Der beste Punktverlust

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1. Bundesliga, 28. Spieltag  / BVB 4 VfB Stuttgart 4

Am Freitagabend, es war kurz nach halb elf und einem denkwürdigen Spiel, redete Jürgen Klopp noch von einem Punktgewinn. Die Sichtweise dürfte sich am Samstag relativiert haben. Dennoch sorgte selten ein Unentschieden zuhause für zwiespältigere Gefühle.

Die Medien überschlugen sich mit Superlativen zu diesem Spiel und hatten in der Mehrzahl recht. Felix Meininghaus, der seit vielen Jahren den BVB journalistisch begleitet und durchaus zu den seriösen Medienvertretern zählt, drückte es so aus:

Ein unvergessliches Spiel, ein herausragendes Spektakel, ein Geschenk für jeden, der dabei sein durfte (…).

Es war auch eine Partie, die viele Nerven kostete – manche zu viele. Die einen wirklich in den Abgrund und darauf in den Himmel schickte und am Ende war man doch wieder in Berlin. Und alles war eigentlich zu schnell passiert, um es zu realisieren. Ratlosigkeit, Leere und Stolz vermischten sich am Freitagabend gegen halb elf.

Da hatte die Borussia wirklich ein sehr gutes Spiel gezeigt, trotz zweier dicker Gästechancen eine meisterliche erste Halbzeit gespielt. Großkreutz hatte die Latte getroffen, Lewandowskis Ball war im letzten Moment von einem Stuttgarter über das Tor geköpft worden und das waren nur die größten Chancen. Kagawa hatte schließlich den einzigen Treffer der ersten 45 Minuten erzielt.

Das Drama entfaltete sich erst in der zweiten Hälfte. Nach einem weiteren Pfostentreffer von Piszczek hatte sein Nationalmannschaftskollege Kuba das 2:0 erzielt und der BVB schien auf einen souveränen Sieg hinzusteuern.  Doch Bruno Labbadia scheint dem VfB inzwischen einen ähnlichen Willen eingeimpft zu haben wie Klopp den Schwarz-Gelben. Die Schwaben verloren nicht den Mut, dafür die Borussen-Abwehr die Konzentration. Ungewöhnlich für die Mannschaft, jedoch menschlich und nicht immer zu vermeiden. Interessant war, dass ein paar Spieler wirklich sehr gute Szenen hatten, doch auch an den größten Fehlern beteiligt waren – Mats Hummels, Sebastian Kehl und Marcel Schmelzer etwa. Eine solche Diskrepanz gibt es nur in den wirklich intensiven, großen Spielen.

Die letzten 20 Minuten nachzuerzählen wird dem Vorgefallenen nicht gerecht. Informationen und Bilder sind sowieso anderswo verfügbar. Erwähnenswert ist schon, dass alles wenige Minuten nach dem ersten Wechsel von Jürgen Klopp begann. Sven Bender kam für Gündogan. Der Gedanke dahinter war klar: dem aufkommenden VfB im Mittelfeld mehr Defensivkraft entgegenzusetzen. Doch aufgegangen ist der Plan nicht, Bender brachte keine Sicherheit. Vermutlich wäre es besser gewesen, den starken Gündogan trotz etwas schwächerer zweiter Hälfte auf dem Feld zu lassen. Bender hatte unter der Woche selber zugegeben, noch nicht wieder ganz der Alte zu sein.

Wäre die Partie 4:3 ausgegangen, hätten wir von diesem unglaublichen Spiel geschwärmt und die tolle Leistung der Offensive, allen voran erneut Kagawa, hervorgehoben. Doch es gab eben noch die Nachspielzeit, den unnötigen Schmelzer-Kopfball in Hummels‘ Beine, aus dem Gentner Kapital schlagen konnte. Und es gab einen Schiedsrichter Weiner, der dann vor Ende der angezeigten Nachspielzeit abpfiff, obwohl noch ein Tor gefallen war. Vielleicht eine Lappalie – aber immer wieder ärgerlich, weil unerklärlich. Umstritten war auch die Entscheidung Weiners, eine Aktion Weidenfellers gegen Ibisevic im Strafraum durchgehen zu lassen. Aus einer Perspektive sah das nach einem Foul aus, aus einer anderen weniger.

Doch eigentlich wird auch diese Diskussion dem Spiel nicht gerecht. Am Ende konnte sich keiner der beiden Klubs beschweren und es tat auch niemand. Es war ein irres und objektiv gesehen auch ein tolles Spiel. Am Ende des Samstages aber auch ein Punktverlust, der aufgearbeitet werden muss. Der nächste BVB-Gegner heißt Wolfsburg. Niemand mag sie, niemand mag deren Trainer, doch die ‚Wölfe‘ sind in Form und haben die letzten vier Spiele gewonnen. Aus einem schweren Spiel sollte die Borussia etwas mitnehmen, um als Tabellenführer ins Bayern-Spiel zu gehen. Der schwarz-gelbe Trumpf könnte Mario heißen.

