Das Ende der Toleranz

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Am vergangenen Sonntag trat Borussia Dortmund beim Blitzturnier in Düsseldorf an. Sportlich ist das Geschehen schnell zusammengefasst: Im ersten Spiel verloren die Schwarz-Gelben mal wieder ein Elfmeterschießen, so dass dem Gastgeber und späteren Turniersieger Fortuna eine Mini-Revanche für das Pokalaus glückte. Im mäßigen Spiel um Platz 3 gelang dann ein 1:0-Sieg über Werder Bremen durch ein weiteres Tor des abwanderungswilligen Mohamed Zidan.

Die BVB-Fans im geschlossenen Stadion zogen sich den Unmut des restlichen Publikums und aller Beobachter zu, weil es aus dem schwarz-gelben Fanblock zu (mindestens) zwei Böllerwürfen kam. Einer davon ging in Richtung Spielfeld. Wir reden hier über Exemplare, die schon im Fernsehen sehr laut rüberkamen. Natürlich muss jetzt der Hinweis erfolgen, dass sicher nur ganz wenige Fans, eventuell sogar nur eine Einzelperson, daran beteiligt waren. Trotzdem habe ich die Schnauze gestrichen voll von den Typen, die so was werfen und sich dann feige in der Menge verstecken. Man weiß nicht erst seit dem Karriereende von Georg Koch oder nur wenn man Silvester öfter in Berlin verbringt, wie gefährlich diese Knallkörper sind.

Kein normaler Fan, Ultra oder was auch immer unterstützt diese kriminellen Handlungen. Aber tut jemand aus Fankreisen etwas dagegen? Hat irgendjemand Strafanzeige wegen Körperverletzung gestellt wie gegen die TSG Hoffenheim? Sollte ein Leser in Düsseldorf dabei gewesen sein, würde mich interessieren, ob er/sie irgendetwas von Reaktionen anderer BVB-Fans mitgekriegt hat. Ich möchte mal wieder Mats Hummels zitieren, weil er einfach so häufig recht hat:

Es [die Böllerwerferei] beweist weder, dass ihr uns besonders unterstützt, es hilft der Mannschaft nicht (es nervt uns sogar) und es ist gefährlich. Bei mehreren tausend Leuten außenrum sollte es eigentlich möglich sein, diese Randalierer zu stoppen.

Natürlich ist eine Reaktion aus dem Fanblock nicht einfach. Vor allem als Einzelperson oder Kleingruppe möchte man sich nur ungern mit Personen anlegen, die Böller dieses Kalibers werfen. Aber man kann es sich auch nicht so einfach machen, alle Verantwortung an die Sicherheitskräfte abzuschieben. Denn die sind unter anderem aus Gründen der Deeskalation nicht in größerer Anzahl im Block. Nehmen wir an, die Polizei und/oder Ordner würden wegen der Wiederholungsgefahr versuchen, identifizierte Übeltäter mit Gewalt aus dem Block zu holen – würde es nicht möglicherweise zu einer Solidarisierung mit den Gesuchten kommen?

Die Sache ist schwierig, ein Dilemma. Denn niemand will Gewalt oder Selbstjustiz unter Fans. Aber müssten sich nicht die Fans gegen die Böllerwerfer solidarisieren und dafür sorgen, dass sie den Ordnungskräften ‚zugeführt‘ werden? Größere Fangruppen und gerade auch die Ultras sollten ein Interesse daran haben, dass im Fanblock und auf dem Spielfeld niemand zu Schaden kommt und der Ruf des Vereins nicht leidet. Fanvertreter werden erst dann als Gesprächspartner ernst genommen werden, wenn es ihnen gelingt, in solchen Situationen Verantwortung zu übernehmen.

Auf die Belehrbarkeit der Leute, die solch extreme Pyrotechnik im Stadion zünden, braucht man nicht zu hoffen. Genau das Gleiche gilt für jene, die rassistische oder antisemitische Sprüche machen. Es muss unter organisierten Fans und größeren Gruppen einen Konsens geben, gegen solche Taten angemessen vorzugehen. Oft kann das nur heißen, bei der schnellen Identifikation der Täter behilflich zu sein – das hat nichts mit Denunziation zu tun. In einigen Fällen können möglicherweise auch deutliche Warnungen helfen. Der Satz „es darf keine Toleranz gegenüber Intoleranz geben“ ist wahr – und Riesenböller im Stadion zu zünden ist verdammt intolerant.

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2 Gedanken zu “Das Ende der Toleranz

  1. Das Problem ist: Die Ultragruppen waren gar nicht da. Im Westfalenstadion hat vor kurzem meines Wissens mal eine einen Böller geworfen und wurde dann von den Ultras entsprechend herauskomplimentiert.

    Ansonsten denke ich bei Böllerwürfen immer an die Leute, die das ganze mit einem „Heeey“ quittieren und toll finden. Wirklich aufregen darüber sehe ich da keinen – außer die, die für einen legalisierung von richtiger Pyrotechnik kämpfen.

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  2. Wenn das gängige Praxis bei den vernünftigeren unserer Ultra-Gruppen werden würde, Böllerwerfern eine klare Ansage zu machen, wäre das ein guter Schritt nach vorne.

    Was du im zweiten Absatz beschreibst, könnte man auch mit dem Attribut „erlebnisorientiert“ beschreiben. Auch wenn diese Leute vielleicht nicht selber Böller werfen, unterstützen sie die Praxis passiv – weil sie eigentlich auch nur zum Fußball gehen, „weil da was los ist“. Wir müssten halt irgendwann mal da hinkommen, dass der ‚aktive Widerstand‘ gegen solche Praktiken aus Fankreisen größer ist als die Zahl der ‚Schaulustigen‘.

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