Hinrundenzeugnisse 11/12

Weihnachten – Zeit der Besinnlichkeit und Kontemplation. Zeit, sich Gedanken über die Hinrunde der schwarz-gelben Borussia zu machen und den Spielern ihre Noten zu bescheren. Mir geht es wie vermutlich der großen Mehrheit der Fangemeinde: Ich bin sehr zufrieden. Die Mannschaft hat das berühmte ‚Jahr danach‘ bisher besser gemeistert als zu erwarten war. Es gab eine holprige Phase, es gab den Schönheitsfehler Champions League, aber in den Wettbewerben, auf die es ankam, stehen die Schwarz-Gelben prächtig da. Das andere kann sich in den kommenden Jahren noch entwickeln. Die Zufriedenheit schlägt sich selbstverständlich in den Noten der hinreichend eingesetzten BVB-Spieler nieder. Vergeben werden 1-10 Punkte, die Hinrundennote entspricht nicht automatisch dem Schnitt der bewerteten Spiele.

Roman Weidenfeller: Kann er jetzt auch Elfmeter? In Düsseldorf hatte Weidenfeller mal wieder die Gelegenheit, sich gegen fünf Schützen vom Punkt auszuzeichnen und ging endlich einmal als Sieger hervor. Ansonsten war es keine spektakuläre Hinrunde der klaren Nummer 1 im BVB-Tor, was erneut daran lag, dass die Abwehr mit den meisten Problemen fertig wurde. Schnelle Reaktionen inklusive rechtzeitigem Hinauslaufen, gute Strafraumbeherrschung und die richtigen Entscheidungen, wenn es darum geht, zu fausten oder zu fangen, zeichnen Weidenfeller nach wie vor aus. Immer mal wieder gelingt ihm ein schneller Abwurf, der für Gefahr sorgt. Unsicherheiten waren selten, sensationelle Paraden gab es vereinzelt. 7 P.

Mats Hummels: Er wächst mehr und mehr in die Rolle des Abwehrchefs hinein, der sich nicht nur durch gute Tacklings, Kopfbälle und vorausschauendes Stellungsspiel auszeichnet. Hummels trifft auch viele kluge Entscheidungen bei der Spieleröffnung. 12 Gegentore in der Bundesliga sind ein hervorragender Wert. In der Champions League war Hummels einer aus der Defensive, der insgesamt zu viele Fehler unterliefen. Betrachtet man das Gesamtbild, steht Mats jedoch erneut sehr gut da. 8 P.

Neven Subotic: Seit der Begegnung mit Wolfsburgs Kyrgiakos muss er pausieren. Zuvor spielte Subotic eine erneut solide Halbserie an der Seite von Mats Hummels. Gut getimete Kopfbälle und Tacklings überwogen seltene leichte Unkonzentriertheiten bei weitem. Beim Spielaufbau ist Hummels besser, in der Champions League wechselten sich beide mit Aussetzern ab, die die an und für sich auch dort ordentlichen Leistungen beeinträchtigten. 7 P.

Felipe Santana: Ohne ein Anzeichen von fehlender Praxis in die Mannschaft gekommen, als Neven ausfiel. Daher beeindruckt der Zugewinn an Sicherheit besonders. Santana ist schnell, sehr kopfballstark und trifft fast immer die richtigen Entscheidungen. Wie etwa ob der Ball ins Aus geschlagen werden muss, eine gezielte Grätsche notwendig ist oder ein Pass zum Mitspieler funktioniert. Leider hat sich Felipe kurz vor Weihnachten ebenfalls verletzt, sollte aber im Januar den Konkurrenzkampf mit Subotic aufnehmen können. 7 P.

Lukasz Piszczek: Zunächst war er derselbe solide Rechtsverteidiger, den wir aus der Meistersaison kennen. Hinten ließ er wenig anbrennen, blieb dicht an seinen Gegenspielern und schaltete sich immer wieder ins Offensivspiel ein. Die Leistungen in der Champions League und in den letzten Wochen der Hinrunde sind jedoch ausbaufähig. Das Stellungsspiel war einige Male schwächer als gewohnt, Lukasz verlor ein paar entscheidende Zweikämpfe und gefährliche Flanken in den gegnerischen Strafraum wurden seltener. Hoffen wir, dass es mit dem sprichwörtlichen ‚Akku aufladen‘ in der Winterpause getan ist. 6 P.

