BVB siegt trotz BVG

1. Bundesliga, 22. Spieltag / Hertha BSC 0 BVB 1

Borussia Dortmund gewinnt das Bundesligaspiel in der Hauptstadt unter widrigen Bedingungen: die kreativsten Spieler fehlten verletzt, man stand kampfstarken Gastgebern gegenüber und der Boden im Olympiastadion war recht holprig. Die Fans beider Vereine mussten eine erschwerte An- und Abreise in Kauf nehmen. Da die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ihren Warnstreik auf den Spieltag (und vorletzten Tag der Berlinale) gelegt hatten, bestand für die meisten Besucher nur die Wahl zwischen S-Bahn und Auto, und den Bahnhof musste man erst mal erreichen. Es gab dementsprechend noch vollere Züge und Bahnsteige als sonst. Immerhin hatte Hertha BSC etwas gelernt und richtete im Gäste-Eingangsbereich zusätzliche Schleusen ein. Wer rechtzeitig kam, war erstaunlich zügig im Stadion.

S-Bahnhof Olympiastadion, gut eineinhalb Stunden vor Spielbeginn.

Unter der Woche hatte sich Shinji Kagawa im Training verletzt, so dass Jürgen Klopp nach Mario Götze einen weiteren kreativen Schlüsselspieler ersetzen musste. Der Trainer wählte die naheliegendste Lösung, brachte Lucas Barrios von Beginn an und zog Lewandowski ins offensive Mittelfeld zurück. Doch der Schachzug ging nicht auf wie erhofft. Durch die Mitte funktionierte wenig beim BVB, Lewandowski und Barrios taten sich schwer, die häufig langen Bälle auf sie zu behaupten und zu verwerten. Natürlich wurde die lange Passvariante auch deshalb so häufig gewählt, weil der Rasen schwer zu bespielen war, doch in erster Linie hatte das stockende Offensivspiel der Schwarz-Gelben andere Gründe.

Herthas Interimstrainer und Ex-Borusse Rene Tretschok hatte seine Mannschaft gut eingestellt. Die Gastgeber gingen besonders im Mittelfeld bissig zu Werke, arbeiteten mit frühem Pressing und unterbanden so viele Angriffe. Eine Taktik, die gegen den Meister Erfolg versprechend ist, wenn sie fehlerlos betrieben wird und bei der Borussia die genialen Momente von Kagawa und Götze fehlen. Eine Taktik, die eine der wichtigsten Methoden der Borussia nutzt.

Tretschok und den Berlinern war kaum etwas vorzuwerfen. Natürlich bestimmte der BVB das Spiel und hatte ein leichtes Chancenplus, doch Hertha BSC machte über weite Strecken einen guten Eindruck. Die Torgelegenheiten der Gastgeber resultierten allerdings vor allem aus Dortmunder Fehlern: in der ersten Hälfte vertändelte Hummels den Ball gegen Raffael, der gegen den blitzschnell reagierenden Weidenfeller vergab. Der Innenverteidiger leistete sich auch in der zweiten Hälfte einen schweren Fehler, doch Ebert schoss von halbrechts knapp neben das Tor. Später im Spiel musste Subotic in letzter Sekunde gegen Raffael klären. Mats Hummels‘ schwache Leistung wird dadurch relativiert, dass er erkältet in die Partie ging und gut zehn Minuten vor Schluss aufgrund von Fieberschüben durch Santana ersetzt werden musste.

Abgesehen von Boden und Gegner fehlten dem BVB gestern auch einfach die Ideen von Kagawa und Götze. Den Herthanern gelang es daher, die Mitte weitgehend dicht zu machen. Das Dortmunder Flügelspiel funktionierte nur über rechts – Kuba war insgesamt der beste schwarz-gelbe Feldspieler. Auf links enttäuschte vor allem Marcel Schmelzer, der vorne gar nicht in Erscheinung trat und auch bei seiner Kernaufgabe als Außenverteidiger häufig zu weit weg von den Gegenspielern war. Kevin Großkreutz gelang zunächst auch nicht viel, doch in der 66. Minute erzielte er das Tor des Spiels – und was für eins. Nach einer tollen Flanke von Kuba konnte Berlins Torhüter Kraft den wuchtigen Kopfball von Lewandowski mit einem tollen Reflex an den Pfosten lenken. Der Ball prallte ab zu Großkreutz, der aus spitzem Winkel von rechts per Fallrückzieher traf. Das Tor könnte am Ende einer der schönsten und wichtigsten Saisontreffer gewesen sein.

