Vom rechten Weg zum Spielball Europas

Standard

Champions League, 6. Spieltag / BVB 2 Olympique Marseille 3

Nach 45 Minuten der gestrigen Champions League-Partie war Borussia Dortmund auf einem guten Weg, zumindest noch den dritten Platz der Vorrundengruppe zu erreichen. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte fiel mit der ersten Chance der Gäste aus Südfrankreich der Anschlusstreffer. Nach 93 Minuten war die einzige Heimniederlage des BVB im Wettbewerb besiegelt und der erste Auftritt beendet, den man als phasenweise peinlich bezeichnen kann.

Wieder mal wurden den BVB-Fans alle Hochs und Tiefs vor Augen geführt, die man in einem Fußballspiel erleben kann. Jürgen Klopp hatte erwartungsgemäß offensiv aufgestellt – mit Lewandowski UND Barrios – und dies schien sich auszuzahlen. Die Schwarz-Gelben dominierten die Partie von Beginn an, brauchten allerdings nach einer frühen Gelegenheit einige Minuten, um sich weitere Chancen zu erspielen. Doch es sah schon gut aus, was Robert Lewandowski und der erneut gut aufgelegte Kuba im offensiven Mittelfeld fabrizierten. In der Zentrale war Sebastian Kehl der Rückhalt für Ilkay Gündogan, der an der Seite des Kapitäns in der ersten halben Stunde eine auch defensiv sehr ordentliche Leistung zeigte.

Der Plan in unserem Wirtshaus zur letzten Chance aka meiner Fußballkneipe war ja, alle 22 1/2 Minuten ein Tor zu schießen und er ging zunächst bilderbuchmäßig auf. Es war tatsächlich die 23. Minute, als Kehl einen Piszczek-Einwurf in die Mitte verlängerte und Lewandowski den Ball für Kuba herunterholte. Der hatte einmal Fortune im Abschluss und traf durch Abwehrbeine hindurch zum 1:0. Knapp zehn Minuten später war der Plan sogar übererfüllt, als Mats Hummels per Elfmeter erhöhte. Schön, dass er in der Situation Verantwortung übernahm, wie es ihm immer zuzutrauen war, und Erfolg damit hatte.

Weniger schön war die Entstehung des Elfmeters. Bei einer Abwehraktion im Strafraum hatte OMs Mbia Sebastian Kehl mit seinem hohen Bein voll im Gesicht erwischt. Der Kapitän musste verletzt raus. Die Diagnose von heute: Starke Prellung am linken Auge und ein Bluterguss. Zum Glück keine Brüche – doch am Sonntag fällt Kehl trotzdem aus. Für Mbias Aktion gab Schiedsrichter Howard Webb Gelb und Elfmeter. Nun werden mir vermutlich wenige zustimmen, aber ich halte die Entscheidung für noch vertretbar. Sicher hätte man Rot geben können – die Schwere der Verletzung legt das nahe. Andererseits war eine Portion Pech dabei und meiner Ansicht nach war es eine unabsichtlich verunglückte Abwehraktion. Für ein gefährlich hohes Bein gibt es normalerweise Gelb.

Vielleicht bin ich auch generell nachsichtig mit Webb, weil mir seine englische Regelauslegung gefiel. Ganz besonders die korrekten fünf Minuten Nachspielzeit am Ende der ersten Hälfte – was in Deutschland aus unerfindlichen Gründen nie ein Schiedsrichter machen würde. Dass uns ausgerechnet die vorletzte Minute dieser Nachspielzeit einen herben Rückschlag bescherte, mag paradox scheinen, doch die Regelauslegung stimmte dennoch.

Es gab verschiedene Gründe, warum nach dem Dämpfer kurz vor dem Halbzeitpfiff noch der Einbruch gegen Spielende erfolgte. Zunächst mal das Verletzungspech, das den BVB wie schon in London doppelt ereilte. Nach Stabilisator Kehl musste zur Pause auch der andere Schlüsselspieler Mario Götze angeschlagen runter. Das Duo auf den defensiven Mittelfeldpositionen, Gündogan / da Silva, verlor in der zweiten Hälfte mehr und mehr den Zugriff aufs Spiel. Das lag mit daran, dass der aktive und potenziell immer gefährliche Götze nun fehlte und seine Gegenspieler somit befreiter aufspielen konnten. Was natürlich auch OMs Plan entsprach, die nach der deutlichen Führung von Piräus gegen die B-Elf Arsenals unter Zugzwang standen. Ich hätte mir bei so einem Verletzungspech auf der 6er-Position eher einen Florian Kringe als einen Toni da Silva gewünscht. Zwar habe ich weder den einen noch den anderen zuletzt spielen oder trainieren sehen, aber die Borussia hätte in dieser Situation eher einen Spielertypen wie Kringe gebrauchen können.

Natürlich hätten die Schwarz-Gelben ihre Chancen vor allem in der ersten Hälfte besser nutzen können. Mario Götze wirkte gestern sehr harmlos im Torabschluss und Lucas Barrios ist nach wie vor noch nicht wieder der Torjäger, den wir kannten. Natürlich hätte man bei den Gegentoren besser verteidigen können. Der wie schon in Gladbach unterdurchschnittlich agierende Piszczek verlor beim 2:1 Remy aus den Augen, zudem fiel das schöne, späte und bittere 2:3 durch Valbuena über seine Seite. Beim Ausgleich verpasste Kuba nach einer Ecke den Ball und ermöglichte Ayew so den Treffer.