Marcel Schmelzer: Solide in der Liga, stark gegen Bayern, mehrmals überfordert in der Champions League. Etwas gehandicappt durch kleinere Verletzungen. Gegen schnelle, technisch starke Spieler von internationalem Niveau bekommt Schmelle nach wie vor Probleme. Er ist solide im Zweikampf, schlägt den Ball auch mal weg, wenn es nicht anders geht. Dribbeln kann er nicht, seine Flanken haben sich verbessert. So ähnlich habe ich das schon öfter geschrieben. Das Fazit muss lauten: Für die Liga reicht es, für die Champions League müsste ein Top-Konkurrent her. 6 P.

Chris Löwe: Der Mann aus der Regionalliga hat in seinem ersten Halbjahr beim BVB viel mehr Spiele gemacht als er sich hätte träumen lassen. Zurückzuführen war das auf Schmelzers Verletzungen und die eigenen soliden Auftritte. Zuletzt zog Klopp Owomoyela als Ersatz für hinten links vor. Ganz klar, die Champions League ist noch eine Nummer zu groß für den ehemaligen Chemnitzer. In der Liga hat er jedoch ohne Allüren seine Aufgaben erledigt, ist weder defensiv noch offensiv besonders aufgefallen. Das ist für jemand, der letzte Saison noch drei Klassen niedriger gespielt hat, sehr beachtlich. Löwe kann zudem gute Standards schießen. 7 P.

Sven Bender: Der Abräumer fehlt dem BVB nun schon seit Ende November, was den ein oder anderen Punkt gekostet haben dürfte. ‚Manni‘ hat das Mittelfeld dicht gemacht, war vorbildlich beim frühen Pressing, das die Borussia auszeichnet, und geht keinem Zweikampf aus dem Weg. In den meisten Fällen kann er diese ohne Foul gewinnen. Obendrein macht Bender das Spiel schnell. Seine Pässe sind kurz und präzise und in einigen Spielen hat er mit ihnen Tore vorbereitet. Alle werden froh sein, wenn er im Januar wieder ins Mannschaftstraining einsteigt. 8 P.

Sebastian Kehl: Der Kapitän ist zurück und konnte endlich wieder eine nennenswerte Anzahl an Spielen bestreiten, nachdem ihn manch einer in der Meistersaison bereits abgeschrieben hatte. Ganz der Alte ist Kehl noch nicht. Die Reaktionsschnelligkeit, die Sicherheit im Zweikampf und Passspiel, die Bender auszeichnen, hat er noch nicht oder nicht mehr. Trotzdem kann der BVB froh sein, ihn als stabilisierenden Faktor wieder zu haben. Kehl ist engagiert und willensstark wie eh und je. Was er ab Sommer macht, wird sich in den nächsten Monaten entscheiden. Knappe 7 P für den Einsatz.

Ilkay Gündogan: Wurde immer als Sahin-Ersatz bezeichnet und bewertet, was ihm die Sache nicht einfacher gemacht hat. Man darf nicht vergessen, dass auch Nuri eine Weile gebraucht hat, um den endgültigen Durchbruch zu schaffen. Ilkay hat das Auge für den öffnenden Pass und könnte irgendwann in die Sahin-Rolle hineinwachsen. Wie sein unfreiwilliges Vorbild vor einigen Jahren muss auch er zweikampfstärker werden und den defensiven Part seiner Rolle besser interpretieren. Ebenfalls ein Fall für das Trainerteam sind seine Torschüsse. Die Konstanz wird mit der Spielpraxis auf Dortmunder Niveau wachsen. 6 P.

Kevin Großkreutz: Eine sehr unkonstante Hinrunde des Dortmunder Jungen. Es gab die Spiele, in denen über seine Seite (meistens die linke) kaum etwas ging und er immer die falschen Pässe gespielt hat. Und dann gab es die Partien, in denen er gerannt ist wie kein anderer und in die schönen Kombinationen der Offensive voll integriert war. Da sein Konkurrent Perisic nach hoffnungsvollem Beginn nachgelassen hat, dürfte Kevin links zunächst erste Wahl bleiben. Oder als Ersatz vom Ersatz in der Innenverteidigung – wie in Düsseldorf. 6 P.

