robert Lewandowski ist der neue Barrios. Während Lucas nach seiner Verletzung scheinbar Zeit braucht, um an frühere Leistungen anzuknüpfen, ist Robert inzwischen der, der da ist, wenn er gebraucht wird. Wie Barrios nutzt er nicht jede Chance, aber man kann sich darauf verlassen, dass er nie total ausfällt.

Die zweite Halbzeit war noch mehr Spitzenspiel. Gerade für die Fans des Fußballs, wie er in der englischen Premier League gespielt wird. Es ging hoch und runter, ohne dass der Ball andauernd einfach nur nach vorne gepöhlt wurde. Lewandowski hatte eine weitere gute Chance, schoss jedoch über das Tor. Der Ausgleich der Gladbacher in der 72. Minute war gut herausgespielt, doch nicht unvermeidlich. Einen langen Ball von hinten konnte Bobadilla perfekt verarbeiten und in die Schnittstelle der Dortmunder Abwehr weiterleiten, weil seine Gegenspieler zu weit weg waren. Piszczeks Stellungsspiel ließ in dieser Szene zu wünschen übrig, weil ihm sowohl Bobadilla als auch Hanke entwischten. Beim Schuss des Ex-Schalkers aus 20 Metern stand Roman Weidenfeller einige Meter vor dem Tor – zumindest in der Rückschau etwas unglücklich.

Die Schlussphase war spannend wie in München. Klopp setzte mit den Einwechslungen von Barrios und Kuba voll auf Sieg und die Schwarz-Gelben waren den drei Punkten am Ende und alles in allem etwas näher als die Gastgeber. Nach einem Doppelpass mit Kagawa inklusive tollem Hackentrick des Japaners scheiterte Götze allein vor ter Stegen mit einem schwachen Schuss – kurz danach wurde er durch Kuba ersetzt. Nach weiteren guten Szenen auf beiden Seiten war nach Schlusspfiff niemand wirklich unzufrieden mit dem Ergebnis.

Völlige Harmonie muss man jedoch nicht ausrufen. Ein paar Dinge haben gestört. Der Schlusspfiff erfolgte nach nicht mal zwei Minuten Nachspielzeit, obwohl in eben diesen Minuten ein Dortmunder verletzt am Boden lag. Es war nicht die einzige Szene, die zu einer längeren Nachspielzeit hätte führen müssen. Das Problem ist bekannt. Es scheint im deutschen Schiedsrichterwesen ein falsch verstandenes Pflichtgefühl zur deutschen Pünktlichkeit zu geben – dabei müsste die ebenfalls mit diesem Land verbundene Gründlichkeit eigentlich zu einer englischen Auslegung der Nachspielzeit führen.

Ich vermeide es normalerweise, knapp falsche Abseitsentscheidungen zu kritisieren. Vor den Augen der Schiedsrichter-Assistenten habe ich zu viel Respekt. Gestern wurde jedoch die Regel „im Zweifel für den Stürmer“ zu oft außer acht gelassen – zum Nachteil des BVB. Gar nix anfangen kann ich mit der ‚Schlitzohrigkeit‘ von Raul Bobadilla, der mit seiner miesen Schwalbe beinahe für einen Platzverweis von Santana gesorgt hätte. Es war nicht der einzige fragwürdige Freistoß für Gladbach.

Mit einem Tag Abstand bleibt ein Spiel im Gedächtnis, das Spaß gemacht hat. Dortmund ist wieder Zweiter. Damit kann man zu diesem Zeitpunkt der Saison, bei diesem Abstand und den kommenden Gegnern hervorragend leben. Schon in zwei Tagen fällt jedoch eine andere Entscheidung: der BVB wird nun wirklich endgültig erfahren, ob und wie es nächstes Jahr international weitergeht.

Die Aufstellung: Weidenfeller (6) – Piszczek (5), Santana (8), Hummels (7), Schmelzer (6) – Gündogan (6), Kehl (6) – Götze (7) (77. Barrios), Kagawa (8) (77. Kuba), Großkreutz (7) (86. Perisic) – Lewandowski (7). Gelbe Karten: Santana, Schmelzer. Tor: Lewandowski

Advertisements

3 Gedanken zu “Endlich ein Spitzenspiel

  1. le karl

    D’accord mit der Bewertung des Spiels, so spielen Spitzenreiter. Das 4:1 der Bayern sehe ich gelassen, sämtliche Jubelarien über die Münchner bleiben verfrüht.

    Bei den Abseitsentscheidungen würde ich noch einen Schritt weiter gehen, denn die waren in meinen Augen der Knackpunkt des Spiels: Ich erinnere mich an zwei entscheidende Situationen, in denen schwarzgelb gerade zurückgepfiffen wurde, als bei den Gladbachern anfing, die Hütte lichterloh zu brennen. Nimmt man die in dieser Saison nicht gepfiffenen Elfer hinzu, bekomme ich allmählich einen Grant auf die sehschwachen Männer in Schwarz. Hoffentlich gleicht sich das über die Saison wieder aus.

    Gefällt mir

  2. Beide falschen Abseitsentscheidungen haben möglicherweise ein Tor verhindert, nach dem die Partie hätte entschieden sein können. Bleibt natürlich am Ende des Tages Spekulation.
    Zu einer Generalkritik an den Unparteiischen will ich jedoch nicht ansetzen. Das ginge dann in die Richtung, die doch tatsächlich manche Bayern-Fans nach dem 4:1 gegen Bremen in den Kommentaren beim Blogger-Kollegen Breitnigge einschlagen. Echte Verschwörungs-Fans, diese Bazis.

    Gefällt mir

  3. Andy

    Ich kann dem Bericht voll zustimmen was die Schiedsrichterentscheidungen betrifft. Andererseits würde mich das vermutlich kalt lassen, wenn wir unsere wenigen Chancen konsequenter genutzt hätten.. (ich sag nur Götze)

    Schade das wir die Führung nicht mehr über die Zeit gerettet haben. Dennoch geht ein remis in Gladbach schon in Ordnung.
    Das die Münchner mal wieder gewonnen haben lässt mich relativ kalt. Die werden in der nächsten Halbserie noch genug Punkte lassen.

    Ich drück den Jungs die Daumen das am Dienstag ein Sieg gegen Marseille gelingt, völlig unabhängig davon welche Gruppenkonstellation sich am Ende ergibt. Außerdem hoffe ich das wir die letzten beiden Aufgaben in der Liga zufriedenstellend lösen und im Pokal eine Runde weiterkommen. Das wird nämlich eine ganz heiße Kiste in Düsseldorf.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s