Duell in der Stahlstadt

Borussia Dortmund gegen Bayern München – ein packendes Duell um die Meisterschaft. Nur drei Punkte trennen die Kontrahenten fünf Spieltage vor Schluss. Aus schwarz-gelber Sicht wäre die Spannung nur dann noch größer, wenn der Verfolger Schalke 04 hieße, der große Lokalrivale, der seit 100-x Jahren auf den Titel wartet.

In England sorgt ein vergleichbares Duell schon seit Wochen für Spannung und dürfte sich bis zum bitteren Ende fortsetzen. Nicht in der Premier League, sondern ’nur‘ in der League One (dritte Liga) – doch stehen sich zwei hochgradig rivalisierende Traditionsvereine gegenüber. Das „Steel City Derby“ zwischen Sheffield Wednesday und Sheffield United ist das Spiel der Saison für die Fans beider Seiten – wenn die Vereine in der gleichen Klasse spielen. Genau das könnte sich bald ändern.

Beide Klubs aus der ‚Stahlstadt‘ Sheffield – die den Strukturwandel längst hinter sich gebracht hat und in der die meisten Bäume pro Einwohner in Europa wachsen – haben höhere Ambitionen als die Drittklassigkeit. Sowohl die ‚Owls‘ (Wednesday) als auch die ‚Blades‘ (United) hatten mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, die den Absturz in die League One begünstigten. Wednesday wurde erst kurz vor zwölf vor der Insolvenz gerettet – durch den serbisch-amerikanischen Geschäftsmann Milan Mandaric. Der ist eine schillernde Figur in der englischen Fußballwelt und bekannt dafür, Vereine und Trainer in schneller Folge zu wechseln. Nach Portsmouth und Leicester ist Sheffield Wednesday bereits der dritte englische Fußballklub, von dem Mandaric Mehrheitseigner ist (selbstverständlich nacheinander).

Die jüngste Trainerentlassung des Owls-Besitzers war für Außenstehende besonders bizarr. Wednesday war Tabellendritter und hatte gerade das große Derby gegen United mit 1:0 gewonnen, als Mandaric den bekennenden Owls-Fan Gary Megson feuerte. Erklärbar war der Schritt allenfalls durch die unkonstanter werdenden Leistungen und Ergebnisse unter Megson. Denn für den ehrgeizigen und ungeduldigen Mandaric ist der Aufstieg in seiner zweiten vollen Saison als Klubeigentümer Pflicht. Um den direkten Aufstieg zu schaffen, muss man in der League One Zweiter werden – den Platz belegte zum Zeitpunkt der Trainerentlassung Sheffield United und tut es bis heute.

Doch der neue Trainer hat den Owls die vermisste Konstanz zurückgebracht. Unter Dave Jones, der vor allem durch seine Zeit bei den Wolverhampton Wanderers und Cardiff City bekannt ist, gab es sieben Siege und zwei Unentschieden. Die Mannschaft spielt wieder zielstrebigen und streckenweise ansehnlichen Fußball. Stürmer Gary Madine entwickelt sich immer mehr zur ‚Goal Machine‘ und trifft beinahe in jeder Partie. Besonders gut in Form präsentieren sich momentan die beiden Flügelspieler Michail Antonio und Jermaine Johnson, die die gegnerischen Defensiven immer wieder mit schnellen Läufen bis in Strafraumnähe in Bedrängnis bringen. Beim heutigen Erfolg zuhause in Hillsborough gegen Oldham (3:0) konnte sich außerdem der spanische Innenverteidiger Miguel Angel Llera profilieren, der erst in der laufenden Saison verpflichtet wurde: mit einer Flanke bereitete er das erste Tor durch Madine vor, das zweite köpfte er selber.

Auch der Teil der Wednesday-Fans, der den Trainerwechsel ursprünglich skeptisch sah, ist inzwischen von Jones überzeugt. Das Problem: der große Rivale aus der Innenstadt legt eine genauso große Konstanz an den Tag wie die Owls. Sheffield United musste zwar in den zehn Spielen seit dem Derby zwei Niederlagen und zwei Unentschieden verkraften, doch die letzten vier Begegnungen wurden alle gewonnen. Schon seit mehreren Spieltagen liegen die Blades mit zwei Punkten Vorsprung auf Platz 2. Nachdem Wednesday am Wochenende beim Tabellenvierten Huddersfield gewonnen hat, deutet alles auf ein großes Stadtduell um den direkten Aufstieg hin. Spitzenreiter ist derzeit Charlton Athletic, ein Verein, der vor nicht allzu langer Zeit auch noch in der Premier League spielte. Die Teams auf den Plätzen 3 bis 6 treffen in den Play-Offs aufeinander, deren Finale in Wembley ausgetragen wird.

Zusätzliche Würze, die sie bei diesem Tabellenstand gar nicht nötig hätte, erhält die Rivalität in dieser Saison durch eine Personalie. Trainer der Blades ist seit Sommer 2011 der langjährige Owls-Spieler Danny Wilson. Was die United-Fans zu Beginn von dessen Amtszeit natürlich irritierte – doch der Erfolg hat Wilsons Beliebtheit ebensowenig überraschend steigen lassen. Das Pendant zu Wednesday’s Starstürmer Madine ist United’s Ched Evans, der mit 26 Ligatoren zweitbester Schütze der League One ist und seinen Kollegen aus Hillsborough in dieser Wertung noch deutlich distanziert.

Der Tabellenstand ist jedoch knapper. Wie schon am Wochenende sind die Owls durch den Sieg über Oldham vorübergehend an den Blades vorbeigezogen – wegen des früheren Anstoßes. United reist erst morgen ins abstiegsbedrohte Rochdale und muss mal wieder nachziehen. Danach haben beide Vereine noch vier Partien zu absolvieren und keiner will sich auf die Play-Offs verlassen, in denen man in maximal drei Begegnungen eine ganze Saison verspielen kann. Aufstieg oder nicht, zwei Punkte Unterschied – es geht also objektiv gesehen noch spannender als an der Spitze der Bundesliga zu. Radios oder Smartphones sind beim Fußballschauen in Sheffield derzeit unerlässlich. Die Anhänger der Owls und der Blades richten sich auf ein Finale zum Nägelkauen ein.

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3 Kommentare

  1. Hi Nick, hat Sean Bean eigentlich noch eine offizielle Funktion bei S Utd? Habe das gar nicht mehr verfolgt. Danke und Gruß.

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