Trotz Verletzungen und nicht vorhandener Überzahl war es in den letzten 20 Minuten die Schuld der elf Mann auf dem Platz, dass Marseille aus einem 0:2 noch einen Sieg machte. Ob es in den Schlussminuten am sprichwörtlichen ‚letzten Willen‘ mangelte, ist Spekulation. Optisch sah es nicht so aus, obwohl OM noch mal aufdrehte.

Ärgerlich ist für mich nicht, dass die Borussia bei der Rückkehr in die Champions League ausgeschieden ist. Das ist eine Frage der Erwartungen. Realistisch musste man davon ausgehen, dass in der Gruppe von Platz 2 bis 4 alles drin ist, denn auch Olympiakos Piräus ist nicht so schwach, wie der Verein – vielleicht im Zuge des allgemeinen Griechen-Bashings – gemacht wurde. Nun ist Verschiedenes schiefgelaufen und Platz 4 herausgekommen. Ärgerlich ist für mich nur, dass die Mannschaft am Ende lediglich noch Spielball der Gruppe war. Dass wegen unserem Einbruch Marseille noch weitergekommen ist – unabhängig davon, ob Olympique oder Olympiakos es mehr verdient hatten.

Die einzige Freude ist mir im Moment, dass sich die Bayern über das komplette Ausscheiden des BVB nicht freuen werden. Und dass bis Weihnachten noch ein paar lösbare Aufgaben auf die Schwarz-Gelben warten.

Die Aufstellung: Weidenfeller (6) – Piszczek (5), Santana (6), Hummels (7), Löwe (6) – Gündogan (6), Kehl (7) (32. da Silva (4)) – Kuba (7), Lewandowski (7), Götze (6) (46. Perisic (5)) – Barrios (5) (63. Kagawa). Gelbe Karte: Santana. Tore: Kuba, Hummels (EM)

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8 Gedanken zu “Vom rechten Weg zum Spielball Europas

  1. Andy

    Das Spiel war wieder mal symptomatisch für die ganze CL Gruppenphase der Borussia. Gemessen am Anspruch des BVB kann man zusammenfassend sagen, das der diesjährige Auftritt in Europas Königsklasse enttäuschend verlief.
    Die ersten 45 Minuten liefen wie nach Plan, doch der Gegentreffer kurz vor der Pause und die beiden Verletzungen nahmen uns irgendwie den Wind aus den Segeln. Von der zweiten Garnitur kam leider nicht mehr viel, dennoch hätte man vielleicht erwarten können das man den Sieg noch über die Zeit zu bringen
    Auffällig ist das man in den 6 CL Gruppenspielen mehr Gegentore bekommen hat als in der gesamten Bundesliga Hinrunde.

    Ich denke keiner der BVB (Fans, Spieler, Verantwortliche) hat einen 4ten Platz erwartet oder damit gerechnet. Besonders unter dem Gesichtspunkt das es eine der drei leichtesten Gruppen war. Wer weiß ob einem das Losglück in den nächsten Jahren wieder zuteil wird. 4 Punkte aus 6 Spielen mit diesem Torverhältnis kann einfach nicht ok sein, auch wenn der BVB nicht der typische Meister ist.

    Und das die Bayern sich NICHT über ein Ausscheiden unserer Mannschaft freuen halte ich übrigens für einen Witz. Habe in den letzten Tagen genug Spott und Häme in diversen Foren erfahren, aber ok, den Schuh muss man sich auch anziehen und wie heißt es so schön :
    „Aus Niederlagen lernt man“

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  2. Die Lernkurve des BVB in dieser Champions League Saison war extrem steil. Deshalb sollte es im nächsten Jahr im selben Wettbewerb besser aussehen als in der aktuellen Saison, egal ob mit oder ohne Losglück.

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  3. @Dembowski: Bin ich also enttarnt? Stehen die Ermittlungen vor dem Abschluss?

    @Andy und Christoph: Als Spieler oder Verantwortlicher darfst du natürlich nicht mit dem letzten Platz rechnen, man muss ihn aber einkalkulieren. Ich denke schon, dass die CL eine Lernkurve darstellt und dass wir uns ggf. im nächsten Jahr besser präsentieren werden. Das Spiel am Dienstag hätte man natürlich ohne wenn und aber gewinnen müssen.

    Natürlich war zu erwarten, dass von den Bayern Hohn und Spott kommt. Ich glaube aber, dass sich dahinter auch ein bisschen Unsicherheit verbirgt und sie befürchten, dass wir uns nun in der Liga voll reinhauen können. Insgeheim wäre den meisten ein dritter Platz des BVB lieber gewesen.

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  4. Also ich stimme mit Deiner Bewertung des Schiedrichters überein.

    Und so bitter die Niederlage war. über das Ausscheiden habe ich mich nicht geärgert. Das war zum jetzigen Zeitpunkt für uns das Beste. Und nächstes Jahr läuft das ganz anders.

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  5. Es wäre mir eine Freude! Wenn Du also mit dem Kreuzberger Respekt arbeitest, dann bekomme ich Dich bald zu fassen. Ansonsten sollten wir halt mal so, ein Berliner Borussia Blogger Basar veranstalten. Wäre mir eine Ehre. Versuche, dann auch nüchtern zu erscheinen.

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