Ivan Perisic: Er wurde aus Belgien geholt, um eine weitere Option für die Offensive und insbesondere für die linke Seite zu haben. Seine Torgefährlichkeit und sein technisches Können hat er mehrfach angedeutet, in einigen Spielen blieb er blass. Was ihn jedoch den Stammplatz schnell wieder gekostet hat, sind seine Mängel im Defensivverhalten. Perisic ist dabei häufig ungeschickt und muss Fouls riskieren, weil er nicht richtig steht oder Zweikämpfe im Mittelfeld verliert. Die Rückrunde wird für seine Perspektiven in Dortmund wichtig sein. 6 P.

Shinji Kagawa: Hat eine Weile gebraucht, um sich in die Saison zu spielen und hat wie einige andere eine schwache Champions League-Kampagne gezeigt. In den letzten Wochen ist sein Können jedoch wieder voll zum Vorschein gekommen. Toller Kombinationsfußball, technische Qualitäten, gute Torschüsse – so kennen wir Shinji aus der letzten Saison. Kommt keine Verletzung dazwischen, wird er in der Rückrunde wieder absoluter Stammspieler werden. 7 P.

Mario Götze: Mario. Liebling der Suchmaschinen und der Boulevardpresse. Vor allem jedoch nach wie vor Dortmunder Liebling. Immer wieder Quell der Inspiration im BVB-Spiel. Dribbelstark, mit tollem Spielverständnis und Auge für die Mitspieler. In Ausnahmesituationen hatte auch er den Tunnelblick und international konnte er uns nicht retten. Aber das kann man von einem 19-jährigen auch wirklich nicht verlangen. 8 P.

Kuba: Der ‚polnische Figo‘ drückte auch in dieser Halbserie lange die Bank und liebäugelte bereits mit einem Wechsel. Wie es mit ihm in Dortmund weitergeht, ist nach wie vor unsicher. Seit Mario Götze fehlt, kam Kuba auf einige längere Einsätze mit guten Ansätzen. Der Spieler, der uns einmal versprochen wurde, wird er nicht mehr werden. An einem guten Tag sind Kubas Flanken und seine Schnelligkeit jedoch eine große Hilfe. Der Torschuss bleibt auch seine Schwäche. 6 P.

Robert Lewandowski: Nach ein paar Spieltagen gab es eine Menge Leute, die sehnsüchtig auf Lucas Barrios warteten. Danach hat Lewandowski beinahe nach Belieben getroffen und es – hoffentlich – endgültig allen Zweiflern gezeigt. Nun sieht es so aus, als ob sich eher der Argentinier demnächst verabschiedet. Neben seiner gefundenen Treffsicherheit überzeugt Robert mit allen Qualitäten eines mitspielenden Stürmers. Er behauptet Bälle, lässt sich wenn nötig bis ins Mittelfeld fallen, ist wunderbar uneigennützig und hat so schon einige schöne Tore vorbereitet. Kurz: Er ist in der Mannschaft angekommen. 8 P.

JÜRGEN KLOPP: Der Trainer ist nach wie vor der größte Erfolgsgarant. In dieser Halbserie hat man es wieder exemplarisch gesehen: Klopp schafft es, Dinge zu ändern. Seiner Mannschaft etwas beizubringen. Wenn etwas taktisch oder personell nicht optimal geklappt hat – dass das vorkam, wird niemand bestreiten – hat er die richtigen Entscheidungen getroffen. Er hat uns den ersten Derby-Heimsieg seit vier Jahren und den dritten Sieg gegen Bayern in Folge beschert. Gerade in München waren es vor allem seine Anweisungen, die den Erfolg möglich machten. In Düsseldorf durfte Florian Kringe noch ein paar Minuten spielen, so dass ich nun rein gar nichts mehr auszusetzen habe. Zum Schluss gibts deshalb noch etwas Pathos: Solange der Klopp’sche Geist durch das Westfalenstadion weht, muss sich kein BVB-Fan Sorgen machen. 9 P.

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