Nachdem Lukasz Piszczek sich kurz vor der Pause eine Gehirnerschütterung zuzog und durch Owomoyela ersetzt wurde, wartete Jürgen Klopp lange mit seiner zweiten Auswechslung. Die Hereinnahme von Leitner für Barrios hätte schon ein paar Minuten früher Sinn gemacht. Lucas agierte glücklos: in der ersten Halbzeit köpfte er einmal harmlos auf Kraft, später versprang ihm der Ball und auch seine dritte Gelegenheit fünf Minuten vor der Pause konnte der Stürmer nicht verwerten. Mit Leitner kam spät mehr Struktur ins Spiel der Borussia, so dass die Mannschaft die letzte Viertelstunde recht souverän gestaltete. Schätzungsweise 25.000 Dortmunder im Olympiastadion zitterten aufgrund des knappen Spielstands und persönlichen Erfahrungen aus dem Hannover-Spiel trotzdem ein wenig, doch dann war das „Schweinespiel“ (O-Ton Nobby Dickel im BVB-Netradio) gewonnen.

Wir kamen noch rechtzeitig zurück in die Fußballkneipe, um mehr als eine Hälfte des Bayern-Auftritts in Freiburg zu sehen. Das Ergebnis und die schwache Leistung des Rekordmeisters inklusive erneuter peinlicher Ribery-Schwalbe beflügelten natürlich die schwarz-gelben Hoffnungen. Doch es wäre viel zu früh, den BVB als einzigen Meisterschaftsanwärter auszurufen. Die Bayern werden sich wieder steigern, spätestens wenn Schweinsteiger zurückkehrt. Gladbach überzeugt mit großer Konstanz. Bei der Borussia hat man gestern gesehen, dass das Fehlen von Kagawa und Götze nur durch einen Geniestreich von Großkreutz kompensiert werden konnte. Shinji wird höchstwahrscheinlich zumindest das Spiel gegen Hannover noch versäumen. In der zweiten Rückrundenhälfte geht es zudem noch gegen die vier anderen Top 5-Teams. Und natürlich kann man auch die Blauen trotz ihrer Historie nicht abschreiben. Es war ein wichtiger Sieg gestern, doch wie wichtig ist noch nicht einzuschätzen.

Die Aufstellung: Weidenfeller (8) – Piszczek (7) (46. Owomoyela (7)), Subotic (6), Hummels (5) (79. Santana), Schmelzer (5) – Bender (7), Kehl (6) – Kuba (7), Lewandowski (6), Großkreutz (7) – Barrios (5) (77. Leitner). Tor: Großkreutz

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3 Kommentare

  1. Wenn Hertha gut aussah, hatte der BVB gepatzt. Wenn der BVB gut aussah, hatten die Gelben ordentlich gespielt. Auch wenn das Tor glücklich fiel – die drei Punkte gehen an die Mannschaft, die sie unbedingt haben wollte. Und da es an der Einstellung auch der Hertha keineswegs gemangelt hat, war es ein tolles Spiel, das gezeigt hat: Dortmund WILL.

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  2. Mich hat schwer beeindruckt das wir trotz des Grottenkicks und der uninspirierten Leistung die 3 Punkte eingesackt haben.. Vor nem halben Jahr hätten wir so ein Spiel garantiert verloren, wenn ich da an Herthas Riesenchancen nach der Halbzeit denke..

    Das Fehlen der Kreativabteilung hat sich jedenfalls deutlich bemerkbar gemacht und die Taktik mit Lucas in der Spitze und Lewa dahinter ging in diesem Spiel nicht wirklich auf.. Bin gespannt was Kloppo sich gegen Hannover einfallen lässt..

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  3. @le karl: Kurz und prägnant analysiert, da kann ich nur zustimmen. Man durfte den qualitativen Vorsprung des Meisters gegenüber dem Aufsteiger auch erwarten, trotzdem ist der Mannschaft wegen der paar Patzer und dem engen Spiel kein Vorwurf zu machen. Denn sie hat engagiert gespielt und deshalb ist es nicht unverdient, dass sich die Qualität durchgesetzt hat – es war schließlich ein tolles Tor.

    @Andy: Bei den Hertha-Chancen in der zweiten Hälfte war natürlich etwas Glück für uns dabei, aber das hat sich der BVB über die Saison gesehen auch verdient. Für Sonntag könnte die Lösung im offensiven Mittelfeld Shinji Kagawa heißen (siehe neuer Beitrag).

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