Der Herr der Katzen

Selten ist ein Trainer so einhellig willkommen geheißen worden wie Martin O’Neill, der neue Mann auf der Bank beim englischen Premier League-Club AFC Sunderland. Und das nicht nur, weil die Fans seinen Vorgänger Steve Bruce unbedingt loswerden wollten. Martin O’Neill kehrt nach einer kleinen Auszeit zurück auf die große weltweite Bühne – es gibt vermutlich einige Vereine, die ihn bereits zuvor verpflichten wollten. Gelandet ist der 59-jährige mit dem sehr guten Ruf bei dem Club, den er bereits als Schuljunge unterstützte.

Der AFC Sunderland ist seit Ende der 1950er ein Verein, der zwischen der ersten und zweiten Liga pendelt – mit einem kurzen Ausrutscher in Liga 3. Inzwischen sind die ‚Black Cats‘ seit vier Jahren erstklassig und wollen das wenig überraschend bleiben. 2009 übernahm der amerikanische Miliardär Ellis Short den Club und stellte finanzielle Mittel für Verstärkungen zur Verfügung – die man jedoch nicht mit den Summen vergleichen kann, die die Top 5 ausgeben. Für eine Rekordsumme von elfeinhalb Millionen Euro kam Stürmer Darren Bent nach Sunderland, der den Verein jedoch im Januar diesen Jahres für mehr als das zweieinhalbfache wieder verlassen hat.

Diese Personalie skizziert das Problem, das nicht nur in England Vereine haben, die realistisch gesehen nur um einen Mittelfeldplatz mitspielen können. Selbst wenn etwas Geld zur Verfügung steht, müssen die Mannschaften ständig umgebaut werden, weil manche Spieler dem Club regelrecht entwachsen und zu größeren Vereinen wechseln möchten. Neben Bent verließ in diesem Jahr ein weiterer Stürmer mit klangvollem Namen die Black Cats: Der ghanaische Nationalstürmer Asamoah Gyan spielt derzeit lieber bei Al Ain in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wohin er für ein Jahr ausgeliehen ist.

So überrascht es nicht, dass die größte Problemzone des Vereins die Offensive ist. Vielleicht ist sie auch der Hauptgrund für Steve Bruces Entlassung gewesen. Für einen Verein auf dem letzten Nichtabstiegsplatz (vor diesem Spieltag) hat Sunderland wenig Tore kassiert (17). Der Grund, warum sie auf Platz 17 stehen, ist jedoch, dass sie nur 16 geschossen haben. Die Tordifferenz ist gar nicht so schlecht, nur haben die Black Cats häufig knapp verloren. Bruce hatte das Problem, dass zwei Stürmer – Fraizer Campbell und der 18-jährige Neuzugang Connor Wickham – längerfristig verletzt ausfielen. Nicklas Bendtner, der für eine Saison vom FC Arsenal ausgeliehen ist, lässt bisher auch im Nordosten Englands Konstanz vermissen.

Steve Bruce, der letzte Woche nach einer Niederlage gegen den Tabellenletzten Wigan gehen musste, hatte jedoch noch weitere Probleme. Er schien wenig Ideen zu haben, wie er auf die Niederlagenserie reagieren sollte. Die Fans warfen ihm das Festhalten an einer Taktik und bestimmten Spielern vor. Sein schwerer Stand bei den Anhängern könnte noch einen anderen Grund haben, wie auch der prominente Kollege Sir Alex Ferguson vermutete:

Being a Geordie [Newcastle-Fan] didn’t help him because they are so passionate and committed to their team up there. What happens on the other side of the Wear [Fluss] really matters to them and I think Steve has suffered because of that.

Steve Bruce war bekennender Fan von Newcastle United, dem großen Lokalrivalen. Das hat ihm nicht geholfen und dürfte zumindest die Ungeduld der Fans vergrößert haben.

Sein Nachfolger, der bekennende Sunderland-Fan O’Neill, steht nun vor seinem Auftaktspiel als verantwortlicher Trainer. Morgen geht es zuhause im Stadium of Light gegen den Tabellennachbar und Vorletzten Blackburn. Am letzten Wochenende saß der neue Mann nur als Zuschauer auf der Tribüne, als seine Spieler in Wolverhampton eine 1:0-Führung verspielten und einen Elfmeter vergaben. Die Partie endete 2:1 für die Gastgeber.

Die Fans sind jedoch nur sekundär davon beeindruckt, dass O’Neill ‚einer von ihnen‘ ist. Vor allem hat der Neue einen sehr guten Ruf – wohl mit Abstand den besten von den zuletzt arbeitslosen Trainern mit einem gewissen Namen. Bei seinem letzten Verein Aston Villa schied er 2010 wenige Tage vor Saisonbeginn nur aus, weil er sich mit Besitzer Randy Lerner in einigen Fragen nicht einig war – unter anderem soll es um das Transferbudget gegangen sein. Die finanziellen Vorstellungen seines neuen Klubbosses Ellis Short hat O’Neill akzeptiert.

Der Nordire hat bei allen seinen letzten Vereinen relativ lange großen Erfolg gehabt – immer in Relation zu den Möglichkeiten gesehen. Das und seine ehrliche, direkte Art haben ihm die Vorschusslorbeeren eingebracht, mit denen ihn die Fans bedenken. Naiv sind die wenigsten, denn das Sturmproblem und andere Baustellen löst man nicht innerhalb einer Woche. In einem Text, der in der Zeitung „Durham Times“ und im Fanblog „The Roker Report“ erschienen ist, werden die Erwartungen perfekt auf den Punkt gebracht:

O’Neill possesses the charisma and pedigree to capture the imagination, the unpredictability and mystique to bring some short-term intrigue, and the kind of proven track record that breeds patience and long-term stability. Whichever way you look at it, supporting Sunderland just got fun again.

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2 Kommentare

  1. Dass Ellis Short ein Clubbesitzer ist, der gern Geld ausgibt, dürfte O’Neill sicher freuen. Denn die Kürzung oder begrenzte Verfügbarkeit von Geld war ja einer der Gründe warum er bei Villa hingeschmissen hat. Villas Lerner wollte einfach nicht zuviel ausgeben.

    In den letzten Jahren haben aber Man United weniger ausgegeben als zum Beispiel Sunderland, was an den finanzielen Verpflichtungen durch die Übernahme der Glazers liegt. Außerdem scheint sich eine neue Generation von Spielern unter Ferguson zu entwickeln, die keine großen oder zumindest kaum spektakuläre Neueinkäufe unbedingt nötig werden lassen.

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  2. Dass Man United jetzt zur Abwechslung mal etwas spart, liegt natürlich auch daran, dass sie schon einen richtig guten Kader beisammen haben. Bei Sunderland kann das Bestreben vorerst nur sein, sich im Mittelfeld zu etablieren. Für mehr wird auch Short nicht bereit sein, Geld auszugeben. Die Investitionen vor der Saison wurden ja aus der Transfersumme bezahlt, die man für Darren Bent eingenommen hat. Dem Vernehmen nach soll sich O’Neill schon darüber im klaren sein, dass die finanziellen Mittel begrenz sind. Ich denke, bei Sunderland wird im Winter der eine oder andere Neuzugang kommen, aber an spektakuläre, teure Transfers glaube ich nicht.

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