Die Aufstellung: Weidenfeller (5) – Piszczek (6), Subotic (6), Hummels (6), Schmelzer (6) – Gündogan (8) (67. Bender), Kehl (6) – Kuba (9), Kagawa (9) (81. Barrios), Großkreutz (7) (84. Perisic) – Lewandowski (8). Gelbe Karten: Lewandowski, Perisic. Tore: Kagawa, Kuba, Hummels, Perisic

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6 Gedanken zu “Der beste Punktverlust

  1. le karl

    … wie kann man so dermaßen blöd HINTER dem Innenverteidiger stehen und auf die Flanke warten, zwei Meter vor der Grundlinie, wenn es anderswo im Strafraum lichterloh brennt? Ich mein, kann man mit Schmelzer nicht mal einen Wochenendkurs zum Thema „Cleverness“ machen? Schnell rennen, Bälle in die Ränge flanken und im Ernstfall wie ein aufgescheuchtes Huhn rumrennen, das geht auch bei Augsburg.

    Falls es nicht bemerkt wurde: Bin kein Freund von Schmelzers Spielweise. Das ist Mittelmaß. Erinnert mich irgendwie, obwohl andere Position, an Valdez.

    Bin verärgert. Stuttgart schießt in der 2. Halbzeit 4 mal auf das Tor und darf 4 mal treffen. Bei allem Respekt vor dem Kampfgeist: Das war weit weniger verdient, als die Schwaben meinen.

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  2. Andy

    Für jeden Nicht BVB Fan, ein tolles Spektakel.. Für mich persönlich leider eine gefühlte Niederlage, besonders wenn man einmal so klar führt und sich dann noch zurückkämpft..
    In anbetracht von 22 ungeschlagenen Spielen, kann man ein Unentschieden wohl mal verkraften, aber der Verlauf stört mich doch sehr..

    Im Allgemeinen hat mich diese Partie an die CL Spiele erinnert, in denen wir unerklärliche Fehler in der Defensive gemacht haben..
    Ich hoffe das wir unsere Stabilität gegen die Wolfsburger wieder erlangen, das diese aus wenigen Chancen viel machen können haben sie gerade erst gegen Hertha bewiesen..

    Ich sehe die Vorteile im Kampf um die Meisterschaft jetzt bei den Bayern, auch aufgrund des vermeintlich leichteren Restprogramms.. Im direkten Spiel gegen Sie sollte man möglichst nicht verlieren..Hoffe aber dennoch das sie in den Spielen gegen Real Kräfte lassen..

    Schmelzer ist für mich auch ziemlich überbewertet, sein Einsatz in allen Ehren, aber offensiv kommt da zu wenig und defensiv gibt es immer mal ein paar Patzer.. Wieso nicht mal Löwe bringen?
    Das Gleiche gilt für Grosskreutz, nicht auszudenken wieviele Tore Perisic bereits gemacht hätte würde er kontinuierlich spielen..

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  3. Wie ist das Spiel überhaupt ausgegangen? Beim 2-1 war ich auf der Toilette. Dann wurde es laut, dann war ich nackt, dann wieder angezogen. Aber der BVB macht das schon. Wenn wohl auch ohne mich.

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  4. le karl

    … ein Blackout sollte in Zukunft vielleicht als „Schmelzer-Moment“ bezeichnet werden … „ich hatte am Samstag Abend einen totalen Schmelzer-Moment“ oder so …

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  5. @le karl: Na na, die letzten beiden Kommentare sind schon ein bisschen gemein. ;-)
    Verdient oder nicht verdient…ich weiß nicht. Diese Diskussion führen doch nur Bayern-Fans, wenn sich eine Mannschaft mal ein Unentschieden gegen den großen FCB erkämpft hat. Wenn man vier Tore schießt, hat man wohl irgendwas verdient.

    @Andy: Ich sehe keine Vorteile für einen von beiden. Letzte Woche gewinnen wir 6:1, jetzt eben ein 4:4 gegen den VfB. Die Bayern mit knappem Sieg in Nürnberg. Ist doch sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich, eine Prognose zu stellen. Ich fürchte (oder behaupte einfach), wir müssen von Spiel zu Spiel denken. ;-)

    Allerdings denke ich auch, dass Klopp jetzt mal etwas mutiger aufstellen und die angesprochenen Änderungen zumindest mal ausprobieren sollte.

    @dembowski: Das wird schon wieder.

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